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Lunew sah sich um: in dem Laden war es still und öde, und hinter der Tür, auf der Straße, fiel dichter Schnee. Auf dem Boden zu Iljas Füßen lagen zwei Stücke Seife, ein Portemonnaie und eine Strähne Band. Er begriff, daß diese Gegenstände aus seinem Kasten gefallen waren, nahm sie auf und legte sie an ihren Platz zurück. Dann beugte er sich über den Ladentisch und schaute noch einmal nach dem Alten. Dieser kauerte in dem schmalen Raum zwischen dem Ladentisch und der Wand. Sein Kopf hing auf die Brust herab, man sah nichts davon als den gelben, kahlen Hinterschädel. Da erblickte Lunew die offene Geldkasse – goldene und silberne Münzen blinkten ihm entgegen, Päckchen mit Papiergeld fielen ihm in die Augen... Er griff hastig nach einem der Päckchen, dann nach einem zweiten und dritten und steckte sie unter sein Hemd.

Vorsichtig, ohne sich zu beeilen, trat er auf die Straße hinaus, blieb drei Schritte von dem Laden entfernt stehen, deckte seine Waren sorgfältig mit der Wachstuchdecke zu und ging dann weiter inmitten der dichten Schneemasse, die aus unsichtbaren Höhen herabfiel. Rings um ihn, wie in ihm, wogte geräuschlos ein kalter, trüber Nebel. Mit gespannter Aufmerksamkeit suchte Iljas Auge ihn zu durchdringen. Plötzlich verspürte er einen dumpfen Schmerz in den Augen – er berührte sie mit den Fingern seiner rechten Hand und blieb, von Entsetzen gepackt, stehen, als ob seine Füße plötzlich am Boden festgefroren wären. Es schien ihm, daß seine Augen aus den Höhlen getreten waren, wie bei dem alten Poluektow, und er befürchtete, daß sie für immer so stark herausgequollen bleiben, sich nie wieder schließen und alle Leute in ihnen sogleich das begangene Verbrechen lesen würden. Es war, als ob sie ganz abgestorben wären. Er betastete mit den Fingern die Pupillen, fühlte einen jähen Schmerz in ihnen und versuchte, lange Zeit vergeblich, die Lider zu schließen. Die Furcht benahm ihm den Atem in der Brust. Endlich gelang es ihm, die Augen zu schließen. Er freute sich der Finsternis, die ihn plötzlich umgab, und ohne etwas zu sehen, stand er unbeweglich an einer Steile und atmete in tiefen Zügen die kalte Luft ein...

Irgend jemand stieß ihn an. Er sah sich rasch um und erblickte einen hochgewachsenen Menschen in einem kurzen Pelze, der an ihm vorüberging. Ilja sah dem Unbekannten nach, bis dieser in dem dichten Schneegestöber verschwunden war. Dann rückte er seine Mütze zurecht und schritt auf dem Trottoir weiter, wobei er immer noch den Schmerz in den Augen und eine Schwere im Kopfe verspürte. Seine Schultern zuckten, die Finger der Hand krampften sich unwillkürlich zusammen, und in seinem Herzen erwachte ein verwegener Trotz, der die Furcht daraus verbannte.

Er ging bis zur Straßenkreuzung, sah dort die graue Gestalt eines Polizisten und ging wie von ungefähr leise, ganz leise gerade auf ihn zu. Sein Herz stockte, während er sich jenem näherte.

»Das ist mal ein Wetterchen!« sagte er, trat dicht an den Polizisten heran und sah ihm keck ins Gesicht.

»Ja–a, das schneit nicht schlecht! Nu wird's, Gott sei Dank, auch wärmer werden«, antwortete der Polizist mit gemütlichem Ausdruck in dem großen, roten, bärtigen Gesicht.

»Wie spät ist es eigentlich?« fragte Ilja.

»Wollen mal sehen!« Der Polizist klopfte den Schnee von seinem Ärmel ab und steckte die Hand unter seinen Mantel.

Lunew fühlte sich zu gleicher Zeit beruhigt und doch auch wieder geängstigt in Gegenwart dieses Menschen. Er stieß plötzlich ein trockenes, gezwungenes Lachen aus.

»Was lachst du denn?« fragte ihn der Polizist, während er mit dem Nagel den Uhrdeckel öffnete.

»Wie du aussiehst – so förmlich vom Schnee verschüttet!« rief Ilja.

»Das soll einen nicht verschütten – wie mit Scheffeln schneit's ja! Halb zwei ist's jetzt. Fünf Minuten fehlen noch dra ... Ja, Bruder, das setzt unsereinem bös zu, das Wetter... Du wirst jetzt in die Kneipe gehen, ins Warme, und ich muß hier noch bis sechs Uhr herumstehen. Da – sieh mal, wie dein Kasten vollgeschneit ist!«

Der Polizist seufzte und klappte den Uhrdeckel zu.

»Ja, ich geh' jetzt in die Schenke«, sagte Ilja mit spöttischem Lächeln und fügte aus irgendeinem Grunde hinzu: »Da drüben in die geh' ich.«

»Hab' mich nicht noch zum besten!« rief der Polizist mürrisch.

In der Schenke nahm Ilja am Fenster Platz. Aus diesem Fenster konnte man, wie er wußte, die Kapelle sehen, neben der Poluektows Laden lag. Jetzt aber war alles wie mit einer weißen Decke verhängt. Ilja schaute aufmerksam zu, wie die Flocken leise am Fenster vorüberhuschten, sich auf den Boden legten und die Fußspuren der Passanten wie mit weicher Watte zudeckten. Sein Herz schlug lebhaft und kräftig, doch dabei leicht. Er saß da und wartete gedankenlos, was weiter geschehen würde...

Als der Aufwärter ihm den Tee brachte, konnte er sich nicht enthalten zu fragen:

»Na, was ist auf der Straße los? Gibt's nichts Neues?«

»Wärmer ist's geworden, viel wärmer«, antwortete der Gefragte rasch und eilte davon.

Ilja goß sich ein Glas Tee ein, trank jedoch nicht; er rührte sich nicht und ging ganz in Erwartung auf. Dann stieg es plötzlich heiß in ihm auf – er knöpfte den Kragen seines Paletots auf, und als er mit den Händen sein Kinn berührte, fuhr er zusammen. Es schien ihm, daß es nicht seine Hände waren, sondern die fremden, kalten Hände eines andern, die ihn da berührt hatten. Er hielt sie ans Gesicht und betrachtete aufmerksam seine Finger – die Hände waren rein, doch kam ihm der Gedanke, daß es wohl nötig sein würde, sie tüchtig mit Seife zu waschen...

»Poluektow ist ermordet worden!« schrie plötzlich jemand in die Schenke hinein.

Ilja sprang vom Stuhle auf, wie wenn dieser Ruf ihm gegolten hätte. Aber auch alle übrigen Gäste gerieten in Bewegung und stürzten, unterwegs ihre Mützen aufsetzend, nach der Tür. Ilja warf ein Zehnkopekenstück auf das Tablett, hing seinen Warenkasten über die Schulter und folgte rasch den andern.

Vor dem Laden des Geldwechslers hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Polizisten liefen hin und her und schrien voll Amtseifer die Leute an; auch der Bärtige, mit dem Ilja gesprochen hatte, war darunter. Er stand an der Tür, hielt die Leute, die nach der Ladentür drängten, zurück, schaute alle mit verstörten Augen an und fuhr beständig mit seiner Hand über die linke Backe, die noch röter erschien als die rechte.

Ilja hatte sich in seiner Nähe aufgestellt und horchte auf die Gespräche der Menge. Neben ihm stand ein hochgewachsener, schwarzbärtiger Kaufmann mit einem strengen Gesichte, der stirnrunzelnd einem lebhaft erzählenden Alten in einem Fuchspelze zuhörte.

»Der Laufbursche kommt nach Hause«, berichtete der Alte, »und denkt, der Prinzipal sei ohnmächtig geworden. Er läuft zu Peter Stepanowitsch... ›Ach,‹ sagt er, ›kommen Sie doch rasch zu uns, der Herr ist krank geworden!‹ Na, der macht sich natürlich gleich auf, und wie er hinkommt, sieht er: der Alte ist tot! Wenn man so bedenkt: die Frechheit, mitten am hellen Tage, in einer so belebten Straße ... nicht zu glauben ist's!«

Der schwarzbärtige Kaufmann hustete laut und sagte in strengem Tone: