Der Aufprall war so hart, dass ihre Zähne klapperten. Zum Glück war ihre Wunde schon verheilt, sonst hätte Morfyd sie noch einmal nähen müssen.
Der Edelmann stand über ihr. »Das kannst du doch besser, oder nicht?« Sie starrte zu ihm hinauf, und er lächelte. »Oder vielleicht auch nicht. Ich denke, das werden wir sehen.«
Er ging davon. Annwyl wusste, dass er erwartete, dass sie ihm folgte. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund tat sie es.
Sie fand ihn bei dem Fluss, der durch die Schlucht strömte. Es kostete sie all ihre Kraft, sich ihm zu nähern. Eigentlich wollte sie am liebsten zurück in die Höhle des Drachen laufen und sich unter dessen mächtigen Schwingen verstecken. Sie hatte keine Angst vor diesem Mann. Es war etwas anderes. Etwas weit Gefährlicheres.
Als sie näher kam, drehte er sich um und lächelte. Und Annwyl spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Um genau zu sein, lag das, was sich da zusammenzog, vielleicht auch ein bisschen tiefer.
Sie hatte nie einen Mann getroffen, der sie so … nun ja … nervös machte. Und dabei hatte sie seit ihrem zehnten Lebensjahr auf der Insel Garbhán gelebt; alles, was sie je gekannt hatte, waren Männer, die es sich zur Aufgabe machten, Frauen nervös zu machen, wenn nicht gar regelrecht in Angst zu versetzen.
»Also?«, fragte sie kühl.
Er kam auf sie zu und sein umwerfendes Lächeln forderte sie heraus. »Sind wir verzweifelt?«
Annwyl schüttelte den Kopf und trat von ihm zurück. »Ich dachte, du hättest etwas davon gesagt, mich für den Kampf auszubilden, Edelmann.« Für den Drachen. Sie würde das hier nur tun, weil der Drache sie darum gebeten hatte. Und sie würde sehr gut dafür sorgen, dass er das auch erfuhr.
»Aye, das habe ich, Annwyl die Blutrünstige.«
»Hör auf, mich so zu nennen!«
»Du solltest stolz auf diesen Namen sein. Soweit ich weiß, hast du ihn verdient.«
»Mein Bruder nannte mich auch Misthaufen. Ich bin sicher, dass er fand, das hätte ich auch verdient, aber mir ist es trotzdem lieber, wenn mich niemand so nennt.«
»Na schön.«
»Und hast du auch einen Namen?« Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie unterbrach ihn. »Weißt du was? Ich will ihn gar nicht wissen.«
»Wirklich nicht?«
»Das wird es viel leichter machen, dich grün und blau zu schlagen.«
Sie wollte ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Dafür sorgen, dass er sich unbehaglich fühlte. Doch sein Lächeln strahlte wie ein heller Sonnenstrahl in der dunklen Schlucht. »Eine Kampfansage. Das gefällt mir.« Den letzten Satz knurrte er, und es durchfuhr ihren Körper bis hinab zu ihren Zehen. Ein Teil von ihr wollte über dieser Aussage in Panik geraten, denn sie schüchterte sie noch mehr ein als der Drache. Doch sie hatte keine Zeit dafür. Weil gleichzeitig ein Schwert an ihrem Kopf vorbeizischte und sie zwang, sich zu ducken und ihr eigenes Schwert zu ziehen.
Er beobachtete, wie sie sich bewegte. Saugte ihren Anblick in sich auf. Und als sie ihr Hemd auszog und den Kampf nur in Ledergamaschen, Stiefeln und den Stoffstreifen, die ihre Brüste hielten, fortsetzte, musste er sich pausenlos selbst daran erinnern, warum er ihr eigentlich half. Um sie zu einer besseren Kämpferin auszubilden. Nichts mehr und nichts weniger. Es ging nicht darum, dass er an dem samtigen Punkt zwischen ihrer Schulter und ihrer Kehle lecken konnte.
Annwyl erwies sich jedoch als verdammt gute Kämpferin. Stark. Mächtig. Höchst aggressiv. Sie hörte seinen Anweisungen gut zu und lernte die Kampftechniken rasch. Aber ihr Zorn blieb definitiv ihre größte Schwäche. Jedes Mal, wenn er einen ihrer schnelleren Hiebe parierte, jedes Mal, wenn er sich zu schnell bewegte, als dass sie Kontakt herstellen konnte, und vor allem, jedes Mal, wenn er sie berührte, geriet das Mädchen in blinde Wut. Eine alles verzehrende Wut. Und obwohl er wusste, dass die Soldaten von Lorcans Armee leicht unter ihrem Schwert fallen würden, war ihr Bruder doch etwas anderes. Er wusste, welchen Ruf dieser Mann als Krieger hatte, und auf dem Stand, auf dem Annwyl sich im Moment befand, hatte sie keine Chance. Ihre Furcht vor Lorcan würde sie vom tödlichen Schlag abhalten. Ihre Wut würde sie angreifbar machen. Der bloße Gedanke, sie könnte getötet werden, ließ eine kalte Welle der Furcht durch ihn hindurchlaufen.
Doch wenn er sie lehren konnte, ihre Wut zu zügeln, könnte sie sie zu ihrer stärksten Verbündeten machen. Sie einsetzen, um jeden zu vernichten. der sie herausforderte.
Der Sonnenstand und die länger werdenden Schatten sagten ihm, dass es spät wurde. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte ihm, dass die Erschöpfung bald von ihr Besitz ergreifen würde, auch wenn sie es nie zugegeben hätte. Zumindest nicht vor ihm. Doch er wusste, was ihr den Rest geben würde. Er griff ihr an den Hintern.
Annwyl kreischte und wirbelte herum. Er schlug ihr das Schwert aus der Hand und warf sie auf den Rücken.
»Wie oft genau muss ich dir noch sagen, dass dein Zorn dich aus der Deckung lockt und angreifbar macht?«
Sie stemmte sich auf die Ellbogen hoch. »Du hast mich angegrabscht!«, warf sie ihm vor. »Schon wieder!«
Er beugte sich nach unten, bis sie Nase an Nase waren. »Ja, das habe ich. Und ich habe jede Sekunde genossen.«
Ihre Faust schoss vor in Richtung auf sein Gesicht. Doch er fing ihre Hand ab, seine Finger streiften ihre. »Wenn du natürlich lernen würdest, deinen Zorn zu zügeln, würde ich nie auch nur in deine Nähe kommen.« Er hob ihre Finger an seine Lippen und küsste sie sanft. »Aber bis diese Zeit gekommen ist, gehört dein Hintern wohl mir.«
Sie fletschte die Zähne, und er versuchte gar nicht erst, sein Lächeln zu verbergen. Wie konnte er auch, wo er doch wusste, wie sehr es sie ärgerte? »Ich glaube, wir haben für heute genug geübt. Ich zumindest. Und der Drache bekommt jetzt einen Spähtrupp zum Abendessen. Aber morgen werde ich wieder hier sein. Sei bereit, Annwyl die Blutrünstige. Es wird nicht leichter werden!«
Fearghus betrat den Raum, den er inzwischen als ihr Zimmer ansah, duckte sich aber sofort, als ein Buch nach seinem Kopf geschleudert wurde. Sie hatte ganz eindeutig auf ihn gewartet. Und sie war nicht gut gelaunt.
»Er ist derjenige, der mir helfen soll?«, brüllte sie ihn an.
»Hast du gerade ein Buch nach mir geworfen? In meiner eigenen Höhle?«
»Ja! Und ich würde es noch mal werfen!«
Fearghus kratzte sich verwirrt am Kopf. Er hatte noch nie einen Menschen getroffen, der mutig genug war – oder dumm genug, je nach Betrachtungsweise –, ihn herauszufordern. »Aber«, krächzte er verblüfft, »ich bin ein Drache!«
»Und ich habe Titten. Das macht mir gar nichts aus!«
»Was ist eigentlich los mit dir?«
»Dieser … dieser …«
»Ritter?«
»Bastard!«
»Ich oder der Ritter?«
»Ihr beide!«
Sein Zorn kroch ihm das Rückgrat hinauf und legte sich in seinen Nacken. Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Sie machte ihn wütend, und Fearghus der Zerstörer wurde niemals wütend. »Ich komme wieder, wenn du dich beruhigt hast.« Er wandte sich zum Gehen, doch sie ergriff ihn am Schwanz … und zog!
»He! Lass mich nicht einfach stehen!«
Hätte Annwyl sich selbst ohrfeigen können, hätte sie es getan. Nichts konnte schlimmer sein als zuzusehen, wie sich der Drache ganz langsam zu ihr umdrehte. Sie hatte ihn eindeutig verärgert. Richtig verärgert. Und als er genauso langsam auf sie zukam, wusste Annwyl, dass sie womöglich gleich ihre Vorfahren sehen würde, die sie zu Hause willkommen hießen. Doch ganz gleich: Annwyl hatte nicht vor, zurückzuweichen. Sie würde sich nicht vor irgendeinem gefährlich griesgrämigen Drachen ducken. Natürlich ließ sie sich dann doch von ihm rückwärts gegen die Höhlenwand drängen. Aber sie hatte keine Wahl – er ging einfach immer weiter.