Sie rannte zu ihm und schlug im Vorbeigehen noch einem Soldaten den Kopf ab. Sie kam rutschend unter dem Hals des Drachen zum Stehen und hieb auf die Seile ein, die ihn festhielten, schnitt so viele entzwei, wie sie konnte. Gwenvael richtete sich auf, als ein Teil des Drucks nachließ, und zerrte die Männer mit sich, die die letzten paar Seile festhielten. Als sie näher kamen, weidete Annwyl mehrere von ihnen aus und schlug einige Köpfe ab.
»Feuer!«
Annwyl kreuzte ihre Klingen vor sich, als Bogenschützen einen Pfeilhagel abschossen. Doch sie erreichten sie nicht, denn weiße Flammen zerstörten sie mitten im Flug. Ein silberner Drache erschien über dem Kampfplatz und seine Flamme vernichtete fast ein ganzes Bataillon. Ein weißer Drache schwebte herab und schnappte einen Wagen mit Soldaten, die er herumschleuderte wie Spielzeug. Dann sah Annwyl ihn.
Er landete neben seinem goldenen Bruder und vernichtete die letzten Männer, die noch Seile hielten.
»Nimm sie mit!«, bellte er den jetzt befreiten Gwenvael an.
»Was ist mit euch?«
»Wir kommen zurecht. Bring sie weg von hier!«
Eine weitere Gruppe Männer griff Annwyl an. Sie machte ihre Klingen bereit, wurde aber urplötzlich mit festem Griff um die Taille gefasst und in die Luft gehoben. Sie sah, wie der Boden sich unter ihr entfernte.
»Du Mistkerl! Lass mich runter!«
»Niemals, meine Schöne.« Die goldene Klaue hielt sie fester. »Wenn du verletzt wirst, bringt er mich um. Und jetzt sei still. Ich versuche, mich nicht zu übergeben.«
Fearghus sah zu, wie Briec und Morfyd Flammenbahnen entfesselten, die alles in ihrem Sog vernichteten. Eine kleine Gruppe von Männern, ungefähr zwanzig, rannte mit gezückten Schwertern auf ihn zu. Angewidert spie Fearghus einen Feuerball und beobachtete mit ein wenig Befriedigung, wie die Männer sich wanden und schrien.
Er sah, wie eine andere Gruppe zu entkommen versuchte. »Briec! Töte sie! Lass keinen am Leben!«
Briec folgte, und Fearghus spazierte zwischen den Überresten hindurch und trat auf jeden Mann, von dem er dachte, er könne noch leben. Morfyd landete vor ihm.
Er nickte zu der leeren Stelle hinüber, wo Gwenvael anfangs gestanden hatte, und zu den Seilen, die dort lagen. »Scheint so, als hätten sie auch mich erwartet.«
Seine Schwester nickte. »Scheint so.«
Fearghus knurrte. »Das gefällt mir gar nicht, Schwester.«
»Das merke ich.«
»Und du hast immer noch keine Ahnung, wer Lorcan hilft?«
»Es ist Hefaidd-Hen.« Fearghus sah dem verwundeten Bercelak zu, der vorsichtig vor ihm landete und darauf achtete, seine verletzte Klaue nicht noch mehr zu schädigen.
»Hefaidd-Hen? Der Hefaidd-Hen?«
»Na, das ist ja ganz toll«, zischte Morfyd, während Briec weiter über ihnen kreiste und Flammen spie.
»Und wann wolltest du uns das sagen?«
»Gar nicht. Das Mädchen hätte überhaupt nicht hier sein sollen! Und ihr hättet ihr nicht helfen sollen.«
»Warum sollte Hefaidd-Hen Lorcan helfen?«, warf Morfyd ein, bevor Fearghus seinem Vater an die Gurgel gehen konnte.
»Woher soll ich das wissen? Und was interessiert mich das? Das sind menschliche Belange, nicht meine.«
»Es sollte dich interessieren, weil Hefaidd-Hen ein Drache ist«, blaffte Morfyd wütend.
»Wenn er Lorcans Loyalität gewinnt, dann hat er auch dessen Truppen, die sich zweifellos verdreifachen würden, wenn er sich erst die Loyalität der anderen Gebiete gesichert hat.«
»Und wenn er seine Truppen hat, rückt er gegen die Königin vor«, fasste Morfyd kurz zusammen.
Fearghus sah, wie seinem Vater die Folgen von Hefaidd-Hens Einmischung für sie alle bewusst wurden.
»Das würde er nicht wagen.« Wenn es eines gab, dessen sich Fearghus schon immer sicher gewesen war, dann waren das die Gefühle seines Vaters für die Königin. Er hatte keine Zweifel daran, dass diese kleine Enthüllung alles ändern würde.
