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»Ihn anlächeln«, entgegnete Nandalee selbstsicher und grinste.

»Warum?«

»Weil er damit rechnen wird, dass ich Angst vor ihm habe. Zeige ich aber keinerlei Furcht, dann wird ihn das womöglich verunsichern. «

Statt zu antworten, holte Ailyn zum Schlag aus. Nandalee trat vor, sodass sie so dicht vor Ailyn stand, dass sie deren Klinge nicht mehr treffen konnte.

Die Schwertmeisterin versuchte Nandalee mit dem Schwertknauf vor die Stirn zu schlagen, doch wieder wich die Elfe aus und konterte mit einem Ellenbogenstoß, der auf Ailyns Hals zielte. Die Schwertmeisterin duckte sich und entging dem Angriff nur knapp. Sie stieß mit dem Holzschwert nach Nandalees Beinen, woraufhin diese sich mit einem wenig eleganten Hüpfer in Sicherheit brachte.

Ailyn richtete sich auf und trat zurück. »Ganz passabel.« Sie blickte zu Bidayn. »Ein Schwert ist zuallererst eine Hiebwaffe. Das heißt, du setzt es am besten gegen Gegner ein, die auf Armeslänge oder ein wenig weiter entfernt stehen. Kommt dein Feind dir näher, kannst du selbst Stiche nicht mehr kraftvoll ausführen. Dir bleiben Schnitte. Wenn du unbewaffnet bist, lauf nicht weg. Geh in den Angriffsraum deines Gegners hinein. Unterlaufe ihn. Heute werde ich dir einige Methoden zeigen, wie du einen Schwertkämpfer einfach und effektiv entwaffnen kannst. Wir üben das eine halbe Stunde lang mit einem Stock. Danach werde ich eine scharfe Waffe benutzen. Ich werde mich bemühen, dich nicht zu verletzen. Gegen dein Ungeschick bin ich allerdings ein Stück weit machtlos.«

Bidayn blickte hilfesuchend zu Lyvianne.

»Das ist der einzige Weg, dir die Angst vor der Klinge zu nehmen«, sagte ihre Lehrerin mit einem Schulterzucken. »Es führt zu nichts, immer nur mit Stöcken zu üben. Selbstbewusst kannst du nur sein, wenn dich der Anblick blanken Stahls nicht zögern lässt. Nur dann wirst du zu siegen lernen.« In Lyviannes Blick lag eine Härte, die Bidayn daran zweifeln ließ, dass die Lehrerin tatsächlich ihre Freundin und Vertraute war, wie sie eben noch vorgegeben hatte. Ja, sie hatte sogar ein wenig Angst vor der Drachenelfe.

Die Eibe

Nandalee war müde. Sie hatte den Eindruck, dass es Gonvalon Spaß machte, sie an ihre Grenzen zu treiben und dann noch ein Stückchen weiter. Ihr Körper sah aus wie eine Landkarte, so war er mit blauen Flecken übersät. Schwertkampfübungen, Laufen, Klettern, erneute Schwertkampfübungen … Und dann Lyviannes verfluchter Unterricht in den Menschensprachen. Daran verknotete man sich die Zunge! Wo ihre Lehrerin nur all diese unnützen Sprachen gelernt hatte.

Nandalee hatte vorgegeben, allein sein zu wollen, als sie die Weiße Halle verlassen hatte. Niemand war ihr gefolgt. Wenigstens vertraute man ihr.

Sie verließ den Weg, auf dem sie jeden Morgen lief, und stieg eine Böschung hinab. Der Boden war schlüpfrig; es hatte den halben Tag geregnet. Nandalee hielt sich am Stamm einer jungen Buche fest und spähte zu dem Gehölz weiter unten am Hang hinab. Linden, Fichten und Weißbuchen, ein einzelner Haselnussstrauch wucherten am Waldrand. Es gab sehr wenig Unterholz, so als würde der Wald bewirtschaftet. Vielleicht von Kobolden. Hin und wieder hatte sie in der Weißen Halle Diener aus dem kleinen Volk bemerkt. Sie hielten sich sehr zurück und achteten peinlich genau darauf, niemandem im Weg zu stehen.

Der Blick der Elfe wanderte über den Waldrand. Dann endlich entdeckte sie die immergrünen Äste der Eibe.

Sie ließ die Birke los und schlitterte weiter den Hang hinab. Sie hätte auch nach einer Esche suchen können oder auch nach einer Ulme. Aber das beste Bogenholz stammte von Eiben. In Carandamon gediehen Eiben nicht und nur eine Handvoll Jäger hatten je einen Eibenbogen besessen. Nandalee hatte nur selten Gelegenheit gehabt, einen Eibenbogen zu betrachten. Das zweifarbige Holz mit den unvergleichlichen Eigenschaften. Jeder dieser Bogen hatte einen Namen gehabt und man erzählte sich Geschichten über sie, so wie man Geschichten um besondere Schwerter oder herausragende Jäger spann. Seit sie ein Kind war, hatte sie diesen Geschichten gelauscht, hatte von der Kraft der Eibenbogen erfahren und davon, wie man das Holz mit Wachs behandelte, um die Feuchtigkeit darinnen zu halten. Und wie die Bogen nach Jahren im Dienst schließlich starben, weil sie ihre Spannkraft verloren. Die Jäger richteten regelrechte Totenfeste aus, in denen sie ihre Bogen feierlich den Flammen übergaben, und so, wie man über Verstorbene sprach, erzählte man sich am Feuer Geschichten über den Bogen, der gegangen war, über Jagden und darüber, wie weit er einmal seine Pfeile geschickt hatte. Nandalee wusste alles über Eiben. Jedenfalls hoffte sie das.

