»Wer bist du denn, eh? Denkst wohl, man weiß es nicht!«
Ilja gab ihr einen Stoß und verließ den Keller. Im Hausflur holte ihn Jakow ein, er faßte ihn an der Schulter, hielt ihn im Dunkeln fest und sagte:
»Darf denn das sein? Ist denn das erlaubt? Sie ist doch noch so klein, Ilja! Haben sie sie wirklich verheiratet?«
»Na, so winsle doch nicht!« fuhr Ilja ihn heftig an. »Es hat keinen Zweck. Hättest früher die Augen offen halten sollen ... Du hast den Anfang gesucht, und sie haben, ehe du dich versehen, ihre Sache zu Ende gebracht ...«
Jakow schwieg, doch schon in der nächsten Minute, als er hinter Lunew über den Hof schritt, begann er von neuem:
»Ich bin nicht schuld ... Ich wußte nur, daß sie irgendwo aufwartet ...«
»Was geht's mich an, ob du es wußtest oder nicht!« sagte Ilja grob und blieb mitten im Hofe stehen. »Fort will ich endlich aus diesem Hause ... anzünden sollte man's!«
»O Gott ... Gott!« seufzte Jakow, der sich hinter Lunew hielt, leise, ließ die Arme kraftlos herabhängen und neigte seinen Kopf, als erwarte er einen Schlag.
»Wein' doch!« sagte Ilja spöttisch, ließ den Freund mitten in dem dunklen Hofe stehen und ging davon.
Am nächsten Morgen erfuhr Ilja von Perfischka, daß Maschutka an den Krämer Chrjenow, einen fünfzigjährigen Witwer, der vor kurzem seine Frau verloren hatte, verheiratet war.
»Ich hab' zwei Kinder, sagte er mir,« berichtete Perfischka, »und ich müßte ihnen eine Kinderfrau halten ... Aber eine Kinderfrau, sagt er, ist doch 'ne fremde Person ... wird mich bestehlen, und so weiter ... Rede also mit deiner Tochter, ob sie mich heiraten will ... Na, und so redete ich mit ihr ... Und auch Matiza redete ihr zu ... Und weil eben Mascha ein vernünftiges Kind ist, so begriff sie die Sache gleich ... was sollte sie sonst anfangen? ... Gut, ich will's tun, sagt sie – und so ging sie zu ihm. In drei Tagen war alles abgemacht ... Wir beide – ich und Matiza – bekamen je drei Rubel ... die haben wir gestern gleich vertrunken! ... Himmel, kann diese Matiza trinken ... Kein Pferd kann so viel saufen! ...«
Ilja hörte zu und schwieg. Er begriff, daß Mascha es besser getroffen hatte, als man erwarten konnte. Gleichwohl aber tat ihm das Mädchen leid. In der letzten Zeit hatte er sie fast gar nicht gesehen und kaum an sie gedacht, und jetzt schien's ihm auf einmal, daß dieses Haus ohne Mascha noch häßlicher sein würde.
Das fahle, aufgedunsene Gesicht Perfischkas grinste vom Ofen herab auf Ilja, und seine Stimme knarrte wie ein abgebrochener Ast im Herbstwind.
»Eine Bedingung hat mir der Krämer Chrjenow gestellt: daß ich mich niemals bei ihm zeige! In den Laden, sagt er, kannst du ab und zu mal kommen, ich will dir 'ne Kleinigkeit auf Schnaps geben ... aber mein Haus bleibt dir verschlossen, wie das Paradies! ... Wie wär's, Ilja Jakowlewitsch – möchtest du nicht mit 'nem Fünfer rausrücken? Ich möcht' meinen Kater ersäufen ... gib mir doch, bitte ...«
»Was wirst du jetzt anfangen?« fragte ihn Lunew.
Der Schuster spuckte aus und antwortete:
»Ich werde jetzt ganz und gar zum Säufer werden ... Wie Mascha noch nicht versorgt war, hab' ich mir noch Zwang angetan ... hab' manchmal gearbeitet ... aus Gewissenhaftigkeit gegen sie, sozusagen ... Na, und jetzt weiß ich, daß sie satt ist, daß sie Schuhe und Kleider hat und wie im Spind, sozusagen, eingeschlossen ist. Ich kann mich also jetzt ungehindert dem Trinkerberuf widmen ...«
»Kannst du wirklich den Branntwein nicht lassen?«
»Niemals!« antwortete der Schuster und schüttelte energisch verneinend den zottigen Kopf. »Warum denn auch? Der Mensch hängt doch nicht von seinem Willen ab, sondern vom Schicksal. Wenn freilich ein Mensch ohne Boden ist, daß das Schicksal nichts in ihn hineinlegen kann, vermag auch das Schicksal nichts für ihn zu tun. Einmal hab' ich's versucht, selbst etwas zu wollen ... zu Lebzeiten meiner Verstorbenen war's noch ... Auf Großvater Jeremas Schatz hatt' ich's damals abgesehen, hätte da gern 'nen Griff hineingetan ... Bestehl' ich ihn nicht – bestiehlt ihn ein anderer, dacht' ich ... na, und Gott sei Dank: wirklich sind sie mir in dieser Sache zuvorgekommen! ... Ich beklag' mich darum nicht ... Aber damals hab' ich begriffen, daß man auch das Wollen verstehen muß ...«
Der Schuster lachte, kletterte vom Ofen herunter und sagte:
»Na, gib mal jetzt den Fünfer her ... Die Leber brennt mich so ... ich halt's nicht länger aus ...«
»Da, trink ein Gläschen!« sagte Ilja, sah lächelnd auf Perfischka und meinte: »Du bist ein Scharlatan und ein Trunkenbold, das ist ganz sicher. Manchmal aber scheint es mir, daß ich keinen besseren Menschen kenne als dich.«
Perfischka schaute ungläubig in Lunews ernstes, doch dabei freundliches Gesicht.
