»Es war nur der Wind, oder vielleicht ein Vogel«, sprach sie. »Sagen Sie, mein hübscher junger Mann – wollen Sie mal meinen Rat hören, ja? Ich bin zwar nur eine junge Frau, aber ich bin nicht dumm ...«
»Wenn Sie mir raten wollen ... dann bitte recht sehr«, sprach Lunew, sie neugierig anschauend.
»Zerreißen Sie diesen Brief und werfen Sie ihn fort«, sprach die Wirtin in überlegenem Ton. »Wenn sie Ihnen abgeschrieben hat, dann hat sie ganz recht gehandelt, als ein braves Jüngferchen. Zum Heiraten ist's für Sie noch zu früh, Sie haben keine sichere Stellung, und Leute ohne sichere Stellung sollten nicht heiraten. Sie sind ein kräftiger junger Mann, sind arbeitsam und hübsch – Ihnen kann's nicht fehlen ... Seien Sie nur auf der Hut, daß Sie sich nicht am Ende verplempern! Verdienen Sie recht viel Geld, sparen Sie und suchen Sie etwas Größeres anzufangen. Machen Sie einen Laden auf – und dann, wenn Sie festen Grund unter den Füßen haben, können Sie heiraten. Es muß Ihnen ja gelingen: Sie trinken nicht, Sie sind bescheiden, haben keinen Anhang ...«
Ilja hörte zu, ließ den Kopf sinken und lächelte im stillen. Am liebsten wäre er laut herausgeplatzt mit seinem Lachen.
»Nichts dümmer, als den Kopf hängen lassen«, fuhr Tatjana Wlaßjewna im Tone eines lebenserfahrenen Menschen fort. »Es wird vorübergehen. Die Liebe ist eine Krankheit, die sich leicht heilen läßt. Ich war, bevor ich heiratete, selbst dreimal so verliebt, daß ich am liebsten ins Wasser gegangen wäre – und doch ist's vorübergegangen! Und wie ich sah, daß es für mich mit dem Heiraten Ernst wurde – da hab' ich ohne alle Liebe geheiratet ... Später lernte ich dann meinen Mann ... lieben ... Es kommt wirklich manchmal vor, daß eine Frau sich in ihren Mann verliebt ...«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte Ilja und riß die Augen weit auf.
Tatjana Wlaßjewna ließ ein munteres Lachen hören.
»Ich hab' nur gespaßt ... Doch in allem Ernst: man kann sich verheiraten, ohne den Mann zu lieben, und ihn dann später liebgewinnen ...«
Und sie begann immer von neuem zu plappern und kokettierte dabei mit ihren Äuglein. Ilja hörte aufmerksam zu, betrachtete mit großem Interesse die kleine, zierliche Gestalt und war ganz erstaunt. So klein und schmächtig war sie, und hatte doch so viel Zuversicht, Willenskraft und Verstand ...
»Wer eine solche Frau hat – der kann nicht zugrunde gehen«, dachte er. Es war ihm angenehm, so dazusitzen mit einem gebildeten Weibe – einer verheirateten Frau und keiner ersten besten, einer sauberen, feinen, wirklichen Dame, die nicht zu stolz war, mit ihm, dem einfachen Burschen, zu plaudern und ihn sogar mit »Sie« anredete. Ein Gefühl der Dankbarkeit gegen seine Wirtin erwachte in ihm, und als sie sich erhob, um zu gehen, sprang er gleichfalls auf, verneigte sich vor ihr und sagte:
»Dank' Ihnen auch ergebenst, daß Sie mir die Ehre erwiesen haben ... Ihre Unterhaltung hat mich sehr erfreut ...«
»Wirklich? Sehen Sie doch mal an!« sagte sie still lächelnd, während ihre Wangen sich röteten und ihre Augen ein paar Sekunden lang unbeweglich in Iljas Antlitz sahen. »Na ~– auf Wiedersehen also ... vorläufig!« sprach sie mit einer ganz besonderen Betonung und hüpfte graziös wie ein junges Mädchen davon.
XVIII
Mit jedem Tage fand Ilja an dem Ehepaar Awtonomow größeren Gefallen. Er hatte von Polizeibeamten schon viel Schlimmes gesehen, Kirik jedoch erschien ihm wie ein einfacher Arbeitsmensch, dabei gutmütig und beschränkt. Er war der Körper, seine Frau – die Seele. Er war selten zu Hause und hatte daheim nicht viel zu sagen. Tatjana Wlaßjewna benahm sich Ilja gegenüber immer formloser, sie bat ihn, ihr Holz zu hacken, Wasser zu holen, den Spüleimer auszugießen. Er erfüllte diensteifrig ihre Bitten, und ohne daß er es merkte, wurden diese kleinen Verrichtungen für ihn zur täglichen Pflicht. Da entließ die Wirtin das pockennarbige Mädchen, das bei ihr aufwartete, und ließ sie nur noch am Sonnabend kommen ...
Zuweilen kamen zu Awtonomows auch Gäste. Öfters erschien der Assistent des Stadtteilaufsehers Korßakow, ein hagerer Mensch mit langem Schnurrbart. Er trug eine dunkle Brille, rauchte dicke Zigaretten, konnte die Droschkenkutscher nicht leiden und sprach stets von ihnen in großer Erregtheit.
»Niemand verstößt so oft gegen Ordnung und Anstand wie diese Droschkenkutscher«, räsonierte er. »Ein zu freches Volk! Die Fußgänger kann man im Straßenverkehr stets in Ordnung halten, es bedarf dazu nur einer Bekanntmachung in den Zeitungen von Seiten des Polizeimeisters: ›Wer die Straßen abwärts geht, hat sich rechts, und wer aufwärts geht, hat sich links zu halten‹ – und sofort ist in der Bewegung der Passanten die schönste Disziplin da. Aber diesen Kutschern ist mit gar keiner Bekanntmachung beizukommen. So'n Kutscher – der ist ... na, weiß der Teufel, was er eigentlich ist! ...«
Über die Droschkenkutscher konnte er einen ganzen Abend reden, und Lunew hörte ihn nie von etwas anderem sprechen.
Ferner kam zu Awtonomows noch der Inspektor des Kinderasyls, Gryslow, ein schweigsamer Mensch mit einem schwarzen Vollbart. Er liebte es, mit seiner Baßstimme das Lied »Übers Meer, übers blaue Meer« vorzutragen, und seine Gattin, eine stattliche, üppige Frau mit großen Zähnen, aß jedesmal bei Tatjana Wlaßjewna das ganze Konfekt auf, was den Awtonomows Veranlassung gab, nach ihrem Weggehen gehörig über sie herzuziehen.
»Das tut sie mir zum Possen!« meinte Tatjana Wlaßjewna.
Dann erschien auch, in Begleitung ihres Gatten, Alexandra Wiktorowna Trawkina, eine hochgewachsene, schlanke Person mit rotem Haar, die sich oft mit einem seltsamen Laut schneuzte – es klang, als ob ein Stück Shirting zerrissen würde. Ihr Gatte litt an einer Halskrankheit und sprach darum stets flüsternd, doch redete er unaufhörlich, und es kam aus seinem Munde wie das Rascheln trockenen Strohes. Er war ein vermögender Mann, hatte bei der Akziseverwaltung gedient und war im Vorstand irgendeiner wohltätigen Gesellschaft. Beide, er wie seine Gattin, zogen beständig über die Armen her, die sie der Verlogenheit, der Habgier und der Unehrerbietigkeit gegen ihre Wohltäter beschuldigten.
Lunew saß in seinem Zimmer und hörte aufmerksam zu, wie diese Leute über das Leben redeten. Was er hörte, blieb ihm unverständlich. Es schien, als ob diese Leute längst alle Fragen des Lebens entschieden hätten, als ob sie alles wüßten und alle, die anders dachten und lebten als sie selbst, unnachsichtlich verurteilten.
Zuweilen luden die Wirtsleute des Abends ihren Mieter zum Tee ein. Beim Tee scherzte Tatjana Wlaßjewna munter, und ihr Gatte schwärmte davon, wie schön es doch wäre, wenn er mit einemmal reich werden und sich ein Haus kaufen könnte.
»Dann würde ich mir Hühner halten ...«, sagte er und kniff lüstern die Augen zusammen. »Alle Sorten von Hühnern: Brahmaputra, Cochinchina, Perlhühner, Truthühner ... Und einen Pfau! Und dann so im Schlafrock am Fenster sitzen, eine Zigarette rauchen und zusehen, wie auf dem Hofe der Pfau – mein eigner Pfau! – sein Rad schlägt – das wär' ein Leben! Wie ein Polizeimeister würde er herumspazieren und in einem fort kollern: Brlju ... brlju ... brlju!«
Tatjana Wlaßjewna lächelte und schwelgte, während sie Ilja ansah, auf ihre Weise in zukünftigen Genüssen:
»Und ich würde dann jeden Sommer eine Reise machen, in die Krim oder in den Kaukasus, und im Winter würde ich in den Vorstand irgendeines Wohltätigkeitsvereins eintreten. Dann würde ich mir ein ganz schwarzes Tuchkleid machen lassen, ganz einfach, ohne allen Ausputz, und würde nichts weiter dazu tragen als eine Brosche mit einem Rubin, und Ohrringe mit Perlen. Ich hab' in der ›Niwa‹ ein Gedicht gelesen, darin hieß es, daß das Blut und die Tränen der Armen im Jenseits sich in Perlen und Rubine verwandeln ...« Und mit einem leisen Seufzer fügte sie hinzu: »Rubine stehen brünetten Damen ausgezeichnet ...«
Ilja schwieg und lächelte. Im Zimmer war es mollig und sauber, ein angenehmer Teegeruch und noch irgendein anderer angenehmer Duft erfüllten den Raum. In den Käfigen schliefen, zu kleinen Federklümpchen geballt, die Vögel, an den Wänden hingen ein paar grelle Bilder. Ein kleines Wandbrett zwischen den Fenstern war mit allerhand hübschen Büchschen, Hühnchen aus Porzellan und bunten Ostereiern aus Zucker oder Glas bedeckt. Alles das gefiel Ilja und erfüllte ihn mit sanfter, wohliger Wehmut.