Der Wächter hob langsam seine Brauen empor, unter denen ein Paar runde, dunkle Augen sich trag in den tiefen Höhlen auf und nieder bewegten. Ruhig und glanzlos, mit starrem, mattem Blick schauten sie in Iljas Gesicht.
»Was für ein schönes Buch ist doch die Bibel!« rief Jakow mitten in einem Hustenanfall. »Auch jene Stelle ist drin – erinnerst du dich? – die der Bibelkundige in der Schenke zum Onkel sagte: ›Friedlich sind die Zelte der Räuber ...‹ Sie ist drin – ich hab' sie gefunden! Noch Ärgeres steht drin!«
Jakow schloß die Augen und sprach mit aufgehobener Hand, in feierlichem Tone:
»Warum leben denn die Gottlosen, werden alt und nehmen zu mit Gütern ... Gott behält das Unglück für seine Kinder ... Wer ist der Allmächtige, daß wir ihm dienen sollen? Oder was sind wir's gebessert, daß wir ihn anrufen?«
»Steht das wirklich drin?« fragte Ilja ungläubig.
»Wort für Wort!«
»Nach meiner Meinung ist das sündhaft!« sagte Ilja.
Der Wächter verzog seine buschigen Brauen, daß sie seine Augen bedeckten. Sein Bart bewegte sich hin und her, und er sprach mit dumpfer, seltsamer Stimme:
»Die Kühnheit des Menschen, der die Wahrheit sucht, ist nicht sündhaft, denn sie entspringt aus höherer Eingebung ...«
Ilja überlief ein Schauer. Der Wächter aber seufzte tief auf und fuhr ebenso langsam und vernehmlich fort:
»Die Wahrheit selbst gibt es dem Menschen ein: suche mich! Denn die Wahrheit – ist Gott ... und es steht geschrieben: ›Ein großer Ruhm ist es, dem Herrn zu folgen‹ ...«
Das mit dichtem Haarwuchs bedeckte Gesicht des Wächters flößte Ilja Achtung und Scheu ein: es lag in diesem Gesicht etwas Erhabenes, Strenges. Seine Brauen hoben sich eben wieder empor, er richtete die Augen gegen die Decke, und sein riesiger Bart geriet von neuem in Bewegung.
»Lies ihm doch aus Hiob vor, Jascha ... den Anfang des zehnten Kapitels ...« sprach er zu Jakow.
Dieser schlug rasch ein paar Blätter in dem Buche um und las mit leiser, bebender Stimme:
»Meine Seele verdrießet mein Leben; ich will meine Klage bei mir gehen lassen, und reden von Betrübnis meiner Seele, und zu Gott sagen: Verdamme mich nicht; laß mich wissen, warum du mit mir haderst? Gefällt dir's, daß du Gewalt tust und mich verwirfst, den deine Hände gemacht haben?«
Ilja reckte den Hals in die Höhe und sah mit blinzelnden Augen in das Buch.
»Glaubst es wohl nicht?« rief Jakow. »Bist doch ein Sonderling! ...«
»Nicht ein Sonderling, sondern ein Feigling«, sprach gemessen der Wächter.
Er wandte mit Mühe seinen matten Blick von der Decke nach Iljas Gesicht hin und fuhr streng, als wollte er ihn mit Worten zermalmen, also fort:
»Es gibt Stellen, die noch wuchtiger sind als die vorgelesenen. Vers drei, Kapitel dreiundzwanzig, sagt dir ohne Umschweife: ›Meinest du, daß dem Allmächtigen gefalle, daß du dich so fromm machest? Oder was hilft es ihm, ob du deine Wege gleich ohne Wandel achtest?‹ ... Man muß fleißig nachdenken, daß man in diesen Dingen nicht irre und sie begreife ...«
»Und Sie ... begreifen Sie sie?« fragte Lunew leise.
»Er?« rief Jakow – »Nikita Jegorowitsch? Der begreift alles!«
Aber der Wächter sagte, seine Stimme noch mehr dämpfend:
»Für mich ist's – schon spät .. Für mich ist's Zeit, den Tod zu begreifen ... Sie haben mir das Bein abgenommen – aber weiter oben schwillt es wieder ... Auch das andere schwillt ... und auch die Brust .. ich werde bald daran sterben ...«
Seine Augen starrten unverwandt auf Iljas Gesicht, und ruhig und langsam fuhr er fort:
»Und ich will noch nicht sterben ... denn ich hab' traurig gelebt, in Kränkungen und Bitternissen, Freuden gab's nicht in meinem Leben. Von klein auf hab' ich, wie Jaschka, unter der Zuchtrute des Vaters gelebt. Er war ein Trunkenbold, ein grausamer Mensch ... Dreimal hat er mir den Schädel durchgeschlagen, einmal mir die Beine mit heißem Wasser verbrüht. Eine Mutter hatte ich nicht – sie war bei meiner Geburt gestorben. Ich heiratete. Gezwungen wurde ich, ein Weib zu nehmen, das mich nicht liebte ... Drei Tage nach der Hochzeit hängte sie sich auf ... Einen Schwager hatte ich – der hat mich bestohlen, und die eigne Schwester sagte mir ins Gesicht, ich hätte mein Weib in die Schlinge getrieben. Und alle sagten es, obschon sie wußten, daß ich sie nicht berührt hatte, daß sie als Mädchen gestorben ist ... Neun Jahre hab' ich dann noch gelebt, allein und einsam. Schrecklich ist's, so einsam zu leben! ... Immer hab' ich gewartet, ob die Freuden nicht endlich kommen – und jetzt sterb' ich. Das war mein ganzes Leben ...«
Er schloß die Augen, schwieg ein Weilchen und fragte dann:
»Wozu hab' ich nun gelebt? ...«
Ilja hörte seine düstre Rede mit beklommenem Herzen. Auf Jakows Gesicht lag ein dunkler Schatten, und in seinen Augen schimmerten Tränen.
