»Nun ja ... und was weiter?«
»Nichts weiter. Ich muß nur lachen, wenn ich dran denke... Es gibt eben Leute, denen ein faules Ei besser schmeckt als ein frisches, und die den Apfel erst essen, wenn er angegangen ist... Sonderbar!«
Olympiada sah ihn mit trüben Augen an und sprach mit müder Stimme:
»Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, wie das Sprichwort sagt... Der eine liebt die Eulen, der andere die Nachtigallen...« Und sie versanken beide in dumpfes Brüten.
Eines Tages, als Ilja aus der Stadt zurückkehrte und sich eben umzog, kam ganz leise Onkel Terentij ins Zimmer. Er schloß die Tür fest hinter sich zu, blieb ein paar Sekunden vor ihm stehen, als ob er auf etwas horchte, und schob dann, seinen Buckel schüttelnd, den Riegel vor. Ilja bemerkte alles das und blickte spöttisch in sein Gesicht.
»Iljuscha«, begann Terentij halblaut, während er auf einem Stuhle Platz nahm.
»Nun?«
»Es sind hier über dich verschiedene Gerüchte im Umlauf ... man spricht schlecht von dir!«
Der Bucklige seufzte schwer und schlug die Augen nieder.
»Was denn zum Beispiel?« fragte Ilja, während er seine Stiefel auszog.
»Die einen reden das, die andern jenes... Diese meinen, du wärst in die Geschichte mit dem erwürgten Kaufmann verwickelt... Und jene sagen wieder, du vertreibest falsches Geld...«
»Sind wohl neidisch, was?« fragte Ilja.
»Es waren hier verschiedene Leute ... Geheimpolizisten schienen es ... so eine Art Spione... Sie fragten alle den Petrucha nach dir aus...«
»So laß sie doch! Mögen sie nur kommen!« sagte Ilja gleichgültig.
»Gewiß, was gehen sie uns an, wenn wir uns keiner Sünde bewußt sind?«
Ilja lachte und streckte sich auf seinem Bett aus.
»Jetzt kommen sie nicht mehr her ... Aber Petrucha selbst fängt immer davon an«, sagte Terentij verlegen und schüchtern. »Du solltest dir vielleicht irgendwo ein kleines Stübchen nehmen, Iljuscha ... ein eignes Zimmerchen, um darin zu wohnen? ... ›Ich kann dunkle Ehrenmänner in meinem Hause nicht dulden,‹ sagt Petrucha, ›ich bin eine bekannte Persönlichkeit ...‹«
Ilja wandte sein von Zorn gerötetes Gesicht dem Onkel zu und sagte laut:
»Wenn seine lackierte Fratze ihm lieb ist, dann soll er schweigen! Sag' ihm das! Hör' ich von ihm nur ein einziges ungehöriges Wort über mich – dann schlag' ich ihm den Schädel ein ... Wer ich auch sein mag – jedenfalls hat er, dieser Spitzbube, nicht über mich zu richten ... Und von hier werde ich fortziehen, wann's mir beliebt. Will noch vergnügt sein mit frohen und ehrlichen Leuten ...«
Der Bucklige erschrak, als er Iljas Zornesausbruch sah. Er saß ein Weilchen schweigend auf dem Stuhle, kratzte sich den Rücken und schaute voll Angst auf seinen Neffen. Ilja preßte die Lippen fest zusammen und starrte mit weitgeöffneten Augen zur Decke empor. Terentij musterte aufmerksam seinen Lockenkopf, sein schönes, ernstes Gesicht mit dem kleinen Schnurrbärtchen und dem trotzigen Kinn, betrachtete die breite Brust und den ganzen straffen und wohlgebildeten Körper seines Neffen und sprach dann leise:
»Was für ein stattlicher Junge du geworden bist! ... Im Dorfe würden dir die Mädchen in Herden nachlaufen... Hm – ja ... Da würdest du ein Leben führen! Ich gäbe dir Geld, würde dir ein Geschäft einrichten – du heiratest ein reiches Mädchen!... Dann würde dein Leben hinfliegen wie ein Schlitten, der bergab fährt...«
»Aber vielleicht will ich bergauf!« meinte IIja mürrisch.
»Ein leichtes Leben wär's, mein' ich«, sprach Terentij erklärend. »Und natürlich geht's schließlich nach oben, zum Gipfel.«
»Und wenn ich oben bin – was dann?« fragte Ilja.
Der Bucklige sah ihn an und kicherte in sich hinein. Er redete noch weiter, doch Ilja hörte nicht auf ihn, sondern dachte an das, was er selbst durchlebt hatte. Wie glatt doch alles im Leben sich aneinanderreiht, gleich den Fäden im Netz! Da umgeben nun die Zufälle den Menschen und führen ihn, wohin sie wollen, wie die Polizei den Spitzbuben. Immer schon hatte er daran gedacht, dieses Haus zu verlassen, um für sich zu leben – und nun kommt ihm von selbst ein solcher Zufall zu Hilfe! In seine Gedanken versunken, richtete er den Blick auf den Onkel, als plötzlich an die Tür geklopft wurde und Terentij von seinem Sitz auffuhr.
»So öffne doch!« rief Ilja ärgerlich dem Onkel zu.
Der Bucklige zog den Riegel zurück, und auf der Schwelle erschien Jakow, mit einem großen braunroten Buche in den Händen.
»Ilja, hör' mal ... komm doch mit zur Maschutka«, sagte er lebhaft, an das Bett herantretend.
»Was ist denn mit ihr?« fragte Ilja rasch.
»Mit ihr? Das weiß ich nicht... Sie ist nicht zu Hause.«
»Wo treibt sie sich denn jetzt immer des Abends herum?« fragte der Bucklige in argwöhnischem Tone.
»Sie geht immer mit Matiza fort«, sagte Ilja.
»Viel Gutes wird sie da nicht lernen!« versetzte Terentij gedehnt. Jakow faßte Ilja am Ärmel und zog ihn mit sich fort.
»Sag' mal,« sprach Lunew, »was ist mit dir? Du bist ja aus Rand und Band!«
»Denk dir – es ist da! Die ›schwarze Magie‹ ist da!« flüsterte Jakow mit strahlender Miene.
»Wer?« fragte Ilja, während er seine Filzstiefel anzog.
»Na, das Buch, weißt du ... bei Gott! Wirst ja sehen ... Komm! Wunderdinge, kann ich dir sagen!« schwärmte Jakow, während er den Freund durch den dunklen Flur hinter sich herzog. »Schrecklich zu lesen ist's ... wie in einen Abgrund zieht es einen hinein ...«
Ilja sah die Aufregung des Freundes und hörte, wie seine Stimme zitterte. Als sie in das Stübchen des Schusters gekommen waren und Licht angemacht hatten, sah er, daß Jakows Gesicht blaß war und seine Augen vergeistert und selig dreinschauten, wie die Augen eines Betrunkenen.
»Hast du Branntwein getrunken, was?« fragte Ilja und sah Jakow mißtrauisch dabei an.
»Ich? Nein – heut' nicht einen Tropfen! ... Ich trink' jetzt überhaupt nicht ... höchstens mal, wenn der Vater zu Hause ist – um mir Mut zu machen ... So zwei, drei Gläschen! Ich fürcht' mich vor dem Vater ... Ich trinke auch immer nur, was nicht zu stark riecht ... Nun, hör' zu!«
Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, daß es krachte, schlug das Buch auf, beugte sich tief darüber, und während er mit dem Finger über die dicken, vom Alter vergilbten Blätter hinfuhr, las er mit hohler, zitternder Stimme:
»›Drittes Kapitel. Über den Ursprung des Menschen‹ ... So hör' doch zu!«
Er seufzte tief auf, nahm die linke Hand herauf und las laut, während der Zeigefinger der rechten Hand schrittweise in der alten Scharteke vorrückte:
»Es wird berichtet, daß das erste Sein der Menschen, nach dem Zeugnis des Diodor, von tugendhaften Männern, die über das Wesen der Dinge geschrieben haben, also aufgefaßt ward: daß die Welt nicht geschaffen, sondern unvergänglich ist und das Menschengeschlecht ohne Anfang von Urzeiten her bestand ...«
Jakow hob den Kopf von dem Buche auf und sagte flüsternd, während er mit der Hand in der Luft herumfuchtelte:
»Hörst du? Ohne Anfang! ...«
»Lies weiter«, sprach Ilja, während er das alte, in Leder gebundene Buch mißtrauisch betrachtete. Und abermals ließ sich Jakows Stimme leise und feierlich vernehmen:
»Dieser Meinung waren – nach dem Zeugnis des Cicero – Pythagoras von Samos, Archytas von Tarent, Plato von Athen, Xenokrates, Aristoteles von Stagira und viele andere Peripatetiker, welche der Meinung waren, daß alles, was ist, von Ewigkeit her ist und keinen Anfang hat – siehst du? wieder ›keinen Anfang‹! – Es gibt jedoch einen, gewissen Kreis von Wesen ...«
Ilja streckte die Hand aus, schlug das Buch zu und sagte spöttisch:
»Wirf's fort! Zum Teufel damit! ... Irgendein Deutscher hat da seine Schlauheit ausgekramt! Gar nichts versteht man davon ...«
»Erlaub' doch mal!« rief Jakow, während er sich ängstlich umsah, schaute den Freund mit großen Augen an und fragte leise: