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»So etwa stelle ich mir eine Trollhöhle vor. Vielleicht ist es da aber auch wohnlicher.«

Nandalee ignorierte sie, summte weiter vor sich hin und glättete vorsichtig den Holzschaft. Unter dem hellen, fast weißen Splintholz kam das rotbraune Kernholz zum Vorschein, ganz so, als sei das Holz aus zwei Bäumen in einem Stamm vereinigt.

Bidayn schnaubte. »Du bist wohl sehr mit dir zufrieden.«

Jetzt endlich sah Nandalee zu ihr auf. »Ja, das bin ich. Habe ich dir schon erzählt, dass ich meinen ersten Bannzauber gewoben habe?« Sie nickte in Richtung der Tür. »Dieses Zimmer ist koboldsicher. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas kann. Es war gar nicht so schwer.«

»Mir hat ein Kobold erzählt, dass du ihnen gedroht hast, sie zu häuten und an deinen Vogel zu verfüttern, wenn sie das Zimmer betreten. Vielleicht hat auch das ein wenig zu deinem Erfolg beigetragen. Ebenso wie die eindrucksvolle Sammlung an Messern, hier auf dem Tisch und überall auf dem Boden.«

»Das sind nur Schnitzwerkzeuge.«

Bidayn erhob sich. Der Vogel auf dem Tisch reagierte auf die Bewegung, riss seinen Schnabel weit auf und begann jämmerlich zu piepen. »Hast du mir überhaupt zugehört?«

»Du meinst die Sache mit Ailyn?« Nandalee hatte sich wieder ganz in ihre Arbeit vertieft.

»Die Sache … Es ist etwas mehr als einfach eine … Sache. Diese Verrückte wird mich umbringen! Jedes Mal, wenn Lyvianne nicht in der Nähe ist, prügelt sie mich grün und blau. Ich kann mich kaum noch bewegen. Sie hat was gegen mich. Sie ist wahnsinnig. Man muss etwas unternehmen.«

»Ich finde sie ganz in Ordnung.«

»Sie hat dir die Nase gebrochen, Nandalee! Das ist nicht in Ordnung!«

Nandalee zuckte mit den Schultern. »Meiner Nase geht es wieder ganz gut. Ich finde es zwar Zeitverschwendung, eine Bogenschützin zur Schwertkämpferin ausbilden zu wollen, aber meinetwegen. Ich werde meine freien Stunden nutzen, um mich der Kunst des Bogenschießens zu widmen.«

Bidayn blickte auf den Holzstab und endlich begriff sie. Wie hatte sie nur so blind sein können! »Damit wirst du nicht durchkommen. Das ist gegen den Sinn dieser Regel. Deine Kunst soll sich ausschließlich selbst genügen und nicht dem Kampf nutzen! Du sollst die Schrecken der Schlachtfelder und dessen, was immer sonst die Drachen verlangen mögen, vergessen, wenn du dich deiner Kunst hingibst. Wenn du Bogenschießen übst, wirst du dabei diese dunklen Stunden wieder heraufbeschwören. Sie werden das niemals dulden!«

Nandalee lächelte. »Sie werden es dulden müssen. Ich werde sie zwingen, sich der Wirklichkeit zu stellen. Sie bilden uns hier zu Mördern aus. Ich bin eine Jägerin. Vielleicht werde ich auch eine Kriegerin werden. Der Tod begleitet mich, seit meine Arme stark genug sind, um einen Bogen zu spannen. Jäger töten, um zu leben. Krieger letzten Endes auch. Ich habe mich schon lange damit abgefunden, Blut an den Händen zu haben. Weißt du, als ich klein war, hatte ich einen Schneehasen zum Spielgefährten. Er hat mich immer begleitet. Dann kam ein schlimmer Winter – er begann zu früh und war voller Stürme. Die Jäger unserer Sippe haben kein Wild gefunden. Wir haben gehungert. Ich selbst habe den Hasen geschlachtet. Ich glaube, damals war ich sechs Jahre alt. Ich habe geweint, als ich ihm das Fell abgezogen und ihn ausgeweidet habe. Der Älteste hat mich gezwungen, auch ein paar Bissen vom Hasenfleisch zu essen. Dieses Erlebnis hat mich härter gemacht. Es hat mir nicht geschadet. Sie machen hier in der Weißen Halle einige Dinge ganz falsch. Und ich werde nichts tun, wovon ich nicht überzeugt bin.«

Bidayn blickte auf den kleinen hässlichen Vogel in seinem Nest aus Federn und Schafswolle. »Würdest du ihn auch fressen?«

