Ilja nahm den Riemen von seiner Schulter, reichte seinen Kasten dem Onkel hin und sagte:
»Halt mal ...«
»Wart' doch! Wohin denn? ...«
Die Hände zitterten Ilja vor Wut über Petrucha und aus Mitleid mit Jakow.
»Halt mir den Kasten, sag' ich ...« sprach er ungeduldig zu Terentij und ging in die Schenke hinein. Er biß die Zähne so fest aufeinander, daß ihm die Kiefer weh taten und ein Sausen ihm durch den Kopf ging. Mitten durch dieses Sausen hörte er, wie der Onkel ihm irgend etwas von der Polizei, von sich zugrunde richten, vom Gefängnis nachrief, doch ließ er sich nicht aufhalten.
In der Schenke stand Petrucha hinter dem Büfett und unterhielt sich lächelnd mit einem zerlumpten Menschen. Auf seinen kahlen Kopf fiel das Licht der Lampe, und es schien, als lächle sein glänzender Schädel zufrieden mit.
»Ach, Herr Kaufmann!« rief er spöttisch bei Iljas Anblick und zog finster die Brauen empor. »Du kommst mir gerade recht ...«
Er stand vor der Tür zu seinem Zimmer, die er mit seiner Gestalt verdeckte. Ilja ging an ihn heran, barsch und trotzig, und sagte laut:
»Tritt zur Seite!«
»Wa–as?« fragte Petrucha gedehnt.
»Laß mich durch ... ich will zu Jakow!«
»Ich will dir den Jakow anstreichen!«
Ohne ein Wort zu sagen, holte Ilja mit aller Kraft aus und schlug Petrucha auf die Backe. Der Büfettier brüllte laut auf und stürzte zu Boden. Aus allen Winkeln eilten die Kellnerburschen herbei, und irgend jemand schrie:
»Haltet ihn! Haut ihn! ...«
Die Gäste sprangen auf, als wenn sie plötzlich mit heißem Wasser begossen worden wären. Aber Ilja sprang über Petrucha hinweg, ging durch die Tür ins Zimmer und verriegelte sie hinter sich. In dem kleinen Zimmer, das ganz mit Weinkisten und allerhand Koffern verstellt war, brannte flackernd eine Blechlampe. In dem engen, dunklen Raume sah Lunew den Freund nicht sofort. Jakow lag auf dem Boden, sein Kopf war im Schatten, und sein Gesicht erschien ganz schwarz und schrecklich entstellt. Ilja nahm die Lampe in die Hand, kauerte sich nieder und betrachtete den Mißhandelten bei Lichte. Blaue Flecke und Beulen bedeckten Jakows Gesicht gleich einer scheußlichen, dunklen Maske. Seine Augen waren ganz verschwollen. Er atmete schwer und ächzte und sah offenbar nichts, denn er fragte, als Ilja eingetreten war:
»Wer ist da?«
»Ich bin es«, sprach Lunew leise, während er sich aufrichtete.
»Gib mir zu trinken!«
Ilja wandte sich um. Es wurde laut gegen die Tür gepocht, und irgend jemand rief:
»Von der Hintertreppe aus wollen wir's versuchen ...«
Petruchas winselnde Stimme ließ sich durch den Lärm vernehmen:
»Ich hab' ihn nicht angerührt ...«
Ilja lächelte schadenfroh. Er trat vor und begann durch die Tür hindurch mit den Belagerern zu verhandeln.
»Heda, ihr da draußen, hört auf zu grölen! Wenn er eins ins Maul gekriegt hat, dann wird er nicht gleich krepieren, und ich krieg' meine Strafe vom Gericht. Mischt euch also nicht ein ... drängt nicht so gegen die Tür, ich mach' gleich auf ...«
Er öffnete die Tür und stand in der Öffnung wie in einem Rahmen, indem er für den Fall eines Angriffs die Fäuste ballte. Die Andrängenden wichen vor seiner kraftvollen Gestalt und seiner kampfbereiten Miene zurück. Nur Petrucha brüllte, die andern zur Seite stoßend:
»Aha–a, du Räuber! ...«
»Schiebt ihn mal beiseite und seht hierher – bitte, wenn's gefällig ist!« rief Ilja, während er die Gäste zum Nähertreten einlud. »Seht's euch mal an, wie er den armen Menschen zugerichtet hat!«
Etliche der Gäste traten, indem sie Ilja von der Seite anschielten, ins Zimmer und beugten sich über Jakow. Einer von ihnen sprach ganz bestürzt und erschüttert:
»Der ist ja geradezu verstümmelt!«
»Bringt Wasser!« sprach Ilja. »Und dann muß die Polizei geholt werden ...«
Die Gäste waren auf seiner Seite, er merkte es an ihren Mienen und sagte laut und mit scharfer Betonung:
»Ihr alle kennt Petruschka Filimonow und wißt, daß er der größte Betrüger in der ganzen Straße ist ... Wer aber kann von seinem Sohne etwas Böses sagen? Nun – und eben dieser Sohn liegt hier, ganz blutig geschlagen, vielleicht ein Krüppel für sein ganzes Leben, und seinem Vater wird dafür nichts geschehen. Ich habe Petruschka nur einen Schlag versetzt – dafür wird man mich verurteilen ... Ist das recht und billig? Ist das der Gerechtigkeit gemäß? Und so ist's in allem – dem einen ist alle Willkür erlaubt, und der andere darf nicht mit der Wimper zucken ...«
Ein paar von den Anwesenden seufzten mitleidvoll, andere gingen schweigend aus dem Zimmer. Petrucha trieb alle mit quiekender Stimme zur Tür hinaus.
