»Komm doch des Abends zu uns zum Tee ... Mach' keine großen Umstände ... wir werden Karten spielen ... Gäste sind bei uns selten. Gäste haben ist eine angenehme Sache, aber man muß sie bewirten, und das ist unangenehm, denn es kostet Geld.«
Je länger Ilja das behagliche Leben seiner Wirtsleute beobachtete, desto besser gefielen sie ihm. Alles war bei ihnen sauber und solid, alles geschah in Ruhe, und sie waren einander offenbar sehr zugetan. Die kleine, flinke Frau glich einer munteren Meise, ihr Gatte einem unbeholfenen Gimpel, und in ihrer Wohnung war es so nett wie in einem Vogelnest. Wenn Lunew des Abends zu Hause war, lauschte er auf die Unterhaltung der Wirtsleute und dachte bei sich:
»So lass' ich mir das Leben gefallen!«
Und er seufzte voll Neid und träumte immer lebhafter von der Zeit, da er seinen Laden aufmachen und ein eignes, kleines, sauberes Zimmer haben würde – darin würde er sich Vögel halten und ganz für sich, still und ruhig leben, wie im Traume ... Hinter der Wand erzählte Tatjana Wlaßjewna ihrem Manne, was sie alles auf dem Markte gekauft hatte, wieviel sie ausgegeben und gespart hatte, und ihr Gatte lachte vergnügt und lobte sie:
»Ach, mein kluges Weibchen! ... Komm, gib mir einen Kuß ...«
Er erzählte ihr von den Vorkommnissen in der Stadt, von den Protokollen, die er aufgenommen hatte, von dem, was der Polizeimeister oder sonst ein Vorgesetzter ihm gesagt hatte ... Sie sprachen von der Möglichkeit einer Gehaltserhöhung und erwogen reiflich die Frage, ob sie im Fall einer solchen eine größere Wohnung würden nehmen müssen.
Ilja hörte zu, und plötzlich befiel ihn eine ihm unbegreifliche trostlose Langeweile. Es ward ihm zu eng in dem kleinen blauen Zimmer, er sah sich unruhig darin um, als ob er die Ursache seiner üblen Stimmung suchte, und als er den Druck, der auf seiner Brust lag, nicht länger zu ertragen vermochte, ging er zu Olympiada oder lief lange in den Straßen der Stadt auf und ab.
Olympiada war ihm gegenüber immer anspruchsvoller geworden, sie plagte ihn mit Eifersucht, und es kam zwischen ihnen immer häufiger zum Streit. Wenn sie sich zankten, sprach sie niemals von der Ermordung Poluektows, in ihren guten Augenblicken jedoch bat sie Ilja immer wieder, »diese Geschichte« zu vergessen. Lunew wunderte sich über ihre Hartnäckigkeit und fragte sie eines Tages nach einem Streit:
»Lipa! Sag' doch – warum sprichst du, wenn du mit mir zankst, nie von dem Alten?«
Sie antwortete ohne Besinnen:
»Weil diese Angelegenheit weder die meinige noch die deinige ist. Wenn sie dich nicht gefunden haben – dann ist ihm eben recht geschehen. Du warst dabei der Arm, nicht die Kraft ... Du hattest keinen Grund, ihn zu erwürgen, wie du selbst sagst. Also hat er durch dich nur seine Strafe bekommen ...«
Ilja lachte ungläubig.
»So–o ... Ich dachte eben, daß, wenn ein Mensch nicht ganz dumm ist, er unbedingt ein Gauner sein muß ... Alles vermag er zu rechtfertigen ... Und ebenso kann er aus allem ein Verbrechen machen ...«
»Ich versteh' dich nicht«, sagte Olympiada und schüttelte den Kopf.
