»Na, wie ist die Aussprache gelaufen?«, rief Morfyd über ihre Schulter.
»Sei still.«
Morfyd lachte, während sie hinaus in die Schlucht zur Lichtung ging, von wo sie abfliegen konnte. Sie kam um eine Ecke und traf auf ihren Bruder, der Kettenhemd und Schwert in seiner großen Hand trug und auf den verborgenen Eingang seiner Höhle zusteuerte. Sie sah ihm nach, als er vorüberging und bemerkte die langen Kratzer auf seinem Rücken.
»Und, wie ist die Aussprache gelaufen?«, rief Morfyd ihm nach.
»Sei still.«
Morfyd schüttelte den Kopf. Wenn Liebe einen immer so armselig machte, dann wollte sie nichts damit zu tun haben.
Brastias zog die Kapuze seines Umhangs über sein Gesicht. Wieder einmal fragte er sich, wie lange es noch dauern würde, bis Lorcan den ersten Schritt machte. Er konnte es fühlen. Spürte es kommen. Sogar bevor seine Spione ihm gesagt hatten, er solle anfangen, seine Männer vorzubereiten, wusste er, dass sich etwas geändert hatte. Lorcans Truppen waren bereit für einen Kampf auf der Insel Garbhán. Und er spürte, dass ein Vorstoß von Lorcan selbst kommen würde, doch er wusste nicht, wann oder wie.
Er wünschte, er hätte Annwyl sehen können. Es mit ihr besprechen. Sie kannte ihren Bruder besser als jeder andere. Sie hätte genau gewusst, wie und wann Lorcans Truppen zuschlagen würden. Stattdessen konnte er nichts anderes tun als auf mehr Informationen zu warten und zu hoffen, dass sie genug Zeit haben würden, um zu reagieren.
Die Tür der vollbesetzten Schenke wurde aufgerissen, und wieder drehte er sich um, um zu sehen, wer hereinkam. Drei Stunden hatte er schon mit Warten verschwendet. Darauf wartend, sie zu sehen.
Danelin brachte ihm noch ein Ale herüber und setzte sich ihm gegenüber. »Wie lange noch?«
»Bis sie kommt.«
Brastias wollte nicht so schroff sein, aber ihm gefiel es genauso wenig wie Danelin, draußen zu sein. Er wäre lieber zurück im Lager; in Sicherheit, mit einer Menge von Soldaten um sich herum. Doch er musste wissen, wie es Annwyl erging. Es war schon Tage her, seit die Hexe namens Morfyd dieses erste und einzige Mal zu ihm gekommen war. Er hoffte, sie würde mehr Nachrichten von Annwyl bringen. Doch sie kam niemals wieder. Als er nun hörte, dass sie im Dorf war, um eine der Frauen zu besuchen, die kurz vor der Niederkunft stand, beschloss er, selbst zu ihr zu gehen. Er hatte gehört, sie käme später am Abend immer in der Schenke vorbei, um etwas zu essen oder zu trinken. Also wartete er und machte sich Sorgen. Nicht über sie oder gar über Annwyl. Sondern über den Aufstand.
Ihm war klar, dass der Aufstand bald enden würde. Die Anspannung wuchs mit jedem Tag. Viele der Dörfer in der Umgebung leerten sich. Alle bis auf dieses. Viele Familien der Aufständischen lebten hier. Ihre Frauen und Kinder. Er dachte darüber nach, den Befehl zu geben, sie alle in die Zitadelle von Ó Donnchadha überzusiedeln, wo sie hoffentlich am sichersten waren. Er wusste, dass die Frauen niemals freiwillig ihre Männer verlassen würden.
Während er über den Sinn dieses Umzugs nachdachte, sah er sie. Wie hätte er sie auch übersehen können? Sie war größer als Annwyl, fast so groß wie er selbst. Ein grauer Umhang verbarg ihre Hexengewänder. Sie fand einen Tisch im hinteren Teil des Raums und bestellte Essen. Als das Schenkmädchen wieder weg war, ging Brastias zu ihrem Tisch hinüber.
»Erinnerst du dich an mich?«
Funkelnde blaue Augen wandten sich ihm zu. Ihre Augen waren mandelförmig, fast wie die einer Katze. »Wie könnte ich dich vergessen, so unwiderstehlich wie du bist?«
Brastias lächelte, als er sich ihr gegenübersetzte. »Wie geht es ihr?«
»Besser. Sie wird jeden Tag stärker.«
»Wie lange dauert es noch, bis sie zu uns zurückkehrt?«
Die Hexe blinzelte. »Da bin ich mir nicht sicher.«
»Was meinst du mit nicht sicher?«
»Was glaubst du, was ich meine?«
Die Unbestimmtheit der Hexe stellte ihm die Nackenhaare auf. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. »Ist sie in Sicherheit?«
Auf diese Beleidigung hin zischte die Hexe: »Natürlich ist sie das! Sicherer als sie es bei dir wäre!«
Brastias sah sie zornig an. »Ach ja? Und wie ist das möglich, wenn du hier bist und sie dort, wo auch immer du sie gelassen hast? Allein?«
Vielleicht war es der Blick ihrer blauen Augen oder die Art, wie sie schwieg, aber plötzlich wurde es ihm klar. »Sie ist nicht allein, oder?« Als die Hexe nicht antwortete, nahm er ihre Hand. Sie entriss sie ihm, als wäre er glühend heiß.
Rasch stand sie auf. »Ich garantiere dir, dass sie sicher ist. Und sie wird bald zu euch zurückkommen. Du kannst mich von Zeit zu Zeit im Dorf finden, falls du ihr eine echte Nachricht überbringen willst.« Sie warf ein paar Kupfermünzen auf den Tisch und stürmte hinaus.
»Was zum Teufel ist passiert?«
Brastias sah zu Danelin auf. Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas geht vor sich.«
Danelin setzte sich, als das Schenkmädchen das Essen der Hexe auf den Tisch stellte und die Münzen einsammelte, die sie dagelassen hatte. »Was?«
»Ich glaube nicht, dass sich die Hexe um sie kümmert. Es ist jemand anderes.«
»Wer?«
»Ich weiß nicht.«
»Glaubst du, sie ist in Sicherheit?«
Brastias dachte einen Moment nach, hörte auf sein Bauchgefühl. »Ja. Ich glaube schon.«
Das schien Danelin zu überraschen. »Warum hast du dann diesen Gesichtsausdruck?«
»Hast du gesehen, wie sie von hier weggerannt ist? Als hätte ich die Pest oder so etwas.«
»Wer? Die Hexe?«
»Aye.«
»Und das stört dich, weil …?«
»Na ja … es ist unhöflich.«
»Hmhm.«
Brastias knurrte seinen Stellvertreter an: »Ach, halt den Mund!«
Fearghus blätterte mit einer seiner Krallen die Seite seines Buchs um. Er hatte sich bisher nie die Mühe gemacht, die Geschichte von seinem Großvater Ailean zu lesen. Doch Ailean verbrachte den Großteil seines Lebens als Mensch. Und in letzter Zeit begann Fearghus, darüber nachzudenken, wie das wohl war.
Völlig versunken in das Kapitel über Ailean und drei Schenkmädchen, merkte er erst, dass Annwyl sich neben ihn gesetzt hatte, als sie sich neben seinem Flügel an seine Seite drückte. Sie hatte Wein, Käse, Brot und ein Buch dabei. Sie sagte kein Wort, begann einfach zu lesen und gelegentlich zu trinken oder zu essen.
Fearghus beobachtete sie. »Was tust du da?«
»Wonach sieht es denn aus?«
»Wird heute Abend nicht geredet?«
Sie lächelte sanft. »Nein, heute Abend nicht.«
»Gut.«
Heute Abend wollte er auch nicht reden. Er wollte einfach sein Buch lesen und es genießen, dass Annwyl an seiner Seite war.
Er wusste nicht, wann er sich in sie verliebt hatte. Es mochte gewesen sein, als er sie vor seiner Höhle zum ersten Mal sah, wie sie um ihr Leben kämpfte. Oder als sie ihn am Schwanz zog. Oder möglicherweise, als sie nackt in seinem See schwamm. Letztendlich war es nicht wichtig. Es war nicht wichtig, wann er sich in sie verliebt hatte. Alles, was er wusste, war, dass er sie jetzt liebte. Und sie lieben würde, bis seine Vorfahren ihn nach Hause riefen.
Er dachte an die zu kurze Lebensspanne der Menschen. Oder zumindest die seiner Annwyl. Selbst wenn sie den Geschwisterkrieg überlebte, würde sie immer noch nicht so lange leben wie Fearghus. Der Gedanke, ohne sie leben zu müssen, durchbohrte ihm das Herz wie eine Lanze. Ein sehr egoistischer Teil von ihm wünschte, er könne sie verlassen. Sie ihr Menschenleben mit irgendeinem Mann leben lassen. Doch wenn er sie ansah, wurde ihm klar, dass das nicht möglich war. Sie tauchte ihren Zeigefinger in den Weinkelch, lehnte den Kopf zurück und ließ den Wein in ihren offenen Mund tropfen. Er schüttelte den Kopf über die unverhohlene Albernheit dieser Frau. Trotzdem konnte er nicht anders als daran zu denken, wie dieser Mund seinen ganzen Körper erkundete. Wie dieser Finger über seinen Schwanz strich und die Flüssigkeit von seiner Eichel wischte.