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Sie stürzte zu seinen Füßen nieder und begann seine Knie zu küssen, während sie rief:

»Gott ist mein Zeuge! Ich habe gesündigt um meines Seelenheils willen. Es muß Ihm doch lieber sein, wenn ich nicht mein ganzes Leben im Schmutz verbringe, sondern durch ihn hindurchschreite und wieder ein reines Leben führe ... Dann will ich Seine Verzeihung erflehen ... Ich will nicht mein ganzes Leben lang diese Marter tragen! Sie haben mich mit Schmutz besudelt ... und mit Kot ... Alle meine Tränen reichen nicht hin, um ihn abzuwaschen ...«

Ilja suchte sich von ihr loszumachen und sie vom Boden aufzuheben, doch sie hatte sich an ihm festgeklammert, hatte ihren Kopf an seine Knie gepreßt und rieb ihre Wangen an seinen Füßen. Und dabei sprach sie in einem fort mit leidenschaftlicher, dumpfer keuchender Stimme. Da begann er sie mit zitternder Hand zu streicheln, zog sie empor, umarmte sie und legte ihren Kopf an seine Schulter. Die heiße Wange des Weibes preßte sich fest an sein Gesicht, und während Olympiada noch, von seinen starken Armen umfangen, auf den Knien vor ihm lag, flüsterte sie mit gedämpfter Stimme:

»Kann's denn jemandem nützen, wenn ein Mensch, der einmal gesündigt hat, fast sein ganzes Leben in Erniedrigung zubringt? ... Als ich ein junges Mädchen war und sich mein Stiefvater mir in unreiner Lüsternheit näherte – da stach ich nach ihm mit dem Messer ... Dann haben sie mich mit Wein betrunken gemacht und mich entehrt ... Ich war ein Mädchen, so sauber, so hübsch und rotwangig wie ein Apfel! Ich weinte um mich ... tat mir selber leid ... weinte um meine Schönheit ... Ich wollt' es nicht, wollt' es nicht! ... Und dann sagte ich mir: es ist alles gleich ... es gibt keine Rückkehr ... Gut, dachte ich – dann will ich wenigstens meine Schande so teuer wie möglich verkaufen ... Ich haßte sie alle, ich bestahl sie, wenn ich mit ihnen zechte ... Vor dir hab' ich keinen von Herzen geküßt ...«

Ihre Worte gingen zuletzt in ein stilles Flüstern über. Und plötzlich riß sie sich dann aus Iljas Umarmung los.

»Laß mich sein!«

Er aber umfing sie noch fester mit seinen Armen und begann voll Leidenschaft und Verzweiflung ihr Antlitz zu küssen.

»Ich habe nichts zu sagen auf deine Worte«, sprach er wie im Fieber. »Nur eins sag' ich dir: niemand hat mit uns Mitleid gehabt, und auch wir brauchen mit niemand Mitleid zu haben! Du hast so schön gesprochen ... Komm, laß dich küssen ... Wie soll ich dir's anders vergelten? Du meine Schöne ... ich liebe dich ... ach, ich weiß nicht, wie! Nicht mit Worten kann ich's aussprechen ...«

Ihre klagenden Reden hatten in ihm ein heißes Gefühl der Zuneigung zu diesem Weibe geweckt. Ihr Schmerz schmolz gleichsam mit seinem Unglück in ein Ganzes zusammen, und ihre Herzen kamen einander näher und näher. Sie hielten sich fest umschlungen und erzählten sich lange mit leiser Stimme gegenseitig all die Kränkungen, die sie im Leben erduldet. In Lunews Brust reifte eine trotzige, mutvolle Entschlossenheit ...

»Wir sind einmal nicht für das Glück geboren, wir beiden«, sprach das Weib und schüttelte hoffnungslos den Kopf.

»Gut, dann wollen wir unser Unglück feiern! ... Wollen wir beide vereint nach Sibirien gehen, in die Zwangsarbeit? Wie? ... Aber das hat noch Zeit. Vorläufig werden wir unsern Schmerz und unsere Liebe genießen ... Jetzt mögen sie mich mit glühenden Zangen zwicken ... Ums Herz ist's mir so leicht! ...«

Erhitzt von ihren Gesprächen und erregt von ihren Liebkosungen schauten sie einander wie durch einen Nebel an. Es war ihnen heiß und eng in ihren Kleidern ...

Durch das Fenster schaute eintönig grau der Himmel. Ein kalter Nebel umhüllte die Erde und setzte sich an den Bäumen als weißer Reif fest. Im Gärtchen vor den Fenstern wiegte eine junge Birke leise ihre dünnen Zweige hin und her und schüttelte den Schnee von ihnen ab. Der Winterabend brach an ...

XV

Ein paar Tage später brachte Lunew in Erfahrung, daß als mutmaßlicher Mörder des Kaufmanns Poluektow ein hochgewachsener Mensch in einer Lammfellmütze gesucht werde. Bei den Nachforschungen, die in dem Geschäft des Ermordeten angestellt worden waren, hatte man zwei silberne Metallbeschläge von Heiligenbildern gefunden, und es stellte sich heraus, daß sie gestohlen waren. Der Laufbursche, der in dem Wechselgeschäft angestellt war, hatte angegeben, daß diese Beschläge drei Tage vor dem Morde von einem hochgewachsenen Menschen in kurzem Pelz mit Namen Andrej gekauft worden waren, daß dieser Andrej an Poluektow bereits zu verschiedenen Malen silberne und goldene Gegenstände verkauft hatte, und daß Poluektow ihm Geld auf Vorschuß gab. Ferner wurde bekannt, daß am Abend vor dem Morde und am Tage der Tat ein Mensch, auf den die Beschreibung des Laufburschen paßte, in den öffentlichen Häusern der Stadt viel Geld verjubelt habe.

Jeden Tag hörte Ilja irgend etwas Neues in dieser Angelegenheit. Die ganze Stadt interessierte sich lebhaft für das so raffiniert ausgeführte Verbrechen, und überall, in den Schenken wie auf den Straßen, sprach man von dem Morde. Für Lunew hatten alle diese Gespräche nur geringen Reiz. Die Furcht vor der Gefahr war von seinem Herzen abgefallen, wie der Schorf von einer Wunde, und statt ihrer empfand er jetzt nur das Gefühl einer gewissen Unbeholfenheit. Er dachte nur an eins: wie wird sich jetzt wohl sein Leben gestalten? Er kam sich vor wie ein Rekrut vor der Aushebung, oder wie ein Mensch, der sich nach einem weiten, unbekannten Ziel auf den Weg macht.

In der letzten Zeit hatte sich ihm Jakow wieder mehr genähert. Zerzaust und unordentlich angezogen, drückte er sich zwecklos in der Schenke und auf dem Hofe herum, blickte auf alles zerstreut, wie mit irren Augen, und hatte das Aussehen eines Menschen, der von ganz besonderen Vorstellungen in Anspruch genommen war. Wenn er Ilja traf, fragte er ihn geheimnisvoll, mit halblauter Stimme oder im Flüsterton:

»Hast du keine Zeit, mal mit mir zu plaudern?«

»Hab' Geduld! Jetzt kann ich nicht ...«

»Ach, du! 's ist was sehr Wichtiges ...«

»Was denn?« fragte Ilja.

»Ein Buch! Ich sag' dir, Bruder, was da drin steht – oh, oh!« sprach Jakow mit schreckhafter Miene.

»Laß mich mit deinen Büchern! Sag' mir lieber – warum sieht mich dein Vater jetzt immer so finster an?«

Aber für das, was in Wirklichkeit geschah, hatte Jakow nun einmal keinen Sinn. Auf Iljas Frage machte er ein ganz erstauntes Gesicht, als ob er sie nicht recht verstände, und sagte:

»Was? Ich weiß nichts. Das heißt ... einmal hörte ich, wie er mit deinem Onkel sprach ... irgend was, du sollst falsches Geld vertreiben ... Aber das hat er nur so aus Unsinn gesagt ...«

»Woher weißt da denn, daß er's nur aus Unsinn sagte?« fragte Ilja lächelnd. »Na, was heißt denn das? Falsches Geld! Dummes Gerede!« Und mit einer abweisenden Handbewegung schnitt er Ilja das Wort ab. »Plaudern also willst du mit mir nicht? Hast keine Zeit?« fragte er dann nach einer Weile, während er mit seinen unsteten Augen den Kameraden ansah.

»Von deinem Buche?«

»Ja–a ... Da ist dir eine Stelle, die ich neulich las ... au, au, au, mein Lieber!«

Und der Philosoph schnitt eine Grimasse, als ob er sich mit irgendetwas verbrüht hätte. Lunew schaute auf den Freund wie auf einen Sonderling, einen halben Idioten. Zuweilen erschien ihm Jakow wie ein Blinder. Er hielt ihn für einen unglücklichen Menschen, der dem Leben nicht gewachsen war. Im Hause sprach man davon – und die ganze Straße wußte es bereits –, daß Petrucha Filimonow sich mit seiner Geliebten, die in der Stadt ein öffentliches Haus hielt, verheiraten wolle. Doch Jakow verhielt sich gegen dieses Gerücht vollkommen gleichgültig. Als Lunew sich bei ihm erkundigte, wann die Hochzeit sein würde, fragte er einfältig:

»Wessen Hochzeit?«

»Na, deines Vaters Hochzeit ...«

»Ach – wer mag's wissen ... Der Schamlose! Eine schöne Hexe hat er sich ausgesucht!«