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»Kennst du vielleicht deinen Anfang?«

»Was für einen Anfang?« schrie Ilja ärgerlich.

»Schrei nicht so! ... Nehmen wir mal die Seele ... Mit der Seele wird doch der Mensch geboren, nicht wahr?«

»Na – und?«

»Also müßte er doch wissen, woher er kommt, und auf welche Weise?! Die Seele ist unsterblich, heißt es ... sie war immer da ... nicht wahr? Doch nicht darum handelt es sich, zu wissen, wie du geboren wurdest, sondern wie du begriffen hast, daß du lebst? Du bist lebend geboren worden – nun, und wann bist du denn lebendig geworden? Im Mutterleibe? Schön! Und warum erinnerst du dich nicht mehr dessen, was vor deiner Geburt war, und nicht einmal dessen, was bis zu deinem fünften Jahre war? Und wenn du eine Seele hast – wie ist sie in dich hineingeschlüpft? Na? Sag's einmal!«

Jakows Augen strahlten triumphierend, sein Gesicht erhellte ein zufriedenes Lächeln, und mit einer Freude, die Ilja recht seltsam erschien, rief er:

»Siehst du – da hast du die Seele!«

»Dummkopf!« sagte Ilja und warf ihm einen strengen Blick zu. »Was freust du dich denn so?«

»Aber ich freu' mich doch nicht ... ich sag' nur eben ...«

»,Ich sag' nur eben!' Nicht darauf kommt's an, wie ich lebendig geworden bin, sondern wie ich leben soll! Wie ich leben soll, daß alles rein sei, daß niemand mir weh tue und auch ich niemanden kränke! Such' mir ein Buch, das mir darüber Klarheit schafft! ...«

Den Kopf auf die Brust geneigt, saß Jakow nachdenklich da. Seine freudige Stimmung war verschwunden, da sie kein Echo fand. Und nach einer Weile meinte er dann zu Ilja:

»Wenn ich dich so anseh' ... gefällt mir irgend was nicht an dir ... Deine Gedanken begreif' ich nicht ... Doch seh' ich: seit einiger Zeit bist du so stolz auf irgend etwas ... als wenn du ein Gerechter wärst ...«

Ilja lachte laut auf.

»Was lachst du denn? Es ist doch richtig! Urteilst über alle so streng ... Liebst keinen Menschen ...«

»Da hast du recht!« fiel Ilja trotzig ein. »Wen soll ich lieben? Und wofür? Was haben mir die Menschen Gutes getan? Jeder will sein Stück Brot mühelos, durch fremde Arbeit erwerben, jeder ruft: Liebe mich! Achte mich! Gib mir einen Teil von dem Deinigen, vielleicht werde ich dich dann in mein Herz schließen! Alle sind in gleicher Weise nur aufs Fressen bedacht ...«

»Na, ich meine, die Menschen suchen doch nicht bloß ihr Fressen«, versetzte Jakow mürrisch und unzufrieden.

»Das weiß ich wohl! Jeder sucht sich mit irgendwelchen schönen Eigenschaften zu schmücken, aber das ist nur eine Maske. Ich sehe, wie mein Onkel mit dem Herrgott feilschen will, gleich dem Kommis, der mit seinem Herrn abrechnet. Dein Papa hat ein paar Kirchenfahnen gestiftet – ich schließe daraus, daß er entweder jemanden begaunert hat oder es noch tun will ... Und so treiben es alle, wohin ich nur seh' ... Da hast du einen Groschen – aber gib mir fünf zurück! ... Und so suchen alle einander Sand in die Augen zu streuen und sich voreinander zu rechtfertigen. Meine Ansicht aber ist: hast du gesündigt, ob freiwillig oder unfreiwillig – halt deinen Hals hin! ...«

»Darin hast du recht«, sprach Jakow nachdenklich. »Was du vom Vater und vom Buckligen sagtest – beides war richtig ... Ach, wir zwei sind unter einem schlimmen Stern geboren! Du hast wenigstens deine Bosheit ... tröstest dich damit, daß du alle verurteilst, und zwar immer strenger verurteilst ... Ich aber habe nicht einmal das ... Könnt' ich doch fort von hier, irgendwohin!« sprach er mit schmerzlichem Aufschrei.

»Fort von hier ... wohin willst du denn gehen?« fragte Ilja mit flüchtigem Lächeln.

Sie saßen am Tische einander gegenüber, finster und schweigend. Auf dem Tische aber lag das große, rotbraune Buch mit dem Ledereinband und dem Stahlschloß ...

