»Bum, bum, tru–tu–tu, tru–tu–tu! ...«
»Ilja Jakowlewitsch,« begann seine Gattin in eindringlichem Tone, »wir haben uns da ... eine Sache zurechtgelegt, ich und mein Mann ... und möchten im Ernst mit Ihnen reden ...«
»Ho ho ho!« lachte der Revieraufseher und rieb sich die großen roten Hände. Ilja erschrak und sah ihn ganz verblüfft an.
»Wir haben uns zurechtgelegt!« rief Kirik mit einem breiten Lachen, während er Ilja ansah und nach seiner Gattin hinüberblinzelte. »Ein geniales Köpfchen!«
»Wir haben etwas Geld gespart, Ilja Jakowlewitsch ...«
»Wir haben gespart! Hoho! Mein liebes, schlaues Weibchen! ...«
»Hör' doch auf!« sprach Tatjana Wlaßjewna streng, und ihr Gesicht erschien noch magerer und spitzer als sonst.
»Wir haben gegen tausend Rubel gespart«, fuhr sie halblaut fort, während sie sich zu Ilja hinüberneigte und ihre scharfen, kleinen Augen sich in seinen Augen festsaugten. »Das Geld liegt auf der Bank und gibt uns vier Prozent ...«
»Und das ist uns zu wenig!« schrie Kirik und schlug mit der Hand auf den Tisch auf. »Wir wollen ...«
Seine Frau zwang ihn mit einem strafenden Blick zum Schweigen.
»Wir sind natürlich mit diesem Prozentsatz ganz zufrieden – aber wir würden Ihnen behilflich sein, falls Sie etwas Größeres anfangen wollten ...«
Sie machte Ilja ein paar Komplimente und fuhr dann fort:
»Sie sagten, daß ein Galanteriewarenladen zwanzig Prozent und mehr abwerfen kann, wenn man's richtig anfängt. Nun, wir sind bereit, Ihnen unser Geld gegen einen Wechsel zu geben – auf Sicht natürlich, nicht anders – damit Sie einen Laden aufmachen können. Sie werden das Geschäft unter meiner Kontrolle führen, und den Profit teilen wir zur Hälfte. Die Ware versichern Sie auf meinen Namen, außerdem geben Sie mir noch ein Papierchen ... ein nichtssagendes Papierchen, nur der Form wegen ... Überlegen Sie sich die Sache und sagen Sie: ja oder nein?«
Ilja hörte ihre feine, trockene Stimme und rieb sich heftig die Stirn. Mehrmals hatte er, während sie sprach, in den Winkel geschaut, in dem der goldene Beschlag des Heiligenbildes zwischen den beiden Hochzeitskerzen blinkte. Ihr Vorschlag verwirklichte seinen alten Glückstraum und erfüllte sein Herz mit Freude. Zerstreut lächelnd blickte er auf die kleine Frau und dachte:
»Da ist es – mein Schicksal ...«
Sie aber sprach zu ihm im Tone einer Mutter:
»Überlegen Sie es ganz genau, betrachten Sie die Angelegenheit von allen Seiten! Ob Sie sich's zutrauen, ob Sie Kraft genug, Erfahrung genug dafür besitzen? Und dann sagen Sie uns, was Sie außer Ihrer Arbeitskraft noch einlegen können. Unser Geld reicht nicht weit hin ... nicht wahr?«
»Ich kann ...« sagte Ilja bedächtig, »tausend Rubel einschießen. Mein Onkel wird sie mir geben ... Vielleicht auch noch mehr ...«
»Hurra!« rief Kirik Awtonomow.
»Sie sind also einverstanden?« fragte Tatjana Wlaßjewna.
»Na, ich sollt's meinen!« schrie der Revieraufseher. Und dann steckte er die Hand in die Tasche und rief ganz aufgeräumt und laut: »Jetzt trinken wir Champagner! Champagner, hol' der Teufel meine Seele! Lauf in die Weinhandlung, mein Lieber, hol' eine Flasche! ... Hier ist Geld – du bist natürlich unser Gast. Verlange Don-Champagner, zu neunzig Kopeken, und sag', daß er für mich, für Awtonomow sei – dann bekommst du ihn für fünfundsechzig Kopeken ... Mach' rasch, alter Freund!«
Ilja sah lächelnd auf die strahlenden Gesichter des Ehepaares und ging.
Da hatte nun das Schicksal ihn gedrängt und gestoßen, ihn zu schwerer Sünde verführt, seine Seele verwirrt – und jetzt schien es ihn gleichsam um Verzeihung zu bitten, schien ihm zuzulächeln und ihm seine Gunst zuzuwenden ... Jetzt lag der Weg vor ihm offen zu einem behaglichen Winkel im Leben, in dem er ruhig für sich existieren und seiner Seele den Frieden schaffen wird. Die Gedanken kreisten in Iljas Kopfe im fröhlichen Reigen und flößten seinem Herzen ein ihm bis dahin unbekanntes Selbstvertrauen ein.
