»Nein. Eine Landung wie auf Watte.« Sie machte sich von ihm los.
»Ich hätte dich direkt zu deinem Lager fliegen können.«
»Stimmt, aber dann hätte ich ein Lager voller schreiender Männer, die sich wegen eines Drachen in die Hose machen.«
»Oh. Das ist ein Argument.«
Sie wusste nicht, was sie mit diesem Gwenvael anfangen sollte. Und das nicht nur, weil er nackt und seinem Bruder sehr ähnlich war. Sondern weil er bis zu diesem Moment nie aufgehört hatte, mit ihr zu flirten, obwohl er immer eine sichere Distanz zu ihr und Fearghus gehalten hatte. Doch dieser Gwenvael wirkte fast süß, wenn er seine arrogante Prahlerei abstellte.
»Also, du kannst gehen.« Sie winkte ihn fort, in der Hoffnung, er würde gehen. Sie wollte allein sein. Sie wollte wütend sein. Richtig wütend.
»Ja. Ich wollte nur sagen … na ja, danke, dass du mich gerettet hast.«
Das hatte sie wohl. Aber warum? Im Moment hasste sie alle Drachen. Vor allem große schwarze. Musste Instinkt gewesen sein. Sie musste alles beschützen, was gegen Lorcan oder seine Männer kämpfte.
»Bitte.« Sie bemerkte, dass er sich zu ihr vorbeugte. Sein Blick war auf ihren Mund gerichtet, seine Lippen leicht geöffnet. Sie klatschte ihm die Hand ins Gesicht, wie sie es bei seinem Bruder getan hatte. »Was tust du da?«
»Ich wollte dir einen Kuss geben …«
»Denk nicht mal dran, Gwenvael! Ich bin nicht in Stimmung.«
Der Drache nickte weise. »Du liebst ihn noch.«
»Nein, Gwenvael. Ich liebe gar nichts. Und ich glaube nicht, dass ich jemals wieder irgendetwas lieben werde!« Vor diesem plötzlichen Wutausbruch wich er einen Schritt zurück. »Und jetzt geh mir aus den Augen!«
Sie stampfte in Richtung Lager davon und ihre Wut war so groß, dass sie praktisch mit Händen zu greifen war.
15
Brastias entließ die anderen Leutnants. Als er mit Danelin allein war, stellte er ihm die Frage, die ihn schon den ganzen Tag quälte: »Neuigkeiten von Lorcan?«
Danelin schüttelte den Kopf. »Nein. Ich mache mir Sorgen.«
»Dieser Mistkerl wird bald ausrücken. Ich kann es spüren.«
»Hast du die Hexe wiedergesehen? Weißt du, ob Annwyl immer noch zurückkommen will?« Bei der bloßen Erwähnung von Morfyd fühlte Brastias, wie sich sein ganzer Körper spannte. »Ich weiß nicht«, knurrte er barsch.
»Was, wenn sie sich noch nicht ganz erholt hat? Sie nützt uns nichts, wenn sie nicht kämpfen kann.«
Brastias verließ das Zelt, Danelin neben sich. »Ich will, dass die Männer sich bereithalten. Wenn Lorcan anrückt, will ich nicht, dass wir überrascht werden. Egal, von was.«
»Ich verstehe.«
Die beiden Männer traten zur Seite, als eine Frau sich an ihnen vorbeidrängte und auf Annwyls Zelt zusteuerte.
Brastias blieb stehen. »War das …?«
»Ich … glaube schon.«
Brastias und Danelin folgten ihr. Sie fanden Annwyl in dem Moment, als sie einen Stuhl durchs Zelt schleuderte.
»Verlogenes, hinterhältiges Schwein!«
Danelin warf Brastias einen Blick zu, drehte sich um und rannte davon.
»Annwyl?«
Annwyls grüne Augen richteten sich auf ihn, und er wünschte, er wäre wie Danelin davongerannt. Als er noch eine Chance dazu gehabt hatte. »Brastias. Mein Freund.« Oh, oh, das konnte nichts Gutes bedeuten. »Lügst du mich an?«
»Äh … nein.«
»Siehst du? Das ist eine Lüge!«
»Annwyl, beruhige dich. Erzähl mir, was passiert ist.«
»Passiert? Nichts. Nichts ist passiert. Alles ist in allerbester Ordnung. Perfekt. Besser als perfekt.«
Brastias wollte das Gespräch eben fortsetzen und vermutlich sein Leben aufs Spiel setzen, als er die Schreie der Männer vor dem Zelt hörte.