»Beliebst wohl zu scherzen?« sagte er.
»Glaub's oder glaub's nicht – es ist so. Ich sag's nicht, um dich zu loben ... sondern nur so ... die andern taugen eben nichts ...«
»Das ist mir zu hoch ... Mein Schädel scheint zu dumm, um so feinen Zucker damit zu klopfen ... Hab' dich wirklich nicht verstanden! Laß mich erst mal 'nen Schluck nehmen ... vielleicht werde ich dann klüger ...«
»Noch eine Frage!« sprach Lunew, ihn am Hemdärmel zurückhaltend. »Fürchtest du Gott?«
Perfischka trat ungeduldig von einem Fuß auf den andern und sagte in einem Tone, der fast beleidigt klang:
»Ich hab' doch keinen Grund, Gott zu fürchten! ... Ich füge den Menschen kein Leid zu ...«
»Und wie ist's – betest du?« fragte Ilja leise.
»Na ja ... ich bete, freilich ... nicht oft ...«
Ilja sah, daß der Schuster keine Lust hatte zu reden, daß es ihn mit aller Gewalt nach der Schenke zog.
»Geh schon, geh!« sagte er nachdenklich. »Aber merk' es dir: wenn du gestorben bist, wird der Herr dich fragen: ›Wie hast du gelebt, o Mensch?‹«
»Dann sprech' ich: ›O Herr! Wie ich geboren wurde, war ich klein, und wie ich starb, war ich betrunken – ich kann also nichts wissen ...‹ Da wird er lachen und mir vergeben ...«
Der Schuster lächelte zufrieden und ging fort.
Lunew blieb allein in dem Keller. Es ward ihm so sonderbar zumute, als er sich vorstellte, daß in dieser engen, schmutzigen Höhle niemals mehr Maschas zarte Gestalt erscheinen würde, und daß man auch Perfischka bald hinausjagen würde.
Durchs Fenster schaute die Aprilsonne herein und beschien den lange nicht mehr gefegten Fußboden des Zimmers. Alles war so unordentlich, so häßlich und traurig darin – als hätte man eben einen Toten hinausgetragen ... Ilja saß gerade aufgerichtet auf dem Stuhle, betrachtete den mächtigen, an den Seiten abgeriebenen Ofen, und finstere Gedanken gingen ihm, einer nach dem andern, durch den Kopf.
»Soll ich vielleicht doch hingehen und ... meine Sünde bekennen?« blitzte es plötzlich hell in ihm auf.
Aber er wies diesen Gedanken sogleich unwillig zurück.
XVI
Am Abend desselben Tages ward Ilja gezwungen, das Haus des Petrucha Filimonow zu verlassen. Es geschah dies in folgender Weise. Als er aus der Stadt zurückkehrte, empfing ihn im Hofe der Onkel mit ganz verzagtem Gesichte, führte ihn in den Winkel hinter einem Holzstoß und sagte dort:
»Nun, Iljuschka, jetzt mußt du fort von hier ... Was es hier bei uns heut' gegeben hat!«
Der Bucklige schloß in seiner Angst die Augen, fuchtelte mit den Armen und schlug sich auf die Hüften.
»Jaschka hat sich betrunken und seinem Vater ins Gesicht gesagt: Du Dieb! ... Und noch andere böse Worte sagte er: schamloser Lüstling, herzloser Wicht ... wie ein Wahnsinniger hat er geschrien! ... Und Petrucha schlug ihn in die Zähne, riß ihn bei den Haaren, trat ihn mit den Füßen und so weiter ... ganz blutig schlug er ihn! Jetzt liegt Jaschka in der Stube und stöhnt ... Und dann fing Petrucha mit mir an: Du bist schuld, brüllte er. Bring mir den Ilja weg! ... Du habest nämlich, meint er, den Jaschka gegen ihn aufgehetzt ... Ganz fürchterlich schrie er ... Zum Erschrecken war's ...«