»Dieser Drache begehrt Macht mehr als alles andere«, erinnerte er Bercelak. »Und alles, was er je wollte, ist der Thron der Königin.«
»Es liegt viel Macht in ihrem Blut«, fügte Morfyd hinzu. »Wenn er sie übernimmt …«
»Das wird nicht passieren.«
»Dann hoffst du am besten, dass Annwyl Lorcan besiegt, Vater. Wenn sie es allerdings nicht tut, sollten wir uns auf einen Krieg vorbereiten. Denn kein Drache wird mehr sicher sein.«
Fearghus beobachtete, wie Bercelak mit alledem kämpfte. Der alte Drache hasste es, sich zu irren. Vor allem, wenn seine eigenen Kinder ihn auf den Irrtum hinwiesen. Aber in seinem Herzen wusste Bercelak, wie recht sie hatten. Und Fearghus wusste, dass Bercelak tun würde, was das Beste für die Königin war, so wie er es schon immer getan hatte.
Sein Vater hob den Kopf. »Briec und ich werden zur Königin zurückkehren. Und ihr zwei sorgt dafür, dass das Mädchen gewinnt – mir ist egal, was ihr dafür tun müsst.«
»Wenn sie uns in ihre Nähe lässt, Vater«, schalt ihn Morfyd mutig. »Sie denkt im Moment wahrscheinlich nur daran, dass du versucht hast, sie umzubringen und ihr die Sache mit Fearghus gesagt hast, bevor er selbst die Gelegenheit dazu hatte.«
Briec landete nun auch hinter seinem Vater. Er warf seine Silbermähne zurück. »Trotzdem hat sie Gwenvael gerettet. Ich habe sie gesehen. Sie ist ein tapferes Mädchen … für einen Menschen.«
»Das weiß ich«, blaffte Fearghus. Er sah seinen Vater an. »Ich weiß nur nicht, wie ich das wieder in Ordnung bringen soll.«
»Tja, du solltest besser einen Weg finden, Junge. Benutze deinen Charme, den du ihrer Meinung nach ja zu besitzen scheinst. Schließlich hast du sie mindestens einmal aufs Kreuz gelegt.«
Morfyd schob sich zwischen Fearghus und ihren Vater, bevor er den alten Mistkerl umbringen konnte. »Fearghus!«
»Lass mich ihn einfach umbringen! Ich flehe dich an!«
»Vater, geh jetzt!«
Der Drache verlor keine Zeit; er stieg in die Lüfte auf. Briec nickte seinen Geschwistern kurz zu und folgte ihm.
»Ehrlich, Fearghus! Du musst aufhören, mich zu bitten, dich unsere Familie umbringen zu lassen!«
Fearghus schüttelte den Kopf. »Sie gehen mir alle immer so auf die Nerven!«
Morfyd schenkte ihm ein Lächeln, das bestimmt jeden Menschen in Angst und Schrecken versetzt hätte. »Ich weiß. Aber das tun die meisten Familien. Sich gegenseitig auf die Nerven gehen.« Sie trat zurück. »Ich muss etwas erledigen, Fearghus. Und du musst zu Annwyl gehen.«
Fearghus sah zu seinen großen Klauen hinab und seufzte. »Sie hasst mich.«
»Ja, ich glaube, das tut sie.«
»Wie soll mir das bitte helfen?«, brüllte er.
»Ich will dich nicht anlügen, Bruder. Aber ich weiß auch, dass sie dich liebt. Da bin ich mir sicher. Sie hat ihr Leben riskiert, um Gwenvael zu retten.«
»Ja, das hat sie.«
»Und jetzt ist sie mit ihm allein.« Fearghus sah seine Schwester an. »Sie ist allein mit dem großen, goldenen, charmanten Gwenvael. Und er hat jetzt vermutlich das Gefühl, in ihrer Schuld zu stehen, weil sie ihm das Leben gerettet hat.«
Fearghus wusste, was seine Schwester da tat. Wusste, dass sie versuchte, ihn zu manipulieren. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass es funktionierte.
Er stieg in die Lüfte auf und fragte sich nur flüchtig, was wohl dieses »Etwas« war, das seine Schwester jetzt zu erledigen hatte. Aber er dachte an Gwenvael, der mit Annwyl allein war, und vergaß seine Schwester vollkommen.
Annwyls Hintern traf hart auf dem Boden auf. Der Stoß setzte sich von ihrem Rückgrat bis zu den Zähnen fort. Doch sie wusste, dass er sie aus der Perspektive eines Drachen sanft auf dem Boden abgesetzt hatte.
Sie hörte ihn hinter sich landen und spürte, wie ihr Menschenhände unter die Arme griffen und sie auf die Beine hoben. »Das war doch nicht zu hart, oder?«