»Guten Tag! Setzen Sie sich ... dahin! ...«
Er wies mit einer Handbewegung nach einem Stuhl an einem großen, mit himbeerfarbigem Tuch überzogenen Tische. Ilja setzte sich und schob vorsichtig mit dem Ellbogen einen Aktenstoß fort, der auf dem Rande des Tisches lag. Der Untersuchungsrichter bemerkte das, nahm höflich die Akten fort und setzte sich dann Ilja gegenüber an den Tisch. Schweigend begann er in einem Buche zu blättern und musterte dabei Ilja von der Seite. Dieses Schweigen gefiel Ilja nicht, er wandte sich von dem Untersuchungsrichter ab und schaute sich im Zimmer um. Zum erstenmal sah er einen so sauber und vornehm ausgestatteten Raum. An den Wänden hingen Bildnisse in Rahmen und Gemälde. Auf einem derselben war Christus dargestellt. Er ging in Gedanken versunken, den Kopf vorgebeugt, traurig und einsam zwischen Ruinen daher, zu seinen Füßen lagen menschliche Leichname und Waffen, und im Hintergrunde des Bildes stieg schwarzer Rauch empor – es brannte dort etwas. Ilja schaute lange auf dieses Bild und suchte zu begreifen, was es vorstellte, und er hatte sogar Lust, danach zu fragen, als plötzlich der Untersuchungsrichter das Buch laut zuklappte. Ilja fuhr zusammen und sah ihn an. Das Gesicht des Untersuchungsrichters hatte einen trockenen, gelangweilten Ausdruck, und seine Lippen hingen in komischer Weise herab, als wenn ihn jemand verletzt hätte.
»Nun,« sagte er und klopfte mit dem Finger auf den Tisch – »Sie sind Ilja Jakowlewitsch Lunew, nicht wahr?«
»Ja ...«
»Sie erraten, weshalb ich Sie vorgeladen habe?«
»Nein«, antwortete Ilja und blickte wieder flüchtig nach dem Gemälde. Dann ließ er seinen Blick über die saubere, solide Einrichtung des Zimmers schweifen und sog das feine Parfüm ein, nach dem der Untersuchungsrichter duftete. Es zerstreute und beruhigte ihn, seine Umgebung zu beobachten, und der Neid regte sich in seinem Herzen.
»So also lebt solch ein Herr ...« ging's ihm durch den Kopf. »Es muß wohl einträglich sein, Räuber und Mörder zu fangen ... Wieviel Gehalt mag er haben? ...«
»Sie erraten es also nicht?« wiederholte der Untersuchungsrichter wie erstaunt. »Hat Ihnen denn Olympiada nichts gesagt?«
»Nein ... ich hab' sie schon lange nicht gesehen ...«
Der Untersuchungsrichter warf sich mit dem Rücken gegen die Lehne des Sessels und ließ wieder die Lippen hängen.
»Wie lange denn? ...« fragte er.
»Ich weiß es nicht ... vielleicht acht, neun Tage ...«
»Aha! So so! ... Und sagen Sie mal – haben Sie den alten Poluektow oft bei ihr getroffen?«
»Den, der neulich ermordet wurde?« fragte Ilja, indem er dem Untersuchungsrichter in die Augen sah.
»Ganz recht, den mein' ich ...«
»Den hab' ich dort niemals getroffen ...«
»Niemals? Hm ...«
»Niemals!«
Der Untersuchungsrichter warf seine Fragen rasch und wie von ungefähr hin, und wenn Ilja, der sehr bedächtig antwortete, mit seiner Antwort gar zu lange zögerte, trommelte er ungeduldig mit den Fingern auf dem Tische.
»Sie wußten, daß Olympiada Petrowna von Poluektow ausgehalten wurde?« fragte er plötzlich, indem er durch seine Brille scharf nach Ilja hinsah.
Lunew errötete unter diesem Blick, der für ihn etwas Verletzendes hatte.
»Jawohl, sie wurde von ihm ausgehalten«, wiederholte der Untersuchungsrichter in gereiztem Tone. »Nach meiner Ansicht ist das nicht schön«, fügte er hinzu, als er sah, daß Ilja keine Miene machte, ihm zu antworten.
»Was sollte daran wohl schön sein!« sagte Ilja endlich leise.
»Nicht wahr? ...«
Aber Ilja ließ ihn wiederum ohne Antwort.
»Und Sie ... sind Sie schon lange mit ihr bekannt?«
»Über ein Jahr ...«
»Sie haben sie also noch vor ihrer Bekanntschaft mit Poluektow kennengelernt?«
»Du bist mir ein schlauer Fuchs«, dachte Ilja und sagte dann ruhig: »Wie kann ich Ihnen das sagen, wenn ich doch nicht wußte, daß sie ... mit dem Verstorbenen zusammenlebte?«
Der Untersuchungsrichter spitzte den Mund, ließ einen Pfiff hören und begann in einem Aktenstück zu blättern. Lunew betrachtete wieder das Bild – er fühlte, wie das Interesse für dieses ihm seine Ruhe bewahren half. Irgendwoher drang das helle, muntere Lachen eines Kindes an sein Ohr. Dann sang eine fröhliche, sanfte Frauenstimme zärtlich:
»Ännchen mein ... Kindchen mein ... Herzchen mein ... Schätzchen mein! ...«
»Das Bild da scheint Sie sehr zu interessieren?« ließ die Stimme des Untersuchungsrichters sich vernehmen.
»Wohin geht denn eigentlich Christus?« fragte Ilja leise.
Der Untersuchungsrichter sah ihm mit gelangweiltem, enttäuschtem Ausdruck ins Gesicht und sagte nach einer Weile:
»Sie sehen ja – er ist auf die Erde herabgekommen, um sich zu überzeugen, wie die Menschen seine Gebote erfüllen. Er geht über ein Schlachtfeld, ringsum sieht er getötete Menschen, zerstörte Häuser, Feuersbrünste, Plünderungen ...«
»Kann er denn das vom Himmel aus nicht sehen?« fragte Ilja.
»Hm ... Der größeren Anschaulichkeit wegen ist es so dargestellt ... um zu zeigen, wie wenig das wirkliche Leben mit den Lehren Christi übereinstimmt ...«
Wiederum folgte eine ganze Anzahl kleiner, unwesentlicher Fragen, die Ilja lästig fielen wie die Herbstfliegen. Er wurde durch sie ermüdet und fühlte, wie sie seine Aufmerksamkeit einschläferten, und wie seine Vorsicht unter ihrem eintönigen, öden Geknatter ermattete. Und er ward böse auf den Untersuchungsrichter, der, wie er wohl begriff, absichtlich diese Fragen stellte, um ihn zu ermüden.
»Können Sie mir vielleicht sagen,« warf der Richter rasch, wie ohne besondere Absicht hin – »wo Sie am Donnerstag zwischen zwei und drei Uhr gewesen sind?«
»Im Wirtshaus ... Tee hab' ich getrunken ...« antwortete Ilja.
»Ah! In welchem Wirtshause denn? Wo?«
»In der ›Plewna‹ ...«
»Wie kommt es, daß Sie darüber so genau Bescheid wissen ... daß Sie gerade zu jener Zeit in dem Wirtshaus gewesen sind?«
Das Gesicht des Untersuchungsrichters nahm einen gespannten Ausdruck an, er legte sich mit der Brust über den Tisch und sah mit seinen flammenden Augen forschend in die Augen Lunews. Ilja antwortete nicht sogleich. Er schwieg ein paar Sekunden, dann seufzte er und sagte, ohne sich zu beeilen:
»Ich hatte, bevor ich in das Wirtshaus ging, einen Polizisten nach der Zeit gefragt.«
Der Untersuchungsrichter lehnte sich wieder in den Sessel zurück, nahm einen Bleistift und begann damit auf seine Fingernägel zu klopfen.
»Der Polizist sagte mir, es sei in der zweiten Stunde, zwanzig Minuten vor zwei, oder so was ...« sprach Ilja langsam.
»Er kennt Sie?«
»Ja ...«
»Haben Sie keine Taschenuhr?«
»Nein ...«
»Hatten Sie ihn auch schon früher einmal nach der Zeit gefragt?«
»Es ist wohl vorgekommen ...«
»Haben Sie lange in der ›Plewna‹ gesessen?«
»Bis die Nachricht von dem Morde kam ...«
»Und wohin gingen Sie dann?«
»Ich ging, mir den Ermordeten anzusehen.«
»Hat Sie dort ... vor dem Laden ... jemand gesehen?«
»Jener Polizist hat mich gesehen ... Er hat mich sogar fortgejagt ... mich gestoßen ...«
»Sehr gut ... sehr wichtig für Sie«, sagte der Untersuchungsrichter beifällig und fragte dann obenhin, ohne Ilja anzusehen:
»Haben Sie den Polizisten vor dem Morde oder nach dem Morde nach der Zeit gefragt?«
Ilja begriff die Absicht des Fragenden. Er wandte sich auf seinem Stuhle schroff ab, voll Wut über diesen Menschen in dem blendend weißen Hemd, mit den feinen, schlanken Fingern, den wohlgepflegten Nägeln und der goldenen Brille vor den stechenden, dunklen Augen. Statt einer Antwort stellte er die Frage:
»Wie kann ich denn das wissen?«