»Sind Sie hier das Stubenmädchen?« fragte Ilja neugierig.
Die Dame hörte auf zu lächeln, ihre Augenbrauen zuckten, und während sie sich hoch aufrichtete, sagte sie würdevolclass="underline" »Ich bin kein Stubenmädchen, sondern die Inhaberin dieser Wohnung, und mein Mann ...«
»Sind Sie denn verheiratet?« rief Ilja erstaunt und sah ungläubig auf ihre schlanke, zierliche Gestalt.
Diesmal ärgerte sie sich nicht, sondern lachte hell und munter.
»Wie komisch Sie sind!« sagte sie. »Bald halten Sie mich für ein Stubenmädchen, bald wollen Sie nicht glauben, daß ich verheiratet bin ...«
»Wie soll ich's denn glauben, wenn Sie ganz wie ein junges Mädchen aussehen?« sprach Lunew gleichfalls lachend.
»Ich bin schon im dritten Jahre verheiratet, und mein Mann ist Revieraufseher ...«
Ilja sah ihr ins Gesicht und lächelte still – er wußte selbst nicht, weshalb.
»Was für ein Sonderling!« rief die Dame achselzuckend, während sie Ilja neugierig musterte. »Na, wie ist's also – mieten Sie das Zimmer?«
»Abgemacht! Soll ich ein Angeld geben?«
»Natürlich!«
»In zwei, drei Stunden zieh' ich ein ...«
»Bitte sehr ... Ich freue mich, einen solchen Mieter zu haben ... Sie sind, wie es scheint, ein lustiger Herr ...«
»Nicht besonders lustig ...« sagte Lunew lächelnd.
Er trat schmunzelnd, mit einem angenehmen Gefühl in der Brust, auf die Straße hinaus. Ihm gefiel sowohl das Zimmer mit den blauen Tapeten als auch das kleine, flinke Frauchen. Ganz besonders angenehm aber schien es ihm, daß er bei einem Revieraufseher wohnen sollte. Er fand darin etwas Spaßhaftes, eine gewisse Ironie, und zugleich eine Gefahr für seine Person. Er wollte Jakow im Krankenhause besuchen, und um recht schnell hinzukommen, nahm er eine Droschke. Während der Fahrt dachte er darüber nach, was er mit seinem Gelde anfangen, wo er es verstecken sollte.
Im Krankenhause sagte man ihm, daß Jakow vor einer Weile ein Wannenbad genommen habe und jetzt schlafe. Ilja blieb im Korridor am Fenster stehen und wußte nicht, was er beginnen – ob er fortgehen oder warten sollte, bis Jakow erwacht wäre. An ihm vorüber schritten, leise mit den Pantoffeln schlurrend, hintereinander die Kranken in ihren gelben Schlafröcken und schauten ihn mit vergrämter Miene an. In ihr halblautes Geflüster klang ein schmerzliches Gestöhn, das irgendwoher aus der Ferne herüberhallte ... Ein dumpfes Echo, das jeden Laut verstärkte, tönte durch den langgestreckten Korridor ... Es war, als ob in der von Gerüchen erfüllten Luft des Krankenhauses unsichtbar und geräuschlos irgend jemand dahinschwebte und ächzend klagte ...
Es drängte Ilja, diese gelben Mauern so rasch wie möglich zu verlassen. Da trat einer der Kranken auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte leise:
»Sei gegrüßt! ...«
Lunew blickte auf und trat erstaunt einen Schritt zurück.
»Pawel? Auch du bist hier?«
»Wer ist denn noch da?« fragte Gratschew rasch. Sein Gesicht war eigentümlich grau, seine Augen blinzelten unruhig und verlegen.
Ilja erzählte ihm kurz, was mit Jakow vorgefallen war, und rief dann aus:
»Und du – wie verändert siehst du aus!«
Pawel seufzte; seine Lippen zuckten, und er senkte den Kopf, als ob er sich schuldig fühlte.
»Verändert seh' ich aus?« versetzte er mit heiser flüsternder Stimme.
»Was fehlt dir denn?« fragte Lunew teilnehmend.
»Was mir fehlt? Kannst dir's wohl denken ...«
Pawel blickte flüchtig in Iljas Gesicht und ließ den Kopf wieder sinken. »Hast du dich angesteckt?« fragte Lunew flüsternd.
»Leider ...«
»Doch nicht von Wjera?«
»Von wem denn sonst?« antwortete Pawel düster.
Ilja schüttelte den Kopf.
»So wird's wohl auch mir einmal gehen«, meinte er.
Pawel blickte ihm zutraulich in die Augen und sagte:
»Ich dachte, du würdest dich vor mir ekeln ... Ich geh' hier spazieren und seh' mit einemmaclass="underline" Ilja! ... Ich schämte mich und wandte mich erst ab, als ich an dir vorüberging ...«
»Das war mal schlau«, sagte Ilja vorwurfsvoll.
»Wer kann's gleich wissen, wie jemand darüber denkt? 's ist eine widerwärtige Krankheit. Schon die zweite Woche sitz' ich hier ... Was für eine Qual, was für eine Langeweile! ... Die Nächte besonders sind schlimm – als ob man auf glühenden Kohlen läge ... Die Zeit zieht sich so lang hin, wie ein Haar in der Milch ... Es ist, als zöge dich etwas in einen Sumpf hinein, und du könntest niemand zu Hilfe rufen ...«
Er sprach fast flüsternd, und sein Gesicht zuckte, während die Hände krampfhaft an den Schößen des Schlafrocks herumzupften.
»Wo ist denn Wjera?« fragte Ilja nachdenklich.
»Der Teufel mag's wissen«, sprach Gratschew mit bitterem Lächeln.
»Besucht sie dich nicht?«
»Einmal war sie da – aber ich hab' sie fortgejagt... Nicht sehen kann ich sie, die gemeine Dirne!« flüsterte Pawel zornig.
Ilja blickte vorwurfsvoll in sein entstelltes Gesicht und sprach: »Schwatz' nicht so törichtes Zeug! Wenn du Gerechtigkeit verlangst, dann sei auch selber gerecht... Worin liegt denn ihre Schuld?«
»Wen soll ich sonst beschuldigen?« rief Pawel leidenschaftlich, wenn auch mit gedämpfter Stimme. »Wen? Ich lieg' oft die ganze Nacht da und denke darüber nach, wie es kommt, daß mein Leben so verpfuscht ist. Ob es wohl davon kommt, daß ich Wjera so lieb gewann?... Wie ich sie geliebt habe, ist nicht mit Worten zu sagen, noch mit Sternenschrift an den Himmel zu schreiben...«
Pawels Augen röteten sich, und zwei große Tränen rollten von ihnen nieder. Er wischte sie mit dem Ärmel seines Schlafrocks von den Wangen ab.
»Alles das sind leere Worte«, sagte Lunew, der Wjera noch mehr bedauerte als Pawel... »Du hast den Met getrunken und hast ihn gerühmt, er sei stark! Und jetzt, da du betrunken bist, schiltst du, daß er berauschend sei. ... Wie steht's denn mit ihr? Sie ist doch auch angesteckt?«
»Gewiß, auch sie ist's«, sprach Pawel und fuhr dann mit bebender Stimme fort: »Meinst du, sie tue mir nicht auch leid? Als ich sie fortjagte und sie von mir ging und zu weinen begann ... so ganz leise, so bitterlich, da krampfte sich mir das Herz zusammen... Selbst hätt' ich weinen mögen, doch ich hatte in jener Stunde nur Steine in meiner Seele... Und da begann ich über alles das nachzudenken... Ach, Ilja, das Leben meint es nicht gut mit uns...«
»Ja«, sprach Lunew gedehnt, mit seltsamem Lächeln. »Es geht schon merkwürdig zu ... hier im Leben! Es hat uns alle an der Kehle gepackt und würgt und würgt uns. Dem armen Jakow verbittert sein Vater das Leben, Maschutka wird an einen alten Satan verkuppelt, du steckst hier im Spital...«
Er begann plötzlich leise zu lächeln und sagte in gedämpftem Tone:
»Nur ich allein habe Glück! Sobald ich mir etwas wünsche – bitte, es steht bereit!«
»Es gefällt mir nicht, was du da sagst«, sprach Pawel und musterte ihn forschend. »Machst dich über dich lustig, wie?«
»Nein – es ist ein anderer, der sich über mich lustig macht! Über uns alle macht sich irgend jemand lustig... Wohin ich sehe im Leben – nirgends gibt es Gerechtigkeit...«
»Das sehe auch ich«, rief Pawel leise, doch aus seinem Innersten heraus. Auf seinen Wangen wurden rote Flecke sichtbar, und seine Augen funkelten hell und lebhaft wie früher, da er noch gesund war.
Sie standen in einem halbdunklen Winkel des Korridors, neben dem Fenster, dessen Scheiben mit gelber Farbe bestrichen waren, und hier, dicht aneinandergeschmiegt, redeten sie leidenschaftliche Worte, und jeder von ihnen suchte die Gedanken des andern gleichsam im Fluge zu erhaschen. Irgendwoher aus der Ferne ertönte ein langgedehntes Stöhnen, ähnlich dem dumpfen Klange einer Saite, die irgend jemand in bestimmten Zwischenräumen anschlägt, und die erzittert und hoffnungslos weiterklingt, als wüßte sie, daß nirgends ein lebendiges Herz ist, welches fähig wäre, ihr schmerzliches Zittern zu beschwichtigen. Pawel war entflammt von Empörung über die Kränkungen, die das Leben ihm mit schwerer Hand zugefügt hatte. Auch er zitterte, wie jene Saite, vor Erregung und flüsterte hastig, ohne Zusammenhang, dem Freunde seine Beschwerden und Anklagen zu. Ilja fühlte, daß Pawels Worte ihm wie Funken aus dem Herzen sprangen und in seiner eigenen Brust jenes dunkle, widerstrebende Etwas weckten, das ihn immer wieder beunruhigte. Es war ihm, als wäre an Stelle der Zweifel, mit denen er bisher dem Leben gegenübergestanden hatte, jetzt mit einemmal etwas anderes in seiner Seele aufgelodert, das ihre Finsternis erhellen und ihr für immer Ruhe schaffen würde.