»Wozu hab' ich gelebt? frag' ich ... Hier lieg' ich nun und denke: wozu hab' ich gelebt?«
Die Stimme des Wächters stockte. Er brach mit einemmal ab – wie wenn ein trüber Bach auf der Erde dahinfließt und sich plötzlich unter die Erde versteckt.
»Wer unter den Lebenden ist, der hat noch Hoffnung, denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe«, zitierte der Wächter wieder nach einer Weile. Abermals zogen seine Brauen sich empor, die Augen öffneten sich, und sein Bart geriet in Wallung.
»Ebenda, im Ecclesiastes, heißt es auch: ›Am guten Tage sei guter Dinge, und am bösen Tage denke: dies und das hat Gott getan, daß der Mensch nichts rede gegen ihn‹ ...«
Weiter konnte Ilja nicht zuhören. Er stand still auf, reichte Jakow die Hand und verneigte sich vor dem Wächter tief – so, wie man von einem Toten Abschied nimmt. Ganz unwillkürlich geschah das von seiner Seite.
Er verließ das Krankenhaus mit einem neuen, seltsam beklemmenden Eindruck. Das düstre Bild dieses Menschen prägte sich tief in sein Gedächtnis ein. Zu all den Unglücklichen, vom Leben Betrogenen, die er kannte, gesellte sich hier eine neue Gestalt. Er hatte sich die Worte des Wächters wohl gemerkt und wälzte sie lange in seinem Kopfe hin und her, um ihren geheimen Sinn zu erraten. Sie verwirrten ihn und wühlten die Tiefen seiner Seele auf, in denen sein Glaube an die Gerechtigkeit Gottes ruhte. Es schien ihm, daß dieser Glaube schon irgendeinmal, ihm selbst unbewußt, einen Stoß erlitten haben mußte, daß er nicht mehr so fest war wie früher: irgend etwas hatte ihn zersetzt, gleich dem Rost, der das Eisen frißt. In seiner Brust lagen Empfindungen miteinander im Streit, die unvereinbar waren wie Feuer und Wasser. Und mit erneuter Kraft brach in ihm die Erbitterung hervor gegen seine eigne Vergangenheit, gegen alle Menschen und alle Ordnungen des Lebens.
... Die Awtonomows waren gegen Ilja mit jedem Tage freundlicher und zuvorkommender geworden. Kirik klopfte ihn mit Gönnermiene auf die Schulter, scherzte mit ihm und meinte überlegen:
»Du gibst dich mit Lappalien ab, mein Lieber. Ein so bescheidener, ernster Bursche muß sich auf breiterer Grundlage entwickeln. Wenn jemand das Zeug zum Stadtteilaufseher hat, ziemt es sich nicht, daß er Revieraufseher bleibe ...«
Tatjana Wlaßjewna begann Ilja sehr angelegentlich und eingehend darüber auszufragen, wie sein Hausierhandel gehe, wieviel er wohl monatlich zurücklege. Er plauderte gern mit ihr, und sein Respekt vor dieser Frau, die es verstand, mit lauter Kleinigkeiten das Leben so nett und behaglich zu gestalten, wuchs mit jedem Tage ...
Eines Abends, als Ilja übelgelaunt in seinem Zimmer am offenen Fenster saß und in Gedanken an die ungetreue Olympiada in den Garten schaute, begab sich Tatjana Wlaßjewna aus dem Speisezimmer nach der Küche und rief Ilja zum Tee hinüber. Er folgte ihrer Einladung nur mit Widerwillen: er mochte sich von seinen Grübeleien nicht trennen und hatte keine Lust, sich zu unterhalten. Mürrisch und schweigsam setzte er sich an den Teetisch, sah auf seine Wirtsleute und bemerkte, daß sie beide eine ungewöhnlich feierliche, wichtige Miene aufgesetzt hatten. Lustig brodelte der Samowar; ein Vogel, der in seinem Käfig erwacht war, schlug mit den Flügelchen, und es duftete nach gebratenen Zwiebeln und Eau de Cologne. Kirik drehte sich auf seinem Stuhle um, trommelte mit den Fingern auf dem Rande des Teebretts und sang: