»Ich will nicht von dir in Besitz genommen werden, Nichtswürdiger.«
Er knurrte. Leise und tief in seiner Kehle. Sie ignorierte die komischen kleinen Pusteln, die sich auf ihrer menschlichen Haut ausbreiteten und betete, dass es keine seltsame menschliche Krankheit war.
»Hör auf, mich so zu nennen. Ich habe einen Namen.« Einen kurzen Augenblick klang er eher wie ein launenhafter Welpe als wie ein gefürchteter Kriegsherr.
»Na schön. Ich will nicht von dir in Besitz genommen werden, Bercelak. Aber es ist nichts Persönliches. Ich will von niemandem in Besitz genommen werden. Niemand hat einen Anspruch auf mich, und das wird auch so bleiben.«
»Aber willst du nicht jemanden in Besitz nehmen? Willst du nicht jemanden haben, mit dem du Nachkommen zeugen und den du dein nennen kannst?«
»Nein.«
»Überhaupt nicht?«
»Nein.«
»Das verstehe ich nicht. In dir brennt so viel Leidenschaft. So viel Begehren. Ich sehe es in deinen Augen. Du musst dem nachgeben, oder du wirst …« Er hörte abrupt auf zu sprechen und sah auf seinen leeren Teller hinab.
»Wie meine Mutter?« Sein Blick hob sich langsam zu ihr. »Du fürchtest, ich werde wie sie? Glaub mir, Nichtswürdiger, ich werde schon dafür sorgen, dass ich nicht werde wie sie.«
»Aber du bist es schon. So sicher, wie du jetzt als Mensch vor mir sitzt. Je mehr du dein Herz verhärtest, desto mehr entfernst du dich von allem und jedem …«
»Drachen sind fürs Alleinsein gemacht.«
»Nein, Drachen sind soziale Wesen. Wir müssen nur nicht endlos Zeit miteinander verbringen wie Menschen. Aber du … sie sagen, du gehst in deine Höhle und lässt dich jahrelang nicht am Hof oder sonst irgendwo sehen. Du siehst deine Verwandten nie. Du hast seit dem Tod deines Vaters niemanden mehr gesehen.«
Das ließ sie zusammenzucken. Das einzige Wesen, das sie von ganzem Herzen vermisste, war ihr Vater. Er hatte sie geliebt. Sich um sie gesorgt. Und sie vor ihrer Mutter beschützt. Aber jetzt, wo er fort war … hatte sie niemanden mehr. Ihre Geschwister waren kleingeistig und wollten nur den Thron und was sie sonst noch vom Schatz der Königin in die Finger bekommen konnten. Den anderen Mitgliedern des Königshauses konnte man nicht trauen. Und die alleinstehenden männlichen Drachen hatten ehrlich Angst vor ihr.
»Du bist jung, Rhiannon. Viel zu jung, um dich von allem und jedem abzuschirmen. Was deine Mutter mit dir gemacht hat, war grausam … aber vielleicht sollten wir das Gute daran sehen. Es hat dich aus deiner Höhle und in die Welt hinaus gezwungen. Die Welt, deren Königin du eines Tages sein wirst.«
Schließlich sah sie Bercelak in die Augen und fragte ganz ehrlich: »Glaubst du wirklich, ich werde lang genug leben, um eines Tages Königin zu sein?«
Bercelak lehnte sich an den Felsblock, neben dem er saß und legte seinen Arm auf das Knie seines aufgestellten Beines.
»Warum sagst du so etwas?«
»Sie will meinen Tod. Sie wollte immer schon meinen Tod. Was glaubst du, warum sie mich zu dir geschickt hat?«
Bercelak wusste nicht, ob er beleidigt oder nur erschrocken über diese Aussage sein sollte. »Was zum Teufel soll denn das heißen?«
»Sei nicht dumm, Nichtswürdiger! Sie stellt deine Loyalität auf die Probe. Wenn du mich erst in Besitz genommen hast, erwartet sie von dir, dass du mich entweder in Ketten zurück an ihren Hof schleppst oder mich umbringst.«
»Das ist nicht wahr.« Er schüttelte den Kopf. Er weigerte sich zu glauben, dass das wahr sein könnte.
