Artax reiste gern. So konnte er der Last des Königshofs entfliehen. Den Ritualen, den Schreibern und Bittstellern. Auf Reisen erreichten ihn nur noch die wirklich dringenden Nachrichten. Und Aaron hasste es! Aaron … Sein Quälgeist war mächtiger, als er erwartet hätte. Das wusste er jetzt. Er mied Alkohol ebenso, wie er darauf achtete, sich in seinem Streben, das Reich zu ordnen, nicht zu sehr zu erschöpfen.
»Und in den Schachtöfen gewinnen wir die Gusskuchen. Große Fladen aus Kupfer«, fuhr der Schmelzmeister fort.
Artax war dankbar, dass Jitro einfach weiterredete und so tat, als habe er nicht bemerkt, dass sein Herrscher in Gedanken abgeschweift war. Wehmütig blickte er zum dichten schwarzen Rauch auf, der aus den Schmelzöfen quoll. Er war mit den Rauchsäulen am Horizont aufgewachsen und wusste, dass sie sowohl Reichtum als auch bittere Not bedeuteten. Dennoch war er war nie hierhergekommen, in die Minensiedlung Um el-Amad. Die Schmelzen und Bergwerke waren fester Bestandteil ihres Lebens gewesen, und doch hatte kaum jemand aus seinem Dorf sie je gesehen. Sie waren drei Wegstunden entfernt. Unendlich fern für einen Bauern, der es sich nicht leisten konnte, einen halben Tag seine Felder zu verlassen, nur um seiner Neugier hinterherzulaufen.
»Wie holt ihr das Kupfer aus den Steinen heraus?«
Rußspuren waren in die Falten von Jitros Gesicht eingebrannt — so tief, dass kein Wasser sie je würde fortspülen können. Seine dunkelbraunen Augen strahlten, doch so wie der Schatten dahintreibender Wolken über die Erde glitt, fiel plötzlich der Schatten des Zweifels auf sein Antlitz. Artax ahnte, was der Schmelzmeister dachte. Warum stellte der Unsterbliche eine solche Frage? Hatte er etwas falsch gemacht? Er kannte diese Furcht in den Augen der einfachen Leute. Aaron hätte sich daran geweidet. Bastard!
»Um ein großes Reich zu führen, Jitro, muss man es verstehen«, sagte er freundlich, bemüht, die Ängste des Schmelzmeisters zu zerstreuen. »Stell es dir wie einen großen Obstbaum vor. Viele Fürsten interessieren sich allein für die Früchte des Baumes. Ich aber will ihn ganz kennen, von der tiefsten Wurzel bis zum äußersten Trieb. Ich will verstehen, wie das Kupfer aus dem Fels geholt wird und wie die Gusskuchen entstehen. Ich will die Wege kennen, auf denen man es zu den Bronzeschmelzen bringt. Und wie die Schwerter und Speerspitzen gegossen werden, mit denen ich meine Krieger bewaffne.«
»Ihr seid wahrlich ein lebender Gott, Unsterblicher!«, sagte der Schmelzmeister, der sich noch immer sichtlich unwohl fühlte. Er trug ein Gewand aus feinem Leinen mit braunen Längsstreifen auf weißem Grund. Eine Wahl, die ihm nicht schmeichelte. Er war ohnehin schon schlank. In diesem Gewand wirkte er hager. Auf eine Kopfbedeckung verzichtete Jitro. Sein Haar war zerzaust und begann sich zu lichten. Brandnarben auf seinen Händen und breite dunkle Ringe unter den Fingernägeln verrieten, dass er bei der Arbeit mit anpackte, auch wenn er jetzt, in ein kostbares Gewand gekleidet, den Herrscher Arams an den Stolleneingängen und Schachtöfen vorbeiführte. Artax mochte den Mann. Auf Männern wie Jitro beruhte die Kraft des Reiches und nicht auf den Speichelleckern im Palast von Akšu, die ihn umschwirrten wie Schmeißfliegen ein Stück Aas.
»Warum habt ihr den Ort Um el-Amad genannt? Mutter aller Säulen heißt das, nicht wahr?« Die wenigen Arbeiter und Steinhauer in der Nähe wirkten überrascht. Niemand hätte damit gerechnet, dass der Unsterbliche einen Dialekt aus einer fernen Provinz beherrschte.
Aus Jitros Gesicht wich das Misstrauen. Artax wusste, dass er ihn nun für alle Zeiten gewonnen hatte.
»Wir konnten bislang nur eine Gesteinsschicht finden, die sehr kupferhaltig ist. Alle Tunnel führen in diese Schicht. Wir nehmen so viel wie möglich von dem Gestein fort, und so ist eine riesige Höhle entstanden, deren Decke zwischen drei und vier Schritt hoch ist. Damit sie nicht einstürzt, lassen wie einzelne steinerne Pfeiler stehen, und es sieht aus, als würde die Höhle von Hunderten Säulen getragen. Ich kann Euch gern dorthin führen, Unsterblicher.«
Artax lehnte freundlich ab. Er liebte die Weite, und die Vorstellung, in eine Höhle tief im Berg vorzudringen, fand er beklemmend. Artax seufzte, er vermisste Nangog und die Reise auf seinem Palastschiff. Und er vermisste Shaya.
Wo er doch für jeden Finger hundert hübschere Weiber haben könnte. Häng nicht dein Herz an Menschen. Du bist ein Unsterblicher. Du gehörst nicht mehr zu ihnen. Du benutzt sie nur noch.
Und du und all die anderen, ihr seid längst tot. Wann werdet ihr euch endlich fügen und mich mit Grabesschweigen beglücken, dachte Artax ärgerlich. Diese Stimme machte ihn müde. Er hatte sich völlig von seiner Verletzung erholt und die Stimme mittlerweile gut im Griff, aber er fürchtete, was geschehen würde, wenn er wieder krank und schwach wurde. Das war seine einzige Angst.
Du solltest dich auch davor fürchten, dass wir verstummen. Ohne unsere Erinnerungen bist du nichts!
Artax schüttelte den Kopf. Eine dumme Angewohnheit, die er sich zugelegt hatte und die dennoch nicht half, die lästige Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Er konzentrierte sich auf Jitro. »Wie steht es mit der Erzschmelze? Wie holt ihr das Metall aus dem Gestein?«
»Natürlich, Erhabenster. Die Schmelze. Wir zerkleinern das erzhaltige Gestein. Dann beschicken wir den Schachtofen mit Holzkohle. Wir füllen ihn zu etwas mehr als einem Drittel damit. Darüber lagern wir das Gestein. Siehst du die gemauerten Luftkanäle am Boden? Sobald die Holzkohle entzündet ist, verstärken wir die Glut, indem wir durch große Blasebälge Luft hineinführen. Sie kann nach oben durch den Schacht entweichen. Das zerkleinerte Gestein wird so heiß, dass es sein Kupfer ausschwitzt. Die Metalltropfen rinnen hinab und sammeln sich am Grund des Schachtofens zum Schmelzkuchen. Wenn die Holzkohle verbrannt ist, sackt die Gesteinsschlacke von oben herab. Wenn sie halbwegs abgekühlt ist, bergen wir den Schmelzkuchen und schaffen die Schlacke fort. Sollte der Schmelzkuchen zu stark verunreinigt sein, schmelzen wir ihn ein zweites Mal ein, um Kohle-und Gesteinsreste zu entfernen. Meist jedoch ist das nicht nötig.«
Nachdenklich blickte Artax die Reihe der Schachtöfen entlang. Um el-Amad brachte Reichtum in die Region. Aber letzten Endes würde die Minensiedlung alles in weitem Umkreis zerstören.
»Woher bekommt ihr die Holzkohle, Jitro?«
»Die Kohle macht uns zu schaffen«, bekannte der Schmelzmeister. »Sie wird von Jahr zu Jahr teurer und muss von immer weiter hergeschafft werden.« Er deutete zur fernen blauen Linie der Berge. »Wir haben Holzfäller und Köhler in den Bergen. Sie schlagen Zedern und Kiefern und verarbeiten sie zu Holzkohle. Aber sie müssen jetzt tiefer in die Berge ziehen. Einen Teil der Kohle bekommen wir auch von den Bauern der Umgebung. Sie verdienen sich ein Zubrot damit. Die Kinder und Weiber hier aus der Siedlung ziehen los, um dürres Gestrüpp einzusammeln, das wir brauchen, um die Holzkohle anzufeuern. Es ist ein mühseliges Geschäft, Erhabener. Auch müssen wir das Wasser von weit herschaffen, denn die einzige Quelle hier ist mit den Jahren bitter geworden und ihr Wasser können wir nicht einmal mehr den Mauleseln zu saufen geben.«
»Wie viele Eselslasten Güter müsst ihr heranschaffen, damit eine Eselslast Kupfer Um el-Amad verlassen kann?«
Jitro kratzte sich nachdenklich den Bart. »Diese Frage hat noch nie jemand gestellt. Wenn wir die Kohle rechnen, das Wasser, die Lebensmittel … Ich weiß es nicht, aber es werden wohl mindestens dreißig Eselslasten sein. Vielleicht auch noch mehr. Und wenn man noch das Holz rechnet, das geschlagen werden muss und von den Köhlern weiterverarbeitet wird.« Er grinste und zeigte zwei Reihen gelblicher Zähne. »Und doch verkaufen wir unser Kupfer am Ende noch mit Gewinn. Wer hierherkommt, wird reich.« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn er überlebt. Schwächlinge und jene, die einfach zu viel Pech haben, werden durch die Öfen oder die Mine getötet.«