»Was machst du eigentlich da hinten?«
»Nichts, was dir Sorgen machen müsste, Drache.« Sie balancierte ihren Körper aus und bewegte sich über den Rücken des Drachen, Zentimeter um Zentimeter, nur mit den Händen. »Erzähl mir mehr von deiner Familie.«
Fearghus streckte sich aus, und Annwyl stieß ein überraschtes Quieken aus, als sie das Gleichgewicht verlor und hart auf seinem Rücken landete. Der Drache ignorierte sie und legte seinen riesigen Kopf auf seine Arme. »Einmal habe ich meinem Bruder die Schwanzspitze abgeschnitten.«
Annwyl setzte sich lachend auf und fragte sich, wie zum Teufel sie sich entscheiden sollte.
11
Hysterisches Gelächter. Warum hörte er ständig hysterisches Gelächter? Fearghus öffnete ein Auge und sah seine beiden Geschwister. Sie lachten so sehr, dass sie sich praktisch aneinander festhalten mussten. Dafür weckten sie ihn aus seinem tiefen Schlaf?
»Was?!« Er war momentan wirklich nicht in Stimmung für so etwas. Und definitiv nicht für ihn.
Gwenvael brachte eine erstickte Antwort zustande: »Sie hat dir die Haare geflochten, Bruder!«
»Wie die Mähne eines Pferdes!«, fügte seine Schwester hinzu.
Er knurrte, und Gwenvael riss seine Schwester aus dem Weg, bevor der Strom weißer Flammen sie beide traf.
Natürlich dämpfte das ihr Gelächter nicht im Geringsten.
»Wenn du so empfindest, dann solltest du ihm das sagen.« Morfyd warf Annwyl zwei Äpfel zu. »Aber du kannst dich nicht den ganzen Tag hier drin verstecken.«
»Ich weiß.« Annwyl sah ihre Freundin an. »Ich weiß nur nicht, was ich sagen soll.«
»Alles, was sich richtig anfühlt.«
Annwyl nickte und verließ den Raum. Als sie die Höhle des Drachen verließ, kam sie an Gwenvael vorbei. »Wie geht es deinem Hals, Gwenvael?«
Er blickte finster, sagte aber nichts. Wenngleich sie bemerkte, dass er sich so weit wie möglich von ihr fernhielt.
Sie unterdrückte ein Lächeln und ging nach draußen, um ihren Ritter zu suchen.
Sie war so verwirrt. Und sie war dieses Gefühl nicht gewöhnt. Normalerweise traf sie täglich Entscheidungen über Leben und Tod. Auch schon bevor sie die Führung der Revolte übernommen hatte, hatte sie ihr Leben und den Zorn ihres Bruders riskiert, um unschuldigen Menschen zu helfen, die in den Kerkern der Insel Garbhán gefangen waren. Doch ihre Gefühle gegenüber zwei Männern machten sie total unbrauchbar.
Aber sie würde mit dem Ritter sprechen. Ihm sagen, was sie fühlte. Und es höchstwahrscheinlich beenden. Ihr Herz gehörte ihm nicht, wenn auch ihr betrügerischer Körper es tat.
Sie fand ihn am Flussufer kauernd, ähnlich wie Gwenvael am Tag zuvor. Anders als Gwenvael schickte der Anblick seines Körpers jedoch einen Schauer durch sie hindurch, der ihr den Atem nahm.
Sie zwang sich, zu ihm hinüberzugehen. Sich dem Mann zu stellen und ihm genau zu sagen, was sie dachte. Sie wusste, dass er ihre Gegenwart spürte; sein ganzer Körper spannte sich, als sie sich näherte. Wartend. Auf sie wartend. Sie stand eine ganze Weile hinter ihm. Keiner von beiden sprach. Annwyl kauerte sich hin, ihr Körper nah an seinem.
Bevor ihr bewusst wurde, was sie da tat, legte sie den Arm um ihn und küsste die Seite seines starken Halses. Unter ihrer Berührung entspannte sich plötzlich sein ganzer Körper, und er wandte den Kopf, um sie anzusehen. Er gab ihr die perfekte Gelegenheit, etwas zu sagen. Ihm die Wahrheit zu sagen. Aber sie konnte nicht aufhören, seine vollen Lippen anzusehen und sich zu fragen, wie es wohl wäre, ihn noch einmal in sich zu spüren.
Sie küsste ihn, und sein Knurren setzte ihren Körper in Brand. Jemanden zu wollen war eine Sache. Zu wissen, dass er einen genauso wollte, war etwas ganz anderes.
Morgen, dachte sie, als er ihr das Hemd vom Leib riss. Morgen sage ich ihm alles.
