Er spürte Annwyls gleichmäßigen Atem auf seiner erhitzten Haut, als sie an ihn gelehnt einschlief. Er lächelte, während er sich mit ihr zusammen ins Gras sinken ließ. Er strich ihr das lange Haar aus dem Gesicht und sah auf sie hinab. Kein Stirnrunzeln. Keine Sorgen. Es sah aus, als schliefe sie traumlos.
Er wiegte sie in den Armen und küsste ihre schweißbedeckte Stirn. Dann schloss er die Augen. Wenn sie aufwachten, würde er ihr die Wahrheit sagen. Die ganze Wahrheit.
Ob diese verrückte kleine Kriegsherrin sie hören wollte oder nicht.
10
Annwyl wachte auf und bemerkte, dass die Schatten länger wurden und sie selbst nackt in den Armen des Ritters lag. Sie wandte den Kopf und sah ihm in die Augen. Er beobachtete sie schweigend. Und sie nahm an, dass er das schon eine ganze Weile tat.
Er begann zu sprechen, und Annwyl unterbrach ihn: »Nicht.« Sie löste sich von ihm, hob ihre Kleider auf und ging davon. »Wir sehen uns morgen.«
Wir sehen uns morgen? Fearghus setzte sich auf und sah ihr nach. Sie sah nicht einmal zu ihm zurück, während sie ging und dabei ihre Kleider überzog. Sie würdigte ihn keines Blickes. Sie ließ ihn nicht einmal reden.
Fearghus ballte die Fäuste, Wut durchströmte ihn. Er musste jemandem etwas zuleide tun. Etwas zerstören.
Fearghus’ Augen wurden schmal. Gwenvael.
Grollend stand er auf. Er musste seinen Bruder finden. Er hatte das Bedürfnis, irgendetwas zusammenzutreten, und Gwenvael war dafür gut geeignet.
Gwenvael saß auf einem der Stühle in Annwyls Gemach, die Füße auf dem Tisch. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Er hatte Morfyd die Nachricht überbracht. Und sie würde dafür sorgen, dass Fearghus sie bekam. Jetzt konnte er spielen. Und er hätte all sein Gold verwettet, dass Annwyl ziemlich unterhaltsam sein konnte. Süß. Unschuldig. Und sein Bruder war verrückt nach ihr.
Er machte ihm keinen Vorwurf. Sie war ein schönes Mädchen. Groß. Zernarbt. Ein bisschen gemein. Das hatte er an Frauen schon immer gemocht. Er liebte es, wenn sie gemein waren. Aber das war nicht das eigentlich Interessante. Es war die Tatsache, dass der »Lass mich in Ruhe«-Fearghus schließlich doch noch gefallen war. Und er war unsanft gefallen, wie es aussah. Er hatte gedacht, sein Bruder würde ihm die Eingeweide herausreißen, als er ihn mit Annwyl sprechen sah.
Absolut nichts machte ihm mehr Spaß als wenn er Fearghus wahnsinnig machen konnte. Gut, Fearghus mochte der Erstgeborene sein, doch Gwenvael hatte immer schon das Gefühl gehabt, sein besonderes Geburtsrecht sei es, seine Geschwister zu quälen. Und Fearghus war immer seine größte Herausforderung gewesen und damit sein Liebling. Hauptsächlich, weil Fearghus so ein typischer Drache war. Er bewegte sich niemals schneller als nötig. Er regte sich nie auf oder wurde ernsthaft zornig. Er machte sich niemals Sorgen. Und er schien sich nie um irgendetwas anderes zu scheren als um seine Privatsphäre und seine Ruhe.
Dann kam der Mensch daher. Als Gwenvael hörte, dass Fearghus eine Menschenfrau gerettet hatte, war er schockiert gewesen. Als er herausfand, dass es Annwyl die Blutrünstige war, die berüchtigte Schwester des Schlächters der Insel Garbhán, wurde er neugierig. Und jetzt, wo er seinen Bruder verzweifelt vor Verlangen gesehen hatte … nun, jetzt wurde das Ganze noch viel interessanter.
Abgesehen davon, dachte er mit finsterem Blick, schulde ich ihm immer noch etwas für meinen Schwanz.
Er hörte sie schon aus meilenweiter Entfernung kommen. Die Frau trampelte wie ein Elefant.
Annwyl stürmte in die Kammer und blieb stehen, sobald sie ihn sah.
»Ich habe mich schon gefragt, wo du bist.«
»Was willst du, Gwenvael?« Sie war nicht in derselben Stimmung wie ein paar Stunden zuvor. Er unterdrückte ein Lächeln. Er konnte seinen Bruder überall an ihr riechen. Anscheinend hatte Fearghus endlich aufgehört, sich wie ein Trottel zu benehmen.
