Also musste das Mädchen aus dem Weg geschafft werden. Jeden Tag zog sie mehr und mehr Loyalitäten von den anderen Königreichen auf ihre Seite. Was als armselige und eher erfolglose Rebellion begonnen hatte, war inzwischen in den tüchtigen Händen des Mädchens zu etwas viel Tödlicherem und Entscheidenderem geworden.
Lorcan bestand darauf, sie lebend zu bekommen, damit er selbst das Vergnügen haben konnte, ihr den Kopf abzuschlagen. Und Hefaidd-Hen würde tun, was er konnte, um den Narren bei Laune zu halten. Zumindest für den Moment. Und wenn das Mädchen zuerst sterben musste, dann musste sie eben sterben.
Hefaidd-Hen sah wieder in die Flammen und runzelte die Stirn. Er konnte immer noch nichts sehen. Was konnte wohl stark genug sein, um ihn abzuschirmen? Es musste mächtige alte Magie sein, denn es gab nur wenige, die es mit ihm aufnehmen konnten.
Wer oder was auch immer die Kleine beschützte, musste ebenfalls sterben.
All diese kleinen Ablenkungen hielten ihn von seinen Plänen ab. Und bald würde seine Geduld ein Ende haben, vor allem mit Lorcan. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass jemand so unsympathisch sein konnte. Doch dieser Mann war es. Niemals froh. Niemals zufrieden. Jedes Versagen wurde mit brutaler und unkontrollierbarer Wut beantwortet.
Hefaidd-Hen fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er seine Geduld mit diesem mickrigen Mann verlieren würde. Er hatte das Gefühl, dass er es bald erfahren würde.
9
»Wenn du ihn willst, dann nimm ihn dir.« Das klang mehr nach einem Befehl als nach sonst irgendwas. Und Annwyl fühlte sich genötigt zu gehorchen. Sie lächelte über ihre eigene Dummheit. Sie wollte diesen Mann. So oder so würde nichts, was diese Hexe sagte, daran etwas ändern.
Annwyl erreichte den Fluss, wo sie und der Ritter sich immer zum Üben trafen. Sie blieb abrupt stehen und sog den Anblick der breiten Schultern und des Rückens, der sich zu den schmalen Hüften hin verjüngte, in sich auf. Er kauerte am Wasser, sein Körper straff und gespannt unter seinem Kettenhemd. Auch ohne dass er sich umdrehte, wusste sie, dass er schön war.
Er spürte ihre Gegenwart und blickte über seine Schulter. »Na hallo, hübsche Lady!« Er strich sich das dichte goldblonde Haar aus dem Gesicht und sah sie anzüglich an. Ganz offen. Versuchte nicht einmal, seine Lust zu verstecken.
»Wer zum Teufel bist du?« Angesichts der Tatsache, dass fast alle die Finstere Schlucht fürchteten, schien es hier in letzter Zeit eine ganze Menge Besucher zu geben, sie eingeschlossen.
»Gwenvael ist mein Name. Und du bist …?«
»Dein schlimmster Feind, solange du mir nicht sagst, was du hier zu suchen hast, Ritter.«
Sie warf einen Blick auf seinen Waffenrock und bemerkte, dass dieser dieselbe Farbe hatte und dasselbe Wappen trug wie der ihres Ritters. Anscheinend noch ein Söldner.
Gwenvael richtete sich zu voller Größe auf, und Annwyl hielt ihr Schwert fester, bereit, es zu ziehen, wenn nötig. Er war riesig. Und sie hatte keinen Zweifel, dass ihr Ritter und dieser Mann Brüder waren.
»Ich bin hier, um den Drachen zu sehen.«
Ihre Augen wurden schmal. »Warum?«
»Sieh an, wir sind wehrhaft!«
»Ja. Das sind wir. Und jetzt beantworte meine Frage!«
»Ich habe eine Nachricht für ihn. Von der Familie.«
»Ach ja? Dann gib sie mir. Ich sorge dafür, dass er sie bekommt.« Sie streckte die Hand aus.
Der Ritter lächelte. »Um genau zu sein, ist die Nachricht in meinem Kopf, meine Süße.« Er nahm ihre Hand und hob sie an seine Lippen. Annwyl sah zu, wie er sanft ihre Fingerspitzen küsste, während er ihr unverwandt in die Augen sah. Sie ließ es ihn beenden, dann kniff sie seine Nase zwischen Daumen und Zeigefinger ein. Sie drehte, bis er vor Schmerzen aufschrie.
»Nicht anfassen! Ich mag es nicht, wenn man mich anfasst!«
»Das habe ich gemerkt.«
»Sag, dass es dir leidtut, oder ich reiße sie dir ab!«
»Tut mir leid! Tut mir leid!«
Sie ließ ihn los. Er rieb sich die Nase und zog einen Schmollmund. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. So niedlich. Und so charmant. Natürlich hätte sie ihm trotzdem nicht einmal ihr totes Pferd anvertraut.
Seine Schwester hatte etwas vor. Das spürte er. Er kannte sie jetzt seit über zweihundert Jahren, und sie ärgerte ihn schon ihr ganzes Leben lang sinn- und pausenlos. Aber jetzt erzählte sie ihm gar nichts. Sie war immer noch zu wütend über die Entdeckung seines Doppellebens.
Doch sie konnte niemals so wütend auf ihn sein wie er selbst es war. Der gestrige Tag hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Er hatte nicht die Absicht gehabt, Annwyl anzurühren, ganz zu schweigen davon, sie zu küssen. Er hatte sich sogar zum Gehen gewandt. Aber wieder einmal konnte er nicht anders. Und als sie seinen Kuss erwiderte …
Doch heute würde alles anders sein. Heute würde er seinen menschlichen Körper unter Kontrolle halten. Heute würde er sie nicht berühren. Er würde sie nicht einmal ansehen. Heute würde er sich der Tatsache stellen, dass sie ein Mensch und er ein Drache war.
Fearghus seufzte. Wann war eigentlich alles so schwierig geworden? Als du sie unbedingt retten musstest, du Idiot. Inzwischen war ihm klar, dass er niemals hätte nach draußen gehen und helfen sollen. Er hätte die Menschen ihren Krieg allein ausfechten lassen sollen, wie sie es seit Jahrhunderten taten. Seit er sich eingemischt hatte, wurde alles schwierig. Kompliziert. Jetzt wohnten seine Schwester und ein Menschenmädchen bei ihm. Wer würde als Nächstes erscheinen, um ihn in den Wahnsinn zu treiben?
Als er auf die beiden stieß, bemerkte er – zu spät –, dass er daran nicht hätte denken sollen. Sie saßen am Fluss. Sein unverkennbarer Charme tropfte ihm aus allen Poren, während sie laut über irgendetwas lachte, das er gerade gesagt hatte. Sie sah fast aus, als würde sie flirten.
Brutale Eifersucht stieg in ihm auf und erstickte ihn beinahe. Er würde den kleinen Bastard erwürgen! Ihn ohne den Rest seines Schwanzes zurück zu ihrer Mutter schicken.
Er trat zwischen den Bäumen hervor, und Gwenvael sah zu ihm auf. »Oh! Sei gegrüßt, großer Bruder!«
Er knirschte mit den Zähnen. Hatte der kleine Bastard ihr alles erzählt? Anders als der Rest ihrer Sippe glaubte Gwenvael nicht an Diskretion. Man brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass man, wenn man Gwenvael eine direkte Frage über Drachen oder auch alles andere stellte, eine direkte Antwort von ihm bekam.
»Ich bin hier, um den Drachen zu sehen.« Er zwinkerte Fearghus zu. Und Fearghus konnte kaum das beinahe überwältigende Bedürfnis unterdrücken, dem Jungen den Kopf abzureißen und ihn auf direktem Weg aus seiner Schlucht zu kicken.
»Ach ja?«, presste Fearghus zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»O ja! Wichtige Familienangelegenheiten führen mich hierher.«
»Tja, warum gehst du dann nicht Morfyd suchen? Ich bin sicher, sie ist in der Höhle. Sie kann dir helfen.«
»Wirklich? Meinst du?« Der kleine Bastard hatte vor diebischer Freude fast Schaum vor dem Mund. Er hatte Fearghus genau da, wo er ihn haben wollte, und das wussten sie beide.
»Da bin ich mir sicher.«
»Also gut. Dann gehe ich wohl besser und suche sie.«
Gwenvaels Grinsen blendete ihn praktisch. Doch als der Bastard Annwyls Hand in seine nahm und sie küsste, wurde Fearghus klar, dass er diesen wertlosen kleinen Streuner definitiv umbringen musste.
»Ich dachte, wir hätten das geklärt, Ritter«, schalt sie ihn lächelnd.
»Das haben wir. Aber ich konnte nicht anders, Mylady.«
Gwenvael stand auf und ging auf Fearghus zu. »Wir sehen uns später, Bruder.«
Die beiden Brüder starrten sich an, bis Gwenvael außer Sicht war.