»Ich gehe zur Abendandacht«, rief er seiner Wirtin zu, als er fortging.
Tatjana Wlaßjewna stand in der Tür, stützte sich mit den Händen gegen die Pfosten und sah ihn neugierig an. Ihr forschender Blick setzte Ilja in Verwirrung, und wie zur Entschuldigung sagte er:
»Bin schon lange nicht in der Kirche gewesen ...«
»Gut, ich will den Samowar zu neun Uhr bereitstellen«, versetzte sie.
Auf dem Wege nach der Kirche dachte Lunew an den jungen Ananjin. Ilja kannte ihn: er war ein reicher junger Kaufmann, Mitinhaber der Fischereifirma »Gebrüder Ananjin« – ein blonder, hagerer junger Mann mit blassem Gesicht und blauen Augen. Er war erst vor kurzem in die Stadt gekommen und führte ein Leben auf großem Fuße.
»Das nenn' ich leben«, dachte Ilja bitter. »Wie ein junger Habicht treibt der es: kaum ist er flügge geworden, so fängt er sich auch schon ein Täubchen ...«
Er betrat die Kirche in ärgerlicher Stimmung und stellte sich in die dunkle Ecke, in der die Leiter zum Anzünden des Kronleuchters stand.
»Herr, erbarme Dich!« sang man auf dem linken Kirchenchor. Ein Chorknabe sang mit einer unangenehmen, schrill in die Ohren gellenden Stimme und vermochte sich durchaus nicht dem heiseren, dumpfen Baß des Vorsängers anzupassen. Der unharmonische Gesang verdarb Ilja die Laune und erregte in ihm den Wunsch, den Jungen bei den Ohren zu nehmen. Der geheizte Ofen verbreitete eine starke Hitze in dem Winkel, es roch nach verbrannten Lumpen. Eine alte Frau in einer Saloppe trat an Ilja heran, sah ihm ins Gesicht und sprach griesgrämlich:
»Sie stehen da nicht an Ihrem Platz, mein Herr ...« Ilja betrachtete den mit Fuchsschwänzen verzierten Kragen ihrer Saloppe und trat schweigend zur Seite.
»Auch in der Kirche geht es nach dem Range ...«
Es war das erstemal seit Poluektows Ermordung, daß er in einer Kirche war, und als er dessen inne ward, fuhr er unwillkürlich zusammen.
»Herr, erbarme dich!« flüsterte er und bekreuzte sich.
Laut und harmonisch erschallte der Gesang des Chores. Die Stimmen der Soprane, die den Text des Liedes klar und deutlich aussprachen, klangen unter der Kuppel wie helltönende kleine Glöckchen. Die Altstimmen bebten wie eine wohlklingende, straff gespannte Saite, und auf dem Hintergrund ihres ununterbrochenen Schalles, der wie ein Fluß dahinglitt, zitterten die Soprantöne gleich dem Widerschein der Sonne im durchsichtigen Wasserspiegel. Die tiefen, vollen Noten der Baßpartie schwebten feierlich durch die Luft und schienen den Gesang der Kinder zu tragen; von Zeit zu Zeit drangen die schönen, kräftigen Töne des Tenors hindurch, und von neuem erklangen dann laut die Stimmen der Kinder und stiegen in den Dämmerschein der Kuppel empor, von wo der Allerhalter, mit weißem Gewand angetan, nachdenklich niederblickte und die Betenden mit majestätisch ausgebreiteten Armen segnete. Der Gesang des Chors vereinigte sich zu einer einzigen, harmonisch gestimmten Masse von Tönen, die dahinschwebte wie eine Wolke bei Sonnenuntergang, wenn die Strahlen des sinkenden Tagesgestirns sie rosig und purpurn färben und sie allmählich sich aufzehrt im Selbstgenuß ihrer eignen Schönheit.
Der Gesang verstummte, und Ilja seufzte leicht und tief auf. Es war ihm wohl ums Herz, er fühlte nichts mehr von jener Gereiztheit, die ihn beim Eintritt in die Kirche beunruhigt hatte. Seine Gedanken flohen immer wieder von seiner Sündenschuld hinweg zu andern Dingen. Der Gesang hatte seiner Seele Erleichterung geschaffen und sie geläutert. Er wollte seinem eignen Empfinden nicht trauen, als er sich so unerwartet beruhigt und zufrieden fühlte, und er suchte mit Gewalt die Reue in sich zu wecken. Doch es war vergebens.
Plötzlich ging es ihm wie ein Nadelstich durchs Hirn: »Wie, wenn jetzt die Wirtin aus Neugier in mein Zimmer geht, dort zu suchen anfängt und das Geld findet?«
Er verließ rasch seinen Platz, trat aus der Kirche heraus und nahm eine Droschke, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Unterwegs quälte jener Gedanke ihn mehr und mehr und versetzte ihn in lebhafte Erregung.
