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Und plötzlich faßte sie seine Hand und beugte sich darüber. Ilja stieß sie zurück und sprang vom Stuhle auf.

»Dummes Mädchen!« rief er laut. »Was tust du denn? Ich hab' einen Menschen erwürgt ...«

Er erschrak über seine eignen Worte und fügte sogleich hinzu:

»Vielleicht ... vielleicht hab' ich etwas sehr Böses mit diesen Händen getan ... und du willst sie küssen?«

»So laß mich doch!« sprach Mascha, dicht an ihn herantretend. »Was wär' denn dabei? Gewiß küsse ich sie dir! Petrucha ist schlechter als du, und doch küss' ich ihm für jedes Stückchen Brot die Hand ... Mir ist es zuwider, er will's aber haben – und so küss' ich sie ihm. Und dazu kneift und betastet er mich noch ... der Unverschämte!«

Es war Ilja mit einemmal leicht und froh zumute – vielleicht davon, daß er jene schrecklichen Worte ausgesprochen, vielleicht auch davon, daß er nicht alles gesagt hatte. Er lächelte und sprach leise, mit gütiger Stimme zu dem Mädchen:

»Gut, ich will das beim Onkel durchsetzen. Weiß Gott, ich setz' es durch! Du sollst auf die Pilgerschaft gehen ... Auch Geld will ich dir auf den Weg mitgeben ...«

»Du mein Guter!« rief Mascha, hüpfte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.

»Hör' doch auf!« sagte Lunew ernst. »Ich hab's gesagt – du gehst mit. Wirst für mich beten, Maschutka!«

»Für dich? O Gott!...«

In der Tür erschien Jakow und fragte Mascha verwundert:

»Was quiekst du denn so? Man hört's ja sogar auf dem Hofe!«

»Jascha!« schrie das Mädchen freudig bewegt und erzählte hastig: »Ich geh' auf die Pilgerfahrt ... Ilja hat mir versprochen, dem Buckligen zuzureden ...«

»So, so!...« sagte Jakow, schwieg ein Weilchen und begann dann leise zu pfeifen. »Jetzt bin ich ganz verloren!« fuhr er fort. »Ganz allein bleib' ich hier, wie der Mond am Himmel ...«

»Miete dir doch eine Kinderfrau ...« riet Ilja ihm lachend.

»Branntwein werde ich trinken«, sprach Jakow kopfschüttelnd.

Mascha sah ihn an, senkte den Kopf auf die Brust und ging nach der Tür zu. Von hier aus sprach sie in vorwurfsvollem, traurigem Tone:

»Was für ein schwacher Mensch bist du doch, Jakow!«

»Und ihr seid mal stark! Laßt einen Freund im Stich!«

Er setzte sich mit düstrer Miene an den Tisch, IIja gegenüber, und sagte:

»Soll ich am Ende auch mit Terentij gehen – ganz heimlich, wie?«

»Tu's! ... Ich würde fortgehen! ...« riet ihm Ilja.

»Du! ... Aber mir wird der Vater die Polizei nachschicken!«

Sie schwiegen alle drei. Und dann begann Jakow mit erzwungener Heiterkeit:

»Es ist doch hübsch, betrunken zu sein! Man denkt an nichts, begreift nichts ...«

Mascha stellte den Samowar auf den Tisch und sagte kopfschüttelnd:

»Ach, du ... schämst du dich nicht, so zu reden?«

»Du kannst davon nicht sprechen«, rief Jakow ärgerlich. »Dein Vater kümmert sich nicht um dich ... läßt dich machen, was du willst ... Lebst ganz nach deinem Willen.«

»Ein schönes Leben!« versetzte Mascha. »Fortlaufen möcht' ich und mich gar nicht umsehen ...«

»Es geht uns allen schlecht«, sagte Ilja leise und verfiel wieder in Nachdenken.

Dann begann Jakow, während er sinnend zum Fenster hinaussah:

»Wenn man so ganz und gar fortkönnte ... irgendwohin! ... Am Waldrande sitzen, oder an einem Flußufer, und über alles nachdenken ...«

»Das wär' eine dumme Art, dem Leben aus dem Wege zu gehen!« sprach Ilja verdrießlich.

