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»Weißt du auch, daß sie einen Sohn hat – einen großen Jungen, der das Gymnasium besucht?«

»Nein, ich wußte es nicht. . . Warum?«

»Er wird deinen Vater mal beerben ...«

»Aha!« sagte Jakow gleichgültig. Plötzlich aber wurde er lebendig:

»Einen Sohn? Das wäre für mich ganz günstig, nicht? Mein Vater könnte ihn hinters Büfett stecken – und ich könnte dann machen, was ich will. Das würde mir passen ...«

Und wie im Vorgeschmack der ersehnten Freiheit schmatzte er mit den Lippen. Lunew sah ihn mitleidig an und sagte spöttisch:

»Das Sprichwort hat doch recht: Gib dem dummen Kinde eine kleine Möhre, dann will's kein Brot haben! Ach, du! Ich kann mir's wirklich nicht vorstellen, wie du einmal leben wirst!«

Jakow stutzte, sah Ilja mit seinen großen, vorquellenden Augen an und sagte dann hastig flüsternd:

»Ich hab' schon darüber nachgedacht, wie ich leben werde! Vor allem muß man Ordnung schaffen in seiner Seele ... Man muß begreifen, was Gott von einem verlangt! Jetzt seh' ich nur eins: die Wege der Menschen haben sich verwirrt wie Fäden, und nun werden sie nach verschiedenen Seiten gezogen; keiner weiß, woran er sich halten, nach welcher Seite er sich ziehen lassen soll! Da wird nun der Mensch geboren – niemand weiß, warum, und lebt – ich weiß nicht, weshalb, und der Tod kommt – und bläst allen das Lebenslicht aus ... Vor allem muß ich doch wissen, wozu ich auf der Welt bin – nicht wahr?«

»Ach, du! Hast dich ganz in deine Hirngespinste eingesponnen!« sagte Ilja. »Möcht' wissen, was für einen Sinn die haben!«

Er fühlte, daß Jakows dunkle Reden ihm jetzt doch stärker ans Herz faßten als früher, und daß die Worte des Kameraden in ihm ganz besondere Gedanken weckten. Es schien ihm, daß irgendein geheimnisvolles Wesen in ihm – eben jenes, das stets seinen einfachen und klaren Vorstellungen von einem sauberen, behaglichen Leben widersprach – mit besonderer Begier auf Jakows Reden lauschte und sich dabei in seiner Seele wälzte, wie das Kind im Mutterleibe. Das war Ilja unbequem, es verwirrte ihn und schien ihm überflüssig, und darum ging er den Gesprächen mit Jakow aus dem Wege. Es war jedoch nicht so leicht für ihn, diesen loszuwerden, wenn er sich einmal mit ihm eingelassen hatte.

»Was für einen Sinn? Sehr einfach! Wenn du dir nicht darüber klar wirst, wohin du gehst, ist's, als wenn du brennen wolltest ohne Feuer«, erklärte ihm Jakow.

»Du bist wie ein alter Mann, Jakow ... langweilig bist du. Ich denke mit dem Sprichwort: ›Sehnt nach dem Glück sich selbst das Schwein, wie kann's beim Menschen anders sein?‹«

Es war ihm nach solchen Gesprächen zumute, als ob er zu viel Gesalzenes gegessen hätte: ein starker Durst bemächtigte sich seiner, es gelüstete ihn nach irgend etwas Besonderem. Seine schwerfälligen, nebelhaften Gedanken über Gott hatten jetzt etwas Erbittertes, Unbotmäßiges.

»Er sieht alles – und läßt es doch zu!« sagte er sich in dem dunklen Gefühl, daß seine Seele in einen unlöslichen Widerspruch verwickelt war. Er ging dann zu Olympiada und suchte in ihren Armen Vergessen und Ruhe vor seinen quälenden Gedanken.

Zuweilen besuchte er auch Wjera. Das lustige Leben, das sie führte, hatte sie nach und nach in seinen tiefen Strudel hineingezogen. Sie erzählte Ilja voll Begeisterung von den Schmausereien mit reichen jungen Kaufleuten, mit Beamten und Offizieren, von den Restaurants und den Spazierfahrten in der Troika, zeigte ihm die Kleider, Jäckchen und Ringe, die ihre Verehrer ihr geschenkt hatten. Üppig, wohlgebaut und kräftig, wie sie war, brüstete sie sich stolz damit, wie ihre Anbeter sich um ihren Besitz stritten. Lunew hatte seine Freude an ihrer Gesundheit, Schönheit und Munterkeit, doch sprach er mehr als einmal warnend zu ihr:

»Daß Sie nur nicht schwindlig werden bei diesem Spiel, Wjerotschka ...«

»Was schadet's denn? Das ist doch mein Weg ... Wenigstens lebt man mit Schick. Ich nehme vom Leben, soviel ich kann ... damit basta!«

»Und Pawel? ...«

Ihre Brauen zuckten, und ihre Heiterkeit verschwand.

»Wenn er mich doch laufen ließe«, sagte sie. »Es macht ihm so viel Kummer ... und er quält sich so. Ich kann nicht mehr haltmachen ... die Fliege sitzt im Syrup fest.«

»Lieben Sie ihn denn nicht?« fragte Ilja.

»Ihn muß man doch lieben«, entgegnete sie ernsthaft. »Er ist ein so prächtiger Junge ...«

»Na also, dann sollten Sie doch mit ihm zusammenleben!«

»Ich sollt' ihm auf dem Halse sitzen? Er hat ja kaum sein Stückchen Brot für sich, wie soll er mich da erhalten? Nein, da tut er mir viel zu leid ...«

»Sehen Sie sich vor, daß nichts Böses geschieht ... er ist ein Hitzkopf«, warnte sie Lunew eines Tages.

»Ach, mein Gott!« rief Wjera ärgerlich. »Wie soll ich's nun machen? Bin ich denn nur für einen Menschen geboren? Ein jeder will doch lustig leben ... Und jeder lebt, wie es ihm gefällt ... Er genau so wie Sie und wie ich.«

»N–nein, so ist's doch nicht«, sprach Ilja düster und nachdenklich. »Wir leben wohl alle ... aber nur nicht für uns ...«

»Und für wen denn?«

»Nehmen wir Sie zum Beispieclass="underline" Sie leben für die Kaufleute, für allerhand leichtlebige Menschen ...«

»Ich bin doch selbst leichtlebig«, sagte Wjera und lachte vergnügt.

Lunew verließ sie in niedergeschlagener Stimmung. Pawel hatte er in dieser ganzen Zeit nur zweimal ganz flüchtig gesehen. Als er ihn einmal bei Wjera traf, hatte er finster und verdrossen dagesessen ... schweigsam, die Zähne fest aufeinander gepreßt, mit roten Flecken auf den mageren Wangen. Ilja begriff, daß Pawel auf ihn eifersüchtig war, und das schmeichelte seiner Eitelkeit. Zugleich aber sah er deutlich, daß Gratschew hier in ein Netz verstrickt war, aus dem er sich kaum ohne Schaden würde befreien können. Er bedauerte Pawel, noch mehr aber Wjera, und er hörte auf, sie zu besuchen. Mit Olympiada verlebte er einen neuen Honigmonat. Doch auch hier schlich sich ein kalter Schatten ein, der Ilja die Ruhe benahm. Zuweilen versank er mitten in der Unterhaltung plötzlich in schweres Brüten; dann sagte Olympiada in verliebtem Geflüster zu ihm:

»Mein Lieber, so laß doch das dumme Grübeln! ... Es gibt so wenig Menschen in der Welt, deren Hände rein sind!«

»Hör' mal,« versetzte er dann trocken und ernst, »ich bitte dich, sprich nicht so mit mir! Nicht an die Hände denk' ich. Du bist ein kluges Mädchen, aber was mich bewegt, kannst du nicht begreifen ... Sag' einmal, wie soll man's anfangen, um ehrbar und gerecht unter den Menschen zu leben? ... Von dem Alten schweig nur...«

Aber sie brachte es nicht fertig, von dem Alten zu schweigen, und beschwor Ilja immer wieder, ihn zu vergessen. Lunew ärgerte sich dann und ging fort. Und wenn er wiederkam, schrie sie wie toll, daß er sie nur aus Furcht liebe, daß sie das nicht möge und lieber von ihm lassen, lieber ganz aus der Stadt wegziehen wolle. Und sie weinte, kniff Ilja, biß ihn in die Schultern, küßte seine Füße, und dann warf sie wie eine Rasende ihre Kleider von sich, stellte sich nackt vor ihn hin und rief:

»Bin ich nicht schön? Ist mein Körper nicht voll Reiz? Und mit jeder Ader, mit jedem Tropfen meines Blutes liebe ich dich... Zerfleische mich – ich werde dazu lachen!...«

Ihre blauen Augen wurden dunkler, die Lippen bebten in heißer Gier, und ihr Busen wogte empor, wie wenn er Ilja entgegenstrebte. Er umarmte und küßte sie mit aller Kraft, und wenn er dann nach Hause ging, dachte er bei sich: wie konnte sie, die so voll Leben, so heißblütig ist – wie konnte sie die widerlichen Liebkosungen dieses Greises ertragen? Olympiada erschien ihm dann so verabscheuenswert, daß er mit Ekel ausspeien mußte, wenn er an ihre Küsse dachte.

Eines Tages, nach einem solchen Ausbruch ihrer Leidenschaft, sagte er, von ihren Liebkosungen ermüdet:

»Seit ich den alten Satan erwürgt habe, liebst du mich viel leidenschaftlicher!«