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Sie konnte nur beten, dass der Schwachpunkt eines Drachen derselbe war wie der eines Menschen: die Leiste. Sie legte sich flach auf den Rücken und schob sich mithilfe ihrer Beine ganz unter ihn. Sie musste schnell handeln. Wenn er erst gemerkt hatte, dass sie dort war, musste er sich nur hinlegen.

Wie sie gehofft hatte, bedeckten die harten Schuppen, die den Rest seines Körpers bedeckten, nicht seine Leistengegend. Sein Glied war schützend innerhalb des Körpers versteckt, zum Glück nicht zu sehen und nicht in der Nähe ihres Gesichts. Sie hatte bereits mehr von diesem Drachen gesehen als sie je wollte. Sie hob ihr Schwert und setzte es am fleischigen Unterbauch der Bestie an, machte sich bereit, die Klinge hineinzustoßen. Sie hoffte, das würde ihr die Zeit verschaffen, um aus der Höhle und wenn nötig aus der Schlucht gelangen zu können.

»Annwyl! Nein!«

Annwyl erstarrte. Blut zeigte sich, wo die Spitze ihrer Klinge ruhte, aber sie drückte nicht stärker zu. Der Drache über ihr hielt den Atem an. Er konnte sich jetzt nicht hinsetzen. Natürlich konnte er sie zerquetschen, aber dabei hätte er sich selbst aufgespießt.

»Annwyl, Liebes. Gib mir deine Hand.«

Annwyl warf einen Blick hinüber und sah die glänzenden schwarzen Krallen ihres Drachen. Schwer atmend lag sie da, während ein Kampf in ihr tobte, zwischen der Kriegerin, die bereit war, den tödlichen Schlag auszuführen und Annwyl, der Frau, die wusste, dass dieser Drache Fearghus’ Vater war.

»Fearghus?«

»Annwyl. Vertrau mir.«

Annwyl sah wieder zu dem blutenden Untier über ihr. Wenn der alte Drache sie jetzt tötete, wusste sie so sicher wie sie ihren eigenen Namen kannte, dass Fearghus ihn töten würde. Das würde die alte Bestie nicht riskieren. Sie beschloss, dem einzigen Wesen zu vertrauen, dem sie schon die ganze Zeit vertraut hatte.

Sie hielt sich an seiner Kralle fest und ließ sich von ihm unter dem großen Drachen herausziehen. Er schob sie hinter sich zu Morfyd und Gwenvael und stellte sich schützend zwischen sie alle und ihren Vater.

13

Nie zuvor war jemand so kurz davor gewesen, Bercelak zu töten. Und wenn er sie nicht aufgehalten hätte, hätte Annwyl ihn tatsächlich getötet. Sie hatte den einen empfindlichen Punkt bei einem Drachen gefunden. Die eine Stelle, die keine Schuppen schützten.

Als die vier hereinstürmten, war Annwyl mit ihrem langen Körper gerade unter den des Drachen geschlüpft. Fearghus rief ihren Namen, doch der Blutrausch hatte sie fest im Griff und sie konnte ihn nicht hören. Also verwandelte er sich, und mit ihm seine Stimme, die beinahe die Wände zum Einsturz brachte, als er sie rief.

Ein Teil von ihm wollte sie gar nicht aufhalten, so wütend war er auf seinen Vater. Doch er wusste, wenn Annwyl ihn tötete, gäbe es kein Zurück für die Königin. Sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Annwyl zu vernichten, und er würde dasselbe tun, um sie zu schützen. Doch beim Klang seiner Stimme hörte sie auf. Abrupt. Er war sich nicht sicher gewesen, ob sie diese Art von Selbstkontrolle besaß. Aber wie immer erstaunte Annwyl ihn auch diesmal.

»Du Hurensohn!« Fearghus’ Wut schüttelte die Wände seiner Höhle; er hätte den alten Mistkerl am liebsten totgeschlagen.

Sein Vater hielt sich die Klaue über seine verletzte Schnauze, während er verzweifelt versuchte, seinen Schwanz von dem Schwert zu befreien, das ihn am Boden festhielt. »Hast du gesehen, was diese verrückte Schlampe mir angetan hat?«

»Ich hätte zulassen sollen, dass sie dich umbringt!«

»Ich habe dir eindeutige Befehle gegeben …«

»Ich muss mich nicht vor dir rechtfertigen! Raus hier! Sofort!«

»Welche Bindung hast du zu dieser Menschenfrau?« Die klugen Augen seines Vaters sahen seinen Sohn prüfend an, seine Nüstern zuckten. »Ich rieche sie überall an dir.«

»Ich sagte: Geh!«

Sein Vater drehte sich um und sah Annwyl an. »Was hat er dir erzählt, kleine Menschenfrau, damit du die Beine für ihn breit machst?«

Fearghus spuckte einen Feuerball, der seinen Vater quer durch die Höhle schleuderte und ihm einen Teil seines Schwanzes abriss, da, wo die Klinge ihn aufgespießt hatte.

»Fearghus, nein!«, schrie Morfyd hinter ihm. Doch er warf nur einen kurzen Blick auf seine Schwester. Seine Wut hatte ihn jetzt fest im Griff. Seine Raserei machte ihn blind für alles. Bis er Annwyl hörte.

»Fearghus?« Sie rief nicht. Sie schrie nicht. Sie sagte es so leise, dass der Rest seiner Familie sie vermutlich gar nicht hörte. Aber er hörte sie.

Annwyl steckte ihr Schwert in die Scheide zurück und lauschte dem Streit zwischen Vater und Sohn. Es erinnerte sie beinahe an Lorcan und ihren Vater, doch sie bezweifelte, dass der Kampf damit enden würde, dass Fearghus weinte und sich in eine Ecke duckte.

Die kalten Augen des alten Drachen wandten sich ihr zu. Sie machte sich von Morfyd los, bereit, sich dem alten Mistkerl zu stellen, als ihr etwas ins Auge fiel. Das leuchtende Rot eines Waffenrocks, der zerfetzt am Eingang des Raumes lag. Sie ging hinüber, während der Familienzank weiterging. Sie kauerte sich neben den Stoff und fand außerdem eine Kettenhose, ein Kettenhemd und Lederstiefel. Alles zerrissen und zerfetzt. Einen Augenblick sorgte sie sich, dass ihr Ritter womöglich zum Futter für den alten Drachen geworden war, aber sie konnte kein Blut entdecken, und der Stoff schien auseinandergerissen.

Sie sah zu Fearghus auf, der eben seinen Vater quer durch den Raum geschleudert hatte. Was hatte der alte Mistkerl zu ihr gesagt? Was hat er dir erzählt, kleine Menschenfrau, damit du die Beine für ihn breit machst? In diesem Augenblick rief Morfyd nach Fearghus, und der Drache riss wütend den Kopf herum. Das ließ seine Mähne zur anderen Seite fliegen, und eine widerspenstige Haarsträhne fiel ihm übers Auge. Annwyl starrte ihn an. Wie konnte es sein, dass sie das nie zuvor bemerkt hatte? Diese schwarzen Haare, die sie so sehr liebte, sowohl bei ihrem Ritter als auch bei ihrem Drachen. Die Haare, die sie immer durch ihre Finger gleiten ließ, wenn sie mit dem Drachen sprach oder leidenschaftlich umklammerte, wenn sie ihren Ritter ritt.

»Fearghus?«

Er wollte sich eben auf seinen gefallenen Vater stürzen, doch ihre Stimme hielt ihn auf. Er sah sie an. Ihre Blicke trafen sich. Und Annwyl überlief es kalt. Ihr Blick irrte zu Morfyd, doch die Frau sah sie nicht an. Gwenvael, wandte seinen ganzen Körper ab, obwohl er immer noch ein bisschen grünlich aussah. Die Augen waren niedergeschlagen. Aber da war noch jemand. Sie sah auf und stellte fest, dass ein silberhaariger nackter Mann sie ansah. Er grüßte grinsend. Dann zwinkerte er.

Annwyl stand auf und ging zu Fearghus hinüber. Sie stellte sich vor ihn. »Fearghus?«

»Ich kann alles erklären …«

»Kannst du das, Junge?« Beim Klang der Stimme seines Vaters schloss Fearghus die Augen. Der alte Drache hatte seine gewaltige Masse hochgehievt und stand hinter seinem Sohn.

In diesem Augenblick spürte Annwyl es. Sie hatte es so lange im Zaum gehalten, dass sie vergessen hatte, wie gut es sich anfühlte, sich darin einzuhüllen wie in einen warmen Mantel mitten im Winter. Sie zog ihr Schwert, und die Wut breitete sich in ihren Gliedern aus.

Fearghus riss bei dem Laut überrascht die Augen auf. »Annwyl.« Sie ging um ihn herum und sah ihm dabei fest in die Augen. Er drehte seinen Körper mit. Er wartete darauf. Wartete auf den Schlag. Und er würde ihn annehmen. Dessen war sie sich sicher.

»Lässt du dich so von einem Menschen behandeln, Fearghus?«, bellte sein Vater angewidert. Annwyl stand jetzt zwischen den beiden Drachen. Noch immer sah sie Fearghus fest in die Augen, ihre Schwertspitze zeigte nach unten, den Schaft hielt sie mit beiden Händen. Sie hielt die Waffe so fest, dass ihre gebräunten Fingerknöchel durch die Anstrengung weiß hervortraten.