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»Sowie es wärmer wird. Zur Karwoche möcht' ich schon in Kiew sein.«

»Sieh mal an! Sag', möchtest du nicht die kleine Mascha mitnehmen?«

»Was? Nein, das geht nicht«, rief der Bucklige mit einer abweisenden Handbewegung.

»So hör' doch einmal«, sprach Ilja hartnäckig. »Sie ist hier ganz überflüssig ... und steht jetzt in dem Alter ... Jakow, Petrucha ... und so weiter ... Du verstehst mich doch? Dieses Haus hier ist für alle wie ein Abgrund ... ein verfluchtes Haus! Mag sie gehen ... vielleicht kommt sie nicht mehr zurück ...« »Aber wie kann ich sie denn mitnehmen?« entgegnete Terentij kläglich.

»Nimm sie nur, nimm sie«, sprach Ilja, auf seinem Vorhaben beharrend. »Kannst die hundert Rubel, die du mir geben willst, für sie verwenden ... Ich hab' dein Geld nicht nötig ... und sie wird für dich beten ... Ihr Gebet hat viel zu bedeuten! ...«

Der Bucklige sann nach und sprach nach einer Weile:

»Es hat viel zu bedeuten ... das stimmt! Das hast du ... ganz richtig gesagt ... Das Geld aber kann ich von dir nicht nehmen. Damit bleibt's, wie wir es beschlossen haben ... Und was Maschka anbelangt –so will ich's überlegen ...«

Onkel Terentijs Augen leuchteten glücklich auf, und während er sich zu Ilja hinneigte, sprach er flüsternd, in freudiger Begeisterung:

»Was für einen Mann hab' ich gestern kennengelernt, mein Lieber! Einen berühmten Menschen, Peter Wassilitsch mit Namen ... Hast noch nichts von dem Bibelkundigen Ssisow gehört? Ein Mensch von höchster Weisheit! Nur Gott der Herr selber kann ihn zu mir gesandt haben, damit er meine Seele befreie von den Zweifeln an der Gnade des Herrn gegen mich Sünder ...«

Ilja lag schweigend da – er hatte nur den Wunsch, daß der Onkel ihn allein ließe. Mit halbgeschlossenen Augen schaute er zum Fenster hinaus, auf die hohe, dunkle Wand des Anbaus.

»Wir haben von den Sünden geredet, und von der Rettung der Seelen«, flüsterte Terentij in frommem Eifer. – »Er sprach: ›Wie der Meißel des Steines bedarf, damit er die rechte Schärfe erlange, so bedarf der Mensch auch der Sünde, damit seine Seele zerknirscht werde und er sie in den Staub niederwerfe zu Füßen des allbarmherzigen Herrn‹...«

IIja sah den Onkel an und sprach mit höhnischem Lächeln:

»Sag' mal – ist dieser Bibelkundige nicht etwa dem Satan ähnlich?«

»Wie kann man nur so reden!« rief Terentij, von ihm abrückend. »Er ist doch ein gottesfürchtiger Mensch! ... Viel berühmter ist er schon, als dein Großvater Antipa war ... Ja–a, mein Lieber!«

Und während er vorwurfsvoll den Kopf schüttelte, schmatzte er mit den Lippen.

»Na, schon gut!« sagte Ilja unwirsch. »Was hat er denn sonst noch gesagt?«

Ilja ließ ein unangenehmes Lachen hören. Der Onkel rückte verwundert von ihm weg und sagte:

»Was ist denn mit dir?«

»Nichts weiter. Es war ganz richtig, was er da gesagt hat, dieser Bibelkundige ... Paßt ganz auf mich ... ach, hol's der Teufel! Bin ganz der gleichen Meinung ... Punkt für Punkt! ...«

Er schwieg, sah dem Onkel durchdringend in die Augen und kehrte sein Gesicht der Wand zu.

»Er sagte auch noch,« begann Terentij von neuem, gleichsam vorsichtig tastend, »daß die Sünde der Seele Flügel gibt – Flügel der Reue, auf denen sie sich zum Throne des Allerhöchsten erhebt ...«

»Weißt du was?« unterbrach ihn Ilja wieder mit leisem Lachen – »auch du hast einige Ähnlichkeit mit dem Satan!«

Der Bucklige streckte die Arme zur Seite aus, wie ein großer Vogel, der die Flügel spreizt, und war ganz starr vor Entrüstung und Schrecken. Lunew aber richtete sich auf seinem Bett empor, stieß den Onkel mit der Hand in die Seite und sagte finster:

»Hebe dich weg von mir!«

Terentij erhob sich rasch und stand, seinen Buckel schüttelnd, mitten im Zimmer. Er schaute düster auf seinen Neffen, der auf dem Bett saß, mit beiden Armen sich stützend, die Schultern hoch emporgezogen und den Kopf tief auf die Brust gesenkt.