Aus dem Flur des Kellers ließ sich mit einemmal ein Geräusch vernehmen, man hörte leise Stimmen, und eine Hand suchte lange an der Tür nach dem Klopfer. Die beiden Freunde warteten lautlos. Die Tür ging langsam auf, und in den Keller stürzte der Schuster Perfischka. Er war über die Schwelle gestolpert und zu Falle gekommen, und nun lag er auf den Knien, den rechten Arm mit der Harmonika hoch emporstreckend.

»Prrr!« rief er und stieß ein trunkenes Lachen aus. Gleich hinter ihm kam Matiza ins Zimmer gekrochen. Sie beugte sich über den Schuster, faßte ihn unter den Armen und suchte ihn aufzurichten, wobei sie mit lallender Stimme ihn schalt:

»Da – wie er sich vollgetrunken hat ... Ach, du Saufsack!«

»Gevatterin! Rühr' mich nicht an, ... Ich steh' ganz allein auf ... ganz allein!«

Er schwankte hin und her, kam schließlich auf die Beine und ging auf die beiden Freunde zu. Er streckte ihnen seine Linke hin und rief:

»Seid gegrüßt! Willkommen in meinem Hause!«

Matiza ließ ein grunzendes, albernes Lachen hören.

»Woher kommt ihr denn?« fragte Ilja.

Jakow sah lächelnd auf die beiden Betrunkenen und schwieg.

»Woher? Vom weiten Meer! ... Ha ha! Ihr lieben, guten Jungen ... ach ja!«

Perfischka stampfte mit den Füßen auf den Boden auf und sang dazu:

»Knöchelchen, ihr kleinen,

Ich möchte um euch weinen,

Kaum seid ihr ausgewachsen,

Müßt ihr beim Kaufmann knacksen ...«

»Gevatterin! Sing mit!« schrie er, zu Matiza gewandt. »Oder singen wir lieber das Lied, das du mich gelehrt hast ... Na, los!«

Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Ofen, an dem auch Matiza bereits eine Stütze gefunden hatte, und stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite, während er mit den Fingern an den Tasten der Harmonika herumsuchte.

»Wo ist Maschutka?« fragte plötzlich Ilja in finsterem Tone.

»Ja, sagt mal,« schrie auch Jakow und sprang vom Stuhl auf – »wo ist Marja? Sagt mal!«

Aber das betrunkene Paar achtete nicht auf die Fragen. Matiza neigte den Kopf zur Seite und sang:

»Ei, Herr Gevatter, wie schmeckt der Branntwein gut! ...«

Und Perfischka fiel mit seinem hohen Tenor ein:

»Trink, Herr Gevatter, das wärmet uns das Blut!«

Ilja trat auf den Schuster zu, packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn, daß er mit dem Genick gegen den Ofen flog.

»Wo ist deine Tochter?« herrschte er ihn an.

»Und ach! sein Töchterlein verschwund ... just um die mitternächt'ge Stund'«, schwatzte Perfischka, während er mit der Hand nach seinem Kopfe faßte.

Jakow versuchte es, von Matiza die Wahrheit zu erfahren, aber sie meinte schmunzelnd:

»Ich sag's nicht! Ich sag's und sag's nicht!«

»Sie haben sie ganz gewiß verkauft, die Teufel!« sprach Ilja mit finsterem Lachen zu seinem Freunde. Jakow sah ihn erschrocken an und fragte den Schuster mit kläglicher Stimme:

»Perfilij! So hör' doch – wo ist Maschutka? ...«

»Ma–aschut–ka?« wiederholte Matiza höhnisch. »Jetzt hast du dich gefangen! ...«

»Ilja, was meinst du? Was sollen wir jetzt tun?« fragte Jakow bekümmert.

Ilja blickte finster auf die Betrunkenen und schwieg. Matiza sah mit ihren unheimlichen großen Augen bald Ilja, bald Jakow an und brüllte plötzlich unter plumpen Armbewegungen los:

»Hinaus aus meiner Hütte! Das ist hier meine Hütte! Wir machen nämlich Hochzeit ...«

Der Schuster hielt sich den Bauch vor Lachen.

»Komm, Jakow«, sagte Ilja. »Der Teufel soll aus ihnen klug werden! ...«

»Wart' noch!« rief Jakow in ängstlicher Aufregung. »Perfischka ... sag' – wo ist Mascha?«

»Matiza! Meine Gemahlin – pack' sie doch an! Fass', fass' ... Bell' auf sie los, beiß sie! ... Wo Mascha ist?«

Perfischka spitzte den Mund, als ob er pfeifen wollte, doch konnte er keinen Ton herausbringen, und statt zu pfeifen, zeigte er Jakow die Zunge und lachte wieder. Matiza drang mit ihrer mächtigen Brust auf Ilja ein und brüllte laut: