»Komm!« sagte sie, und gleich darauf fügte sie leise hinzu:
»Schlag deinen Kragen hoch, daß man dein Gesicht nicht sieht!«
Sie schritten durch den Korridor der Badeanstalt, wandten ihre Gesichter wie aus Schamgefühl zur Seite und verschwanden in einer reservierten Zelle. Olympiada warf sogleich ihr Tuch ab, und beim Anblick ihres ruhigen, vom Frost rosig angehauchten Gesichtes faßte auch Ilja wieder Mut. Gleichzeitig jedoch fühlte er, daß es ihm unangenehm war, sie so ruhig zu sehen. Sie setzte sich neben ihn auf den Diwan und sprach, während sie ihm freundlich ins Gesicht sah:
»Du mein Eigensinn! Jetzt kommen wir beide bald vor den Untersuchungsrichter ...«
»Warum?« fragte IIja, während er den tauenden Reif von seinem Schnurrbart wischte.
»Wie dumm er sich doch stellen kann! ... Als ob er gar nichts wüßte«, rief Olympiada leise, mit spöttischem Ausdruck.
Sie zog die Brauen zusammen und fuhr flüsternd fort:
»Heut' war ein Geheimpolizist bei mir!«
Ilja sah sie an und meinte trocken:
»Laß mich mit deinem Geheimpolizisten und überhaupt mit allem, was du treibst, ungeschoren. Sag' mir einfach – warum hast du mich hierher bestellt?«
Olympiada sah ihm forschend ins Gesicht und sagte verächtlich lächelnd:
»Ach so! Du spielst den Beleidigten ... Na, dafür habe ich jetzt keine Zeit. Hör' jetzt einmaclass="underline" wenn der Untersuchungsrichter dich verhört und dich fragt, wann du mich kennengelernt hast, und ob du oft bei mir warst, dann sag' nur alles der Wahrheit gemäß, ganz genau, hörst du?«
»Ich höre«, sagte Ilja und lächelte.
»Und wenn er wegen des Alten fragt – dann sag', du habest ihn nie gesehen. Niemals! Weißt gar nichts von ihm. Hast nicht gehört, daß ich von jemandem ausgehalten werde – verstehst du?«
Sie sah Ilja durchdringend, mit herrischer Miene an. Er fühlte, wie in ihm ein boshafter Gedanke emporkeimte, der ihn mit Genugtuung erfüllte. Es schien ihm, daß Olympiada ihn fürchtete, und er verspürte die Lust, sie zu quälen. Er kniff seine Augen zusammen und schaute ihr verstohlen lächelnd, ohne ein Wort zu sagen, ins Gesicht.
Jetzt ging es wie ein schreckhaftes Zucken über ihre Züge, und während sie erbleichend einen Schritt zurücktrat, fragte sie flüsternd:
»Was siehst du mich so an, Ilja?«
»Sag', warum soll ich lügen?« fragte er und wies ihr höhnisch die Zähne. »Ich habe den Alten doch bei dir gesehen! ...«
Und während er seine Ellbogen auf die Marmorplatte des Tisches legte, fuhr er in einem plötzlichen Anfall von bittrem Ingrimm langsam und leise fort:
»Ich hab' mir ihn damals angesehen und dachte: Der also ist's, der mir im Wege steht, der mein Leben zertrümmert hat! Und wenn ich ihn damals nicht erwürgt habe ...«
»Lüg' doch nicht!« rief Olympiada laut, während sie mit der Hand auf den Tisch aufschlug ... »Du lügst ja – er hat dir nie im Wege gestanden!«
»Wieso denn nicht?« fragte Ilja barsch.
»Er hat dir nichts getan. Du brauchtest nur zu wollen, und ich hätte ihm den Laufpaß gegeben. Hab' ich dir nicht gesagt, daß ich ihm ohne weiteres die Tür weise, wenn du es verlangst? Du schwiegst dazu und lächeltest nur ... Du hast mich eben nie wirklich geliebt! Du selbst hast, nach deinem eigenen Willen, mit ihm geteilt ...«
»Halt, schweig still!« rief Ilja. Er sprang vom Diwan auf, setzte sich jedoch sogleich wieder hin, als fühlte er sich durch Olympiadas Tadel niedergeschmettert.
»Ich will nicht schweigen!« rief sie. »Ich liebte dich, weil du ein so prächtiger, gesunder Junge warst ... Und du, was hast du mir angetan? Hast du mir etwa gesagt: Olympiada, wähle – er oder ich? Hast du das gesagt? Nein, du warst nur ... ein verliebter Kater, wie alle andern ...«
Ilja fuhr auf bei diesem beleidigenden Vorwurf. Es ward ihm dunkel vor den Augen, und mit geballter Faust sprang er von neuem empor:
»Wie kannst du es wagen?«
»Schlagen willst du mich, wie?« schrie das Weib mit drohend blitzenden Augen und knirschte mit den Zähnen. »Na, so schlag doch zu! Ich reiße sofort die Tür auf und schrei', daß du ihn totgeschlagen hast, nach Verabredung mit mir ... Na, so schlag mich doch!«
Ilja war wie vom Schreck gelähmt, doch das Gefühl des Schreckens streifte sein Herz nur und schwand alsbald. Er vermochte nur mühsam zu atmen, wie wenn unsichtbare Hände seine Kehle würgten.
Er sank wieder auf den Diwan zurück, schwieg eine Weile und stieß dann ein gepreßtes Lachen aus. Er sah, wie Olympiada sich auf die Lippen biß und in der schmutzigen, vom warmen Dunst der Badequaste und der Seife durchzogenen Zelle mit den Augen irgend etwas suchte. Dann setzte sie sich auf den Diwan dicht neben der Tür, ließ den Kopf sinken und sagte:
»Lach' nur ... du Teufel!«
»Das will ich auch!«
»Wie ich dich sah, dachte ich: Das ist der Rechte, der wird mir behilflich sein, mich retten ...«
»Lipa!« sprach Ilja leise.
Sie saß unbeweglich und antwortete nicht.
»Lipa!« rief Lunew abermals, und mit einem Gefühl, als ob er sich jäh in einen Abgrund stürzte, sprach er langsam, gemessen:
»Ich hab' den Alten erwürgt ... bei Gott!«
Sie zuckte zusammen, hob den Kopf empor und sah ihn mit weit geöffneten Augen an. Dann begannen ihre Lippen zu zittern, und mit stockendem Atem brachte sie mühsam hervor:
»Dummer Kerl!«
Ilja begriff, daß sie über seine Worte erschrocken war, jedoch an ihre Wahrheit nicht glauben wollte. Er erhob sich, trat an sie heran und setzte sich zerstreut lächelnd neben sie. Sie aber faßte plötzlich nach seinem Kopfe, preßte ihn an ihre Brust und flüsterte, während sie sein Haar küßte, mit ihrer sonoren Stimme:
»Warum kränkst du mich so? Ich war ja so froh, daß sie ihn erwürgt haben, den alten Schleicher ...«
»Ich hab's getan«, sagte er, mit dem Kopf nickend.
»So schweig doch!« rief das Weib unruhig. »Ich bin froh, daß er weg ist. Allen sollte es so gehen! Allen, die mich berührt haben! ... Nur du allein warst zu mir wie ein Mensch ... in meinem Leben bist du der erste, dem ich begegnet bin ... Du, mein Lieber!«
Ihre Worte zogen Ilja immer stärker zu ihr hin. Er schmiegte sich mit seinem Gesicht fest an ihre Brust, und obschon er kaum atmen konnte, vermochte er sich doch von ihr nicht loszureißen, da er das Gefühl hatte, daß sie ihm menschlich nahe stehe, und daß er ihrer jetzt mehr denn je benötigen würde.
»Wenn du so frisch und gesund, wie eine junge Eiche, vor mir stehst ... und mich zornig anschaust ... dann fühle ich die ganze Niedrigkeit meines Lebens. Und eben darum liebe ich dich ... um deines Stolzes willen ...»Ihre schweren Tränen fielen auf Lunews Gesicht, und als er die Berührung der warmen Tropfen spürte, flossen ihm selbst befreiende Tränen über die Wangen.
Sie aber nahm seinen Kopf in die Hände, küßte seine feuchten Augen, seine Wangen und Lippen und sprach:
»Ich weiß ja, daß dich nur meine Schönheit reizt ... daß du mich nicht mit dem Herzen liebst und mich verurteilst ... Du kannst mir einmal mein Leben und jenen Alten ... nicht verzeihen ...«
»Sprich nicht von ihm«, sagte Ilja. Er trocknete sein Gesicht mit ihrem Kopftuch ab und erhob sich.
»Komme, was kommen will«, sprach er mit leiser, fester Stimme. »Will Gott den Menschen strafen, dann findet er ihn überall. Für deine Worte danke ich dir, Lipa ... Was du sagst, ist richtig – ich bekenne mich schuldig vor dir. Ich dachte, du wärest ... eine solche, nichts weiter ... und du ... Nun, schon gut, ich bitt' dich um Verzeihung.«
Seine Rede stockte, seine Lippen bebten, und die Augen wurden ihm trübe. Langsam, mit zitternder Hand glättete er sein wirres Haar und sagte dann nochmals dumpf und hoffnungslos: