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Artax wusste, wovon der Schmelzmeister sprach. Sie waren auf ihrem Weg hierher an dem weiten Gräberfeld vorbeigekommen.

»Erhabener, ich weiß, es ziemt sich nicht, Euch, den Freund der Götter, den Lenker des Reiches und Herren aller Schwarzköpfe, um etwas zu bitten, aber da ist etwas in den Bergen …« Jitro senkte den Blick. »Ich habe den Satrapen gebeten, dass er Jäger und Krieger schickt, aber ich habe nie mehr etwas davon gehört. Ich … Vielleicht könntet Ihr helfen, Unsterblicher? Da ist etwas in den Bergen. In einer engen Schlucht. Auf den Hängen stehen sehr viele Bäume, aber niemand wagt sich mehr dorthin. Wenn Ihr helfen könntet, könnten wir dort Holz für fünf Monde schlagen. Und es liegt viel näher als die Orte, zu denen ich meine Holzfäller und Köhler jetzt ausschicke.«

»Und was hat es mit dem Ort auf sich?«

»Dort ist etwas, das Menschen frisst. Und wenn es ihren Leib nicht nimmt, dann frisst es zumindest ihren Verstand. Ein Ort, der böse ist. Aber mit all Euren Kriegern, Unsterblicher, könntet Ihr das Böse dort gewiss besiegen.«

Artax erinnerte sich dunkel, in seiner Kindheit Geschichten von einem Tal gehört zu haben, das die Götter den Menschen verboten hatten. Allerdings hatte er, als er größer wurde, nicht viel darum gegeben und die Geschichten für Märchen gehalten – so wie all die anderen Erzählungen von Pferdemännern, bösen Zauberinnen und einem Drachen, dessen Flügel einst die Sonne verdunkelt hatten, sodass alles in ihrem Schatten verderben musste. Ihn hatten die greifbaren Dinge interessiert. Dass viele Männer, die zur Mine von Um el-Amad gingen, dort starben oder als Krüppel in ihre Dörfer zurückkehrten. Nur wenige waren dort reich geworden. Ganz anders war es mit den Geschichten um die Fremde Welt. Dort war der Reichtum zum Greifen nahe, so hieß es. Und die Männer kamen nicht zurück, weil sie das Elend in den Dörfern ihrer Heimat nicht mehr sehen mochten.

Er dachte zurück an den Tag, als Blut vom Himmel gefallen und der unsterbliche Aaron gestürzt war. Seine Geschichte, die Geschichte des Bauern Artax, der auszog, sein Glück zu finden und zum Herrn aller Schwarzköpfe wurde, klang wie ein Märchen und doch war es die Wahrheit. Und weil es so war, würde diese Geschichte niemals erzählt werden. Wie viel Wahrheit wohl in den Geschichten um das verfluchte Tal steckte? War dies mehr als ein Märchen? Hatte er die Macht, die Leute hier von dieser Angst zu befreien?

»Du sagtest, nicht alle, die zum verfluchten Tal gegangen sind, seien dort gestorben?«

Jitro schlug hastig ein Schutzzeichen. »Beim Löwenhäuptigen, nein. Aber es wäre für sie vielleicht besser gewesen zu sterben. Einer unserer Holzfäller kam zurück, aber man konnte mit ihm nicht mehr vernünftig reden. Er war …« Der Schmelzmeister suchte nach Worten und hob hilflos die Hände. »Er war … anders. Er war stark wie ein Ochse, vorher … Nein, das ist nicht richtig. Er war auch danach noch stark. Aber eine Angst, die er uns nicht begreiflich machen konnte, hat ihn zerfressen. Er fing immer wieder an zu schreien. Ganz überraschend. Bei Tag und bei Nacht. Er hat etwas gesehen … das sonst niemand sah. Er hat sehr viel Unruhe in die Siedlung gebracht.«

»Was ist aus ihm geworden?«

»Er konnte hier nicht mehr leben … Ich bin nicht stolz auf das, was wir getan haben, aber ich musste auch an die anderen denken. Wir haben ihm ein etwas abgelegeneres Haus gegeben. Bei der Wasserquelle, die bitter geworden ist. Es ist etwa eine halbe Meile entfernt. Wir haben ihm auch weiter Wasser und Essen gebracht. Ihr müsst verstehen, Erhabener … Die Frauen und Kinder. Seine Schreie haben sie geängstigt. Es konnte so nicht weitergehen.«

»Und er ist dort geblieben, in dem Haus?«

»Wir haben dafür gesorgt.« Der Glanz in Jitros Augen verblasste. »Ich sagte schon, ich bin nicht stolz auf das, was geschah. Wir … Wir haben ihn angekettet. Er konnte nicht fort von seinem Haus. Aber wir haben ihn gut versorgt!«

»Kann ich dieses Haus einmal sehen?« Artax fragte sich, wie lange der arme Kerl dort wohl angekettet und in Einsamkeit vor sich hinvegetiert hatte.