»Was? Du glaubst, sie hat mich hierher geschickt, weil sie glaubt, wir würden uns verlieben? Dass wir uns in die Augen sehen und eine schöne und bedeutsame Inbesitznahme haben? Doch nicht ernsthaft! Ich bin ihr im Weg. Seit meiner Geburt bin ich ihr im Weg. Als ich jünger war, war ich nur lästig. Jetzt hasst sie mich und will meinen Tod. Und du …« Sie warf ihm einen fast mitleidigen Blick zu. »Dich sieht sie als ihr Haustier. Als ein gut ausgebildetes Streitross. Oder einen übergroßen Kampfhund. Und sie hat mich genau vor diesen Hund fallen lassen, vollkommen wehrlos, und mich allein gelassen. In der Hoffnung, dass ich sterbe.«
»Und du glaubst wirklich, ich würde dich auf Befehl deiner Mutter töten?«
»Nein.« Sie sah müde aus. Erschöpft. »Aber ich würde dir schon zutrauen, dass du versuchst, mich zu brechen.«
»Du bist kein Pferd, Rhiannon!«
»Das weiß ich.«
»Warum denkst du so etwas dann überhaupt?«
Sie atmete tief aus. »Dein Ruf eilt dir voraus, Bercelak.«
Sein finsterer Blick wurde noch finsterer. »Und was zum Teufel soll das nun wieder heißen?«
»Gerüchte darüber, was du mit Frauen machst, wenn du sie erst einmal hier hast, machen schon seit Jahren bei Hof die Runde. Ich höre alles.«
Er hob eine Augenbraue, jetzt erst richtig interessiert. »Ach? Und was erzählt man sich so?«
»Vergiss es. Diese Unterhaltung wird langsam unangenehm.«
»Ich vergesse gar nichts, Prinzessin. Sag mir, was du gehört hast. Dann sage ich dir, ob es wahr ist.«
»Na schön.« Sie sah ihm direkt in die Augen, und er bewunderte, wie sie nie vor einem Kampf zurückschreckte. »Banallan die Goldene sagt, du hättest sie tagelang angekettet.«
Bercelak grinste. Er konnte nicht anders. »Das stimmt.«
Rhiannons Körper zuckte ganz leicht, und ihre Brauen zogen sich zu einem grausamen Blick zusammen.
»Aber sie wurde nicht dazu gezwungen, falls dir das Sorgen macht. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie jede Sekunde davon genossen … und zwar ungemein.«
Sie verdrehte die Augen und schnaubte angewidert.
»Was sonst noch, Prinzessin? Was macht dir sonst noch Sorgen?«
»Derowen die Silberne.«
Jetzt musste er wirklich in seinem Gedächtnis kramen. Derowen die Silberne? Ihr Götter, es war Ewigkeiten her, seit er das letzte Mal mit einer Silbernen zusammen gewesen war. »Oh. Meinst du die Tochter vom alten Gobrien?«
»Ja. Die Silberne.«
Gute Güte, was war das für ein Ton in ihrer Stimme? »Ja, ich erinnere mich. Was ist mit ihr?«
»Einer der Wächter meiner Mutter sagt, dass er sie aus einer Viertelwegstunde Entfernung schreien hören konnte.«
»Aye. Sie war ganz schön laut. Amüsant … aber laut.«
»Er sagte, sie klang, als hätte sie Schmerzen.«
»Na ja, es gibt Schmerz … und Schmerz.« Er grinste über ihren Gesichtsausdruck. »Sonst noch etwas?«
»Ich habe gehört, was du mit den Argraff-Zwillingen gemacht hast.«
»Ja. Aber ich hatte nur eine. Mein Bruder hatte die andere. Frag mich nicht, welche. Sie sehen exakt gleich aus. Wahrscheinlich aus demselben Ei.«
Sie sah ihn entsetzt an. »Ihr Götter! Du bist genauso schlimm wie dein Vater!«
Darüber lachte Bercelak herzlich. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so viel gelacht. Normalerweise war er ernst und erbittert, hatte immer viel im Kopf, und jetzt hatte er zum ersten Mal das Gefühl, sich entspannen zu können. »Nicht in einer Million Zeitalter. Es gibt im ganzen Universum nicht genug Drachen, um es mit ihm aufzunehmen. Nein, ich müsste noch Menschen, Elfen und, wie man munkelt, Zentauren dazunehmen.«
»Für mich ist dieses Gespräch beendet.« Sie stand auf, aber er streckte die Hand aus und ergriff sie am Handgelenk.
»Sag mir, Prinzessin, was macht dir wirklich Sorgen?«
»Nichts. Aber wenn du glaubst, du kannst mich hier anketten und in irgend so einen gebrochenen Drachen verwandeln, der dir auf Abruf zur Verfügung steht, bist du so geisteskrank wie meine Mutter. Ich beuge mich keinem Mann, Nichtswürdiger.«
»Ich habe nicht vor, dich zu brechen, Rhiannon. Ich mag dich so gemein.« Den letzten Teil knurrte er, und ihr Atem ging schneller. Genauso schnell wuchs der Wunsch in ihr, von ihm fortzukommen. Sie versuchte, ihm ihren Arm zu entreißen, aber er ließ nicht los.