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Und ich habe auch niemanden, mahnte eine beklommene Stimme in ihren Gedanken.

Zum Glück gab es nicht viele freie Stunden. Sie würde nicht viel Gelegenheit haben nachzudenken. Aber jetzt konnte sie nicht zu Bett. Sie würde wach liegen und die Decke anstarren. Und irgendwann würde sie weich werden.

Bidayn blickte gedankenverloren zu den Schwertern, die entlang der Wände in der Eingangshalle aufgehängt waren. Wenn sie alle hier waren, dann würden sie Muster ergeben. Aber viele der Klingen fehlten. Jede Lücke stand für einen Elfen aus der Weißen Halle, der von den Drachen auf eine Mission geschickt worden war. Sie zählte dreiundsiebzig Leerstellen. Was sie wohl taten? Wo sie wohl waren? Bisher hatte sie keinen der Lehrer über die Aufträge erzählen hören, die sie im Dienste der Drachen übernahmen. Manche suchten neue Schüler, andere gingen in die Welt der Menschen. Aber was wollten sie dort?

Wenn all die Waffen erzählen könnten, von wie vielen Heldentaten wüssten sie zu berichten? Oder auch Bluttaten. So viele Klingen! Kurze und lange. Gebogen oder gerade. Einige waren sogar geflammt. Keine zwei Waffen sahen gleich aus. Es hieß, jedem Schwert sei eine eigene Rune zugeordnet. Jedes sei auf seine Art unverwechselbar. Und wenn ein Elf im Kampf getötet wurde, unternahm man alles, um zumindest die Klinge zurückzuholen. Unter jedem der Schwerter war eine kleine Tafel angebracht, auf der die Namen jener standen, die dieses Schwert einmal erwählt hatten. Wenn man die Namen in Erinnerung behielt, warum sprach man dann nicht über die Taten? Waren sie so schrecklich? Hatte Nandalee recht? Erzog man sie hier am Ende alle nur zu Mördern?

Bidayn senkte den Blick. Ein leichter Schauder überlief sie. All diese Waffen, das war das Erste, was man sah, wenn man die Weiße Halle betrat. Sie waren eine mehr als deutliche Ankündigung dessen, was jeden erwartete, der hierherkam.

Sie war froh, dass die Klingen nicht erzählen konnten! Eilig durchquerte Bidayn die Halle und machte sich auf den Weg zur Bibliothek. Die schönen Künste, die man hier übte, waren wohl wirklich nur eine Maske. Das, was die Drachenelfen wirklich waren, war so schrecklich, dass nicht einmal sie selbst es jeden Tag vor Augen haben wollten. Erstaunlich, dachte Bidayn, dass erst ein Streit mit einer Barbarin ohne Kultur ihr die Augen geöffnet hatte.

Die Stille der Bibliothek und das warme, bernsteinfarbene Licht schenkten ihrer aufgewühlten Seele Frieden. Sie schlenderte an den Regalen mit den rautenförmigen Fächern entlang, in denen sich Hunderte Schriftrollen stapelten; eine jede sorgsam in einer Lederhülle mit einem steifen Deckel verwahrt. In die Deckel waren die Titel der Schriften geprägt. Manchmal auch die Namen der Verfasser. Einige waren mit Siegelwachs verschlossen, auf dem unleserliche Zeichen prangten. Es roch nach Staub und einem Hauch von Moder. So viele Schriften! Ob es wohl jemanden gab, der all dies gelesen hatte?

Die Räume der Bibliothek waren nach Themen geordnet. Lyrik, Prophezeiungen. Philosophische Schriften, Abhandlungen über Schmiedekunst, Reisebeschreibungen, Koboldmärchen … Manche Schriftrollen hatten den Umfang von Baumstämmen, andere hingegen kaum den eines Kinderfingers. Titel brandeten auf Bidayn ein und die Namen der Koboldmärchen ließen sie schmunzeln.

Sie war überrascht, wie viele Räume sich aneinanderreihten. Sie fand eine Kammer, in der Schränke mit tiefen Schubladen die Wände verschwinden ließen. Dort lagerten Tausende von Zeichenblättern – Bilder und Skizzen von Landschaften und den Kreaturen, die dort lebten; Kohlestudien von Gazala, den Orakeln, die halb Gazelle und halb Elfe waren; Zeichnungen von grimmigen Zwergen, feixenden Kobolden, Minotauren, die selbstvergessen tanzten; Anweisungen für Fechter, aufwendig illustriert. Was für Schätze! Und niemand nutzte sie, wie es schien.