Morgen. Morgen sage ich ihr alles. Nur ein Anflug von Schuldgefühlen piekte ihn in seinem Herzen, als Annwyl ihm gierig sein Kettenhemd über den Kopf zog. Morfyd hatte ihn an diesem Morgen überzeugt, dass er Annwyl endlich die Wahrheit sagen sollte. Ihr sagen sollte, dass ihr Drache und ihr Ritter ein und derselbe waren.
Er war auch fest entschlossen gewesen, es zu tun. Er hatte sie hinter sich stehen gespürt und hatte seine Rede gut vorbereitet. Dann waren plötzlich ihre Arme um ihn und ihre Lippen an seinem Hals. Mit diesen einfachen Bewegungen verschwand alle Logik, und alles, woran er noch denken konnte, war, seinen Kopf zwischen ihren Schenkeln zu vergraben.
Es schien, als wären sie beide innerhalb von Sekunden nackt. Fearghus leckte sich ihren Körper entlang nach unten; er liebte das Gefühl ihrer Hände auf seiner Haut und in seinen Haaren. Er machte es sich zwischen ihren Schenkeln bequem, ihre Beine auf seinen Schultern, und glitt mit der Zunge zwischen ihre Schenkel. Er staunte, wie feucht sie schon war, wie eindeutig sie ihn wollte. Mit der Zungenspitze wagte er sich in sie vor, und sie wölbte sich vom Boden hoch. Sie schmeckte so gut, fühlte sich so gut an. Während er langsam mit der Zunge über ihren Kitzler fuhr, wurde ihm bewusst, dass sie alles war, was er wollte, und noch viel mehr.
Er konnte sie nicht aufgeben. Er würde sie nicht gehen lassen. Es musste einen Weg geben, sie zu halten. Ihr zu beweisen, dass sie füreinander bestimmt waren. Und er würde absolut alles dafür riskieren.
Lorcan sah seinen Berater an. »Entschuldige. Könntest du das bitte wiederholen?«
Hefaidd-Hen sprach mit seiner üblichen Bedächtigkeit: »Deine Schwester wird von einem Drachen beschützt, Mylord. Vielleicht auch von zweien. Die Vision war nicht klar.«
»Ich verstehe nicht. Wie kann es sein, dass sie von einem Drachen beschützt wird? Die Menschen hier werden von Drachen gefressen! Ich bin verwirrt!«, brüllte er.
»Ich kann die Beziehung nicht erklären, Lord Lorcan. Ich kann dir nur meine Vision erzählen.«
Lorcan rieb sich den Kopf. »Ist es zu viel verlangt, wenn ich die kleine Schlampe tot sehen will? Ist es das?« Hefaidd-Hen hatte schon vor langer Zeit gelernt, gewisse Fragen nicht zu beantworten. »Ich will doch nur, dass sie einen schmerzhaften, furchtbaren Tod erleidet. Und dass ihr Kopf auf einem Spieß vor meiner Festung steckt. Mehr will ich doch nicht!«
»Das können wir immer noch schaffen.«
»Gegen einen Drachen kämpfen … oder zwei? Ich denke nicht, Hefaidd-Hen. Ich möchte es lieber vermeiden, dass mein letzter Anblick Flammen sind.«
»Vertrau mir, Herr. Ich kann einen Weg finden, deine Schwester zu bekommen und alles, was du wünschst.«
»Wie?«
»Indem ich das tue, was ich am besten kann.«
Lorcan sah seinen Berater an, und eine grausame Kälte überlief ihn. Dessen kalte blaue Augen starrten zurück und verrieten ihm rein gar nichts über den Mann dahinter. Doch Hefaidd-Hen hatte sich in der Vergangenheit wieder und wieder bewiesen. So sehr seine bloße Gegenwart Lorcan beunruhigte: Er konnte nicht bestreiten, dass dieser Mann ein mächtiger Verbündeter war.
»Du hast drei Tage. Danach, Hefaidd-Hen, werde ich langsam zornig.«
»Ich verstehe.« Hefaidd-Hen schenkte Lorcan ein sehr sonderbares Lächeln, bevor er sich tief verneigte und lautlos ging.
Morfyd musste ins Dorf. Eine Frau, die sie betreute, würde in den nächsten Tagen ihr Kind gebären, und alle Zeichen sagten ihr, dass es keine leichte Geburt werden würde. Sie hatte Fearghus schon vorgewarnt, dass sie möglicherweise ab und zu fort sein würde, aber Annwyls Körper heilte gut. Sie brauchte Morfyds Pflege nicht länger.
Als sie die Höhle verließ, begegnete ihr Annwyl, die gerade hereinkam. Das Mädchen hatte ihre Schwerter in einer Hand. Die andere Hand hielt ihr zerrissenes Hemd und ihre Brustbinden vor ihre üppigen Brüste. Die Augenbrauen hatte sie zu einem finsteren Blick verzogen, und sie sah Morfyd nicht einmal an, als sie an ihr vorbeiging.