Mit einem Mal griff ihre tastende Hand in ein Knäuel dünner Äste. Ein Nest! Sie verharrte. Es konnte ein altes Nest sein. Ihre Fingerspitzen berührten weiche Flaumfedern. Sie glaubte noch einen letzten Rest Wärme zu spüren. Hatte die Misteldrossel hier gebrütet?
Sie tastete über den weichen Waldboden, drängte sich zwischen das Geäst des gestürzten Baumes. Eibennadeln, weich, unfähig zu stechen, streiften über ihr Gesicht. Nandalee griff in klebrigen Dotter. Fand hauchzarte Schalen. Sie war verflucht! Sie hätte bei Tageslicht kommen sollen. Verkehrte sich denn alles, was sie tat, zum Schlechten? Es war zu spät im Jahr! Die Misteldrossel hätte ihre Brut längst aufgezogen haben sollen.
Aber so war es nicht gewesen, und jetzt lagen drei zerbrochene Eier zwischen dem zersplitterten Geäst.
»Was tust du da?«
Nandalee hielt erschrocken inne. Die Stimme war ihr fremd. Langsam drehte sie sich um.
»Brauchst du mehr Licht?«
Dicht hinter ihr stand ein junger Elf. Sie kannte ihn aus der Weißen Halle, konnte sich aber nicht mehr an seinen Namen erinnern.
»Ich habe die Axtschläge gehört und war neugierig. Es kommt selten vor, dass jemand im Dunkeln einen Baum fällt. Ist das eine Eibe? Mit Bäumen kenne ich mich nicht so gut aus.«
Nandalee räusperte sich. Es war ihr peinlich, so ertappt zu werden. »Du bewegst dich sehr leise.«
»Nicht wirklich. Ich glaube, du warst einfach zu sehr mit …« Er machte eine unschlüssige Geste. »Mit anderen Dingen beschäftigt«, fuhr er schließlich diplomatisch fort.
Nandalee war überrascht, dass er die Lage nicht nutzte, um sich über sie lustig zu machen. »Du kannst Licht machen?«
Er lächelte. »Eines meiner wenigen Talente.« Er schloss die Augen und bewegte die Hände, als suche er nach etwas Ungreifbarem in der Luft. Dazu murmelte er leise, unverständliche Worte.
Nandalees Nackenhaare richteten sich auf. Sie konnte spüren, wie sich das feine Gewebe der Kraftlinien änderte. Es wurde dichter. Schließlich formte sich vor ihren Augen schwebend eine Struktur, die wie ein gebeugter Ast aussah. Sie verstrahlte ein helles Licht, das trotz seiner Intensität nicht blendete.
»Kugeln bekomme ich nie hin«, sagte der Elf mit resignierendem Achselzucken. »Aber ich hoffe, das wird reichen. Wenn du mir erklärst, was du da tust, könnte ich dir vielleicht helfen.«
Wieder räusperte sich Nandalee. »Da war ein Nest im Baum. Ich suche nach den Eiern. Oder dem, was davon übrig geblieben ist. Ich hätte besser achtgeben sollen … Ich …«
»Übrigens, ich heiße Eleborn. Bitte verzeih meine schlechten Manieren. Du wirst meinen Namen sicherlich schon gehört haben. Als ich hierherkam, haben sie mir die Namen aller Schüler genannt und schon vor dem Abend hatte ich fast alle wieder vergessen. Es sind einfach zu viele – und wirklich gesprächig ist man hier auch nicht.«
Nandalee musste lächeln. Ihr war es genauso ergangen. Man hatte ihr die Mitschüler vorgestellt, nachdem sie sich von Ailyns Schlägen halbwegs wieder erholt hatte, aber sie hatte dabei kaum hingehört, weil ihr Kopf immer noch brummte.
»Ich bin Nandalee.«
»Ich weiß«, entgegnete Eleborn. »Dich kennen alle. Seit du dich mit Ailyn angelegt hast, ist dein Name in aller Munde. Die meisten vermuten, dass dir einmal ein schwerer Ast auf den Kopf gefallen sein muss. Eine Minderheit ist der Ansicht, dass du schon verrückt geboren worden bist.«
Nandalee traute ihren Ohren nicht. »Und zu welcher Gruppe gehörst du?«
»Ich bin einmal beim Möweneierstehlen von einer Klippe gestürzt und auf den Kopf gefallen. Ich finde, das schadet nicht. Aber meine Meinung ist möglicherweise nicht das Maß der Dinge. Die meisten hier halten mich, freundlich formuliert, für … seltsam.«
Sie sah Eleborn eindringlich an. Kein Schüler hatte bisher so offen mit ihr gesprochen. Was hatte der Elf vor? Hier behielt jeder seine Vergangenheit für sich, und im Grunde störte das Nandalee auch nicht. Sie hatte schon früher wenig geredet. Eleborn erschien ihr mit seiner Offenheit seltsam. Aber vielleicht war er auch einfach nur besonders durchtrieben? Vielleicht log er sie an? Aufmerksam betrachtete sie ihn – sein helles, fast weißes Haar, das offene Gesicht, die schlanke Gestalt. Nicht sonderlich groß. Sein Gewand war von einer undefinierbaren Farbe, irgendwo zwischen Grün und Blau. Er war barfuß. Die Hosenbeine waren nass.
»Und? Habe ich deine Musterung bestanden, oder bin ich durchgefallen?«
Nandalee musste lachen. »Ich weiß es noch nicht. Auf jeden Fall ist das Licht, das du herbeigerufen hast, hilfreich.« Sie beugte sich wieder zwischen den Ästen hinab. Deutlich sah sie nun die zerbrochenen Eier. Ihre Schalen waren von einem blassen Blau mit großen braunen Sprenkeln übersät. Drei waren von Ästen zerschlagen, ein viertes aber war unversehrt geblieben. Sie hob es auf und bettete es in das Nest. Sie wusste, dass die Misteldrossel nicht mehr zu ihrem Gelege zurückkehren würde.
Unentschlossen sah sie zu Eleborn auf, der schweigend ihren Blick erwiderte. Schließlich nahm sie das Nest. Vielleicht … Sie seufzte. Nein, ohne die Wärme der brütenden Mutter würde das Ei absterben. Unschlüssig hielt sie es in den Händen.
»Einige der Barinsteine geben ein wenig Wärme ab. Wenn du vielleicht ein Nest aus Wolle machst und das Ei hineinbettest …«
Nandalee sah Eleborn überrascht an. Konnte er in ihren Gedanken lesen? Nein! Er war wahrlich nicht sonderlich schwer zu erraten, was sie gerade gedacht hatte. Sie legte das Ei samt Nest zur Seite und begann erneut damit, die Äste vom Eibenstamm zu schlagen.
»Was machst du hier eigentlich? Also ich meine …«
Sie blickte zu ihm auf. »Es sieht nach Baumfällen aus, oder? Ein Nesträuber bin ich jedenfalls nicht.«
»Wenn du nur eins von vier Eiern nach Hause tragen kannst, wärst du auch eine verdammt schlechte Nesträuberin. Ich meinte eher …«
»Nachdem ich mich beim Malen als Stümperin erwiesen habe und jeder in Hörweite die Beine in die Hand nimmt, wenn ich singe, habe ich mich entschieden, künftig die Kunst auszuüben, Bäume bei schwindendem Licht zu fällen.«
Er lachte. »Dann werde ich künftig wohl nur noch den zweiten Platz in exzentrischen Neigungen halten.«
Nandalee ließ die Axt sinken. »Warum? Was machst du?«
»Ich forme Wasser und Licht.«
Sie hob den künftigen Bogenstab auf. Er lag angenehm schwer in ihrer Hand. Dann bückte sie sich nach dem Nest. »Welchen Nutzen hat das?«
»Keinen. Meine Kunstwerke vergehen in dem Moment, in dem ich loslasse. Das Licht erlischt, und das Wasser stürzt in den Bach zurück. Es bleibt nichts zurück. Aber sind es nicht gerade die Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen, die unser Leben reich machen?«
Das Licht, das er in Händen hielt, verschwand so plötzlich wie eine verlöschende Kerzenflamme, und als Nandalees Augen sich erneut an die Dunkelheit gewöhnt hatten, war auch Eleborn verschwunden. Er war so lautlos gegangen, wie er gekommen war.
Von Mördern, Trollen und abgelegtem Wissen
Bidayn sah sich um und schüttelte den Kopf. Nandalee war verrückt geworden. Ganz ohne Zweifel verrückt! In ihrer Kammer sah es aus wie in einer Höhle. Sie hatte irgendein Schutzzeichen in die Türschwelle geritzt und damit erreicht, dass sich kein Kobold mehr hineinwagte, um sauber zu machen. Der ganze Boden lag voller Holzspäne. Sie selbst saß mit einem Abziehmesser auf dem einzigen Stuhl und bearbeitete, leise vor sich hin summend, den riesigen Ast, den sie vor zwei Wochen aus dem Wald geholt hatte. Um den Wahnsinn noch weiter abzurunden, hockte auf dem Tisch der hässlichste kleine Vogel, den Bidayn je gesehen hatte. Ein kleines Monster mit riesigen dunklen Augen und runzliger rosa Haut, auf der einzelne graubraune Flaumfedern wucherten. Sobald man ihm nahe kam, riss er den Schnabel auf und stieß wimmernde Laute aus. Die Tischplatte verunzierten eingetrocknete Vogelexkremente. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit aber war ein Kristallglas, das ebenfalls auf dem Tisch stand. Der fein geschnittene Kelch war dazu geschaffen, köstlichste Weine aufzunehmen. Jetzt war er mit sich windenden Würmern gefüllt!