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Ilja sah ihn an und lachte boshaft. »Was ist denn? Warum lachst du?« rief der Onkel erschreckend.

»Na, du hast also Geld gespart ...« sagte Ilja und betonte das Wort »gespart« ganz besonders.

»Ja, so ist es ...« sagte Terentij, ohne ihn anzusehen. »Zweihundert Rubel will ich dem Kloster stiften ... und hundert bekommst du ...«

»Hundert?« fragte Ilja jäh. Und mit einemmal ward ihm klar, daß auf dem Grunde seiner Seele schon lange die Hoffnung lebte, der Onkel würde ihm nicht hundert Rubel, sondern eine weit größere Summe schenken. Er ärgerte sich zugleich über sich selbst, daß er einer so häßlichen, berechnenden Erwartung in seinem Herzen Raum gab, wie über den Onkel, der ihm so wenig schenkte. Er stand vom Stuhl auf, richtete sich hoch auf und sagte voll Trotz und Hohn:

»Ich mag dein gestohlenes Geld gar nicht ... verstanden?«

Der Bucklige wich zurück und sank, ganz bleich und elend, auf sein Bett. Sein Haar sträubte sich, sein Mund stand offen, und schweigend, mit stumpfsinniger Furcht im Blick, schaute er auf Ilja.

»Was guckst du mich so an? Ich brauch' dein Geld nicht ...«

»Herr Jesus Christus!« krächzte Terentij heiser. »Iljuscha! ... Du warst mir wie ein Sohn ... Ich hab' doch nur ... für dich ... aus Angst um dein Schicksal ... die Sünde auf mich genommen ... Nimm das Geld ... nimm's ... Sonst wird mir der Herr nicht verzeihen ...«

»So–o–o!« rief Ilja spöttisch. »Mit 'nem Rechenbrett in der Hand willst du vor Gott treten! ... Ach, ihr ... Hab' ich dich gebeten, das Geld des alten Jeremjej zu stehlen? Was war das für ein guter Mensch, den ihr da bestohlen habt!«

»Iljuscha! Du hast auch nicht gebeten, daß du geboren werdest ...« sprach der Onkel und streckte mit lächerlicher Miene die Hand nach Ilja aus. »Nein, nimm du ruhig das Geld ... um Christi willen! Um meiner Seelenrettung willen ... Gott wird mir die Sünde nicht vergeben, wenn du das Geld nicht nimmst ...«

Er bettelte förmlich, seine Lippen bebten, und in seinen Augen lag der Ausdruck des Schreckens. Ilja schaute ihn an und ward sich nicht klar darüber, ob ihm der Onkel eigentlich leid tat oder nicht.

»Gut, ich will's nehmen ...« sagte er schließlich und ging gleich darauf aus dem Zimmer. Es war ihm peinlich, daß er dem Onkel schließlich nachgegeben hatte – er kam sich selbst dadurch erniedrigt vor. Was sollten ihm schließlich hundert Rubel? Was konnte er groß mit ihnen anfangen? Ja, wenn ihm der Onkel so tausend Rubel statt hundert angeboten hätte – dann wäre er imstande gewesen, sein unruhiges, düsteres Dasein in ein besseres umzuwandeln, das fern von den Menschen in ruhiger Einsamkeit dahingeflossen wäre ... Wie wäre es, wenn er den Onkel fragte, wieviel er eigentlich von dem Gelde des Lumpensammlers bekommen hatte? Aber dieser Gedanke widerstrebte ihm doch gar zu sehr ...

Seit der Zeit, da Ilja die Bekanntschaft Olympiadas gemacht hatte, erschien ihm das Haus Filimonows noch schmutziger und enger als früher. Diese Enge und dieser Schmutz riefen in ihm das Gefühl physischen Ekels hervor, wie wenn kalte, schlüpfrige Hände seinen Körper berührten. Heute hatte er dieses Gefühl ganz besonders peinlich empfunden, er konnte in diesem Hause durchaus keinen Platz finden, der ihm behagte, und er stieg ohne jeden weiteren Anlaß die Treppe hinauf zu Matizas Dachstube. Er sah die Bewohnerin neben ihrem breiten Bett auf einem Stuhle sitzen. Sie richtete ihre Augen auf ihn, drohte ihm mit dem Finger und flüsterte im tiefen Baß, wie wenn ein Sturmwind von ferne rauschte:

»Still! Sie schläft! ...«

Auf dem Bett schlief Mascha, zu einem Klumpen gekrümmt.

»Was sind das für Geschichten!« flüsterte Matiza und rollte grimmig ihre großen Augen. »Die Kinder schlagen sie zu Krüppeln, die verdammten Bösewichte! Daß die Erde sie verschlinge, die Schurken! ...«

Ilja hörte ihr drohendes Flüstern, während er am Ofen stand und die in eine graue Hülle gewickelte zarte Gestalt der Schusterstochter betrachtete.

»Was soll mit dem armen Dinge werden? ...« ging's ihm durch den Kopf.

»Weißt du denn, daß der Kerl auch Maschka geschlagen hat?« fuhr Matiza fort. »Am Zopf hat er sie gezerrt, der verfluchte Spitzbube, der alte Schnapsplantscher! Seinen Sohn hat er geprügelt, und auch das Mädchen, und aus dem Hause will er beide jagen – weißt du schon, he? Wohin soll sie gehn, die arme Waise? Wie?«

»Vielleicht kann ich ihr eine Stelle verschaffen ...« sprach nachdenklich Ilja, der sich erinnerte, daß Olympiada ein Stubenmädchen suchte.

»Du!« flüsterte Matiza vorwurfsvoll. »Du kommst jetzt immer nur hierher wie ein großer Herr ... Du wächst ganz für dich, wie eine junge Eiche ... gibst weder Schatten noch Eicheln ...« »So warte doch ab und keife nicht«, sagte Ilja. Es war für ihn ein passender Vorwand, um sogleich zu Olympiada zu gehen, und er fragte Matiza: »Wie alt ist denn Maschutka?«

»Fünfzehn Jahre ... Warum? Was tut ihr Alter zur Sache? Sie sieht aus, als ob sie noch nicht zwölf wäre – so zart und schmächtig ist sie ... Ach Gott ja, das reine Kind ist sie noch! Zu nichts, zu nichts ist sie tauglich! Was soll sie im Leben? Am besten wär's, sie erwachte gar nicht mehr bis zum jüngsten Tage ...«

Ein dumpfer Nebel erfüllte Iljas Kopf, als er die Mansarde verließ. Eine Stunde später stand er an der Tür von Olympiadas Wohnung und wartete, daß man ihm öffnen würde. Eine ganze Weile mußte er in der Kälte dastehen, bis endlich hinter der Tür eine dünne, mürrische Stimme fragte:

»Wer ist da?«

»Ich ...« antwortete Lunew, der nicht wußte, wer denn eigentlich fragte. Olympiadas Aufwärterin, eine pockennarbige, plumpe Person, hatte eine grobe, laute Stimme und öffnete die Tür immer, ohne zu fragen.

»Zu wem wollen Sie?« fragte die Stimme hinter der Tür von neuem.

»Ist Olympiada Danilowna zu Hause?«

Die Tür ging plötzlich auf, und in Iljas Gesicht fiel ein greller Lichtschein. Der Jüngling trat einen Schritt zurück, kniff die Augen zusammen und schaute betroffen nach der Türöffnung, als ob ihm das, was er da sah, als Täuschung erschiene.

Vor ihm stand, mit der Lampe in der Hand, ein kleines, altes Männchen in einem schweren, weiten, himbeerfarbigen Schlafrock. Der Schädel des Alten war fast ganz kahl, und am Kinn zitterte unruhig ein kurzer, spärlicher grauer Bart. Er schaute auf Iljas Gesicht, und seine scharfen, grellen Augen blinzelten boshaft, während die dünn behaarte Oberlippe sich zuckend auf und ab bewegte. Auch die Lampe zuckte und zitterte in der dürren, dunklen Hand.

»Wer bist du denn? Na, so komm doch herein! ...« sagte der Alte. »Wer bist du?«

IIja begriff, wer vor ihm stand. Er fühlte, daß das Blut ihm zu Kopfe stieg: das also war sein Nebenbuhler, der mit ihm die Gunstbezeigungen dieses stattlichen, sauberen Weibes teilte! ...

»Ich bin – ein Hausierer ...« sprach er dumpf, während er die Schwelle überschritt.

Der Alte blinzelte ihm mit dem linken Auge zu und lächelte. Seine Augenlider waren rot, entzündet, ohne Wimpern, und aus seinem Munde starrten statt der Zähne ein paar gelbe, spitze Knöchelchen.

»So, so – ein Hausierer! Was für ein Hausierer denn? He?« fragte der Alte mit einem listigen Lächeln, während er mit der Lampe in Iljas Gericht hinüberleuchtete.

»Ich handle mit allerhand Kleinkram ... mit Parfüm, mit Bändern ... und so weiter«, sagte Ilja und senkte den Kopf. Ein Schwindel hatte ihn erfaßt, und rote Flecke tanzten vor seinen Augen.

»So ... so ... so! Mit Bändchen und Posamentchen! ... Ja, ja, ja ... Bändchen und feine Düftchen ... Die verbessern das Lüftchen ... Was willst du denn hier, mein lieber Hausierer? ... He?«

»Ich will zu Olympiada Danilowna ...«

»Wi–i–ie? Zu ihr? Na, na ... Was willst du denn von ihr, he?«

»Ich ... hab' noch Geld zu bekommen, für Ware ...« brachte Ilja mit Mühe heraus.

Er fühlte eine unbegreifliche Furcht vor diesem abscheulichen Alten und haßte ihn zugleich. In der leisen, dünnen Stimme des Alten wie in seinen boshaften Augen lag etwas, das sich in Iljas Herz hineinbohrte, ihn tief verletzte und demütigte.