»Wenn ich damit mein Leben verlängern könnte … Unbedingt! «

»Ich glaube, es bekommt Elfen nicht gut, wenn sie zu nahe bei Trollen leben.«

»Ganz im Gegenteil, meine Liebe«, entgegnete Nandalee eisig. »Es bekommt ihnen nicht, wenn sie zu weit von Trollen entfernt leben. In schönen Häusern etwa, mit Dienern, wo Hunger und Not immer nur Probleme anderer sind. Sie verlieren den Blick dafür, wie das Leben wirklich ist.«

»Du hältst mich also mit anderen Worten für eine verzärtelte, vollgefressene Idiotin!«

»Fast alle hier sind so. Und so dürr, wie du bist, würde ich dich niemals vollgefressen nennen.« Sie lachte.

»Aber eine Idiotin würdest du mich schon nennen, was?« Bidayn schluckte und kämpfte gegen ihre Gefühle an. »Ich habe dich immer für eine Freundin gehalten. Ich …« Sie schaffte es nicht länger, ihre Tränen zurückzuhalten. »Ich …«

»Ich bin deine Freundin, Bidayn. Deshalb bin ich es dir schuldig, dir die Wahrheit zu sagen. Alles andere wäre einer Freundschaft unwürdig.«

Bidayn hatte genug. »Du hast einfach nur Spaß daran, jeden vor den Kopf zu stoßen. Du wirst sehen, wohin dich das bringt. Du dickköpfige, blöde …« Bidayn lief zur Tür.

Nandalee blieb ruhig sitzen.

Wenn sie sich jetzt entschuldigt, wird alles wieder gut, dachte Bidayn. Nur ein Wort …

Sie zog die Tür auf und blickte über die Schulter zurück. Nandalee sah ihr nicht nach, sondern bearbeitete noch immer den Holzstab mit dem Abziehmesser, nur dass sie jetzt aufgehört hatte zu summen.

Ihr war alles egal, erkannte Bidayn. Alles musste nach ihrem Kopf gehen. Sie war keine richtige Freundin!

Ein seltsam süßlicher Schmerz hatte sich in ihrem Bauch eingenistet. Diesmal würde sie nicht nachgeben. Nandalee sollte lernen, dass auch andere hart sein konnten. Ailyn, die ihr fast den Schädel eingeschlagen hatte, respektierte diese Wilde jetzt. Freundlichkeit missverstand Nandalee als Schwäche.

Bidayn ballte die Fäuste. Warum war Nandalee nur so dickköpfig? Und wie hatte sie so dämlich sein können, sich ausgerechnet so eine Freundin auszusuchen! Wenn Nandalee sie nicht zurückrief, bis sie die Treppe erreichte, dann würde sie, Bidayn, ihrer beider Freundschaft als beendet betrachten! Nandalee war es, die diesmal nachgeben musste!

Bidayn ging etwas langsamer.

Mach schon, dachte sie wütend. Es waren nur noch fünf Schritte bis zur Treppe. Vier. Wahrscheinlich hatte Nandalee Trollblut in den Adern. Niemand, den Bidayn je kennengelernt hatte, führte sich so barbarisch auf wie ihre Freundin.

Noch zwei Schritte. Sie verharrte und lauschte. Dann drehte sie sich um. Nandalee konnte sich völlig lautlos bewegen. Vielleicht stand sie ja schon im Türrahmen und sah ihr nach. Das würde genügen. Dann wäre alles vergessen. Sie wusste, dass es nicht Nandalees Sache war, jemanden um Verzeihung zu bitten. Diese Geste allein sollte genügen.

Aber Nandalee stand nicht im Türrahmen.

Bidayn legte die Hand auf das breite Treppengeländer. Sie fühlte sich so einsam wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sehr langsam ging sie hinab und blickte unverwandt zwischen den Stäben des Geländers hindurch den Flur hinauf zur offenen Tür. Wenn Nandalee jetzt noch käme … Auf der Stufe, auf der sie gerade eben noch über den Boden hinwegblicken konnte, verharrte sie. Komm, dachte sie. Komm!

Vergebens! Der nächste Schritt fühlte sich an wie Ertrinken. Sie sank unter das Niveau des Fußbodens, blickte auf die Schmuckleiste des Mauerwerks. Nun würde sie Nandalee nicht mehr kommen sehen. Bidayn presste die Lippen fest aufeinander. Es war an der Zeit, dass auch sie einmal hart war. Sie musste das nur ein paar Tage lang durchhalten. Bestimmt würde Nandalee zu ihr zurückkommen! Ganz sicher. Außer ihr hatte sie hier niemanden.