»Angenommen, sie finden das Geld – was dann? Anzeigen werden sie mich nicht ... sie werden es einfach stehlen! ...«
Und der Gedanke, daß sie den Fund nicht anzeigen, sondern das Geld stehlen würden, erregte ihn noch mehr. Er war sich ganz klar darüber, daß, wenn dies geschehen sollte, er sofort mit der nächsten Droschke auf die Polizei fahren und gestehen würde, daß er Poluektow ermordet habe. Nein, er will sich nicht abquälen und in ewiger Unruhe leben, während andere von dem Gelde, um dessentwillen er so schwere Schuld auf sich genommen, sich in Ruhe und Behaglichkeit gütlich taten. Diese Vorstellung versetzte ihn förmlich in Raserei, Als die Droschke vor dem Hause hielt, in dem er wohnte, stürzte er hastig auf die Tür zu und riß jäh an der Klingel. Die Zähne aufeinander pressend und die Fäuste ballend, wartete er ungeduldig, daß ihm die Tür geöffnet würde.
Die Tür ging auf, und Tatjana Wlaßjewna erschien auf der Schwelle.
»Hu, wie laut Sie klingeln! ... Was gibt's denn? ... Was ist Ihnen?« rief sie ganz erschrocken, als sie ihn sah.
Er stieß sie schweigend zur Seite, ging rasch in sein Zimmer und erkannte sogleich auf den ersten Blick, daß seine Befürchtungen überflüssig gewesen waren.
Das Geld lag hinter der oberen Fensterverkleidung, an die er eine kleine Flaumfeder so festgeklebt hatte, daß sie unbedingt herunterfallen mußte, wenn jemand sich an dem Gelde zu schaffen machte. Er sah jedoch ganz deutlich das weiße Flöckchen auf dem braunen Hintergrunde.
»Sind Sie krank?« fragte besorgt die Wirtin, die an der Tür seines Zimmers erschien.
»Ich bin nicht recht wohl ... Entschuldigen Sie nur: ich stieß Sie vorhin ...«
»Das tut nichts ... Sagen Sie ... wieviel bekommt der Droschkenkutscher?«
»Fragen Sie ihn, bitte ... und bezahlen Sie ihn ...«
Sie eilte hinaus, und Ilja sprang sogleich auf einen Stuhl, holte das Geld hinter der Fensterverkleidung hervor und steckte es mit einem Seufzer der Erleichterung in die Tasche ... Er schämte sich jetzt seiner Besorgnis, und die Vorsichtsmaßregel mit der Flaumfeder erschien ihm lächerlich und albern.
»Eine Einflüsterung war's!« dachte er und lachte in sich hinein. In der Tür erschien wieder Tatjana Wlaßjewna.
»Zwanzig Kopeken hab' ich dem Kutscher gegeben«, sagte sie hastig. »Was ist Ihnen denn? Wohl ein Schwindelanfall?«
»Ja ... ich stand in der Kirche, wissen Sie ... und mit einemmal ...«
»Legen Sie sich doch hin«, sagte sie und Team in sein Zimmer. »Legen Sie sich ruhig hin. Genieren Sie sich nicht ... Und ich setz' mich ein bißchen neben Sie ... Ich bin allein zu Hause ... mein Mann hat noch Dienst und geht dann in den Klub ...«
Ilja setzte sich auf sein Bett, während sie auf dem einzigen Stuhl, der im Zimmer war, Platz nahm.
»Ich habe Sie beunruhigt«, sprach Ilja mit verlegenem Lächeln.
»Tut nichts«, versetzte Tatjana Wlaßjewna, während sie ihm neugierig und ungeniert ins Gesicht sah. Sie schwiegen eine Weile – Ilja wußte nicht, wovon er mit ihr sprechen sollte. Sie aber sah ihn in einem fort an und lachte dann plötzlich ganz seltsam.
»Warum lachen Sie?« fragte Lunew, die Augen niederschlagend.
»Soll ich's sagen?« fragte sie schelmisch.
»Sagen Sie es ...«
»Sie können sich nicht verstellen – wissen Sie das?«
Ilja zuckte zusammen und blickte unruhig auf seine Wirtin.
»Nein, Sie können es nicht. Sie sind nicht krank – sondern haben einfach einen unangenehmen Brief bekommen. Ich hab's ja gesehen, hab's gesehen ...«
»Ja, ich bekam einen Brief«, sagte Ilja zurückhaltend.
Draußen im Garten rauschte etwas im Gezweig. Tatjana Wlaßjewna blickte scharf zum Fenster hinaus und wandte ihr Gesicht dann wieder Ilja zu.