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»Ich dachte, du würdest vor keinem Mann knien.«

»Du bist ein Drache. Und mach dir bloß keine Hoffnungen. Ich will nur deine Kralle sehen.«

»Ständig stehe ich auf dem Prüfstand«, grummelte er verstimmt, legte aber dennoch eine seiner Krallen in ihre Handfläche. Kohlschwarz und glatt, die Spitze scharf und ziemlich tödlich. Sie schloss ihre Hand darüber und bestaunte die Tatsache, dass ihre langen Finger sie kaum umschließen konnten.

»Wie ist es?«

»Was? Ein Drache zu sein?«

»Nein.« Sie lächelte, als sie die Kralle losließ. »Fliegen?«

Er lachte. »Schön.«

»Schön? Nur schön? Mehr hast du nicht zu bieten?«

»Na ja, ich fliege schon fast mein ganzes Leben, deshalb ist es für mich nicht so interessant wie es für dich scheinen mag.«

»Du nimmst deine Gaben für selbstverständlich hin, Drache.«

»Du auch.«

»Und was für Gaben habe ich genau? Die Fähigkeit, dass mein eigener Bruder versucht, mich zu töten?«

»Die Fähigkeit, abgebrühte Krieger dafür zu begeistern, dir in den Kampf zu folgen. Ich kenne wenige, die so eine Gabe haben.«

Annwyl zuckte die Achseln. »Sie waren verzweifelt. Niemand sonst weiß viel über meinen Bruder.«

»Wenn sie verzweifelt wären, hätten sie dich mit einer Schleife um den Kopf zu deinem Bruder zurückgeschickt.«

Annwyl lächelte den Drachen an. Er besaß die verblüffende Fähigkeit, ihr das Gefühl zu geben, dass sie die ganze Welt besiegen könne. Und nach einem langen Tag, an dem sie unzählige Male auf den Rücken geworfen worden und gesagt bekommen hatte, ihre Wut werde sie noch eines Tages umbringen, war es schön, in die Höhle zurückzukommen und von dem Drachen das Gefühl vermittelt zu bekommen, etwas wert zu sein.

Sie setzte sich auf seine Vordertatze und lehnte sich mit dem Rücken an seinen Unterarm. Sie atmete tief und zufrieden aus und spürte, wie ihr schmerzender Körper sich zu entspannen begann. Sie legte die Hände hinter den Kopf und sah hinaus in die dunkle Höhle, erstaunt über die Größe des Heims des Drachen.

Mit mildem Sarkasmus fragte er: »Na, bequem?«

Sie rutschte mit ihrem Hintern auf seinen Schuppen herum. »Ja. Es ist ziemlich bequem, danke!« Sie ließ sich von seinem leisen Lachen überspülen, und ihr Körper entspannte sich noch mehr.

»Annwyl?«

»Aye?«

»Hast du die Narben auf deinem Rücken von deinem Bruder?«

Annwyl musste nicht einmal hinsehen, um zu wissen, von welchen Narben er sprach. Sie hatte am ganzen Körper Narben von Kämpfen. Doch die, von denen der Drache sprach, waren Narben von brutalen Peitschenhieben, die ihren ganzen Rücken bedeckten. Diese Narben gehörten schon länger zu ihr, als sie sich erinnern konnte.

»Nein.« Annwyl räusperte sich und gestand dem Drachen etwas, das sie noch nie vorher vor jemandem zugegeben hatte. »Die habe ich von meinem Vater.« Sie hasste diesen Mann immer noch. Obwohl er schon seit so vielen Jahren tot war, hasste sie ihn immer noch. Sie senkte die Arme und legte die Hände in den Schoß. »Mein Bruder hat dieselben Narben. Eines der wenigen Dinge, die wir gemeinsam haben.«

Annwyl war sich zunächst gar nicht bewusst, dass sie ihre Hände ineinander verkrampfte. So fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Dann legte der Drache zwei seiner Krallen darauf, und ihr wurde klar, dass nur ihr Vater je diese Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Sie schloss die Augen und zwang sich, nicht zu weinen. Wegen diesem Bastard hatte sie genug Tränen vergossen. Mehr würden es nicht werden.

Sie öffnete die Augen, als der Drache sich ausstreckte und seine Vorderbeine verschränkte. Er rückte sie so zurecht, dass sie in seiner Armbeuge saß, während seine Klauen sie sicher bargen. Er senkte den Kopf, bis er über ihren ausgestreckten Beinen lag. Sie starrte ihn einige lange Augenblicke an. Seine Augen schlossen sich; er rührte sich nicht mehr. Ihr wurde klar, dass er wollte, dass sie sich sicher fühlte. Und das tat sie. Er gab ihr seine Stärke, seine Macht, seinen Schutz. Sie fürchtete die rasiermesserscharfen Krallen nicht, die so dicht neben ihrem Körper lagen, oder den mächtigen Kopf mit all seinen gefährlichen Zähnen. Sie fürchtete Fearghus den Zerstörer nicht im Geringsten. Sie staunte über dieses Gefühl. Das Gefühl, sicher zu sein. Es kam ihr seltsam vor, weder Furcht noch Zorn zu spüren. Das Gefühl war genauso neu für sie wie ihr Verlangen nach dem Ritter. Und, das musste sie zugeben: sie mochte beide. Dass zwei verschiedene Wesen so gegensätzliche Emotionen in ihr auslösen konnten, erschütterte sie tief. Egal, was passierte, beide – Drache und Mann – würden sich immer einen Platz in ihrem Herzen teilen.

Annwyl streckte die Hand aus und fuhr leicht mit den Fingerspitzen über die Schuppen an seiner Schnauze. Sie ließ ihre Hand dort liegen, während sie die Augen schloss und sich zurücklehnte.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so blieben, doch als sie schließlich ein Gähnen nicht länger unterdrücken konnte, ergriff Fearghus das Wort. »Du gehst am besten zu Bett, Lady Annwyl.«

»Aye.« Annwyl zog ihre Beine unter dem Drachen hervor, und schüttelte sie beim Aufstehen aus, weil sie eingeschlafen waren. »Dieser verfluchte Ritter, mit dem du mich da zusammengesteckt hast, ist ein ziemlich strenger Aufseher.« Der Kopf des Drachen war immer noch gesenkt, also beugte sie sich nieder und küsste ihn auf seine schwarze Schnauze. »Gute Nacht, Drachenfürst. Und danke.«

»Wofür?«

Sie lächelte. »Für gar nichts. Was genau das war, was ich brauchte.«

Annwyl ging an ihm vorbei und zurück in ihre Kammer. Im Gehen konnte sie es sich nicht verkneifen, mit der Hand über seine ledrigen Flügel und die Schuppen seines Körpers zu streichen.

Fearghus schloss die Augen, als ihre Hand über seinen Körper strich. Etwas, das sie inzwischen fast jeden Abend tat, bevor sie zu Bett ging. Wenn er auch nicht erwartet hatte, dass sie ihn küsste. Es forderte all seine Kraft, sich nicht hier und jetzt zu verwandeln. Ihren Kuss zu erwidern, wie er es tun wollte. Alles zu tun, was er konnte, um ihr den Schmerz über einen grausamen Vater und einen sadistischen Bruder zu nehmen.

Seine Schwester hatte natürlich recht. Unmögliches Gör. Er sehnte sich nach dem Mädchen. Sehnte sich danach, sie sich zu Eigen zu machen. Aber der Grund, warum sie sich so wohl mit ihm fühlte, war, weil er kein Mann war. Von Männern hatte sie nur Schmerz und Missbrauch erfahren. Doch ein Drache beschützte sie. Kümmerte sich um sie. Rettete ihr Leben.

Er stellte sich vor, dass sie seine menschliche Haut so berührte wie sie seine Schuppen berührte. Dass sie mit ihren Händen seinen Körper entlangfuhr, wenn seine Haut von der Verwandlung noch empfindlich war.

Sein gesamter Körper erschauerte bei dem Gedanken, und er machte sich auf den Weg zu seinem See. Das kalte und erfrischende Wasser war jetzt genau das Richtige.

Hefaidd-Hen starrte wütend in die Flammen und fragte sich, was zum Teufel da los war. Er hatte vorher eigentlich nie große Energie darauf verschwendet, in die Düstere Schlucht zu sehen. Es war ihm immer egal gewesen. Doch sein untrüglicher Instinkt sagte ihm, er könne das Mädchen dort finden. Und er musste das Mädchen finden.

Nicht für Lorcan. Es hätte ihn nicht weniger kümmern können, ob der Dummkopf je seine kostbare Rache bekam. Ihm schien, das Mädchen hatte mehr Grund, seinen Bruder tot sehen zu wollen. Doch Hefaidd-Hen brauchte das Mädchen aus anderen Gründen. Er musste den Aufstand aufhalten, und sie war der Schlüssel dazu.

Denn er hatte Pläne. Wichtige Pläne, für die er Lorcan benötigte. Das Mädchen dagegen wäre nie dumm genug, ihm zu vertrauen. Er würde sie nie zu einer Verbündeten machen können. Lorcan dagegen, so versunken in seiner Raserei, merkte nicht einmal, dass jemand wie Hefaidd-Hen seine Zeit niemals mit solch unbedeutenden Kämpfen verschwendet hätte. Es sei denn, er wollte etwas als Gegenleistung.