»Aber wenn ich nicht bereuen will?« fragte Ilja trotzig. »Wenn ich so denke: sündigen wollte ich nicht... alles ist von selbst gekommen ... Alles geschieht nach Gottes Willen, was brauch' ich mich zu beunruhigen? Er weiß alles und lenkt alles... Wenn er es nicht gewollt hätte, hätte er mich zurückgehalten ... Also hatte ich in dem, was ich tat, vollkommen recht! Alle Menschen leben in Unrecht und Sünde, wie viele sind's denn, die Buße tun?«

»Ich verstehe deine Worte nicht – Christus sei mit dir!« sprach Onkel Terentij traurig und stieß einen Seufzer aus.

»Verstehst du mich nicht,« rief Ilja lachend, »dann sprich erst gar nicht mit mir ... laß mich ungeschoren!«

Er streckte sich wieder auf dem Bett aus und sagte nach einer Weile zu Terentij:

»Ich glaube wirklich, ich bin krank ...«

»So scheint's auch mir«, sprach der Onkel.

»Schlafen möcht' ich ... Geh, laß mich allein!«

Als Ilja allein war, fühlte er, wie in seinem Kopfe gleichsam ein Strudel sich wirbelnd drehte. All das Seltsame, das er in diesen wenigen Stunden durchlebt hatte, floß zu einem stickigen, heißen Nebel zusammen, der schwer auf sein Hirn drückte. Es schien ihm, daß er schon lange sich in diesem qualvollen Zustande befand, daß er den Alten nicht heute, sondern irgend einmal vor langer Zeit erdrosselt hatte ...

Er schloß die Augen und lag unbeweglich da. In seinen Ohren ertönte die quiekende Stimme des Alten:

»Na, her mit deinen Münzen – mach' rasch!«

Die rauhe Stimme des schwarzbärtigen Kaufmanns, die rührende Bitte Maschas, die Worte des alten Ketzerbuches, die frommen Reden des Bibelkundigen – alles das tönte wirr und wüst durcheinander. Alles schwankte hin und her und zog ihn irgendwohin in die Tiefe. Er hatte nur noch das Bedürfnis nach Ruhe, nach Vergessen. Und er schlief ein ...

Als er am Morgen erwachte, sah er an der hell bestrahlten Wand gegenüber dem Fenster, daß ein klarer, frostkalter Tag angebrochen war. Er rief sich die Ereignisse des gestrigen Tages ins Gedächtnis, belauschte gleichsam sich selbst und hatte das Gefühl, daß er nun schon wissen würde, wie er sich zu benehmen habe. Eine Stunde später ging er mit seinem Hausierkasten auf der Brust die Straße entlang, blinzelte mit den Augen, da der Schnee ihn blendete, und musterte ruhig die Leute, die ihm begegneten. Kam er an einer Kirche vorüber, so nahm er die Mütze ab und bekreuzte sich. Auch vor der Kapelle neben dem geschlossenen Geschäft Poluektows bekreuzte er sich und ging weiter, ohne eine Spur von Furcht, Bedauern oder sonst einem beunruhigenden Gefühl zu empfinden. Als er zur Mittagszeit in einer Schenke saß, las er in einer Zeitung den Bericht über die freche Ermordung des Geldwechslers. Der Schluß des Artikels lautete: »Von der Polizei sind energische Maßnahmen zur Ergreifung des Täters eingeleitet.« Als Ilja diese Worte las, schüttelte er ungläubig lächelnd den Kopf: er war fest davon überzeugt, daß man den Mörder niemals ergreifen würde, wenn er nicht selbst wünschte, daß man ihn faßte ...

XIV

Am Abend schickte Olympiada ihre Aufwärterin mit einem Briefe zu Ilja.

»Komm um neun Uhr an die Ecke der Kusnezkajastraße, nach den Badehäusern«, schrieb sie.

Als Ilja diese Worte las, fühlte er, daß sein Inneres sich krampfhaft zusammenzog und wie im Frost erzitterte. Er sah wieder den geringschätzigen Ausdruck im Gesicht seiner Geliebten, und in seinen Ohren klangen die schroffen, verletzenden Worte:

»Konntest du nicht zu einer anderen Zeit kommen?«

Er betrachtete den Brief und dachte nach, weshalb ihm wohl Olympiada dieses Stelldichein gab. Er fürchtete sich, den Grund zu erraten, und sein Herz begann wieder ängstlich zu schlagen. Um neun Uhr war er pünktlich zur Stelle. Als er unter den Frauen, die in der Nähe der Badehäuser paarweise oder einzeln spazieren gingen, die hohe Gestalt Olympiadas erblickte, verstärkte sich noch seine Angst und Unruhe. Olympiada trug einen alten Pelz und ein Tuch auf dem Kopfe, das Ilja von dem Gesichte nur die Augen sehen ließ. Schweigend blieb er vor ihr stehen ...