»Es gibt da nichts Besonderes …« Ein Blick von Artax ließ den Schmelzmeister zusammenzucken. »Ja, Erhabener. Ich werde Euch dorthin bringen. Natürlich …«

Artax war verärgert. Im Grunde hielt er Jitro für einen guten Mann. Aber diese Geschichte hier … In Belbek, seinem eigenen Dorf, waren die Verrückten auch manchmal weggesperrt worden. Ihre Familien schämten sich ihrer. Auch Gajane, die Dorfirre, war von ihrer Schwester manchmal in den Ziegenstall gesperrt worden. Er hielt das für falsch, aber so standen die Dinge nun einmal. Sehr viel wütender war er darüber, dass der Provinzsatrap nichts unternommen hatte, obwohl er von Jitro um Hilfe gebeten worden war. Sein nächstes Reiseziel war Nari, die größte Stadt dieser Satrapie. Er würde den Stadtfürsten für seine Untätigkeit zur Rede stellen und dafür sorgen, dass ein Trupp Krieger ausgeschickt wurde, um sich dieses ominösen Übels anzunehmen.

»Ich werde dir helfen, Jitro«, sagte er entschieden.

Der Schmelzmeister nickte dankbar, aber ein letzter Rest Furcht in seinem Gesicht blieb.

Der Weg zu der abgelegenen Hütte führte an den Schlackenhalden bei den Schachtöfen vorbei. Noch zehn Schritt entfernt konnte Artax die Gluthitze der Öfen spüren. Die Arbeiter an den großen Blasbälgen wechselten sich ab. Ihre Leiber glänzten vor Schweiß. Sie verbeugten sich demütig, während er vorüberging.

Beißender Rauch hing in der Luft und ein kleiner Hund hob die Schnauze aus einem Müllhaufen und starrte ihn an. Die Felswand, in der die Mineneingänge klafften, war von Ruß geschwärzt. Sie ließen die Arbeitsstätten hinter sich und kamen an einem Rinnsal vorbei, das sich in einer Kette stinkender Pfützen verlor.

Ein Stück entfernt sahen sie ein Haus, das sich in den Windschatten eines Hügels duckte. Die Tür stand weit offen, ein einzelner Fensterladen hing schief in seinen Angeln. Die Hütte war aus graubraunem Stein gebaut. Das Dach aus Schilfgras war dick mit dem hellbraunen Staub bedeckt, den der Wind aus der Steppe heranwehte.

»Das ist das Haus«, sagte Jitro. »Nichts Besonderes.«

Artax ging weiter. »Wie ist er gestorben?«

Jitro seufzte. »Er hat sich seinen Kopf eingeschlagen. An der Wand neben seinem Schlafplatz. Ganz sicher sind wir uns nicht, was geschehen ist. Aber ich glaube, er hat seinen Kopf immer wieder gegen die Wand geschlagen … Fast, als hätte er etwas aus seinem Kopf herausbekommen wollen.«

Sie hatten die Hütte erreicht. Artax musste sich ducken, als er durch die niedrige Tür trat. Es roch nach Staub. Der Boden bestand aus gestampftem, rotem Lehm. Es musste einmal eine Zeit gegeben haben, zu der das Haus recht ordentlich ausgesehen hatte. Die Innenwände waren früher einmal verputzt gewesen. Unter den Dachbalken entdeckte er Reste von Gips oder Kalk. Jetzt aber waren alle Wände beschmiert. Mit Holzkohle und etwas anderem … Eingetrocknetem Blut? Ein Strohsack lag nahe der gemauerten Feuerstelle und der Boden war übersät mit Scherben zerbrochener Tongefäße. Artax hatte das Gefühl, dass es hier kühler war. Das ganze Haus bestand nur aus einem einzigen Zimmer, etwa vier mal fünf Schritt groß. Größer als das Haus, in dem er aufgewachsen war.

Die feinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf. Etwas war hier …

Jitro stand am Eingang. Er hatte keinen Fuß über die Schwelle gesetzt. Ein wenig hinter dem Schmelzmeister stand sein Hofstaat. Die Leibwächter, angeführt von Juba, zwei ortskundige Führer, einige Schreiber. Das war das ganze Gefolge, das er auf Reisen um sich duldete. Sie alle hielten Abstand. Sie hatten gelernt, dass er es nicht mochte, wenn er sich ständig umlagert fühlte.

»Ein gutes Haus. Warum wird es nicht mehr genutzt?«

»Weil die Leute abergläubisch sind, Erhabener. Sie haben Angst, dass etwas von dem Wahnsinn in die Wände gesickert ist. Dass er auch sie ergreifen könnte, wenn sie hier leben.«

»Und deshalb kommst auch du nicht herein?«

»Meine Mutter hat mich gelehrt, dass es klüger ist, sein Schicksal nicht herauszufordern.«