»Ich bin an allem schuld! ... Weshalb mußte das sein?«
Olympiada faßte seine Hand. Er sank neben ihr auf den Diwan und sagte, ohne auf ihr Geflüster zu achten:
»So begreif doch – ich hab' ihn erwürgt, ich!«
»Still doch!« rief Olympiada ängstlich, mit gedämpfter Stimme. »Was redest du denn?«
Und sie umarmte ihn fest und sah ihm mit ihren angsterfüllten Augen ins Gesicht.
»Laß nur! Es ist ganz unerwartet gekommen. Gott weiß es ... ich wollte es nicht tun! Ich wollte mir nur sein widerliches Gesicht ansehen, darum ging ich in den Laden. Nichts Bestimmtes hatte ich im Sinn. Und dann – kam das so plötzlich ... Der Teufel trieb mich an, und Gott hinderte ihn nicht ... Das Geld hätt' ich nicht nehmen sollen, es war töricht ... ach!«
Er seufzte tief auf, und es war ihm, als ob von seinem Herzen eine Rinde sich löste. Olympiada zitterte am ganzen Leibe, sie drückte ihn immer fester an sich und redete in abgerissenem, zusammenhangslosem Flüstern auf ihn ein.
»Daß du Geld genommen hast, ist gut ... Man glaubt jetzt, es sei ein Raubmord ... Sonst hätten sie gedacht, es sei aus Eifersucht geschehen ...«
»Reue empfinde ich nicht«, sprach Ilja nachdenklich. »Möge Gott mich strafen! ... Menschen – sind keine Richter ... was wären mir das für Richter?! Ich kenne keine Menschen, die selbst ohne Sünde wären ... hab' keinen gesehen ...«
»O Gott!« stöhnte Olympiada, »was wird nun werden? ... Mein Lieber! Ich bin ganz fassungslos ... kann nicht reden noch denken ... Laß uns jetzt weggehen von hier.«
Sie stand auf und schwankte wie eine Betrunkene. Als sie jedoch ihr Tuch um den Kopf gebunden hatte, sprach sie plötzlich ganz ruhig:
»Was wird nun werden, Iljuschaf Ob's uns schlecht gehen wird? ...«
Ilja schüttelte verneinend den Kopf.
»Sag' nur beim Untersuchungsrichter so aus, wie es war ...«
»So will ich's auch sagen. Denkst wohl, ich werde für mich nicht einstehen? Meinst, ich würde wegen dieses alten Kerls nach Sibirien gehen? Nein, da hab' ich noch anderes zu tun im Leben!«
Sein Gesicht ward rot vor Erregung, und seine Augen blitzten. Das Weib aber trat ganz nahe an ihn heran und fragte flüsternd:
»Hast du wirklich nur zweitausend genommen?«
»Zweitausend ... und noch etwas drüber ...«
»Armer Junge, auch darin hast du kein Glück!« sagte Olympiada betrübt; in ihren Augen schimmerten Tränen.
Ilja sah sie an und lächelte bitter:
»Hab' ich's denn des Geldes wegen getan? Versteh mich doch recht! – Wart'! Laß mich zuerst gehen, die Männer gehen hier immer zuerst hinaus ...«
»Komm nur recht bald zu mir ... Zu verstecken brauchen wir uns nicht ... Recht bald!« rief Olympiada voll Besorgnis.
Sie verabschiedeten sich mit einem langen, leidenschaftlichen Kusse. Sobald Lunew auf die Straße hinaustrat, rief er eine Droschke heran. Unterwegs schaute er immer wieder zurück, ob nicht jemand hinter ihm herfahre. Das Gespräch mit Olympiada hatte sein Herz erleichtert und in ihm ein warmes, zärtliches Gefühl für dieses Weib geweckt. Nicht mit einem Worte, nicht mit einem Blick hatte sie sein Herz verwundet, als er ihr seine Tat bekannte; nicht von sich gestoßen hatte sie ihn, sondern einen Teil der Schuld auf sich genommen. Eine Minute vorher, als sie noch gar nichts wußte, war sie bereit gewesen, ihn zu verderben – er hatte das an ihrem Gesichte gesehen. Und dann war sie plötzlich wie umgewandelt ... Ein mildes Lächeln lag auf seinem Gesicht, wenn er an sie dachte.
Am folgenden Tage fühlte sich Lunew bereits als das Wild, dem die Jäger auf der Spur sind. Frühmorgens begegnete ihm in der Schenke Petrucha; als Ilja ihn begrüßte, antwortete er kaum mit einem Kopfnicken und sah ihn dabei mit einem ganz besonderen, durchbohrenden Blicke an. Auch Terentij schaute ihn so seltsam an, seufzte dabei und sprach nicht ein Wort. Jakow rief ihn in Maschas Stube und sagte dort in ängstlichem Tone:
»Gestern abend war der Reviervorsteher hier, er fragte den Vater ganz genau über dich aus ... Was hat das zu bedeuten?«
»Wonach fragte er denn?« erkundigte sich Ilja ruhig.