Jakow sah ihm forschend ins Gesicht und sprach mit einer gewissen Scheu:

»Weißt du – ich hab' da ein Buch gefunden ...«

»Was für ein Buch?« »Ein ganz altes... In Leder ist's gebunden, wie ein Psalter sieht's aus, und ist wohl ... ein Ketzerbuch. Bei einem Tataren hab' ich's für siebzig Kopeken gekauft ...«

»Wie ist sein Titel?« fragte Ilja obenhin. Er hatte durchaus keine Lust zum Reden, doch fühlte er, daß das Schweigen ihm gefährlich werden konnte, und zwang sich daher zum Sprechen.

»Der Titel ist abgerissen«, berichtete Jakow in gedämpftem Tone. »Es ist darin vom Ursprung der Dinge die Rede. Schwer ist's zu lesen ... Es heißt dort, daß nach dem Ursprung der Dinge zuerst Thales von Milet geforscht hat: ›Der sagte, daß aus dem Wasser alles Sein herstammet, und daß Gott als eine Lebenskraft in den Dingen wohnet.‹ Und dann war noch ein Gottloser namens Diagoras, der lehrte, daß ›es nicht einen einzigen Gott gebe‹ – er hat also wohl an Gott nicht geglaubt. Und auch Epikur ist genannt, der meinte, daß wohl ›ein Gott ist, der sich aber um niemand bekümmert und für niemand sorgt‹. Das heißt also – wenn's auch einen Gott gibt, so gehn ihn die Menschen doch nichts an, so verstehe ich's wenigstens. Lebe, wie du willst – es gibt keinen, der auf deine Taten acht gibt ...«

Ilja erhob sich vom Stuhle und unterbrach stirnrunzelnd die breiten Ausführungen des Freundes:

»Man sollte dieses Buch nehmen und dir damit eins auf den Schädel geben!«

»Weshalb?« rief Jakow, der sich durch Iljas Bemerkung verletzt fühlte, ganz verwundert.

»Damit du nicht mehr darin liest – Dummkopf! Und jener, der das Buch geschrieben hat, ist gleichfalls ein Dummkopf!«

Lunew ging um den Tisch herum, beugte sich über den dasitzenden Freund und begann leidenschaftlich, voll Ingrimm auf Jakow loszuschreien, wie wenn er seinen großen Kopf mit Hammerschlägen bearbeitete:

»Es gibt einen Gott! Er sieht alles! Er weiß alles! Neben Ihm – gibt's keinen! Das Leben ist dir gegeben, um dich zu erproben, und die Sünde, um dich zu prüfen. Wirst du standhalten – oder nicht? Hast du nicht standgehalten – trifft dich die Strafe ... erwarte sie bestimmt! Nicht von den Menschen erwarte sie, sondern von Ihm – verstanden? Immer warte!«

»Halt ein!« rief Jakow. »Hab' ich denn davon etwas gesagt?«

»Ganz gleich! Wart' deine Strafe ab! Wie kannst du mein Richter sein, he?« schrie Lunew, bleich vor Erregung und Wut, die plötzlich über ihn gekommen war. »Kein Haar fällt von deinem Kopfe ohne Seinen Willen, hörst du? Wenn ich der Sünde verfallen bin – dann war das Sein Wille! Dummkopf!«

»Hast du den Verstand verloren – oder was sonst?« rief Jakow ganz erschrocken und lehnte sich an die Wand. »Was für einer Sünde bist du denn verfallen?«

Lunew hörte durch das Rauschen und Sausen in seinen Ohren diese Frage Jakows, und es war ihm, als ob ein kalter Hauch ihn anwehte. Er sah mißtrauisch auf Jakow und Mascha, die durch seine Aufregung und sein Schreien gleichfalls beunruhigt war.

»Ich rede doch nur beispielshalber«, sagte Ilja dumpf.

»Scheinst nicht gesund zu sein«, bemerkte Mascha schüchtern.

»Deine Augen sind so trübe«, fügte Jakow hinzu und musterte ihn aufmerksam. Ilja fuhr unwillkürlich mit der Hand über seine Augen und antwortete leise:

»Es ist nichts weiter, es wird vorübergehen.«

Es war ihm jedoch peinlich und unbehaglich, mit Menschen zusammen zu sein, und er ging auf sein Zimmer, ohne den Tee abzuwarten.

Kaum hatte er sich auf sein Bett gestreckt, als Onkel Terentij erschien. Seit der Bucklige sich entschlossen hatte, an den heiligen Orten Vergebung seiner Sünden zu suchen, lag auf seinem Gesichte ein verklärter, seliger Ausdruck, als hätte er schon jetzt einen Vorgeschmack der Freude, die ihm die Lossprechung von seiner Sündenschuld bereiten sollte. Leise, mit lächelnden Lippen, trat er an das Bett seines Neffen und sprach, während er an seinem Bärtchen zupfte, mit freundlicher Stimme:

»Ich sah dich vorhin kommen ... und da dacht' ich: ›Willst doch mal reingehen und mit ihm plaudern! ...‹ Nicht lange mehr werden wir hier zusammen hausen!«

»Du gehst also wirklich?« fragte Ilja trocken.

»Sowie es wärmer wird. Zur Karwoche möcht' ich schon in Kiew sein.«

»Sieh mal an! Sag', möchtest du nicht die kleine Mascha mitnehmen?«

»Was? Nein, das geht nicht«, rief der Bucklige mit einer abweisenden Handbewegung.

»So hör' doch einmal«, sprach Ilja hartnäckig. »Sie ist hier ganz überflüssig ... und steht jetzt in dem Alter ... Jakow, Petrucha ... und so weiter ... Du verstehst mich doch? Dieses Haus hier ist für alle wie ein Abgrund ... ein verfluchtes Haus! Mag sie gehen ... vielleicht kommt sie nicht mehr zurück ...« »Aber wie kann ich sie denn mitnehmen?« entgegnete Terentij kläglich.

»Nimm sie nur, nimm sie«, sprach Ilja, auf seinem Vorhaben beharrend. »Kannst die hundert Rubel, die du mir geben willst, für sie verwenden ... Ich hab' dein Geld nicht nötig ... und sie wird für dich beten ... Ihr Gebet hat viel zu bedeuten! ...«

Der Bucklige sann nach und sprach nach einer Weile:

»Es hat viel zu bedeuten ... das stimmt! Das hast du ... ganz richtig gesagt ... Das Geld aber kann ich von dir nicht nehmen. Damit bleibt's, wie wir es beschlossen haben ... Und was Maschka anbelangt –so will ich's überlegen ...«

Onkel Terentijs Augen leuchteten glücklich auf, und während er sich zu Ilja hinneigte, sprach er flüsternd, in freudiger Begeisterung:

»Was für einen Mann hab' ich gestern kennengelernt, mein Lieber! Einen berühmten Menschen, Peter Wassilitsch mit Namen ... Hast noch nichts von dem Bibelkundigen Ssisow gehört? Ein Mensch von höchster Weisheit! Nur Gott der Herr selber kann ihn zu mir gesandt haben, damit er meine Seele befreie von den Zweifeln an der Gnade des Herrn gegen mich Sünder ...«

Ilja lag schweigend da – er hatte nur den Wunsch, daß der Onkel ihn allein ließe. Mit halbgeschlossenen Augen schaute er zum Fenster hinaus, auf die hohe, dunkle Wand des Anbaus.

»Wir haben von den Sünden geredet, und von der Rettung der Seelen«, flüsterte Terentij in frommem Eifer. – »Er sprach: ›Wie der Meißel des Steines bedarf, damit er die rechte Schärfe erlange, so bedarf der Mensch auch der Sünde, damit seine Seele zerknirscht werde und er sie in den Staub niederwerfe zu Füßen des allbarmherzigen Herrn‹...«

IIja sah den Onkel an und sprach mit höhnischem Lächeln:

»Sag' mal – ist dieser Bibelkundige nicht etwa dem Satan ähnlich?«

»Wie kann man nur so reden!« rief Terentij, von ihm abrückend. »Er ist doch ein gottesfürchtiger Mensch! ... Viel berühmter ist er schon, als dein Großvater Antipa war ... Ja–a, mein Lieber!«

Und während er vorwurfsvoll den Kopf schüttelte, schmatzte er mit den Lippen.

»Na, schon gut!« sagte Ilja unwirsch. »Was hat er denn sonst noch gesagt?«

Ilja ließ ein unangenehmes Lachen hören. Der Onkel rückte verwundert von ihm weg und sagte:

»Was ist denn mit dir?«

»Nichts weiter. Es war ganz richtig, was er da gesagt hat, dieser Bibelkundige ... Paßt ganz auf mich ... ach, hol's der Teufel! Bin ganz der gleichen Meinung ... Punkt für Punkt! ...«

Er schwieg, sah dem Onkel durchdringend in die Augen und kehrte sein Gesicht der Wand zu.