»Lorcan.« Er rannte hinaus und krachte in Danelin, der sich nicht rühren konnte. Er stand wie versteinert. Vor Angst. Angst vor dem riesenhaften schwarzen Drachen, der mitten in ihrem Lager landete.
»Bei allen Göttern!«
Der Drache sah sich zwischen den umstehenden Soldaten um, hatte aber noch niemanden zur Hölle geschickt.
»Annwyl!«
»O ihr Götter! Er … spricht!« Danelin sah aus, als würde er sich jeden Moment in die Hose machen.
Doch die Angst um Annwyl hielt Brastias in Bewegung. Er zog sein Schwert und war fest entschlossen, die Kreatur herauszufordern, als Annwyl aus dem Zelt gestürmt kam. Er ergriff ihren Arm mit – wie er dachte – festem Griff, um sie aufzuhalten, doch in ihrer furchtbaren Wut befreite sie sich mühelos und stapfte los, um sich dem Drachen zu stellen.
Die Männer sahen, wie Annwyl die Blutrünstige sich vor dem Gegenstand ihrer schlimmsten Albträume aufbaute. Zu verschreckt um zu kämpfen, aber in zu großer Angst um ihre Anführerin, um davonzulaufen.
Und dann sah Brastias, wie das Mädchen etwas tat, das er niemals vergessen würde.
Sie trat die Bestie. Direkt gegen das Knie.
Brastias und Danelin wechselten Blicke.
»Tja, du warst schon immer der Meinung, sie sei verrückt«, sagte Brastias.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich recht habe.«
»Du verlogenes Schwein!«, kreischte Annwyl zu dem Drachen hinauf.
»Lass es mich erklären!«
»Fahr zur Hölle!«
»Annwyl.«
»Nein!« Sie steuerte wieder auf ihr Zelt zu. »Lass mich in Ruhe, Drache! Ich will dich oder deine Familie nie wiedersehen. Niemals!«
Danelin warf einen Blick zu Brastias hinüber. »Familie?«
»Frag nicht.«
Der Drache sah Annwyl schweigend nach. Er begann, einen Zauber zu sprechen, und Flammen umgaben ihn. Das war der Moment, als Brastias sich fragte, ob er an diesem Tag sterben würde. Die Flammen loderten höher, hüllten die Bestie ein, doch schließlich erstarben sie, und zurück blieb ein sehr großer, sehr nackter Mann.
Mit einem Knurren folgte er Annwyl und verschwand hinter ihr im Zelt.
»Dann können sie also ihre Gestalt verändern?«, fragte Danelin ruhig.
»Scheint so.«
»Sollen wir ihm nachgehen?«
Brastias sah Danelin an. Er brauchte eine Weile, aber schließlich verstand er, was er da eben gesehen hatte. Einen Streit zwischen Liebenden. Das musste er Annwyl überlassen.
»Äh … ich glaube nicht. Wir müssen die Soldaten vorbereiten. Und ich glaube, das sollten wir irgendwo außerhalb des Lagers tun.«
Er warf einen Blick auf das Zelt, dann schüttelte er den Kopf und ging davon. Ein wie Espenlaub zitternder Danelin folgte ihm wortlos.
»Warum willst du nicht mit mir reden?«
»Du willst reden? Na schön! Wie geht’s deinem Vater?«
»Was meinst du wohl? Du hast ihm in den Fuß gestochen!«
»Ich hätte auf sein Herz gezielt, aber ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt eines hat! Hat irgendwer von euch denn eines?«
»Annwyl, ich konnte dir nicht die Wahrheit sagen.«
»Warum?«
»Ich … äh …« Er hatte nicht gewusst, dass das hier so schwierig werden würde. Machte er Witze? Natürlich hatte er gewusst, dass es so schwierig werden würde!
»Ich warte.« Er hatte langsam das Gefühl, dass er einer von sehr Wenigen war, die von sich behaupten konnten, sie je so wütend gemacht zu haben. Komisch, dass ihm das im Augenblick gar keine so gute Sache zu sein schien.
»Ich wollte es dir sagen. Ich schwöre es!«
»Ach ja? Du wolltest es mir sagen?« Ihre Worte trieften vor Sarkasmus, ihre Bitterkeit erfüllte das Zelt. Er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Er hatte es so gewollt.