Der Untersuchungsrichter hustete trocken und rieb sich die Hände, daß seine Finger knackten.
»Ausgezeichnet!« sagte er in unzufriedenem Tone. »Großa–artig! ... Nur noch ein paar Fragen.«
Jetzt fragte der Richter schon in gleichgültigem, gelangweiltem Tone – offenbar erwartete er nicht mehr, irgend etwas Interessantes zu hören. Ilja gab ihm Bescheid und war immer noch darauf gefaßt, plötzlich eine ähnliche Frage, wie jene über die Zeit des Mordes, zu vernehmen. Jedes Wort, das er sprach, hallte in seiner Brust wie in einem leeren Räume wider, als ob es dort an einer straff gespannten Saite rührte. Doch der Untersuchungsrichter stellte ihm keine so verschmitzten Fragen mehr.
»Als Sie an jenem Tage dort auf der Straße gingen – ist Ihnen da nicht ein hochgewachsener Mensch in einem kurzen Pelz und schwarzer Lammfellmütze begegnet? Erinnern Sie sich nicht?«
»Nein ...« sprach Lunew barsch.
»Nun hören Sie mal zu: ich werde Ihnen Ihre Aussage vorlesen, und Sie unterschreiben dann ...«
Er hielt einen beschriebenen Bogen Papier vor sein Gesicht und begann rasch und eintönig zu lesen. Als er mit dem Lesen fertig war, steckte er Lunew eine Feder in die Hand. Ilja beugte sich über den Tisch, unterschrieb, erhob sich langsam von seinem Stuhle und sagte, während er den Untersuchungsrichter ansah, mit lauter, sicherer Stimme:
»Leben Sie wohl! ...«
Jener antwortete ihm mit einem kurzen, vornehmen Kopfnicken, beugte sich über seinen Schreibtisch vor und begann zu schreiben. Ilja stand sinnend da – er hätte diesem Menschen, der ihn so lange gequält hatte, noch gern irgend etwas gesagt. In der Stille des Zimmers hörte man das Kratzen der Feder, und die singende Frauenstimme ließ sich wieder vernehmen:
»Tanzet lustig, tanzet lustig, meine kleinen Püppelchen! ...«
»Was wollen Sie noch?« fragte der Untersuchungsrichter plötzlich und hob den Kopf empor.
»Nichts ...« versetzte Lunew düster.
»Ich sagte Ihnen ja: Sie können gehen ...«
»Ich geh' schon ...«
Sie sahen einander unfreundlich an, und Lunew fühlte, daß in seiner Brust irgend etwas wuchs – etwas Schweres, Furchtbares. Rasch wandte er sich um und ging auf die Straße hinaus. Ein kalter Wind wehte ihm entgegen, und er merkte jetzt erst, daß sein Körper ganz in Schweiß gebadet war. Eine halbe Stunde später saß er bei Olympiada. Sie hatte ihm selbst die Tür geöffnet, nachdem sie aus dem Fenster ihn hatte vorfahren sehen. Mit mütterlicher Freude begrüßte sie ihn. Ihr Gesicht war bleich, und sie blickte ihn unruhig, mit weit geöffneten Augen, an.
»Mein kluger Junge!« rief sie, als Ilja ihr sagte, daß er eben vom Untersuchungsrichter komme. »Na, so erzähl' doch – wie war es denn dort?«
»Der Spitzbube!« sprach Ilja voll Wut. »Er hat mir Fallen gestellt ...«
»Er kann doch nicht anders«, belehrte ihn Olympiada.
»Warum sagt er's nicht gerade heraus? ›So und so ... das und das denkt man von Ihnen‹ ...«
»Hast du ihm denn alles gerade heraus gesagt?« fragte Olympiada lächelnd.
»Ich?« rief Lunew erstaunt. »Ach ja ... in der Tat ... hol' ihn der Teufel! ...«
Er schien ganz verdutzt und meinte nach einer Weile:
»Und wie ich dort vor ihm saß, dacht' ich, bei Gott ... ich wär' im Recht!«
»Nun, Gott sei Dank ... es ist alles gut abgelaufen!« rief Olympiada froh bewegt.
Ilja sah sie lächelnd an und sagte langsam:
»Ich brauchte gar nicht viel zu lügen ... Hab' wirklich Glück, Lipa! ...«
Er lachte ganz seltsam bei diesen Worten.
»Mir sind die Geheimpolizisten scharf auf den Fersen,« sprach Olympiada mit gedämpfter Stimme, »und jedenfalls auch dir ...«
»Natürlich!« sagte Lunew voll Hohn und Grimm. »Sie schnüffeln herum und wollen mich einschließen, wie die Treiber den Wolf im Walde. Aber es wird ihnen nicht gelingen ... sie sind nicht die Kerle danach! Und ich bin auch kein Wolf, sondern ein unglücklicher Mensch ... Ich wollte keinen würgen, mich selber würgt das Schicksal ... wie Paschka in seinen Versen sagt ... Auch den Paschka würgt es, und Jakow ... uns alle!«
»Laß gut sein, Iljuscha,« sprach Olympiada, die gerade Wasser in den Samowar goß – »alles wird noch gut werden! ...«
Lunew erhob sich vom Diwan, trat ans Fenster und sagte, während er auf die Straße hinaussah, mit dumpfer, verzweiflungsvoller Stimme:
»Mein ganzes Leben lang hab' ich mit der Nase im Schmutz gewühlt ... immer auf das wurde ich gestoßen, was ich nicht liebte, was ich haßte. Nie hab' ich einen Menschen gefunden, den ich mit frohem Blick hätte anschauen mögen ... Gibt's denn nichts Reines, nichts Edles im Leben? Jetzt hab' ich diesen da ... den Deinigen ... erwürgt ... weshalb? Nur besudelt hab' ich mich dabei, und meine Seele verdorben ... Geld hab' ich genommen ... ich hätt's nicht tun sollen ...«
»Klage nicht!« suchte ihn Olympiada zu trösten. »Er verdient kein Mitleid ...«
»Ich bemitleide ihn auch nicht ... Nur mich selbst will ich rechtfertigen. Jeder sucht sich zu rechtfertigen – denn er muß doch leben! ... Der Untersuchungsrichter – ja, der lebt wie das Zuckerplätzchen in der Schachtel ... Der wird niemanden erwürgen! Der kann brav und rechtlich bleiben ... in seinem sauberen Neste ...«
»Laß gut sein, wir ziehen beide fort aus dieser Stadt ...«
»Nein, ich ziehe nirgends hin!« rief Lunew und wandte sich trotzig zu ihr um. »Ich will warten und zusehen, was weiter wird.«
Olympiada sann einen Augenblick nach. Sie saß am Tische vor dem Samowar, üppig und schön, in einem weißen, weiten Mantel.
»Ich will noch kämpfen!« rief Lunew und schüttelte vielsagend mit dem Kopfe, während er im Zimmer auf und ab schritt.
»Ach so!« rief das Weib in gekränktem Tone – »du willst nicht mit mir gehen, weil du dich vor mir fürchtest? Du meinst, ich würde dich jetzt für immer in der Hand haben, denkst, ich werde es mir zunutze machen ... daß ich dein Geheimnis kenne? Da irrst du, mein Lieber, ja! Mit Gewalt will ich dich nicht fortschleppen ...«
Sie sprach in ruhigem Tone, doch ihre Lippen zuckten, wie wenn sie Schmerzen darin hätte.
»Was redest du da?« fragte Lunew ganz verwundert.
»Zwingen will ich dich zu nichts ... Hab' keine Angst! Geh, wohin du willst – bitte ...«
»Wart' doch mal!« sprach Ilja, während er sich neben sie setzte und ihre Hand nahm. »Ich hab' nicht begriffen, was du da sagtest ...«
»Verstell' dich doch nicht!« rief Olympiada schmerzlich und entzog ihm ihre Hand. »Ich weiß – du bist stolz ... und hart. Den Alten kannst du mir nicht verzeihen, und mein Leben ist dir zuwider ... Du denkst jetzt, das alles sei nur um meinetwillen so gekommen ...«
»Du redest töricht«, sprach Ilja gemessen. »Nicht im geringsten hab' ich dich beschuldigt. Ich weiß, daß es für uns keine Weiber gibt, die sauber und fein und dabei ohne Sünde wären ... Solche Weiber sind teuer ... Die sind nur für die reichen Leute, unsereins muß schon mit dem Abgenagten und Ausgesogenen ... dem Bespienen und Verbrauchten vorliebnehmen ...«
»Dann laß doch ab von mir, der Bespienen, Verbrauchten!« schrie Olympiada, vom Stuhl aufspringend. »Mach', daß du fortkommst!«
Doch plötzlich blitzten Tränen in ihren Augen auf, und sie überschüttete Ilja mit einer Flut von flammenden Worten, die wie Kohlen brannten:
»Ich selbst bin freiwillig in diese Höhle gekrochen ... weil in ihr viel Geld zu holen ist ... Mit diesem Gelde wollte ich wie auf einer Leiter wieder emporklettern ... gedachte ein anständiges Leben zu beginnen ... Du hast mir dazu verholfen, ich weiß es! ... Und ich liebe dich und werde dich lieben, wenn du auch zehn Menschen erwürgst ... Nicht die Tugend liebe ich in dir, sondern den Stolz ... und deine Jugend, deinen Lockenkopf, deinen starken Arm, deine finstern Augen ... Auch deine Vorwürfe, die mir wie Dolche ins Herz gehen ... für alles das werde ich dir bis ans Grab dankbar sein, die Füße werde ich dir küssen – ja!«