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Annwyl folgte den Würgegeräuschen. Sie fand Morfyd am Fluss. Die Arme hatte sie um Gwenvaels Schultern gelegt, während dieser sich ins Wasser erbrach.

»Alles in Ordnung mit ihm?«

Morfyd zuckte die Achseln. »Er hat zu viel gegessen. Aber es wird schon gehen. Und ich habe eine Nachricht für dich von« – sie räusperte sich – »Brastias.«

Annwyl runzelte die Stirn. War Morfyd eben rot geworden? »Was für eine Nachricht?«

»Dein Bruder plant, das nächstgelegene Dorf in drei Tagen anzugreifen. Vielleicht auch schon früher. Ich habe versucht, es dir schon gestern Nacht zu sagen, aber du hast tief und fest geschlafen.«

Annwyl zuckte mit den Achseln. »Na gut. Danke.« Sie hatte bereits vorgehabt, in den nächsten ein bis zwei Tagen zu ihren Soldaten zurückzukehren.

»Ist das alles, was dein Bruder verdient? Ein Achselzucken und ein Dankeschön?«

»Um genau zu sein: ja«, blaffte Annwyl unwillkürlich. »Ich habe auch noch andere Dinge im Kopf. Oh …« Sie winkte mit der Hand. »Ich komme später noch mal wieder.« Annwyl wandte sich zum Gehen, aber Morfyd hielt sie zurück.

»Warte, Annwyl. Was ist los?«

»Ich kann nicht so weitermachen.«

Morfyd ließ Gwenvael fallen, der mit dem Kopf voraus in den Fluss fiel. Annwyl grinste, während Gwenvael die Frau verfluchte.

Morfyd ging zu Annwyl hinüber und sah sie an. »Wie kannst du nicht weitermachen?«

»Meine Tage mit dem Ritter. Meine Nächte mit dem Drachen. Es wird langsam unmöglich.«

»Annwyl, sprich mit ihm.«

»Das habe ich versucht. Ich kann nicht denken, wenn ich in seiner Nähe bin. Er kann diese Sache mit seiner Zunge …«

»Annwyl! Ich meine den Drachen. Sprich mit dem Drachen.«

»Das habe ich letzte Nacht auch versucht, aber … Ich glaube, er ist mich langsam leid. Und was, wenn er lacht?«

»Das hat er bisher auch nicht getan. Und er wird es auch nicht.« Morfyd lächelte. »Vertrau mir.«

»Aber …«

»Nein. Ich will es nicht hören. Sag dem großen Mistkerl einfach, was du fühlst. Was du für ihn fühlst. Er muss es hören. Und du musst es sagen.«

»Aber der Ritter …«

»Mach dir keine Sorgen um ihn. Sprich mit dem Drachen. Der Ritter kann warten.«

Annwyl holte tief Luft. Sie musste etwas tun. Bald würde sie sich ihrem Bruder stellen müssen, und höchstwahrscheinlich dem Tod. Sie wollte nicht mit dem Wissen ins Grab gehen, dass ihre Schwäche sie von dem Einen abhielt, was ihr wirklich wichtig war. Sie nickte und ging zurück in die Höhle. Zurück zu ihrem Drachen.

Fearghus folgte den Würgegeräuschen. Er fand seinen vornübergebeugten Bruder und Morfyd, die ihm auf den Rücken klopfte.

»Was ist los mit ihm?«

»Er hat gestern Abend zu viele Soldaten gegessen.«

»Soldaten? Hier?«

Morfyd nickte. »Lorcans Männer. Keine Sorge. Ich habe mich um sie gekümmert.«

»Aber das bedeutet, sie wissen, dass Annwyl hier ist.«

Morfyd schüttelte den Kopf, während sie Gwenvael den Schweiß von der Stirn tupfte. »Nicht unbedingt. Es sah eher so aus, als erkundeten sie das Gebiet. Du weißt schon, ein Spähtrupp.« Morfyd sah zu ihrem Bruder auf und runzelte die Stirn. »Warum bist du hier?«

»Was meinst du damit?«

»Ich habe gerade Annwyl zu dir geschickt. Sie will mit dir reden.«

»Mit mir reden?« Er deutete auf sich selbst. »Oder mit mir?« Er deutete auf seine Höhle.

Morfyd lachte und wollte gerade antworten, als sie innehielt und auf einen Punkt hinter ihm starrte.

Fearghus drehte sich um. »Was machst du denn hier?«

Briec, der Nächstgeborene nach Fearghus, lehnte an einem Baum und beobachtete seine Geschwister schweigend. Er war nackt, frisch verwandelt, und seine lange Silbermähne ergoss sich über seinen Rücken und fiel ihm über Gesicht und Schultern.