»Er sagte auch noch,« begann Terentij von neuem, gleichsam vorsichtig tastend, »daß die Sünde der Seele Flügel gibt – Flügel der Reue, auf denen sie sich zum Throne des Allerhöchsten erhebt ...«

»Weißt du was?« unterbrach ihn Ilja wieder mit leisem Lachen – »auch du hast einige Ähnlichkeit mit dem Satan!«

Der Bucklige streckte die Arme zur Seite aus, wie ein großer Vogel, der die Flügel spreizt, und war ganz starr vor Entrüstung und Schrecken. Lunew aber richtete sich auf seinem Bett empor, stieß den Onkel mit der Hand in die Seite und sagte finster:

»Hebe dich weg von mir!«

Terentij erhob sich rasch und stand, seinen Buckel schüttelnd, mitten im Zimmer. Er schaute düster auf seinen Neffen, der auf dem Bett saß, mit beiden Armen sich stützend, die Schultern hoch emporgezogen und den Kopf tief auf die Brust gesenkt.

»Aber wenn ich nicht bereuen will?« fragte Ilja trotzig. »Wenn ich so denke: sündigen wollte ich nicht... alles ist von selbst gekommen ... Alles geschieht nach Gottes Willen, was brauch' ich mich zu beunruhigen? Er weiß alles und lenkt alles... Wenn er es nicht gewollt hätte, hätte er mich zurückgehalten ... Also hatte ich in dem, was ich tat, vollkommen recht! Alle Menschen leben in Unrecht und Sünde, wie viele sind's denn, die Buße tun?«

»Ich verstehe deine Worte nicht – Christus sei mit dir!« sprach Onkel Terentij traurig und stieß einen Seufzer aus.

»Verstehst du mich nicht,« rief Ilja lachend, »dann sprich erst gar nicht mit mir ... laß mich ungeschoren!«

Er streckte sich wieder auf dem Bett aus und sagte nach einer Weile zu Terentij:

»Ich glaube wirklich, ich bin krank ...«

»So scheint's auch mir«, sprach der Onkel.

»Schlafen möcht' ich ... Geh, laß mich allein!«

Als Ilja allein war, fühlte er, wie in seinem Kopfe gleichsam ein Strudel sich wirbelnd drehte. All das Seltsame, das er in diesen wenigen Stunden durchlebt hatte, floß zu einem stickigen, heißen Nebel zusammen, der schwer auf sein Hirn drückte. Es schien ihm, daß er schon lange sich in diesem qualvollen Zustande befand, daß er den Alten nicht heute, sondern irgend einmal vor langer Zeit erdrosselt hatte ...

Er schloß die Augen und lag unbeweglich da. In seinen Ohren ertönte die quiekende Stimme des Alten:

»Na, her mit deinen Münzen – mach' rasch!«

Die rauhe Stimme des schwarzbärtigen Kaufmanns, die rührende Bitte Maschas, die Worte des alten Ketzerbuches, die frommen Reden des Bibelkundigen – alles das tönte wirr und wüst durcheinander. Alles schwankte hin und her und zog ihn irgendwohin in die Tiefe. Er hatte nur noch das Bedürfnis nach Ruhe, nach Vergessen. Und er schlief ein ...

Als er am Morgen erwachte, sah er an der hell bestrahlten Wand gegenüber dem Fenster, daß ein klarer, frostkalter Tag angebrochen war. Er rief sich die Ereignisse des gestrigen Tages ins Gedächtnis, belauschte gleichsam sich selbst und hatte das Gefühl, daß er nun schon wissen würde, wie er sich zu benehmen habe. Eine Stunde später ging er mit seinem Hausierkasten auf der Brust die Straße entlang, blinzelte mit den Augen, da der Schnee ihn blendete, und musterte ruhig die Leute, die ihm begegneten. Kam er an einer Kirche vorüber, so nahm er die Mütze ab und bekreuzte sich. Auch vor der Kapelle neben dem geschlossenen Geschäft Poluektows bekreuzte er sich und ging weiter, ohne eine Spur von Furcht, Bedauern oder sonst einem beunruhigenden Gefühl zu empfinden. Als er zur Mittagszeit in einer Schenke saß, las er in einer Zeitung den Bericht über die freche Ermordung des Geldwechslers. Der Schluß des Artikels lautete: »Von der Polizei sind energische Maßnahmen zur Ergreifung des Täters eingeleitet.« Als Ilja diese Worte las, schüttelte er ungläubig lächelnd den Kopf: er war fest davon überzeugt, daß man den Mörder niemals ergreifen würde, wenn er nicht selbst wünschte, daß man ihn faßte ...