Bidayn lächelte scheu. »Ich wollte nicht stören. Ich … Du singst sehr schön.«
Die Worte ihrer Schülerin berührten sie. Lyvianne hatte ein wenig Wein getrunken und war in sentimentaler Stimmung. Vielleicht war es auch ein wenig zu viel Wein gewesen.
»Ich komme manchmal hierher, wenn ich an Flamingos denke.«
Bidayn starrte sie an, wagte aber nichts zu sagen.
»Kennst du Flamingos?«
»Nein.« Die Schülerin sah sich um und ihr Blick fiel auf das große, runde Buntglasfenster, das fast eine ganze Wand einnahm. Mattes Licht brach durch die tausend Glasfacetten. Ein jedes Glasstück hatte eine andere Farbe. Sie waren in dünne Goldrahmen eingefasst, in die Drachenrunen geschnitten waren.
»Das Fenster ist ein Geschenk unserer Gönner. Man muss ein Wort der Macht kennen. Wenn man es ausspricht und dabei an einen Ort denkt, den man einmal besucht hat, zeigt das Fenster dir diesen Ort, dem deine Gedanken gelten, ganz gleich wie fern er ist.«
Bidayns Scheu war gewichen. Fasziniert betrachtete sie das Fenster. Lyvianne musste an jene Nacht denken, in der sie zum ersten Mal hierhergekommen war.
»Warum ist das Fenster hier versteckt? Es ist doch ein wunderbares Geschenk! Alle sollten es nutzen können. Man könnte nach Hause schauen!«
»Du weißt, dass man Magie nicht leichtfertig nutzen darf. Das Fenster hat auch eine dunkle Seite … Die Drachen benutzen es. Sie vermögen uns durch dieses Fenster zu sehen. Sie können in unseren Gedanken lesen, wenn wir davorstehen. Sie können uns Befehle geben. Manchmal schicken sie uns einen Boten, der den Befehl bringt, dass einer von uns hierherzukommen hat. Allein. Und da ist noch etwas … In meinem dritten Jahr als Schülerin ist ein älterer Mitschüler, mit dem ich im Speisesaal am selben Tisch saß, durch dieses Fenster gezogen worden. Er muss einen Fehler gemacht haben, als er das Wort der Macht aussprach und seinen Zauber wob, so glauben die meisten. Unsere Lehrer damals sagten, er wurde hindurchgezogen. Niemand vermochte ihm zu folgen. Er wurde nie wiedergefunden. Deshalb lehren wir unsere Schüler nicht mehr jenes Wort der Macht, das die Kräfte des Fensters weckt. Erst wenn du eine Drachenelfe geworden bist und dich in vielerlei Gefahr bewährt hast, wirst du es lernen. Dieses Fenster hier ist einer der Gründe, warum viele Schüler die Bibliothek meiden.«
Bidayn blickte noch immer unverwandt auf das schillernde Glas. »Aber das ist doch kein Grund, nicht hierherzukommen. Man muss das Fenster doch nur in Ruhe lassen.«
»Vielleicht genügt das nicht.« Lyvianne zögerte. Bidayn war sensibel und hatte eine große magische Begabung. Und sie war neugierig. Sie würde wieder hierherkommen. Es war besser, wenn sie alles wusste. Sie wollte sie nicht verlieren. Sie war so leicht zu beeinflussen. Noch … Eines Tages mochte sie eine machtvolle Zauberweberin werden.
»Es gibt da noch eine andere Geschichte, und wir Lehrer sind angehalten, sie nicht zu erzählen. Vielleicht ist es einfach nur eine Geschichte, und es ist nichts Wahres daran …« Es war Bidayn anzusehen, dass sie alles wissen wollte. Lyvianne kannte dieses Gefühl zwischen Neugier und angenehmem Grusel nur allzu gut. »Also dann … Mit den Artefakten, die Drachen erschaffen, hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Du weißt, dass jedes der Völker Albenmarks auf ganz eigene Art Magie webt? Bei den Drachen ist es so, dass die Dinge, die sie erschaffen, stets eigene Charakterzüge entwickeln. Manche gehen sogar so weit, sie in magischem Sinne als belebt zu betrachten. Die Zauber, die sie weben, sind so stark und greifen so tief in die natürliche Struktur des magischen Netzes ein, dass etwas Neues entsteht. Etwas, das sich den üblichen Gesetzen der Zauberei entzieht. Nimm zum Beispiel die Schwerter in unserer Eingangshalle. Ein jedes verfügt über eine besondere Eigenschaft. Eines scheint die Angriffe der Feinde vorausahnen zu können und hilft dir, sie zu parieren. Ein anderes kehrt von alleine immer zu seinem Besitzer zurück. Ein drittes hat die Eigenart, die Klingen der Gegner zu brechen. Die Waffen unterscheiden sich also nicht nur in der Form.«
»Es gibt da ein sehr großes Schwert, einen Bidenhander. Welche Eigenart hat er?«
»Warum? Was interessiert dich an ihm?«
Bidayn senkte verlegen den Blick. »Er war besonders auffällig und … Ich dachte nur …«
Lyvianne konnte spüren, dass noch mehr hinter der Frage steckte, aber sie entschied, dem nicht weiter nachzugehen. »Reden wir nicht von diesem Schwert. Es ist eine verfluchte Waffe, die ihrem Namen alle Ehre macht. Ich wünschte, es würde die Weiße Halle nie mehr verlassen. Und damit sind wir auch schon wieder bei dem Fenster. Manche glauben, ein Fluch hafte an ihm und etwas Dunkles sei in den Zauber eingeflossen, als die Drachen es erschaffen haben. Vor allem für begabte Zauberweber scheint es gefährlich zu sein. Es heißt, das Fenster würde sie rufen – mit einer Stimme, die nur der Gerufene zu hören vermag. Nachts, in den dunkelsten Stunden. Dann öffnet es sich von ganz allein und zeigt Dinge, die einem den Verstand zerrütten können, und manchmal zieht es einen der Zauberer in sich hinein. Verstehst du? Man geht nicht an einen anderen Ort. Man hört auf zu sein und wird ein Teil des Fensters! So wächst seine Macht.«
Bidayn lächelte. Es wirkte ein wenig gezwungen. »Ein Fenster, das Elfen frisst? Das hört sich doch sehr nach einer Schreckgeschichte für Kinder an. Oder gibt es Beweise dafür?«
»Gäbe es Beweise, wäre das Fenster nicht mehr hier. Aber siehst du diesen grünen Glassplitter dort? Da vorn, neben dem leuchtend orangefarbenen Glas? Ich könnte schwören, dass dies genau das Grün der Augen jenes Schülers ist, der hier vor so langer Zeit verschwand. Und ich bin mir fast sicher, dass es dieses Glas vor seinem Verschwinden im Fenster noch nicht gegeben hat. Vielleicht ist er also immer noch hier – verwandelt in eine andere Form und unfähig, sich uns mitzuteilen.«
»Aber müsste man das nicht am Muster des Zaubers erkennen können?«
Lyvianne lachte. »Ein überaus kluger Einwand. Hast du dir jemals ein Artefakt angesehen, das von Drachen erschaffen wurde? Ich sagte ja schon, sie weben Zauber anders als wir. Es ist etwa so, als würdest du ein Spinnennetz mit einem feinen Seidentuch vergleichen. Beides wurde aus einem Insektenfaden erschaffen. Und das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Die Zauber der Drachen sind unendlich viel komplexer und feiner gewoben, als es unsere Zauber sind. Öffne dein Verborgenes Auge, schau auf das Fenster, und du wirst geblendet sein, so viele Kraftlinien laufen in den Zauberwerken der Drachen zusammen. Wo Drachenzauber wirken, wird das natürliche magische Netz, in das alle Dinge eingewoben sind, verzerrt.«
»Du meinst, sie verändern die Schöpfung der Alben?«
Lyvianne war von der Frage überrascht. Sie selbst war einst so sehr von der Macht und Brillanz der Drachenmagie geblendet gewesen, dass sie lange gebraucht hatte, bis sie diese letzte Konsequenz erkannt hatte. »In der Tat, darauf läuft es hinaus«, entgegnete sie, darauf bedacht, nicht wertend zu klingen.
»Und die Alben lassen es geschehen?«
»Würden unsere Schöpfer etwas dulden, das nicht in ihrem Sinne ist?« Lyvianne zuckte mit den Schultern. »Deine Fragen führen auf das Gebiet der Philosophie, vielleicht sogar der Ethik. Ich muss gestehen, auf diesem Terrain bin ich nicht sonderlich bewandert. Manche verachten mich sogar für meinen scheinbaren Mangel an Ethik oder Gewissen.«
Bidayn wirkte auf sie verunsichert, aber auch neugierig. Lyvianne war sich sicher, dass sie die junge Schülerin in den nächsten Monden ganz und gar auf ihre Seite ziehen konnte. Die Kleine fühlte sich zu den Verfolgten hingezogen. Zu den ungerecht Behandelten. Wahrscheinlich war sie deshalb Nandalees Freundin geworden.
»Ich werde selbst von einigen der Lehrer hier verachtet, denn ich strebe nach Vollkommenheit. Und ich glaube, der Weg dahin, unser Volk vollkommener zu machen, führt über ein tiefes Verständnis von Magie. Die meisten hier aber denken nur an die Vervollkommnung ihrer Schwertkampftechnik. Also halten sie mich für seltsam.« Sie lächelte. »Aber belaste dich nicht damit.«