»Als keine Antwort von dir oder Morfyd kam und unser Kleiner nicht wiederkam …«

Fearghus schüttelte den Kopf. »Nicht das schon wieder.« Er wollte es nicht hören. Er wollte Annwyl finden. Hören, was sie zu sagen hatte. Und egal, was sie sagte, er würde ihr die Wahrheit sagen. Ihr alles erzählen. Er konnte nicht so weitermachen.

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst ihn nicht ignorieren«, schalt Morfyd, während sie einem sehr grünen Gwenvael auf die Beine half.

»Geh zurück zu dem alten Mistkerl und sag ihm, er soll sich aus meinem Leben heraushalten!«

Briec schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

Fearghus blickte finster. »Was meinst du damit, du kannst nicht?«

»Ich meine, ich kann nicht … weil er schon hier ist. Er wartet in deiner Höhle auf dich.«

Bevor Fearghus reagieren konnte, griff Morfyds Hand plötzlich nach seinem Arm und riss ihm fast die Haut ab. »Ihr Götter, Fearghus! Annwyl!«

»Drache!«, rief Annwyl, bevor sie überhaupt in seinem Teil der Höhle war. »Drache! Bist du hier?«

Sie marschierte in den Hauptraum des Drachen, die Worte, die sie ihm sagen musste, auf den Lippen. »Fearghus, ich …« Sie hielt inne.

Obwohl der Drache, den sie jetzt vor sich sah, dieselbe Größe und Farbe hatte wie Fearghus, war die schwarze Mähne von diesem hier mit silbernen und weißen Strähnen durchzogen und seine Schuppen glänzten kaum. Eindeutig ein älterer Drache.

Und er war definitiv nicht Fearghus.

Sie blieb stehen und starrte ihn an. Der alte Drache starrte zurück.

»Du.«

Der freundliche Blick, den sie immer in Fearghus’ Augen sah, flackerte nicht in denen dieses Drachen. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde wusste sie, dass er sie tot sehen wollte.

Sie rannte los, und die Flammen des Drachen verfehlten sie nur knapp. Er holte wieder tief Luft, und Annwyl warf sich hinter einen großen Felsblock. Flammen explodierten überall um sie herum, während sie sich niederkauerte. Die Flammen wurden von dem Felsblock abgelenkt, aber ihre Hitze jagte ihr einen größeren Schrecken ein als alles, was sie kannte. Er konnte sie mit einem Streich töten. Sie ignorierte die aufsteigende Panik und zog ihr Schwert.

Nach einer Weile brachen die Flammen ab, und sie hörte, wie der Drache auf den Felsblock zustampfte. Sie hielt den Atem an und wartete. Er blieb stehen, und sie warf genau in dem Moment einen Blick über den Fels, als er, ihrem Geruch folgend, seine Schnauze um die Ecke streckte.

Sie wartete, bis der Kopf der Bestie nahe genug war, dann hieb sie ihm über die Schnauze. Drachenblut spritzte auf ihren Arm, und der Drache brüllte vor Schmerz und Wut, während sie hinauslief, weg von der Bestie. Er stürmte ihr nach. Annwyl wusste: Um zu überleben musste sie sich auf ihren Instinkt verlassen. Sie schlängelte sich zwischen anderen Felsblöcken hindurch und spielte so die Größe und das Gewicht der Bestie gegen sie aus. Wenn der Drache stehen blieb, um Feuer nach ihr zu spucken, versteckte sie sich hinter einem Felsblock oder einer Steinwand. Doch so konnte sie nicht mehr lange weitermachen. Sie musste den Drachen töten, bevor er sie tötete. Dieses Mal blieb sie länger als sonst hinter dem Felsblock, und diesmal kam der Drache, wie sie es irgendwie vorhergesehen hatte, von oben.

Als er lautlos den Kopf senkte, um an sie heranzukommen, sprang sie auf den Felsblock und auf seine Schnauze. Verblüfft ließ er ihr die Zeit, die sie brauchte, um über seinen Kopf zu laufen, seinen Hals hinab und über seinen Rücken, bis sie seinen Schwanz erreichte. Sie wusste, er konnte ihn als Waffe benutzen, deshalb bewegte sie sich schnell. Sie hielt die Spitze mit ihrem Fuß unten und hieb ihr Schwert zwischen ihren Fuß und die Stelle, wo die Schuppen am kleinsten und weichsten waren. Wo Fearghus einmal seinem Bruder den Schwanz abgeschnitten hatte.

Sie spießte den Schwanz auf, indem sie ihre Klinge in den Boden rammte. Das Gebrüll des Drachen erschütterte die Höhle, und Annwyl wusste, sie hatte nur Sekunden, bevor er sich losreißen würde. Also zog sie ihr zweites Schwert und rannte unter den Drachen.