»Geht! Geht! Das ist hier meine Angelegenheit ... es ist mein Sohn! Macht, daß ihr fortkommt ... Vor der Polizei hab' ich keine Angst ... und auch das Gericht brauch' ich nicht ... Ich werde mit dir auch so fertig werden, mein Lieber ... Mach', daß du hinauskommst!«
Ilja kniete am Boden, reichte Jakow ein Glas Wasser und sah mit tiefem Mitgefühl die zerschlagenen, verschwollenen Lippen des Freundes. Jakow trank das Wasser und sagte flüsternd:
»Das Atmen wird mir so schwer ... Bring' mich aus dem Hause ... Iljuscha, mein Lieber! ...«
Aus den verschwollenen Augen flössen Tränen über seine Wangen.
»Er muß ins Krankenhaus gebracht werden«, sprach Ilja finster, zu Petrucha gewandt.
Der Büfettier sah auf seinen Sohn und murmelte irgend etwas unverständlich vor sich hin. Das eine seiner Augen war weit geöffnet, das andere gleichfalls, wie bei Jakow, von Iljas Faustschlag dick aufgeschwollen.
»Hast du gehört?« schrie Ilja ihn an.
»Schrei nicht so!« sprach Petrucha auffallend still und friedlich. »Ins Krankenhaus kann er nicht gebracht werden – das gibt 'nen Skandal und schadet meiner Reputation! ...«
»Alter Schurke!« sagte Ilja und spuckte verächtlich vor Filimonow aus. »Ich sage dir – bring' ihn ins Krankenhaus! Tust du's nicht – dann gibt's noch 'nen ganz andren Skandal ...«
»Nun, nun, nun! ... Ärgre dich nicht! Glaub' mir's, er verstellt sich nur ...« Ilja sprang empor bei diesen Worten, aber Filimonow stand schon an der Tür und rief einem Kellner zu:
»Iwan, hol' rasch eine Droschke – ins Krankenhaus, in die letzte Klasse! ... Jakow, zieh dich an ... Verstell' dich nicht länger ... Es war kein Fremder, der dich geschlagen hat, sondern dein eigner Vater ... Ich wurde noch ganz anders geprügelt!«
Er lief im Zimmer auf und ab, nahm Jakows Kleider von der Wand und warf sie Ilja zu, wobei er immer wieder eifrig zu erzählen wußte, wieviel Prügel er in seiner Jugend erhalten habe ...
Hinter dem Büfett stand Onkel Terentij. In Iljas Ohr klang seine höfliche, schüchterne Stimme: »Wieviel soll ich eingießen? Für drei oder für fünf Kopeken? ... Etwas Kaviar? Kaviar ist leider ausgegangen. Vielleicht essen Sie ein Sardinchen ...«
Am nächsten Tage mietete Ilja sich ein Quartier – ein kleines Zimmerchen neben einer Küche. Eine Dame in einem roten Jäckchen vermietete es ihm. Ihr Gesicht war rosig, mit einem keck geschwungenen Vogelnäschen und einem niedlichen kleinen Munde; die schmale Stirn war von schwarzem Lockenhaar eingerahmt, das sie häufig mit einer raschen Bewegung ihrer feinen, kleinen Hand zurechtstrich.
»Fünf Rubel für ein so hübsches Zimmerchen – das ist nicht teuer!« sagte sie lebhaft und lächelte, als sie sah, daß ihre dunklen, munteren Äuglein den breitschultrigen jungen Burschen in einige Verlegenheit brachten. »Die Tapeten sind ganz neu ... das Fenster geht auf den Garten hinaus – was wünschen Sie noch mehr? Frühmorgens stell' ich Ihnen den Samowar hin – hineintragen müssen Sie ihn sich schon selbst ...«