Bidayn schreckte aus ihren Gedanken auf. Da war etwas – jemand sang! Sie war nicht mehr allein. Die Stimme wurde durch die Bücherwände gedämpft und sie verstand die Worte des Liedes nicht. Wer außer ihr kam hierher? Bislang war sie auf ihren Streifzügen durch das Bücherlabyrinth nie jemandem begegnet.

Vorsichtig trat Bidayn in die nächste Kammer. Jetzt war der Gesang um ein Weniges deutlicher zu hören. Die Stimme klang traurig. Bidayn schlich weiter. Sie konzentrierte sich ganz darauf, sich lautlos zu bewegen. Wer immer hierhergekommen war, hatte diesen Ort gewählt, um nicht gestört zu werden. Ihre innere Stimme riet ihr, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Als sie die Kammer erreichte, in der Schriften über die Sagen und Mythen der Zwergenvölker verwahrt wurde, vermochte Bidayn einzelne Worte des Liedes zu verstehen. Es war ihr fremd, ebenso wie die Melodie.

Noch nie zuvor war sie so weit in die Bibliothek vorgedrungen. Wie konnte man so viele Bücher sammeln und die Bibliothek dann nicht nutzen? Je mehr sie über die Weiße Halle nachdachte, desto seltsamer erschien ihr alles hier.

Die Türen der einzelnen Bibliothekszimmer lagen versetzt zueinander, sodass man nie weiter als in den jeweils angrenzenden Raum sehen konnte. Über der Tür zum nächsten Bibliothekszimmer hing ein Schild, auf dem Form und Wille stand. Was für Bücher dort wohl verwahrt wurden? Das Licht in dem Zimmer veränderte sich. Vielfarbiges Leuchten flackerte über Buchrücken und den Fußboden. Einen Moment lang nur, dann war das Zimmer wieder von dem warmen Bernsteinlicht durchdrungen. Das Leuchten war aus dem angrenzenden Raum gekommen. Bidayn spürte, wie sich das magische Netz um sie veränderte und öffnete ihr Verborgenes Auge. Die Kraftlinien zogen sich zusammen wie ein Fischernetz, das eingezogen wurde, und die Bewegung lief in Richtung jenes nächsten Zimmers, das Bidayn nicht einsehen konnte. Der Gesang war zu einem leisen, undeutlichen Murmeln abgeebbt.

Bidayn blickte zurück. Hier war niemand, der ihr helfen würde. Aber dann schalt sie sich eine Närrin. Wozu sollte sie Hilfe benötigen? Sie war mitten in der Bibliothek ihrer Schule – welche Gefahr sollte hier schon lauern! Alles an der Weißen Halle war ein wenig sonderbar. Wenn hier in der Einsamkeit abgelegten Wissens seltsame Dinge geschahen, dann passte das nur ins Gesamtbild.

Entschlossen trat sie in das nächste Zimmer. Noch bevor sie drei Schritte getan hatte, wurde der Gesang wieder lauter. Und jetzt verstand sie jedes Wort:

Schattenweber, Träumegeber, wandern durch die Nacht. Schleichen, sacht, sacht, sacht.
Sie sind Freunde, wohlvertraut, haben in dein Herz geschaut, führen dich durch Schlafes Pforte, fern, an wunderbare Orte.

Das Lied brach ab. »Willkommen, Bidayn«, sagte eine Stimme, die der jungen Elfe nur zu vertraut war. »Ich habe dich erwartet.«

Das Glasfenster

Lyvianne hatte Bidayn im spiegelnden Glas gesehen. Sie hatte gespürt, dass sich jemand näherte, aber mit ihrer Schülerin hatte sie nicht gerechnet. Nicht zu dieser Stunde. Nicht so tief in der Bibliothek. Dass sie sie erwartet hatte, war eine glatte Lüge, aber sie wusste, dass die Kleine sich dann besser fühlen würde, behüteter. Dass Bidayn die Einsamkeit nicht ertragen konnte, war offensichtlich.

Lyvianne war angenehm überrascht, Bidayn hier zu sehen. Das Mädchen war mutiger, als sie erwartet hatte — ein kleiner Trost, denn Lyvianne war erbost darüber gewesen, dass man ihr ausgerechnet die verzärtelte Bidayn überlassen hatte und nicht Nandalee mit all ihrer ungebändigten Kraft. Aber vielleicht hatte sie Bidayn ja unterschätzt. Man würde sehen.

»Komm zu mir, meine Liebe, und ich zeige dir eines der Geheimnisse der Weißen Halle.«

Die junge Elfe wirkte misstrauisch.

»Na, komm schon. Oder hast du Angst, dass ich dich beiße?«