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»Das ist der Finger Gottes! Der Herr wollte offenbar seine Buße nicht annehmen...«

Lunew drängte sich vor, um noch einmal in das Gesicht des Kaufmanns zu schauen, und stieß ihn dabei mit seinem Kasten an. Der Kaufmann schob ihn mit dem Ellbogen zur Seite, warf ihm einen strafenden Blick zu und schrie:

»Wohin kriechst du denn mit deinem Kasten?«

Dann wandte er sich wieder zu dem Alten:

»Es steht geschrieben: auch nicht ein Haar fällt vom Haupte des Menschen ohne Gottes Willen...«

»Was soll man schon sagen«, sprach der Alte und stimmte ihm mit einem Kopfnicken bei. Und dann fügte er, mit den Augen zwinkernd, halblaut hinzu: »Es ist ja bekannt, daß Gott den Schelmen zeichnet... Der Herr verzeih' mir! Sündhaft ist's, darüber zu reden, aber auch das Schweigen ist schwer...«

Lunew lachte auf. Beim Anhören dieses Gespräches war es ihm, als ob neue Kraft und neuer Mut ihm zuströmte. Wenn ihn in diesem Augenblick jemand gefragt hätte: ›Hast du ihn ermordet?‹ – er würde ohne Furcht geantwortet haben:

»Ja!...«

Mit diesem Gefühl in der Brust drängte er sich durch die Menge, dicht neben den Polizisten. Dieser stieß ihn ärgerlich gegen die Schulter und schrie:

»Wohin denn? Was hast du hier zu suchen?... Geh deiner Wege!«

Ilja wich zurück, stieß auf einen der Umstehenden und bekam von neuem einen Stoß.

»Gebt ihm doch eins auf den Schädel! Ist der Kerl betrunken?« schrie jemand.

Da verließ Lunew das Gedränge, setzte sich auf die Stufen der Kapelle und lachte im stillen über die Menschen. Er hörte das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen und die leise Unterhaltung, von der einzelne Brocken zu ihm herüberklangen:

»Mußte der Schuft gerade jetzt, wo ich Dienst habe, die Schweinerei hier anrichten!«

»In der ganzen Stadt hat er die höchsten Zinsen genommen...«

»Das hört ja heute nicht auf zu schneien...«

»Das Fell hat er seinen Schuldnern ohne Erbarmen über die Ohren gezogen...«

»Da, sieh! Seine Frau ist angekommen...«

»A–ach, die Unglückliche!« seufzte ein zerlumpter Bauer.

Lunew stand auf und sah, daß aus einem breiten Schlitten mit einem Bärenfell eine dicke, ältliche Frau in einer Saloppe und einem schwarzen Tuche schwerfällig ausstieg. Der Reviervorsteher und ein Herr mit einem roten Schnurrbart waren ihr beim Aussteigen behilflich.

»Ach, du lieber Gott!« ertönte ihre entsetzte Stimme. Alles ringsum schwieg.

Ilja schaute die Alte an und dachte an Olympiada.

»Ist denn sein Sohn nicht hier?« fragte jemand leise.

»Er ist in Moskau ...«

»Der wird sich schon zu trösten wissen! ...«

»Das will ich meinen! ...«

Lunew war es angenehm, daß niemand Poluektow bedauerte, gleichzeitig jedoch erschienen ihm alle diese Menschen, mit Ausnahme des schwarzbärtigen Kaufmanns, dumm und unausstehlich. In dem Kaufmann steckte eine gewisse Strenge und Glaubensstärke, die andern aber standen da wie die Baumstämme im Walde und gefielen sich in ihrem widerlichen, schadenfrohen Geschwätz.

Er wartete noch so lange, bis der schmächtige Körper des Geldwechslers aus dem Laden getragen wurde, und ging dann nach Hause – erfroren, müde, doch ruhig. Zu Hause verriegelte er sich in seinem Zimmer und begann sein Geld zu zählen: in zwei dicken Päckchen befanden sich je fünfhundert Rubel in kleinen Scheinen, im dritten achthundertundfünfzig Rubel. Es war noch ein Päckchen mit Coupons da, die zählte er jedoch nicht. Er wickelte das ganze Geld in Papier ein und dachte, den Kopf mit den Händen stützend, darüber nach, wo er es verstecken sollte. Während er nachsann, fühlte er, daß er schläfrig wurde. Er beschloß, das Geld auf dem Boden zu verstecken, und begab sich, das Paket offen in den Händen tragend, sogleich hinauf. Im Hausflur begegnete er Jakow.

»Ah, du bist schon gekommen!« sagte Jakow. »Was trägst du denn da?«

»Das da?« tönte es von Iljas Lippen. Er fuhr zusammen aus Furcht, daß er sein Geheimnis ausplaudern könnte, und sprach hastig, während er das Paket in der Luft schwang: »Das ist Band ... aus meinem Hausierkasten ...«

»Kommst du Tee trinken?« fragte Jakow.

»Gleich komm' ich, sofort ...«

Er ging rasch weiter; seine Füße traten unsicher auf, und sein Kopf war benommen, wie wenn er einen Rausch hätte. Als er die Bodentreppe hinaufstieg, ging er vorsichtig, in beständiger Angst, daß er ein Geräusch verursachen oder jemand begegnen könnte. Als er das Geld vergrub – neben dem Rauchfang, im Estrich – da schien's ihm mit einemmal, als ob jemand im Bodenwinkel, ganz im Dunkeln, sich versteckt hätte und ihn beobachtete. Er verspürte den lebhaften Wunsch, einen Ziegelstein nach jener Richtung zu werfen, doch kam er rasch zur Besinnung und stieg wieder leise hinunter. Er hatte nun keine Furcht mehr – es war, als ob er sie zugleich mit dem Gelde oben auf dem Boden gelassen hätte. Aber schwere Zweifel erwachten nun in seinem Herzen.

»Weshalb hab' ich ihn denn ermordet?« fragte er sich.

Als er den Keller betrat, empfing ihn Mascha, die sich am Ofen mit dem Samowar zu schaffen machte, mit dem freudigen Ausruf:

»Wie früh du heute da bist!«

»Das macht der Schnee«, sagte er. Und gleich darauf fügte er gereizt hinzu: »Was heißt überhaupt früh? Ich bin gekommen, wie immer ... wenn's Zeit ist, zu kommen ... Du siehst doch, daß es dunkel ist! ...«

»Hier ist's auch zur Mittagszeit dunkel ... Was schreist du überhaupt so?«

»Ich schreie, weil ihr alle wie Geheimpolizisten redet – ›bist so früh gekommen – wohin gehst du? – was trägst du da?‹ ... Was geht euch das alles an?« Mascha sah ihn durchdringend an und sagte vorwurfsvolclass="underline"

»Ei, ei, Ilja – wie hochmütig du geworden bist!«

»Hol' euch der Teufel!« schalt Lunew, während er am Tische Platz nahm. Mascha fühlte sich beleidigt, fuhr ihn heftig an und wandte sich dann ab, um in die Zugröhre des Samowars zu blasen. Zart und klein, wie sie war, schüttelte sie die schwarzen Locken, hustete und blinzelte, wenn der Rauch ihre Augen reizte. Ihr Gesicht war mager, und die dunklen Ringe um die Augen ließen diese noch glänzender erscheinen. Sie glich einer jener Blumen, die in verwachsenen Gartenwinkeln mitten unter Gras und Unkraut aufsprießen.

Ilja schaute sie an und sann darüber nach, daß dieses Kind so ganz allein lebte in der unterirdischen Höhle, daß es arbeitete wie die Erwachsenen, daß es keine Freuden kannte, vielleicht auch nie im Leben welche kennen lernen würde. Er aber konnte jetzt, wenn er nur wollte, so leben, wie er es sich immer gewünscht hatte – in Ruhe und Sauberkeit. Es war ihm wohl zumute bei diesem Gedanken, zugleich aber fühlte er sich vor Mascha schuldig.

»Mascha!« rief er leise.

»Na, was denn, du Wilder?« ließ sich Mascha vernehmen.

»Weißt du ... ich bin ein recht schlechter Mensch«, sprach Lunew, und seine Stimme zitterte. Ob er es ihr sagen sollte?

Sie richtete sich aus und sah ihn lächelnd an.

»'s ist keiner da, der dich mal durchprügelte – das ist's!« sagte sie. Und dann trat sie rasch auf ihn zu und sprach hastig:

»Ach, lieber Ilja – bitte doch deinen Onkel, daß er mich mitnimmt – ja? Bitt' ihn darum! Ich wäre dir so dankbar!«

»Wohin denn?« fragte in müdem Tone Lunew, der ganz mit seinen Gedanken beschäftigt war und nicht auf ihre Worte geachtet hatte.

»Zu den heiligen Orten, mein Lieber – bitt' ihn!«

Sie faltete die Hände und stand vor ihm wie vor einem Heiligenbilde, während in ihre Augen Tränen traten.

»Wie schön wäre das doch!« sprach das Mädchen seufzend. »Im Frühjahr würden wir aufbrechen. Alle Tage sinn' ich darüber nach, ja ich träume sogar davon, daß ich gehe, gehe ... Mein Lieber, sprich mit deinem Onkel, sag' ihm, er soll mich mitnehmen! Er hört ja auf dich ... Sein Brot werde ich nicht essen ... um Almosen will ich bitten ... Ich bin so klein – man wird mir schon was geben. Willst du's tun, Iljuscha? Ich küsse dir die Hand dafür! ...«