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Lyvianne lächelte. »Ich weiß. Und diese anderen Talente werde ich nach Kräften bei dir fördern. Aber bei den Aufgaben, die uns in Zukunft erwarten, ist es unumgänglich, auch kämpfen zu können. Wir werden eine neue Welt erschaffen, Bidayn. Aber die alte Welt wird sich gegen uns wehren. Schon von alters her haben sich die Devanthar gegen die Alben verschworen. Nicht, weil sie böse sind, sondern weil sie den Wandel lieben. Deshalb ist es unmöglich, mit ihnen einen Pakt zu schließen. Sie werden sich nicht daran halten. Sie können eine fest gefügte Ordnung einfach nicht anerkennen. Deshalb müssen wir sie beobachten und bekämpfen. Und das nicht erst, wenn sie bis nach Albenmark vorstoßen. Dann ist es zu spät. Jetzt, in dieser Stunde, greifen sie nach Nangog. Sind sie aber erst die Herren zweier Welten, dann wird letztlich auch Albenmark fallen. So wie wir für die Drachen und Alben kämpfen, sind ihre Krieger Menschen. Ein Elf unter Menschenkriegern ist wie ein Senner im Kornfeld. Selbst du, Bidayn, wirst nach nur einem Jahr in der Weißen Halle fast jeden Streiter der Menschen besiegen können. Das wissen auch die Devanthar. Deshalb sorgen sie dafür, dass sich die Menschen vermehren wie die Läuse. Schon jetzt gebieten ihre Herrscher über Zehntausende von Kriegern. Nangog benutzen sie als ein großes Kornfeld. So können die Menschenweiber noch mehr Kinder gebären und großziehen. Wenn wir noch zwei- oder dreihundert Jahre tatenlos zusehen, werden sie kommen und uns einfach überrollen. Damit dies nicht geschieht, gibt es uns, Bidayn. Die Drachenelfen.«

Bidayn nickte andächtig und fühlte sich geschmeichelt, dass die Lehrerin so offen und aufmerksam zu ihr sprach, aber dann kamen ihr Zweifel. »Aber wenn wir doch so wenige sind, wie sollen wir dann siegen? Ist unser Kampf nicht schon längst verloren? «

»Wir kämpfen nicht nur mit dem Schwert, Bidayn. Es gibt viele Arten, auf die Schlachten ausgetragen werden …« Lyviannes Blick verlor sich einige Herzschläge lang in der Ferne. Bidayn schien es, als sei ein alter Schmerz in ihrer Lehrerin neu aufgeflammt. Ihre Augen wirkten traurig und die strahlende Kraft, die Lyvianne stets umgab, war erloschen. Doch dies währte nur einen Augenblick, dann hatte die Drachenelfe sich wieder gefasst.

»Wir werden siegen«, sagte Lyvianne mit fester Stimme. »Doch dazu müssen auch wir uns verändern. Wir müssen vollkommen sein. Es reicht nicht, so zu bleiben, wie die Alben uns erschaffen haben. Wir müssen über uns hinauswachsen, müssen lernen, die Magie zu meistern. Sie tief verstehen, sodass das Zauberweben für uns so selbstverständlich und beiläufig wie das Atmen wird. Dies ist unendlich viel schwieriger, als eine gute Schwertkämpferin zu werden. Und deshalb halte ich so große Stücke auf dich, Bidayn. In dir sehe ich die Zukunft. Du wirst eine Meisterin der Magie sein, wenn du mir auf dem Weg folgst, den ich dir weise. Schwertkämpfer gibt es viele! Du aber bist einzigartig. Und nun komm … Bringen wir das Notwendige, so gut es geht, hinter uns.«

Bidayn traute ihren Ohren nicht. Nie zuvor hatte jemand sie einzigartig genannt. Lyvianne war einzigartig! Dass die Drachenelfe all diese Eigenschaften, die sie mächtig gemacht hatten, auch in ihr zu erkennen vorgab, überwältigte Bidayn und schüchterte sie zugleich auch ein. Sie wollte Lyvianne um keinen Preis enttäuschen. Und doch zweifelte sie daran, dass sie so hohe Erwartungen jemals erfüllen könnte.

Bidayn folgte ihrer Lehrerin bis zu einer etwas abseits der Weißen Halle gelegenen Wiese, die von hohen Hecken eingefasst war. Ailyn war bereits dort. Ebenso wie Gonvalon und Nandalee.

»Pünktlichkeit ist keine noble Tugend, Bidayn, sondern eine Selbstverständlichkeit, wenn du von einer Lehrerin der Weißen Halle zu einer Unterrichtsstunde bestellt wirst«, empfing sie Ailyn.

»Ich entschuldige Bidayn«, entgegnete Lyvianne, noch ehe Bidayn auch nur den Mund aufbekam. Der frostige Empfang erinnerte Bidayn sofort wieder daran, wie die kleine, zierliche Ailyn Nandalee blutig geschlagen hatte.

»Sie wurde durch mich aufgehalten«, fuhr Lyvianne fort, »weil ich so töricht war zu glauben, der Weg hierher sei lang genug, um sie mit der Theorie zu einigen besonderen Vorsichtsmaßnahmen beim Durchschreiten eines Albensterns vertraut zu machen. So sollte dein Groll mich treffen und nicht meine Schülerin, die durchaus zur rechten Zeit aufgebrochen ist, von mir jedoch mit meinem Gerede daran gehindert wurde, pünktlich zu erscheinen.«

Ailyns Blick ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wie viel Glauben sie den Worten Lyviannes schenkte. Bidayns Handflächen wurden feucht, ihr Mund staubtrocken. Ihr war klar, dass sie für den Streit zwischen den beiden Lehrerinnen würde bezahlen müssen. Sie wünschte, sie wäre wieder in der Höhle des Schwebenden Meisters. Mit dem Leben und den Gefahren dort hatte sie sich abgefunden gehabt.

»Greif mich an, Bidayn«, sagte Ailyn kühl. Sie stand in leichter Schrittstellung in der Mitte der Wiese und hielt in der Rechten einen schwertlangen Stock.

»Ich habe noch keine Waffe«, entgegnete Bidayn verwirrt. Was sollte das?

»So kann das Schicksal spielen.« Ailyn machte einen Schritt in ihre Richtung und hob den Stock, dessen Spitze bisher zum Boden gewiesen hatte. »Manchmal trifft man ganz überraschend und unbewaffnet auf einen Feind.«

»Aber wie soll ich ohne Schwert kämpfen?« Bidayn blickte zu Nandalee, aber ihre Freundin schien genauso überrascht wie sie.

Ailyn kam näher. Sie war nur noch drei Schritte entfernt.

Bidayn wich zurück, dann drehte sie sich um und versuchte zu fliehen. Fast im selben Augenblick traf sie ein Schlag in den Rücken. Sie stöhnte auf – nicht so sehr wegen des Schmerzes, sondern weil Ailyn sie vorführte. Der Hieb hatte vor allem ihren Stolz verletzt.

»Wende einem Feind nicht den Rücken zu«, sagte die Fechtlehrerin kühl. »Und versuche nicht fortzulaufen, es sei denn, du bist dir sicher, dass du viel schneller bist. Geh in die Mitte der Wiese! Wir versuchen es noch einmal.«

Bidayn atmete tief ein. Sie unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen zu steigen drohten. Gegen ihren Willen hatte sich kurz ihr Verborgenes Auge geöffnet. Lyviannes Aura strahlte im hellen Rot kaum beherrschter Wut. Ailyn hingegen war von einem goldenen Licht umgeben. Sie war ganz ausgeglichen! Als Einzige hier auf der Wiese. Das zu wissen machte Bidayn ein wenig Mut. Die Fechterin war also nicht zornig auf sie. Sie wusste, was sie tat.

»Versuchen wir es also noch einmal.« Ailyn hob ihre Waffe. Sie war vier Schritt entfernt. »Du triffst unbewaffnet auf einen Feind mit einem Schwert. Was tust du?«

»Ich ziehe mich in die Sicherheit der eigenen Linien zurück.«

Ailyn lächelte abfällig. »Du ziehst es also vor, andere für dich kämpfen zu lassen.«

»Geht es um Stolz oder Sieg? Jeder sollte das tun, was er am besten kann. Und mit der Waffe in der Hand zu kämpfen gehört ganz gewiss nicht zu meinen Stärken.«

Überraschenderweise nickte Ailyn. »Ich stimme dir im Grundsatz zu.« Sie machte einen Schritt vor. »Aber nehmen wir an, es sind keine Gefährten in der Nähe, die für dich kämpfen können. Was tust du?«

Es kostete Bidayn Überwindung, nicht instinktiv einen Schritt zurück zu machen. »Ich nutze das Gelände. Ich laufe zum Rand der Klippe und springe hinab in den Fluss?«

Ailyn lachte auf. »Ich sehe hier keine Klippe und keinen Fluss. Und wenn es so wäre, wie du sagst, was wäre, wenn Felsen dicht unter der Wasseroberfläche verborgen sind? Du vertraust dein Leben deinem Glück an?« Sie machte einen plötzlichen Ausfallschritt. Die Spitze ihres Stocks tippte gegen Bidayns Kehle.

»Ich würde darauf achten, dass ich nur in Gelände kämpfe, das mir vertraut ist.«

Die Kriegerin schmunzelte. »Du möchtest wohl gleich Feldherrin werden? Ein guter Anführer sollte aber auch ein tapferer Krieger sein. Sei ein Vorbild, und du wirst respektiert. Wenn du das Kämpfen stets den anderen überlässt, wirst du am Ende nur Verachtung ernten.« Ailyn wandte sich abrupt um. »Nandalee, komm her!«

Ihre Freundin trat, ohne zu zögern, vor die Schwertmeisterin.

»Was tust du, wenn du unbewaffnet einem Schwertkämpfer gegenüberstehst. «