»Was ist denn da unverständlich?« fragte Ilja, seufzte und zuckte die Achseln. »Sehr einfach! Zeig' mir irgend etwas im Leben, das für alle Zeiten unerschütterlich dastände; finde etwas, das nicht irgendein Schlaukopf anzufechten vermöchte: du wirst nichts finden! Es gibt eben nichts Feststehendes im Leben.«
Nach einer der gewohnten Zänkereien, als Ilja bereits vier Tage lang nicht bei Olympiada gewesen war, erhielt er von ihr einen Brief ... Sie schrieb:
»So leb' denn wohl, mein lieber Iljuscha, auf immer, denn wir werden uns niemals wiedersehen. Suche mich nicht – Du wirst mich nicht finden. Mit dem nächsten Dampfer verlasse ich diese unselige Stadt: in ihr hab' ich meine Seele für mein ganzes Leben zugrunde gerichtet. Ich fahre weit, weit fort und kehre nie mehr wieder – denk' nicht an mich und erwarte mich nicht. Für alles Gute, das Du mir getan, danke ich Dir von ganzem Herzen, und das Böse will ich vergessen. Ich muß Dir noch der Wahrheit gemäß sagen, daß ich nicht ins Blaue hineinlaufe, sondern mit dem jungen Ananjin einig geworden bin, der mich schon lange umschwärmt und mir klagte, daß ich ihn auf dem Gewissen haben werde, wenn ich nicht mit ihm zusammenleben will. Da hab' ich schließlich eingewilligt: meinetwegen! Wir fahren ans Meer, in ein Dorf, wo Ananjin Fischereiplätze hat. Er ist sehr einfältig und will mich sogar heiraten, der gute, dumme Junge! Leb' wohl! Wie im Traume hab' ich Dich gesehen, und da ich erwachte – war nichts da! Verzeih auch Du mir! – Wenn Du wüßtest, wie mein Herz von Sehnsucht brennt! Ich küsse Dich, Du mein Einziger. Brüste Dich nicht vor den Leuten: wir sind alle unglücklich. Demütig bin ich geworden, ich, Deine Lipa, und ich geh' wie unters Beil – so sehr schmerzt mich meine zerrissene Seele. Olympiada Schlykowa. Mit der Post hab' ich Dir ein Andenken geschickt – einen Ring. Trag ihn, bitte. Ol. Sch.«
Ilja las den Brief und biß seine Lippen zusammen, daß sie ihn schmerzten. Er las ihn immer und immer wieder. Und je öfter er den Brief las, desto besser gefiel er ihm – es war ihm zugleich schmerzlich und angenehm, die einfachen, mit ungleichmäßigen, großen Buchstaben geschriebenen Worte zu lesen. Früher hatte Ilja nicht weiter darüber nachgedacht, von welcher Art das Gefühl war, das dieses Weib für ihn empfand, jetzt aber schien es ihm, daß Olympiada ihn stark und heftig geliebt hatte, und als er ihren Brief las, fühlte er eine tiefe Befriedigung in seinem Herzen. Aber diese Befriedigung machte allmählich dem Bewußtsein von dem Verluste eines teuren Wesens Platz, und der Gedanke, daß er nun niemand haben würde, dem er in den bittren Stunden der Schwermut sein Herz eröffnen konnte, drückte ihn nieder. Das Bild dieses Weibes stand lebhaft vor seinen Augen, er erinnerte sich ihrer leidenschaftlichen Liebkosungen, ihrer verständigen Reden, ihrer Scherze, und immer deutlicher empfand er in seiner Brust ein herbes Gefühl des Bedauerns. Er stand mit düstrer Miene am Fenster und schaute in den Garten – dort, in der Dunkelheit, rauschten leise die Holunderbüsche, und die dünnen, bindfadenartigen Zweige der Birke schwankten im Winde hin und her. Hinter der Wand tönten elegisch die Saiten der Gitarre, und Tatjana Wlaßjewna sang mit ihrem hohen Sopran:
»Mag, wer da will, im tiefen Meer
Den goldnen Bernstein finden ...«
Ilja hielt den Brief der Geliebten in der Hand, er fühlte sich schuldig vor Olympiada, und Gram und Mitleid drückten schwer auf seine Seele.
»Mir hol' nur meinen kleinen Ring
Empor aus seinen Gründen!«
tönte es hinter der Wand. Dann lachte der Revieraufseher laut auf, und die Sängerin lief, gleichfalls mit hellem Lachen, in die Küche. Hier jedoch schwieg sie sogleich still. Ilja fühlte ihre Gegenwart irgendwo ganz in der Nähe, doch mochte er sich nicht umdrehen, um nach ihr hinzusehen, obschon er wußte, daß die Tür zu seinem Zimmer geöffnet war. Er horchte gleichsam auf seine eignen Gedanken, stand unbeweglich da und fühlte sich vereinsamt.
Die Bäume draußen im Garten schüttelten ihre Wipfel, und es war Lunew, als hätte er sich losgerissen von der Erde, als schwebe er irgendwo dort draußen im kalten Dämmerschein dahin ...
»Ilja Jakowlewitsch! Wollen Sie Tee trinken?« ließ sich die laute Stimme der Wirtin vernehmen.
»Nein ...« lautete Iljas Antwort.
Durch das Fenster drang das feierliche Läuten einer Glocke; der tiefe, weiche Ton versetzte das Fenster in Schwingungen, und es erzitterte kaum hörbar ... Ilja bekreuzte sich, erinnerte sich, daß er schon lange nicht in der Kirche gewesen, und benutzte die Gelegenheit, das Haus zu verlassen.