»Ich bin nur vorbeigekommen, um dich zu sehen. Ist dagegen etwas einzuwenden?«
Sie seufzte schwer und stapfte durch den Raum. Sie blieb vor einer großen Holztruhe stehen. »Wo kommt die her?« Auf sein Achselzucken hin lächelte sie. »Fearghus.« Sie sagte es so leise, dass er sie kaum hören konnte. Annwyl kniete sich hin und öffnete die Truhe. Darin waren Kleider, aber sie sah nur den Dolch, der obenauf lag.
Er fragte sich, welchem toten Edelmann sein Bruder diesen kleinen Gegenstand aus der Hand gewunden hatte. Gwenvael sah ihr zu, wie sie die Klinge untersuchte und langweilte sich. Zeit, ein bisschen Spaß zu haben.
»Und, wo ist mein Bruder?«
»Ich habe keine Ahnung.« Sie prüfte das Gewicht der Klinge.
»Ich hoffe, du entwickelst keine … na ja, Gefühle für ihn. Das wäre ein Fehler.«
»Ach ja? Und warum?« Sie umschloss den Schaft des Dolches mit einer Hand, während sie die Schärfe der Klinge mit der anderen prüfte.
»Ich glaube einfach nicht, dass er eine Frau wie dich schätzen könnte.«
»Und du?«
Gwenvael schenkte ihr sein spezielles Lächeln, das ihm schon mehr Vergnügen verschafft hatte, als er zugeben wollte. »Ich bin nicht mein Bruder, Mylady.«
Da sprang sie auf.
In Sekunden war sie durch den Raum geflogen und hob ihn vom Stuhl. Sie knallte ihn mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch, das Knie in seinem Rücken, um ihn festzuhalten. Die Spitze ihrer Klinge grub sich in die Haut an seinem Hals. Als Mensch konnte ihn die Klinge mühelos töten.
Sie beugte sich über ihn und sprach ruhig. »Ich weiß nicht, was zwischen dir und deinem Bruder vor sich geht. Und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich werde nicht der Knochen zwischen euch zwei Hunden sein. Also geh mir aus den Augen. Ich bin nicht in Stimmung.«
Damit hob sie ihn vom Tisch und schob ihn aus dem Raum.
Die verrückte Schlampe hatte mehr Kraft als er geahnt hatte, wurde ihm bewusst, als sie ihn stolpernd von sich stieß. Er fiel, schlitterte über den Höhlenboden und kam zu einem abrupten Halt, als ein großer Stiefel gegen seinen Kopf krachte.
Er sah auf und lächelte tapfer. »Oh, hallo, Bruder!«
Mit einem Knurren zog Fearghus ihn am Nacken vom Boden hoch.
Morfyd streckte den Arm aus und riss eine Aoureganwurzel aus. Sie sammelte Substanzen für einen Zauber, der ihr vielleicht helfen konnte, die Schutzbarrieren um Lorcan zu zerstören. Aber das Geschrei war einfach zu störend. Und als ihr kleiner Bruder im wahrsten Sinne des Wortes über ihren Kopf hinwegflog und nicht weit von ihr entfernt unsanft auf dem Boden landete, beschloss sie, dass es Zeit war, etwas zu sagen.
»Fearghus!« Sie trat vor ihren näher kommenden Bruder hin und legte ihre Hand auf seine Brust. »Lass ihn in Ruhe.«
»Lass mich ihn einfach umbringen. Bitte!«
Morfyd biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen. Nach all diesen Jahren kamen ihre Brüder immer noch nicht miteinander aus.
»Nein. Sie wird es dir nie verzeihen, wenn du ihn umbringst. Sie verübelt dir immer noch die Sache mit seinem Schwanz.« Bis heute erinnerte sie sich, wie ihre drei anderen Brüder mit Gwenvaels Schwanzspitze gespielt hatten und ihre Mutter getobt hatte wie nie zuvor. Es war damals lustig gewesen und war es auch heute noch.
»Ich hasse ihn, Morfyd! Ich hasse ihn!«
»Ich weiß.« Sie tätschelte ihrem Bruder die Schulter. »Aber er ist die Last, die wir alle tragen müssen. Unser Kummer.«
»Wisst ihr was?« Gwenvael sprang auf und ließ seine Wut heraus. »Ihr seid alle Mistkerle! Und ich hoffe, dass ihr alle in der Hölle schmoren werdet!«
»Halt dich einfach von ihr fern, du kleiner Spinner!«
»Was ist los, großer Bruder? Kommst du mit deiner Frau nicht zurecht?«