»Ich weiß nur zu gut, was du meinst«, entgegnete Bidayn niedergeschlagen.
»Wirklich?«
»Ailyn verprügelt mich, weil ich ungeschickt bei den Schwertkampfübungen bin. Meine beste Freundin zeigt mit jedem Tag, den sie hier verbringt, mehr, dass eigentlich ein Troll in ihr steckt. Und die meisten meiner Mitschüler reden nicht mit mir, wahrscheinlich, weil sie mir anmerken, dass ich keine Kriegerin bin.«
»Eines Tages werden sie zu dir aufsehen, Bidayn. Du trägst etwas in dir, das man sich nicht durch Übung erwerben kann. Du bist begabt als Zauberweberin. Ich werde diese Begabung fördern, aber das muss unser Geheimnis bleiben. Ich kann dir etwas zeigen, das dich die meisten Schwertkämpfe gewinnen lässt. Du wirst mehr Respekt genießen. Hast du Mut?«
»Ich weiß nicht …«
Lyvianne trat an eines der Regale und nahm ein Buch heraus. »Nimm das hier! Ich stelle mich ans andere Ende des nächsten Zimmers. Wenn ich dort bin, zählst du laut bis drei. Dann schleuderst du das Buch mit aller Kraft auf den Boden. Und behalte mich im Auge.«
Bidayn sah sie stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich hielt sie das Ganze für albern.
Lyvianne ging in das Nebenzimmer und sprach leise ein Wort der Macht. Sie hörte, wie sich Bidayns Stimme verzerrte. Immer länger und undeutlicher wurden die Silben. Sie sah, wie das Mädchen das Buch schleuderte, und schnellte los.
Das Buch schwebte langsamer als ein fallendes Blatt. Sie hätte nicht laufen müssen. Selbst wenn sie geschlendert wäre, hätte sie es noch rechtzeitig gefangen. Lyvianne legte die Hand unter das fallende Buch und brach den Zauber mit einem zweiten Wort.
Bidayn keuchte erschrocken auf. »Du warst wie ein fließender Schatten. Ich habe dich kommen sehen … Und auch nicht. Du warst … zu schnell. Wie macht man das?«
»Das ist Drachenmagie. Eine ihrer Spielarten. Sie sind launische Herren, aber manchmal ist der Lohn für meine Dienste, dass sie mich ein Wort der Macht lehren. Es ist eine ganz andere Art zu zaubern, als wir sie kennen. Du sprichst ein einziges Wort, und die Wirklichkeit um dich herum verändert sich. Sie haben viele solcher Zauber. Es ist schwer, jene Worte der Macht zu erlernen, denn sie sind nicht für Elfenzungen geschaffen. Aber wenn du sie beherrschst, dann verändern sie deine Welt. Niemand wird dich mehr wegen deiner Schwertkampfkünste verspotten. Ein Wort, und du bist nicht mehr Schülerin, sondern Meisterin.«
Lyvianne sah, wie sich Bidayns Augen weiteten. Sie sah ihre Träume zum Greifen nah. »Und du glaubst wirklich, ich könnte es lernen?«
»Das wird sich zeigen. Du musst bereit sein, Opfer zu bringen. Manche lassen ihre Zunge spalten, um die Worte der Macht erlernen zu können. Manche verändern sich auch auf subtilere Art. Wir überschreiten eine Grenze, wenn wir Drachenmagie erlernen. Wir verlassen die Welt, wie sie für uns Elfen erschaffen wurde.«
Die Kleine wirkte nun wieder zögerlicher. »Hast auch du …«
»Nein, meine Zunge ist nicht gespalten. Einige erlernen die Worte auch ohne diesen Eingriff. Manchmal genügt Hingabe.«
»Aber wozu brauchen die Drachen uns, wenn sie so machtvoll sind? Ich verstehe das alles hier nicht. Wozu gibt es die Drachenelfen? «
»Wir sind ihre Spitzel. Und ja, wir sind auch ihre Mörder. Wir sind weniger auffällig. Wenn ein Drache durch das Goldene Netz geht, ist es so, als würdest du einen Stein, groß wie dein Kopf, in einen Tümpel werfen. Er schlägt Wellen. Es ist unmöglich, dass die Devanthar es nicht bemerken. Eine der Himmelsschlangen hat sich in die Welt der Menschen gewagt … Der Purpurne. Er kam nie zurück. Aber wenn wir Elfen gehen, ist das etwas anderes. Wir sind wie ein Staubkorn, wenn wir in der Metapher mit dem Tümpel bleiben. Uns bemerkt man nur, wenn man uns erwartet.«
»Aber wenn die Drachen solche Meister der Magie sind, können sie dann ihre Bewegungen im Goldenen Netz nicht verheimlichen? Gibt es nicht für alles einen Zauber?«
Lyvianne war begeistert. Die Kleine dachte schnell. Endlich einmal jemand, mit dem zu reden sich lohnte! »Selbst wenn die Drachen gelernt haben, ihre Bewegungen zu verschleiern, betrachten sie es als klüger, unsere Leben zu wagen statt ihre eigenen. Ich glaube, je machtvoller man wird, desto vorsichtiger wird man. Schließlich gibt es mehr zu verlieren als zu gewinnen.«
»Und deshalb haben sie uns zu ihren Dienern gemacht.«
Lyvianne mochte die Vorstellung nicht, eine Dienerin zu sein, auch wenn Bidayn, nüchtern betrachtet, recht hatte. »Meistens sind wir frei. Und wir ziehen ja unseren Nutzen aus dem Pakt, den wir mit den Drachen schließen. Nur manchmal schicken sie eine Jadetafel. So teilen sie uns ihre Befehle mit oder sie zitieren uns zu ihnen.«
»Du hast einen Traum, nicht wahr?« Ein Hauch von Rebellion schwang in Bidayns Frage, und in diesem Augenblick entschied Lyvianne, dass dieses Mädchen die Richtige war.
»Nichts zerstört Träume sicherer, als sie im falschen Augenblick laut auszusprechen. Es wird eine Zeit kommen, in der wir gemeinsam träumen, Bidayn. Doch nicht in dieser Nacht. In dieser Nacht werde ich dir nur anbieten, meine Trauer mit mir zu teilen.«
Die Kleine musste lernen, ihre Gefühle besser zu beherrschen, dachte Lyvianne. Bidayns Gesicht war wie ein offenes Buch. Sie konnte ihre Gefühle nicht verbergen. Das konnte ihr zum Verhängnis werden.
»Komm dicht zu mir.« Sie legte Bidayn einen Arm um die Schultern und ein Anflug von Bitterkeit überkam sie. Es waren viele Monde vergangen, seit sie das letzte Mal jemanden im Arm gehalten hatte. Sie dachte an Flamingos. An eine warme Nacht. An die Augen ihres kleinen Jungen. Diese Augen … Wie sehr sie gestrahlt hatten, wenn sie sich morgens über sein Bett gebeugt hatte!
Es kostete sie Überwindung, das Wort in der Zunge der Drachen über die Lippen zu bringen. Ein Kloß saß ihr im Hals. Ihr wurde bewusst, dass sie Bidayn fester an sich drückte, als es sich geziemte. Sie atmete aus und versuchte allen Schmerz und alle Bitternis aus sich fließen zu lassen. Versuchte nur noch die langbeinigen Vögel vor sich zu sehen. Die Flamingos.
Das runde Fenster schien sich in seinem Rahmen zu drehen. Dann kam Bewegung in die Linien aus Gold, die die tausend bunten Glassplitter zusammenhielten. Alles wirkte verzerrt und unwirklich, wie in einem Rausch. Ihr wurde übel, und sie hörte Bidayn keuchen. Die Farben tanzten vor ihren Augen. Etwas Körperloses schien plötzlich in der Kammer zu sein. Strahlendes Licht fiel durch das Fenster, obwohl dahinter eine Felswand lag.
Lyvianne stöhnte auf. Etwas zerrte an ihr und sie konnte den Blick nicht von den tanzenden Lichtern wenden. Wenn sie eins wurde mit den Lichtern, würde ihre Traurigkeit für immer enden. Dann wäre sie bei ihren verlorenen Kindern. Sie musste nur drei Schritte tun!
Plötzlich verebbte die Lichterflut. Ganz deutlich sah sie einen nächtlichen See. Hunderte Vögel standen in dem ruhigen Wasser, die Köpfe ins Gefieder gesteckt.
»Mingo …«, flüsterte sie und drückte Bidayn erneut an sich. Dann begann sie leise das Lied zu singen, das ihren Sohn so oft in den Schlaf begleitet hatte.
Ein einsamer Tod
»Wir benutzen auch Dattelkerne, Unsterblicher. Große Mengen von Dattelkernen. Aber Holzkohle ist besser. Nur geht uns das Holz aus. Aber das Kupfer holen wir gleich hier aus dem Fels.« Jitro, der Schmelzmeister, deutete stolz auf die lange Reihe von Meilern, die in einer Bodensenke lagen. Artax nickte und ließ den Blick über die weiten Berge schweifen, die sich blassblau gegen den Horizont abzeichneten. Beige Staubfahnen zogen über das ausgedörrte Land. Es war heiß. So heiß, dass er den Maskenhelm nicht tragen konnte. Er hatte stattdessen ein feines Leintuch um den Kopf geschlungen. Nur seine Augen waren noch zu sehen. Artax kannte diese Gegend. Nur drei Wegstunden von hier lag das Dorf, in dem er aufgewachsen war. Der Ort, an dem er davon geträumt hatte, reich genug zu werden, um eine Frau zu bekommen. So viele Monde waren seitdem vergangen und seine Welt stand immer noch auf dem Kopf.