Morfyd barg das Gesicht in den Händen. »Na, großartig!«
Fearghus ging an seiner Schatzkammer vorbei zu seinem See. Er hielt inne und machte ein paar Schritte rückwärts. Gwenvael saß auf seinem Haufen an Reichtümern, als gehörten sie ihm.
»Was tust du da?«
»Ich warte auf dich. Du weichst mir aus!«
»Als ob du es wert wärest, dass man dir ausweicht.«
»Tja, ich hatte die Wahclass="underline" Entweder hier sitzen oder auf Annwyl. Aber sie würde mir wehtun. Ob mir das etwas ausmachen würde, weiß ich natürlich nicht.«
Immer noch schweißgebadet von seinem letzten Zusammentreffen mit Annwyl, konnte Fearghus sie immer noch überall an seinem Körper riechen, sie immer noch auf seinen Lippen schmecken. Deshalb hatte er nicht vor, sich von seinem idiotischen Bruder ärgern zu lassen. »Was willst du?«
»Ich warte darauf, dass du mir eine Antwort mitgibst.«
»Es gibt keine Nachricht. Es geht sie alle nichts an.«
»Hältst du es wirklich für so einfach? Glaubst du wirklich, du musst dich nicht an dieselben Regeln halten wie wir anderen?«
Fearghus schnaubte. »Nach welchen Regeln richtest du dich denn, kleiner Bruder?«
Gwenvael grinste. »An die, die mich am Leben und gesund erhalten.«
»Dann geh zurück. Sag ihnen, was du willst. Aber wenn Annwyl geht, um gegen ihren Bruder zu kämpfen, werde ich an ihrer Seite sein.«
Gwenvael seufzte. »Sie könnte dich nie lieben, Bruder. Sie ist ein Mensch. Ich würde es wirklich ungern sehen, dass du deine Familie für ein Mädchen aufgibst, das, sobald sie die Wahrheit herausfindet, ganz schnell ganz weit vor dir davonlaufen wird.«
Fearghus knirschte mit den Zähnen und schluckte sein Bedürfnis herunter, Gwenvael in die Luft zu jagen, wo er saß. Er wagte sich nicht näher an ihn heran. Andernfalls hätte er sich womöglich verwandelt und dem kleinen Bastard die Eingeweide herausgerissen. »Geh mir aus den Augen, Junge. Bevor ich ihnen deinen Kopf als Geschenk zurückschicke.« Fearghus steuerte auf seinen See zu.
»Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«, schrie Gwenvael hinter ihm her.
Annwyl lehnte ihre Stirn an die Schnauze des Drachen. »Du bist sehr still heute Abend. Was ist los?«
»Nichts.«
Sie wusste, dass er log. Er hatte in der letzten Stunde kaum zwei Worte gesprochen. »Habe ich etwas falsch gemacht?«
»Nein. Natürlich nicht. Es sind nur Familienprobleme. Es hat nichts mit dir zu tun.«
»Diese Botschaft, die Gwenvael gebracht hat – sie wollen nicht, dass du dich in meinen Krieg einmischst, nicht wahr?«
Der Drache seufzte schwer. »Was sie wollen, ist mir egal.«
»Ich will mich nicht zwischen dich und deine Sippe stellen. Du hast mir das Leben gerettet, du schuldest mir nichts weiter.«
Er zog seinen majestätischen Kopf von ihr zurück. »Hier geht es nicht um Schulden, Annwyl. Ich kämpfe an deiner Seite, weil ich das so entschieden habe.«
Er ging weg von ihr. Rastlos wie er war, stand er diese Nacht nie lange still. Außerdem spürte sie seine Sorge und seinen Ärger. Und sie wusste, dass es sich irgendwie um sie drehte, aber nicht, was sie getan hatte. Es sei denn, natürlich … »Geht es um den Ritter?«
Der Drache blieb stehen, drehte sich aber nicht zu ihr um. »Wenn ich dich bitten würde, dich nicht mehr mit ihm zu treffen, würdest du es dann tun?«
Annwyl schloss die Augen. Am Ende stand nun also doch die Frage, die sie so lange schon gefürchtet hatte. Doch sie hatte nur eine Antwort für den Drachen. Nur eine Antwort, die keine Lüge war.
»Ja.«
»Warum?«
»Weil du mich darum bittest. Und ich bin dir – und nur dir – treu ergeben. Ich werde dir immer treu sein, Fearghus.«
»Weil ich dir das Leben gerettet habe?«
»Nein. Dafür schulde ich dir mein Leben. Wenn du mich mit einer Flammenkugel treffen wolltest, würde ich nicht versuchen, dich davon abzuhalten. Mein Leben gehört dir, du kannst es mir nehmen. Aber meine Treue nicht. Die muss man sich verdienen. Und das hast du getan.«
»Wie?«
»Du hast mir ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, wie sonst keiner es tat.«
Annwyl schlenderte langsam zu ihm hinüber. Als sie vor ihm stand, legte sie ihre Hand auf seine Schnauze. Er schloss die Augen unter ihrer Berührung. »Dafür wirst du immer meine Treue haben.«
Sie ging um den Drachen herum und streckte ihre Arme so weit um seinen Hals wie sie konnte. Sie umarmte ihn, und wie immer ließ er sie gewähren. »Gute Nacht, mein Freund.«
»Gute Nacht, Annwyl.«
Sie ging zurück in ihr Gemach, konnte es sich aber nicht verkneifen, mit ihrer Hand über seine ledrigen Flügel und über die Schuppen seines Körpers zu streichen. Wie sie es jede Nacht tat.
Fearghus sah ihr nicht nach, wie er es sonst oft tat. Seine Gefühle waren ein einziges Durcheinander. Der Mann, den er tagsüber spielte, wetterte gegen die Tatsache, dass sie ihn so leicht aufgab. Der Drache zerbrach sich in größter Verwirrung den Kopf, weil sie bereit war, etwas für ihn aufzugeben, was sie eindeutig begehrte. Doch nicht ein einziges Mal hatte sie Liebe erwähnt. Nur Treue. Natürlich hatte er selbst auch nicht von Liebe gesprochen.
Diese kleine Menschenfrau schaffte es, ihn total durcheinanderzubringen, und er war sich nicht sicher, ob er ihr das jemals verzeihen konnte.
Sie sah zu, wie die Soldaten lautlos in die Schlucht strömten. Sie konnte ihre Angst riechen. Sie wollten nicht in der Finsteren Schlucht sein, kein vernünftiger Mensch hätte das gewollt. Also musste ihre Alternative noch viel schlimmer sein. Und als sie ihre Rüstungen erkannte, war ihr klar, dass es auch so war. Es waren Lorcans Männer. Er schickte sie in die Schlucht ihres Bruders. Schickte sie, um Annwyl zu finden.
Sie ließ sie weiter hereinkommen, sich von den Truppen entfernen, die möglicherweise in Sicherheit vor der Schlucht warteten. Sie wartete und beobachtete. Als die Zeit reif war, trat sie hinter sie und räusperte sich. Die Männer blieben stehen. Zuerst drehten sie sich nicht um. Aus Furcht, was sie sehen würden. Doch sie wartete; sie wusste, dass ihre menschliche Neugier die Oberhand gewinnen würde. Und so war es. Als sie ihre Augen sah, stieß Morfyd einen Feuerstrom aus, der sie zu Asche verglühte, bevor sie schreien konnten.
Gwenvael erschien an ihrer Seite; seine goldenen Schuppen glänzten hell im Mondlicht. Er schnüffelte und betrachtete die noch rauchenden Überreste der Soldaten.
Dann lächelte er seiner Schwester zu. »Abendessen!«
Es ging schon seit Tagen so. Die beiden waren pausenlos »dabei«. Wie zwei Tiere in der Paarungszeit. Gwenvael schüttelte angewidert den Kopf. Er wusste, was Lust war. Um genau zu sein, wusste er sie sehr zu schätzen. Aber Liebe? Ein rein menschliches Gefühl. Und obwohl er es genoss, sich als Mensch in der Stadt zu amüsieren, hatte er nicht vor, sein Leben zu einem Kuddelmuddel zu machen, wie sie es alle zu tun schienen.
Natürlich hätte er auch nie gedacht, dass Fearghus dem Zerstörer so etwas passieren könnte. Wenn es eines gab, worauf er bei seinem großen, wenig geselligen Bruder zählen konnte, dann war das seine anscheinend angeborene Fähigkeit, für niemanden etwas zu empfinden.
Ihm jetzt zuzusehen, wie er so ein schmächtiges Mädchen anbetete, ließ Gwenvael an all seinen Überzeugungen zweifeln.
Er hob den Kopf und studierte den Himmel. Einen Moment lang meinte er, das Schlagen von weiten Lederschwingen gehört zu haben. Doch als er den Himmel absuchte, sah er nichts. Er verwarf den Gedanken und ging seine Schwester suchen. Die Soldaten von voriger Nacht lagen ihm schwer im Magen, und er brauchte eine ihrer lindernden Mixturen.
Sie hatte einfach immer die Tendenz, ihr Essen zu sehr durchzugaren.