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»Gut. Gut. Ich mag es, wenn die Dinge klar und deutlich sind. Es liegt einfach in meiner Natur.« Beinahe liebevoll tätschelte es ihm den Rücken. »Wir haben so viele Pläne zu schmieden. Bald wird es viel Blutvergießen geben. Aber du ruhst dich jetzt aus, mein Kleiner. Du wirst deine Schwester früh genug bekommen.«

Lorcan weinte lautlos und betete um Vergessen.

Annwyl sah zur Höhlendecke hinauf, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Der gleichmäßige Atem des Drachen bewegte seine Schuppen sanft unter ihr. Er hatte sie auf seinen Rücken klettern und sie dort hinlegen lassen. Er beschwerte sich nicht, und sie genoss den Augenblick. Seine Mähne fiel über seine Schuppen und fühlte sich seidig an unter ihrer nackten Haut. Sie trug nichts als ihre frisch reparierten Ledergamaschen und ihre Brustbinden. Wieder einmal hatte sie den Tag eng umschlungen mit dem Ritter verbracht. Sie hatten seit Tagen kaum noch trainiert. Stattdessen tollten sie in der Schlucht herum wie zwei läufige Hunde. Aber sie konnte nicht anders. Der Mann tat Dinge mit ihrem Körper; ließ sie Dinge fühlen; führte sie in Höhen, die sie nie für möglich gehalten hätte. Und jeden Abend, wenn die Schatten länger wurden, verließ sie ihn und kehrte zu ihrem Drachen zurück. Schade, dass sie nicht die nächsten tausend Jahre so leben konnte.

»Wie war euer Training heute?« Seine tiefe Stimme grollte durch seinen Körper und ließ ihre Haut vibrieren.

»Gut«, log sie. Sie hatte seit zwei Tagen kein Schwert berührt – zumindest keines aus Metall.

»Schön.«

»Drache?«

»Ja?«

»Hattest du je eine Frau?«

»Was?«

»Ich meine ein Weibchen. Eine Gefährtin. Wie immer deine Art sie nennt.«

»Oh.« Sein Körper bewegte sich ein wenig unter ihr. »Nein, ich hatte keine Gefährtin. Warum?«

»Nur so eine Frage.«

»Was ist los, Annwyl? Was beschäftigt dich?«

Jetzt nichts mehr. Tatsächlich fühlte sie sich erleichtert.

»Annwyl?«

Sie drehte sich um, den Kopf auf die Arme gelegt. »Mir geht es gut, Drache. Ich bin nur neugierig.« Sie schloss die Augen. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so sicher gefühlt. So friedlich. Jetzt wurde ihr bewusst, dass es keinen Mann gab, der ihr dieses Gefühl geben konnte.

Sie lächelte. Das kann auch nur mir passieren: sich in einen Drachen zu verlieben.

Fearghus liebte es, ihren Körper an seinem zu spüren. Die Tatsache, dass sie sich bei ihm sicher genug fühlte, um auf seinem Rücken ausgestreckt einzuschlafen. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie viel ihm dieses Gefühl bedeutete. Wie viel ihm dieses Mädchen bedeutete.

Er hätte auch nicht gedacht, dass seine Gefühle für Annwyl noch stärker werden konnten als sie schon waren, doch er hatte sich geirrt. Sie waren stärker und wurden es mit jedem Tag mehr.

Am Tag lag er als Mensch bei ihr, und jede Nacht besuchte sie ihn am See, und sie redeten stundenlang. Sie verwirrte ihn immer noch, aber er hätte ihre gemeinsame Zeit nicht gegen alles Gold der Welt eingetauscht.

Doch immer noch fürchtete er den Tag, an dem er ihr die Wahrheit sagen musste. Ihr sagen musste, dass er sie belogen hatte. Würde sie ihn hassen? Würde sie ihm je vergeben? Er wusste es nicht. Und er wollte auch nicht zu viel darüber nachdenken. Denn in diesen Momenten drehte sich ihm der Magen um, und ein plötzliches Gefühl der Panik setzte ein. Er hatte gedacht, nur Menschen könnten Panik empfinden. Es ärgerte ihn, dass er sich auch darin geirrt hatte.

Nein, dachte er, als Annwyl ihren Griff in seiner Mähne verstärkte und leise im Schlaf seufzte, ich werde sie nicht kampflos aufgeben. Niemals.

12

Es war eine schwere Geburt gewesen, aber sowohl das Kind als auch die Mutter hatten überlebt. Außerdem hatte Morfyd ein bisschen Abstand gebraucht, um ihrem Bruder und seiner Menschenfrau ein bisschen Zeit allein miteinander zu geben. Natürlich weigerte sich Gwenvael zu gehen, bevor er eine Antwort von Fearghus hatte, aber sie hatte es geschafft, ihn zu bestechen, damit er dem Liebespaar fernblieb. Sie hätte gedacht, es wäre ihrem kleinen Bruder peinlich, Geld von seiner Schwester anzunehmen. Aber sie hatte schnell festgestellt, wie sehr sie sich in diesem Punkt getäuscht hatte.

Die Finstere Schlucht lag nur ein paar Wegstunden entfernt, doch sie wollte noch nicht zurück. Sie wusste nie, wo oder wann sie über Fearghus und Annwyl stolpern würde, während sie »dabei waren«, wie Gwenvael es so eloquent ausgedrückt hatte. Die späte Stunde und ein rascher Blick um sich herum versicherten ihr, dass sie allein war.

Morfyd zog rasch ihre Gewänder aus und tauchte nackt in den See. Sie genoss das kalte Wasser auf ihrem menschlichen Körper. Sie wusste nicht warum, aber ihre Art liebte das Wasser. Sie hatte Fearghus ein bisschen beneidet, als er seine Höhle gefunden hatte. Eine Höhle mit eigenem Süßwassersee. Das war himmlisch.

»Sie kann nicht weit gekommen sein. Geh du da lang. Ich schaue beim See nach.« Morfyd erstarrte. Sie hörte männliche Stimmen und wusste, dass sie sie suchten. Sie schwamm zum Ufer und hatte sich gerade aus dem Wasser gezogen, als ein Mann aus den Büschen stolperte. Hoch aufgerichtet stand sie da, bereit, ihn zu Asche zu verbrennen, als er sich aufrichtete und sich zu ihr umwandte.

»Brastias?«

»Morfyd. Gut. Wir haben …« Brastias unterbrach sich. Offensichtlich war ihm gerade bewusst geworden, dass sie nackt war und er sah sie wie versteinert an. Sie wartete, aber er starrte weiter. Seine hellen Augen schienen nicht in der Lage, den Blick abzuwenden. Mit einem grollenden Ächzen stieß er hervor: »Verdammt, Frau!«

»Brastias?« Sie schnippte mit den Fingern. »Brastias!«

»Äh …« Er riss sich aus seiner Trance und wandte sich ab. »Tut mir leid. Tut mir leid. Ich wollte nicht … ich … äh …«

Morfyd raffte ihre Gewänder vom Boden auf. »Was ist los? Was willst du?«

»Du musst eine Nachricht überbringen an … ähm … ähm … äh …«

»Annwyl?«

»Ja genau, das war’s.«

Morfyd wollte lachen, doch das plötzliche Bewusstsein ihres eigenen nackten Körpers erstickte den Laut in ihrer Kehle. Sie zog ihre Kleider an. »Du kannst«, sie räusperte sich, »dich jetzt wieder umdrehen.«

Brastias sah sie über seine Schulter hinweg an. »Es tut mir sehr leid. Ich hatte gehört, du hättest eben das Dorf verlassen. Ich wusste nicht, dass du hier … äh … badest.«

Morfyd strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Keine Ursache. Wirklich. Reden wir einfach nicht mehr davon. Nie wieder. Also, du sagtest, du hättest eine Botschaft für Annwyl?«

»Ja.« Er drehte sich langsam zu ihr um. »Wir haben Nachricht erhalten, dass Lorcan dieses Dorf in drei Tagen angreifen will. Wir werden die Frauen und Kinder in die Zitadelle von Ó Donnchadha umsiedeln. Wir denken, dass sie dort sicher sind … Ich wusste nicht, dass deine Haare weiß sind!«

Morfyd riss den Kopf hoch, ihr Blick bohrte sich in Brastias’ Augen.

»Äh … ich meine«, fuhr er eilig fort, »wir glauben, Lorcan wird selbst angreifen. Ich habe ihn schon ziemlich lange nicht mehr im Kampf gesehen, aber ich weiß, dass Annwyl auf diese Chance wartet. Du musst ihr das unbedingt ausrichten.«

»Das werde ich.«

»Egal, was passiert, wir werden kämpfen, um dieses Dorf zu beschützen. Wenn sie also noch nicht bereit ist …«

»Sie ist bereit.«

»Sag ihr, wir werden weitermachen, bis wir von ihr hören.«

Morfyd nickte. »Ich sage es ihr.«

»Danke.« Brastias sah sie noch einen Augenblick an, dann wandte er sich rasch ab und stieß mit Danelin zusammen, der gerade zwischen den Bäumen hervorkam. Er wirbelte Danelin herum, und bevor dieser noch ein Wort sagen konnte, schob er ihn zurück in den Wald und fort vom See.