»Wie du lebst ... ob du Branntwein trinkst ... in bezug auf Weiber ... Er nannte auch eine gewisse Olympiada – ›Kennen Sie die nicht?‹ sprach er. Warum fragt er das alles?«
»Der Teufel mag's wissen«, versetzte Ilja und ließ Jakow allein.
Am Abend dieses Tages bekam er wieder eine Nachricht von Olympiada. Sie schrieb:
»Man hat mich über Dich verhört. Ich habe alles genau angegeben. Das hat durchaus nichts auf sich und ist nicht gefährlich. Hab' keine Angst. Ich küsse Dich, Geliebter.«
Er warf den Zettel ins Feuer. In Filimonows Hause, wie in der Schenke, sprachen alle von der Ermordung des Kaufmanns. Ilja hörte diese Erzählungen, und es bereitete ihm ein eignes Vergnügen, sie anzuhören. Es gefiel ihm, zwischen den Menschen umherzugehen, sie über die Einzelheiten des Falles auszufragen, die sie selbst hinzugedichtet hatten, und dabei zu wissen, daß er sie alle in höchstes Erstaunen versetzen konnte, wenn er sagte:
»Ich bin's ja, der es getan hat! ...«
Einige rühmten die Geschicklichkeit des Täters, andere bedauerten, daß er nicht alles Geld mitnehmen konnte, noch andere sprachen ihre Befürchtung aus, daß man ihn vielleicht doch noch fassen würde, und nicht eine einzige Stimme fand sich, die den Ermordeten bedauert hätte, niemand äußerte über ihn auch nur ein freundliches Wort.
Der Umstand, daß Ilja bei den Menschen gar kein Mitleid mit dem Ermordeten fand, weckte in ihm ein Gefühl der Geringschätzung gegen sie. Er dachte im übrigen gar nicht mehr an Poluektow, sondern nur daran, daß er eine schwere Schuld auf sich geladen habe, und daß ihn in Zukunft sein Strafgericht erwarte! Dieser Gedanke beunruhigte ihn jetzt gar nicht weiter: er hatte sich in seinem Innern festgesetzt und war gleichsam ein Teil seiner Seele geworden. Er glich einer Beule, die von einem Schlage zurückbleibt – sie schmerzt nicht, wenn man nicht daran rührt. In ihm lebte die tiefe Überzeugung, daß die Stunde kommen müsse, in der die Strafe Gottes ihn treffen würde – Gottes, der alles weiß und dem Übertreter Seines Gesetzes nicht verzeiht. Diese stetige Bereitschaft, zu jeder Stunde die Strafe über sich ergehen zu lassen, gestattete Ilja, seine Ruhe fast ungestört zu bewahren und mit Eifer den Schwächen der Menschen nachzuspüren. Dieses Spüren und Beobachten bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, wenn er auch wußte, daß für ihn darin keine Rechtfertigung lag.
Er wurde finsterer, in sich gekehrter, doch ging er ganz wie früher vom Morgen bis zum Abend mit seiner Ware in der Stadt umher, besuchte die Schenken, beobachtete die Menschen und hörte aufmerksam auf ihre Reden. Eines Tages fiel ihm das Geld ein, das er oben auf dem Boden versteckt hatte, und er dachte daran, es an irgendeinem anderen Orte zu verbergen, aber gleich darauf sagte er sich:
»Es ist unnötig. Mag es dort liegen ... Sucht man danach und findet es – dann gesteh' ich ...«
Es wurde jedoch nicht nach dem Gelde gesucht, und auch vor den Untersuchungsrichter wurde Ilja erst am sechsten Tage geladen. Bevor er sich nach dem Gerichtsgebäude begab, wechselte er seine Wäsche, zog sein bestes Jackett an und putzte seine Stiefel ganz blank. In einer Schlittendroschke fuhr er hin. Der Schlitten flog auf dem unebenen Straßendamm hin und her, Ilja aber war bemüht, sich gerade und unbeweglich zu halten. In seinem Innern war alles so straff gespannt, daß er befürchtete, es könnte bei einer unvorsichtigen Bewegung irgend etwas in ihm zerbrechen. Auch die Treppe des Gerichtsgebäudes stieg er ganz langsam und vorsichtig empor, als wenn er Kleider aus Glas anhätte.
Der Untersuchungsrichter, ein junger Mann mit gelocktem Haar und einer Adlernase, über der eine goldene Brille saß, rieb, als er Ilja erblickte, zuerst kräftig seine schlanken, weißen Hände, dann nahm er die Brille ab, putzte sie sorgfältig mit seinem Taschentuche und schaute dabei Ilja mit seinen großen, dunklen Augen an. Ilja verneigte sich schweigend vor ihm.