Voll ehrfürchtiger Neugier näherte sie sich dem Baum und erreichte halb rutschend, halb kletternd die Waldgrenze.

Das abendliche Vogelgezwitscher verstummte.

Die Eibe war jung. Nandalee streichelte über die schuppige, rotbraune Rinde. Der Baum war fast perfekt gerade gewachsen. Er war wie geschaffen dafür, ein Bogen zu werden!

Sie zog die kurzstielige Handaxt aus ihrem Gürtel. Bevor sie mit ihrer Arbeit begann, bedankte sie sich leise und mit schlichten Worten bei dem Wald für das Geschenk, das er ihr gemacht hatte.

Beim ersten Hieb stürzte sich ein kleiner Vogel aus dem dichten Geäst. Die Unterseite seiner Flügel erschien im Zwielicht fast weiß, so wie der Bauch, der allerdings mit hellbraunen Sprenkeln betupfte Leib. Rücken und die Flügeloberseiten waren unauffällig schwarzbraun. Eine Misteldrossel! Nandalee hielt inne. Sie war zu gierig! Sie hätte erst in den Baum hinaufsteigen sollen. Ausgerechnet eine Misteldrossel! Wenn der kleine Vogel dort oben ein Nest hatte, dann würde der Bogen Unglück anziehen. Sie spähte in das Gitterwerk aus Dämmerlicht und Schwärze hinauf. Da war nichts!

Bestimmt hatte der Vogel nur von den Eibensamen genascht, die von einem süßlich schmeckenden, fleischig roten Mantel eingefasst waren. So schmackhaft diese Fruchtfleisch war, so gefährlich waren die harten Samen, aus denen man ein starkes Gift gewinnen konnte, ebenso wie aus Rinde und Nadeln der Eibe. Schon in den Früchten spiegelten sich die widersprüchlichen Eigenschaften der Eiben. Sie schenkten Leben und konnten es auch nehmen. So wie die Bogen, die man aus ihren Stämmen fertigte, einst den geschickten Jäger nähren würden, während sie anderen Geschöpfen den Tod brachten.

Unschlüssig blickte Nandalee hinab auf die Kerbe, die drei Handbreit über dem verschlungenen Wurzelwerk im Stamm klaffte. Der Baum würde sich wieder erholen. Diese Wunde würde ihn nicht töten. Es hieß, dass die Lebenskraft der Eiben so groß war, dass selbst aus einem Stamm, der bei einem Waldbrand seine gesamte Rinde verloren hatte, wieder neue Schösslinge austreiben konnten.

Sollte es dort oben ein Nest in einer Astgabel geben, müssten die Jungvögel schon längst flügge sein. Warum zögerte sie? Einer Kriegerin stand es gut an, entschlossen zu handeln. Zu zögern spielte den Feinden in die Hand. Was hatte sie erst am Vortag gelernt? Wenn man über so wenige Krieger wie die Drachenelfen verfügte, konnte man nur siegen, wenn man hart und überraschend zuschlug. So sollten sie denken und leben. Was ihre Lehrer ihnen beibrachten, konnte nicht falsch sein! Ihre Lehren beruhten auf Jahrhunderten der Erfahrung. Außerdem war es die einzige Eibe, die sie auf dem Weg, auf dem sie morgens lief, hatte entdecken können. Es ging also letztlich um die Frage, wollte sie einen Bogen und sich endlich wieder ganz fühlen oder wollte sie sich darin üben, verzichten zu lernen?

Noch einmal holte sie tief Luft, dann fraß sich die Axtklinge ins Holz. Sie hatte bereits auf zu vieles verzichtet. Auf ihre Heimat. Auf ihre Sippe. Es war genug.

Nandalee arbeitete schnell und geschickt. Das Holz der Eibe war besonders dicht. Eiben wuchsen langsam. Sie leistete ihr Widerstand. Doch schließlich stürzte der Baum und sie machte sich daran, die Äste vom Hauptstamm zu trennen. Es war inzwischen fast völlig dunkel. Sie musste die Ansätze der Äste ertasten und führte ihre Schläge blind. Klug wäre es, den Baum einfach liegen zu lassen und hierher zurückzukehren, sobald die Lehrer der Weißen Halle ihr eine freie Stunde ließen. Doch wann würde das sein? Morgen oder erst in einer Woche? Meist nutzten sie jede Stunde Tageslicht und oft wurde der Unterricht noch nach Einbruch der Dämmerung fortgesetzt. Nur wer sich eine Kunst erwählt hatte, in der er sich üben wollte, bekam mehr Freizeit. Nandalee konnte dieses Gehabe nicht begreifen und hielt es für völlig unnütz. Sie hatte Gonvalon einmal zugesehen, wie er völlig versunken auf einer abgelegenen Lichtung an einem Stein arbeitete. Nandalee hatte ihn beneidet, war sich aber zugleich sicher, dass sie keinen derartigen Ruhepunkt würde finden können. Es sei denn … Sie lächelte. Vielleicht würden die Meister ja das Schnitzen eines Bogens und Pfeile machen als künstlerische Arbeit anerkennen.