Er brachte aus der Weinhandlung eine Flasche echten Champagners, für die er sieben Rubel bezahlt hatte.
»Oho–o!« rief Awtonomow. »Das nenn' ich schick, mein Lieber! Das ist 'ne Idee, ja–a!«
Tatjana Wlaßjewna war anderer Meinung – sie schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, die Flasche betrachtend, in vorwurfsvollem Tone:
»Sieben Rubel?! Ei, wie unpraktisch!«
Lunew stand vor ihr, so gerührt und glücklich, und lächelte.
»Es ist echter!« rief er voll Freude. »Zum erstenmal im Leben will ich vom Echten kosten! Wie war denn mein bisheriges Leben? Ganz verfälscht ... Schmutz, Roheit, Enge ... Kränkungen jeder Art ... Kann ein Mensch denn immer so leben?«
Er hatte die wunde Stelle in seiner Seele berührt und fuhr fort:
»Von klein auf hab' ich das Echte gesucht, und hab' dabei gelebt wie ein Holzspan im Bache – bald dahin, bald dorthin ward ich geworfen, und alles rings um mich war trüb, schmutzig und unruhig. Nirgends fand ich einen Halt. Da hat mich das Schicksal zu Ihnen verschlagen. Zum erstenmal im Leben seh' ich, wie Menschen ruhig, behaglich, in Liebe dahinleben ...«
Er sah sie mit verklärtem Gesichte an und verneigte sich vor ihnen.
»Ich dank' Ihnen! Bei Ihnen hab' ich Erleichterung gefunden für meine Seele ... bei Gott! Sie haben mir geholfen für mein ganzes Leben. Jetzt will ich mutig weiterschreiten! Jetzt weiß ich, wie man leben soll!«
Tatjana Wlaßjewna sah ihn an mit dem Blick der Katze, die dem von seinem eignen Gesang entzückten Vogel auflauert. In ihren Augen blitzte ein grünliches Feuer, ihre Lippen zuckten. Kirik machte sich mit der Flasche zu schaffen, nahm sie zwischen die Beine und beugte sich über sie. Seine Halsadern schwollen an, die Ohren bewegten sich ...
Der Pfropfen knallte, fuhr gegen die Decke und fiel auf den Tisch. Ein Glas, auf das er fiel, erklirrte zitternd.
Kirik schnalzte mit den Lippen, schenkte den Wein in die Gläser und kommandierte:
»Angefaßt! –«
Und als seine Gattin und Lunew die Gläser ergriffen hatten, hielt er das seinige hoch über seinen Kopf empor und rief:
»Auf das Blühen und Gedeihen der Firma ›Tatjana Awtonomowa und Lunew‹ – hurra!«
XIX
Während der nächsten Tage beriet Lunew gemeinsam mit Tatjana Wlaßjewna die Einzelheiten des neuen Unternehmens. Sie wußte alles und sprach von allem mit solcher Sicherheit, als ob sie ihr Leben lang mit Galanteriewaren gehandelt hätte. Ilja hörte sie mit Erstaunen an, lächelte und schwieg. Er wollte so bald wie möglich mit der Sache beginnen und ging auf alle Vorschläge der Awtonomowa ein, ohne weiter über sie nachzudenken.
Es stellte sich heraus, daß Tatjana Wlaßjewna auch bereits einen passenden Laden in Bereitschaft hatte. Er war ganz so beschaffen, wie Ilja sich ihn vorgestellt hatte: in einer sauberen Straße gelegen, klein und nett, mit einem Zimmer für den Mieter. Alles ging nach Wunsch, bis in die geringste Kleinigkeit, und Ilja triumphierte.
Frisch und fröhlich erschien er bei seinen Freunden im Krankenhause; dort begegnete ihm Pawel, der gleichfalls in guter Stimmung war.
»Morgen werde ich gesund geschrieben!« erzählte er Ilja freudig erregt, bevor er noch seinen Gruß erwidert hatte. »Von Wjerka hab' ich einen Brief bekommen ... Sie schimpft darin ... der kleine Satan! ...«
Seine Augen glänzten, seine Wangen waren gerötet. Er konnte nicht ruhig auf einem Fleck stehen, scharrte mit den Pantoffeln auf der Erde, fuchtelte mit den Armen.
»Nimm dich jetzt nur in acht,« sprach Ilja zu ihm – »sei auf der Hut!«