»Ja, Annwyl, das wollte ich. Heute. Mein Vater war nur schneller.«
»Und warum hast du es mir nicht vorher gesagt?«
Er ging quer durch das Zelt auf sie zu. Sie machte einen Schritt rückwärts und zog ihr Schwert. »Alles ist anders.«
Er stand jetzt vor ihr, ihre Klinge an seiner Kehle. »Ich konnte nicht aufhören, an dich zu denken, Annwyl. Ich wollte dich, mehr als alles andere. Und ich wusste nicht, wie ich dir die Wahrheit sagen sollte, ohne dich zu verlieren. Du hast dem Drachen vertraut, aber den Mann hast du wirklich gehasst. Ich wollte sicher sein, das du alles an mir akzeptierst. Heute dachte ich, das könntest du vielleicht.«
Er machte noch einen Schritt vorwärts und spürte, wie die Spitze der Klinge leicht durch seine Haut stach. Ein Tropfen Blut rann ihm über den Hals auf die Brust. Annwyls Atem ging rasch und keuchend, während sie ihm unverwandt in die Augen sah. »Du könnest mich jetzt töten. Mühelos. Wenn es das ist, was du willst.« Er bewegte sich noch ein Stückchen. Noch ein bisschen, und die Klinge würde ihm die Kehle aufschlitzen und ihn töten. »Willst du das, Annwyl?«
Sie starrte ihn lange an. »Ja, Fearghus«, stieß sie hervor. »Genau das.«
Nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte, aber er wurde schnell von dem Schmerz in seinem Knie abgelenkt, wo sie ihn getreten hatte.
Er stieß einen Schmerzensschrei aus, während sie ihn wegstieß und sich in sichere Entfernung ans andere Ende des Zeltes, neben ihr Bett, zurückzog. »Dein Glück, dass ich dir mein Leben schulde, Mistkerl.«
Annwyl wusste, dass ihre Wut jeden Moment ausbrechen konnte. Am liebsten hätte sie den verlogenen Mistkerl durchbohrt. Sie wollte ihn den Schmerz spüren lassen, den sie erlitten hatte, als ihr die Wahrheit bewusst geworden war. Fearghus hatte gewusst, dass sie wenig Ahnung von Drachen hatte, bis auf die Tatsache, dass man sie fürchten musste. Sie hatte keine Ahnung, dass sie sich in Menschen verwandeln konnten. Als Menschen leben konnten. Und, ausgehend davon, was sie in letzter Zeit überall in seiner Schlucht getan hatten, sich auch als Menschen paaren.
Sie fühlte sich wie eine Närrin. Eine Hure und eine Närrin. Und sie hasste ihn dafür, dass sie sich so fühlte. Also: ja. Sie wollte ihn tot sehen. Sein Blut auf ihrem Schwert sehen. Und obwohl er ihr die perfekte Gelegenheit gab, schaffte sie es nicht. In diesem Augenblick hasste sie sich für diese Schwäche.
Er rieb sich das Knie und sah sie an. »Du musst dich beruhigen, damit wir darüber reden können.«
»Ich hasse dich!«
Er stand zu voller Größe aufgerichtet da und hatte sich von dem Tritt bereits erholt. Offensichtlich war er als Mensch nicht so einfach zu töten. Jeder andere Mann hätte von diesem geübten Tritt ein zerschmettertes Knie davongetragen.
»Kannst du mir nicht noch eine Chance geben?«
»Nein.« Das schien ihn zu verwirren.
»Kannst du es nicht einmal versuchen?«
»Nein.«
»Kannst du mir sagen, dass du nichts für mich empfindest?«
»Ich empfand etwas für den Drachen, der mich gerettet hat. Der sich um mich gekümmert hat.«
»Und für den Mann?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich für ihn empfunden habe … für dich … ist ja auch egal.«
Zum ersten Mal log sie. Sie wusste genau, was sie für den Mann empfand. Lust. Rein, schlicht und ziemlich köstlich. Doch das konnte sie ihm nicht sagen. Das konnte sie jetzt auf keinen Fall vor ihm zugeben. Obwohl sie ihre Arme vor der Brust verschränken musste, um ihre Nippel zu verstecken, die hart wurden, oder trotz dieses verfluchten verwirrenden Pulsierens zwischen ihren Schenkeln. Nein, nichts davon konnte sie je vor ihm zugeben.
Doch als sie zu ihm aufsah, wurde ihr klar, dass er es bereits wusste. Allein durch den Ausdruck auf seinem hübschen Gesicht.
Fearghus kam wieder auf sie zu, bis er vor ihr stand. Mutiger Mann, dachte sie bitter. Er sah auf sie herab, dann senkte er den Kopf, bis seine Stirn an ihrer ruhte. Er versuchte nicht, sie zu küssen oder anzufassen. Er lehnte sich nur an sie. Und es fühlte sich wunderschön an.
Sie stand stocksteif und fragte sich, was genau er vorhatte, bis sie ihn flüstern hörte: »Es tut mir so leid, Annwyl. Bitte. Bitte verzeih mir.«
Nein, er würde da nicht mit einer einfachen Entschuldigung wieder herauskommen. Nicht in einer Million Jahre. Auch nicht mit einer Entschuldigung, die so süß und aufrichtig war wie diese.
»Nichts, was du jemals sagen oder tun könntest, würde mich dazu bringen, dir zu verzeihen«, flüsterte sie zurück.
Er trat von ihr zurück und sah sie an. Sie fragte sich, was er wohl dachte, aber das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, hatte sie nicht erwartet.
»War das eine Kampfansage, Lady Annwyl?«
Ihr Gesicht wurde heiß, und sie stieß sich von ihm weg. »Das war es ganz sicher nicht!« Sie rannte ihm davon und huschte um den Tisch herum. Er stand auf der anderen Seite, die Hände auf das harte Holz gelegt.
»Es klang wie eine Kampfansage.«
»Es war keine Kampfansage, sondern eine Feststellung der Tatsachen. Ich werde dir nie verzeihen.«
»Kampfansage.«
»Hör auf damit!« Sie versuchte, den Blick abzuwenden, aber sie sah immer nur seinen herrlichen nackten Körper. Doch als sie hinauf in seine Augen sah, sah sie ihn. Seine Seele. Und er sah sie an.
Sie ging wieder um den Tisch herum, und er folgte ihr langsam; jeder Muskel in Bewegung in Vorfreude auf die Jagd.
Er sah sie an, und sie ertappte sich dabei, wie sie seine langen schwarzen Wimpern bestaunte.
»Ich wette, ich kann dich dazu bringen, mir zu vergeben.«
Zur Hölle mit ihm. Sie hasste ihn. Sie hasste ihn mit jeder Faser ihres Seins. Aber ihr verfluchter verräterischer Körper reagierte wie niemals zuvor. Sie zwang sich weiterhin, sich von ihm zu entfernen, doch es wurde schwerer und schwerer. Vor allem, wenn ihr Körper nur den Holztisch besteigen wollte, der sie trennte, um sich von Fearghus besteigen zu lassen.
»Ich werde das nicht tun.« Das hätte vermutlich viel überzeugender geklungen, wenn sie nicht gekeucht hätte, während sie es sagte.
»Was tun?«
»Hör auf!«
»Hör auf womit?«
»Du weißt, die meisten Männer versuchen, mich nicht so wütend zu machen.«
Er blieb stehen; der Blick seiner dunklen Augen brannte bis in ihre Seele. »Ich bin nicht die meisten Männer. Ich bin überhaupt kein Mann.«
Da stürmte Annwyl zur Zeltöffnung, doch er hielt sie fest, bevor sie auch nur auf Armeslänge herankam.
Er zog sie zu sich, ihren Rücken gegen seine Brust. Er riss ihr das Schwert aus der Hand und schleuderte es durchs Zelt. Er beugte sich dicht an ihr Ohr, während die Hand an ihrer Taille unter ihr Hemd rutschte. »Verzeih mir, Annwyl.«
»Nein.«
Seine freie Hand schob ihr langes Haar aus dem Weg. Seine Finger streiften die Haut an ihrer Kehle und ließen ihren ganzen Körper erbeben. Ihr verfluchter, heimtückischer Körper. Dann war sein heißer Mund an ihrem Hals und seine Zunge glitt seitlich daran entlang. Die Hand unter dem Hemd suchte gezielt nach ihren Brustbinden, glitt darunter, schob sie aus dem Weg.
Es fühlte sich an, als wären ihr Kopf und ihr Körper vollkommen voneinander getrennt. Ihr Kopf schrie ihr zu, sich loszureißen. Sagte ihr, sie solle ihn dazu bringen, damit aufzuhören. Während ihr Körper ihren Kopf ignorierte. Stattdessen tat er Dinge wie ihre Arme auszustrecken, damit sie ihre Finger in seinen Haaren vergraben konnte. Gleichzeitig streckte er sich, damit sich Fearghus’ Finger auf ihren geschwollenen Brüsten noch wundervoller anfühlten. Sie hasste ihren Körper. Hasste seine Schwäche. Offenbar dachte ihr Körper nur an ihr unmittelbares Vergnügen und nicht daran, was all das später bedeuten würde. Nein, nur ihr armer Kopf dachte daran.