»Warum bist du heilig und unverletzbar, wenn du satt bist, warum hast du recht, wenn du gelehrt bist?« flüsterte Pawel, während er Herz an Herz neben Ilja stand. Und er schaute ringsum, wie wenn er die Nähe des Feindes witterte, der sein Leben so verpfuscht hatte.
»Wer wird unsere Worte verstehen? Wir sind allen fremd...« sagte Ilja hart.
»So ist's ... mit wem sollen wir reden?« versetzte Pawel und verstummte dann.
Lunew schaute, in Nachdenken versunken, vor sich hin in die weite Korridorflucht. Das dumpfe Stöhnen ließ sich wieder vernehmen – jetzt, da sie schwiegen, unterschied man es deutlicher. Es war, als ob es aus der Brust eines großen, starken Wesens käme, die einen schweren Schmerz erlitt...
»Bist du immer noch mit Olympiada zusammen?« fragte Pawel den Freund.
»Ja – noch immer«, antwortete Ilja. »Und denk' dir,« sagte er dann lächelnd, in gedämpftem Tone – »Jakow ist jetzt mit seinem Lesen glücklich so weit gekommen, daß er an Gott zweifelt...«
»Wirklich?« fragte Pawel obenhin, während er ihm ins Gesicht sah.
»Ja ... Er hat solch ein Buch gefunden ... Und du – wie denkst du über diesen Punkt?«
»Ich, siehst du ...« sagte Pawel leise und nachdenklich – »ich hab' darüber nicht weiter nachgedacht ... In die Kirche geh' ich nicht ...«
»Und ich denk' viel darüber nach ... Ich kann nicht begreifen, wie Gott das alles duldet ...«
Wieder begannen sie in hastigem Gespräch miteinander zu reden. Und ganz in ihre Unterhaltung vertieft, blieben sie so lange beieinander, bis ein Wärter auf sie zutrat und Lunew in strengem Tone fragte:
»Was versteckst du dich hier – he?«
»Ich verstecke mich nicht ...« sagte Ilja.
»Siehst du nicht, daß bereits alle Besucher fort sind:«
»Hab's nicht gesehen ... leb' wohl, Pawel! Besuch' auch Jakow einmal! ...«
»Na, vorwärts, vorwärts ... raus!« rief der Wärter.
»Komm bald wieder!« bat ihn Gratschew.
Auf der Straße versank Lunew in Nachsinnen über das Schicksal seiner Freunde. Er sagte sich, daß es ihm doch noch besser ging als den andern. Aber dieses Bewußtsein bereitete ihm durchaus keine Befriedigung. Er lächelte nur und schaute mißtrauisch um sich ...
XVII
In seiner neuen Wohnung hatte Ilja sich ruhig eingelebt, und seine Wirtsleute interessierten ihn ganz besonders. Die Wirtin hieß Tatjana Wlaßjewna. Munter und stets zum Plaudern aufgelegt, hatte sie schon wenige Tage nach Iljas Einzug in dem blauen Zimmerchen dem neuen Mieter die ganze Einrichtung ihres Lebens geschildert.
Des Morgens, wenn Ilja in seinem Zimmer den Tee trank, machte sie sich mit vorgebundener Schürze und bis zum Ellbogen aufgestreiften Ärmeln in der Küche zu schaffen, guckte auch wohl einmal zu ihm hinein und sagte lebhaft:
»Wir sind keine reichen Leute, ich und mein Gatte – aber wir besitzen Bildung ... Ich habe das Progymnasium besucht, und er war sogar im Kadettenkorps, wenn er's auch nicht ganz durchgemacht hat. Aber wir wollen reich sein, und wir werden es erreichen ... Kinder haben wir nicht – die verursachen die größten Ausgaben. Ich koche selber, gehe selbst auf den Markt, und für die sonstige Arbeit halte ich mir ein Mädchen, das zu Hause wohnt, für anderthalb Rubel monatlich. Sie sehen, was ich alles spare! ...« Sie blieb in der Tür stehen, und während sie ihre Löckchen schüttelte, begann sie aufzuzählen: »Lohn für die Köchin – drei Rubel, Kost für die Köchin – sieben Rubel, macht zehn Rubel ... Für drei Rubel stiehlt sie monatlich zusammen – dreizehn Rubel. Ihr Zimmer vermiete ich an Sie – achtzehn Rubel. So teuer, sehen Sie, kommt eine Köchin zu stehen! Dann kauf ich alles im großen ein: Butter – ein halbes Pud; Mehl – einen ganzen Sack; Zucker gleich im ganzen Kopf, und so weiter ... Daran spar' ich wieder zwölf Rubel – macht dreißig Rubel. Wenn ich irgendwo, bei der Polizei oder bei der Telegraphie, eine Stellung hätte, würde ich nur für die Köchin arbeiten. Und jetzt koste ich meinen Mann gar nichts und bin stolz darauf. So muß man verstehen, sich das Leben einzurichten ... Lernen Sie es, junger Mann! ...«
Sie guckte mit den muntern Augen Ilja schelmisch ins Gesicht, und er lächelte sie verlegen an. Sie gefiel ihm und flößte ihm doch auch zu gleicher Zeit Achtung ein. Des Morgens, wenn er erwachte, wirtschaftete sie schon in der Küche herum, zusammen mit einem pockennarbigen, halbwüchsigen Mädchen, das seine Herrin, wie alles andere ringsum, mit seinen erschrockenen, farblosen Augen anstarrte. Des Abends, wenn Ilja nach Hause kam, öffnete Tatjana Wlaßjewna ihm die Tür – lächelnd, schlank und adrett, nach irgendeinem Parfüm angenehm duftend. Wenn ihr Gatte zu Hause war, spielte er auf der Gitarre, und sie begleitete ihn mit ihrer klaren Stimme, oder sie setzten sich an den Kartentisch und spielten um Küsse. Ilja konnte in seinem Zimmer alles hören: das Tönen der Saiten, die bald lustig, bald gefühlvoll klangen, das Aufschlagen der Karten und das Schmatzen der Lippen. Ihre Wohnung bestand aus zwei Zimmern: dem Schlafzimmer und einem zweiten, an Iljas Stübchen angrenzenden Räume, der den Ehegatten als Eß- und Gastzimmer diente und in dem sie ihre Abende zubrachten ... Des Morgens vernahm man in diesem Zimmer helle Vogelstimmen: die Meise piepte, Zeisig und Stieglitz sangen um die Wette, der Gimpel pfiff würdevoll dazwischen, und mitten in diese lauten Töne ließ der Hänfling sein nachdenkliches, leises Lied erschallen.
Tatjanas Gatte, Kirik Nikodimowitsch Awtonomow, war ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, hochgewachsen, voll, mit großer Nase und schwarzen Zähnen. Sein gutmütiges Gesicht war voll Finnen, und seine wasserblauen Augen schauten auf alles mit unerschütterlicher Ruhe. Das kurzgeschorene, helle Haar stand von seinem Kopfe wie eine Bürste ab, und in der ganzen plumpen Gestalt Kirik Awtonomows lag etwas Unbeholfenes und Lächerliches. Seine Bewegungen waren schwerfällig, und gleich bei der ersten Begegnung fragte er Ilja aus irgendeinem Grunde:
»Hast du Singvögel gern?«
»Sehr gern ...«
»Fängst du welche?«
»Nein ...« antwortete Ilja, während er den Revieraufseher verwundert ansah.
Dieser rümpfte die Nase, dachte ein Weilchen nach und fragte weiter:
»Hast du früher welche gefangen?«
»Nein, auch früher nicht ...«
»Niemals?«
»Niemals ...«
Da lächelte Kirik Awtonomow herablassend und meinte:
»Du liebst sie also nicht, wenn du sie nicht gefangen hast ... Ich habe welche gefangen und bin darum sogar aus dem Kadettenkorps hinausgeworfen worden ... Auch jetzt würde ich noch Vögel fangen, doch will ich mich in den Augen meiner Vorgesetzten nicht kompromittieren. Denn wenn auch die Liebe zu den Singvögeln eine edle Leidenschaft ist, so ist doch das Fangen der Singvögel eine Unterhaltung, die eines soliden Menschen nicht würdig ist ... Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich unbedingt Zeisige fangen! Der Zeisig ist ein munterer Vogel. Darum nennt man ihn auch den Vogel Gottes ...«
Awtonomow sah beim Sprechen mit schwärmerischem Ausdruck in Iljas Gesicht, und Lunew fühlte eine gewisse Verlegenheit, als er seine sonderbaren Worte hörte. Es schien ihm, daß der Revieraufseher vom Vogelfang in allegorischem Sinne, mit Anspielungen auf irgend etwas sprach. Aber die wasserblauen Augen Awtonomows beruhigten ihn, und er gewann die Überzeugung, daß der Revieraufseher ein ganz harmloser Mensch war. Ein Lächeln war Iljas Antwort auf die Ausführungen Kiriks. Diesem gefiel offenbar das bescheidene Wesen und das ernste Gesicht des Mieters, und er schlug ihm vor: