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Ilja ging in der Richtung auf Filimonows Schenke zu, und in seiner Seele drängten sich allerhand Gedanken über seine Zukunft. Sie schien ihm hold zu lächeln, diese Zukunft, und ganz seinem Grübeln hingegeben, ging er, ohne es zu merken, an der, Schenke vorüber. Als er dann zurückschaute, hatte er keine Lust, wieder umzukehren. Er ging aus der Stadt hinaus: weithin breiteten sich die Felder, die in der Ferne durch den dunkel emporragenden Wald begrenzt wurden. Die Sonne ging unter, auf dem jungen Rasengrün lag ihr rosig schimmernder Abglanz. Ilja schritt erhobenen Hauptes vorwärts und schaute zum Himmel auf, wo in der Ferne rötliche Wolken unbeweglich über der Erde standen und in den Sonnenstrahlen flammten. Es war ihm angenehm, so dahinzuwandern: jeder Schritt vorwärts und jeder Atemzug erweckte in seiner Seele einen neuen Gedanken. Er stellte sich vor, daß er reich und mächtig geworden sei und es in der Gewalt habe, Petrucha Filimonow zu ruinieren. Er hatte ihn schon an den Bettelstab gebracht, und Petrucha stand vor ihm und weinte, er aber, Ilja Lunew, sprach zu ihm:

»Mitleid soll ich mit dir haben? Und du – hast du mit jemand Mitleid gehabt? Hast du nicht deinen Sohn getreten und mißhandelt? Hast du nicht meinen Onkel zur Sünde verführt? Hast du mich nicht von oben herab angesehen und verhöhnt? In deinem verfluchten Hause ist niemand glücklich gewesen, hat niemand die Freude gesehen. Durch und durch verfault ist dein Haus, ein Gefängnis für die Menschen, die darin wohnen ...«

Petrucha steht da, zitternd und stöhnend vor Furcht, ganz jämmerlich wie ein Bettler, und Ilja fährt in seiner Strafpredigt fort:

»Ich will dein Haus verbrennen, denn es bringt allen Unglück, die darin wohnen. Du aber geh umher in der Welt und bitte alle, die du beleidigt hast, um Vergebung; bis zu deinem Tode geh so umher, und stirb dann vor Hunger, wie ein Hund! ...«

Die abendliche Dämmerung hatte sich auf das Feld gesenkt; der Wald erhob sich in der Ferne wie eine dichte, dunkle Wand, wie ein Berg. Eine Fledermaus flog geräuschlos wie ein kleiner schwarzer Fleck durch die Luft, und es schien, als ob sie es wäre, die die Finsternis säete. Von weitem, vom Flusse her, vernahm man das Rauschen und Klatschen der Räder eines Dampfers. Es war, als wenn irgendwo in der Ferne ein ungeheurer Vogel dahinschwebe und mit mächtigen Schlägen seiner Fittiche die Luft aufwühle. Lunew erinnerte sich aller jener Leute, die ihm auf seinem Lebenswege hindernd entgegengetreten waren, und sie alle zog er schonungslos vor sein Strafgericht. Er hatte davon ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und wie er so einsam durch die Felder schritt, überall von Finsternis umwogt, begann er leise zu singen ...

Plötzlich machte sich ein modriger, herber Düngergeruch in der Luft bemerkbar. Ilja hörte auf zu singen: dieser Duft erweckte in ihm angenehme Erinnerungen. Er war an die städtische Abladestelle gelangt, zu der Schlucht, in der er früher so oft mit Großväterchen Jeremjej nach brauchbaren Abfällen gesucht hatte. Das Bild des alten Lumpensammlers tauchte in Iljas Erinnerung auf, und er ließ seinen Blick umherschweifen, um im Dunkel das Plätzchen zu finden, an dem der Alte einst mit ihm auszuruhen pflegte. Doch er vermochte den Platz nicht zu entdecken: offenbar war er unter den Bergen von Schutt und Müll verschwunden. Ilja stieß einen Seufzer aus – er fühlte, daß auch in seiner Seele irgend etwas unter dem Schutt des Lebens verschwunden war.

»Hätt' ich den Kaufmann nicht erwürgt ... dann würde mir jetzt nichts mehr fehlen zum Leben«, fuhr's ihm plötzlich durch den Kopf. Gleich darauf aber erfolgte aus seinem Herzen gleichsam die Antwort eines andern:

»Was hat der Kaufmann damit zu tun? Er ist nur mein Unglück, nicht meine Sünde ...«

Ein leises Geräusch ließ sich plötzlich vernehmen. Ein kleiner Hund huschte an Iljas Füßen vorüber und flüchtete mit leisem Gewinsel. Ilja fuhr zusammen. Es war, als sei vor ihm ein Teil dieser nächtlichen Finsternis lebendig geworden und unter Gestöhn entschwunden.

»'s ist alles gleich,« ging's ihm durch den Sinn, »auch ohne diesen Kaufmann wäre in meinem Herzen kein Friede. Wieviel Kränkungen habe ich selbst erfahren, wieviel andere erdulden sehen! Ist das Herz einmal verwundet, dann wird es nie aufhören zu schmerzen ...«

Er ging langsam am Rande der Schlucht entlang. Seine Füße versanken im Schmutz, und er vernahm das Knistern der Holzspäne und das Rascheln des Papiers unter seinen Tritten. Ein freies, noch nicht verschüttetes Stück des Bodens zog sich vor ihm als schmaler Pfad in die Schlucht hinein. Er ging auf diesem schmalen Streifen weiter bis dahin, wo er jäh zu Ende war, setzte sich dort nieder und ließ die Füße in die Schlucht hinunterbaumeln. Die Luft war hier frischer, und als sein Auge die Schlucht entlang schweifte, erblickte Ilja in der Ferne das stählerne Band des Stromes. Auf dem Wasser, das unbeweglich wie Eis schien, zitterten sanft die Lichter der Unsichtbaren Fahrzeuge, und eins derselben schwankte wie ein roter Fleck in der Luft. Ein zweites, grünlich schimmernd, wie unheilkündend, brannte unbeweglich, ohne Strahlen ... Und zu Iljas Füßen lag, von dichtem Nebel angefüllt, der weite Rachen der Schlucht, die selbst wie ein Strombett erschien, in dem die schwarzen Luftmassen unhörbar dahinflossen. Schwermut kehrte in Lunews Herz ein; er schaute in die Schlucht und dachte:

»Eben noch war mir so wohl zumute, das Schicksal schien mir zuzulächeln – und nun ist alles wieder weg ...«

Es fiel ihm ein, wie feindselig sich Jakow heute gegen ihn verhalten hatte, und es ward ihm noch trauriger zumute bei dieser Erinnerung ... Aus der Schlucht ertönte plötzlich ein Geräusch: ein Erdklumpen hatte sich wahrscheinlich losgelöst. Ilja streckte den Hals vor und spähte hinunter in das Dunkel. Der feuchte Nachthauch umwehte sein Gesicht ... Er blickte zum Himmel empor. Dort flammten schüchtern die Sterne auf, und über dem Walde erhob sich langsam die große, rötliche Scheibe des Mondes wie ein gewaltiges, fühlloses Auge. Und wie kurz vorher die Fledermaus durch die Dämmerung geflattert war, so schwirrten jetzt dunkle Vorstellungen und Erinnerungen durch Iljas Seele: sie erschienen und schwanden, ohne die Rätsel, die ihn beschäftigten, zu lösen. Und immer dichter und schwerer senkte sich Finsternis in seine Seele.

Er saß lange da, dachte nach und schaute bald in die Schlucht hinab, bald zum Himmel empor. Das Licht des Mondes, der in die finstere Schlucht hineinschaute, beschien die tiefen Risse und das Gebüsch an ihrem Abhang. Von dem Gebüsch fielen förmliche Schatten auf die Erde. Der Himmel war klar und rein, kein Wölkchen verdeckte die flimmernden Sterne. Es war kühl geworden; Ilja erhob sich und ging, in der Nachtkälte zitternd, langsam übers Feld nach der Stadt zu, deren Lichter in der Ferne blinkten. Er wollte an nichts mehr denken. Die kalte Ruhe und einsame Leere des Himmels, in dem er früher seinen Gott gefühlt, hatte sich in der nächtlichen Stille in seine Brust gesenkt...

Er kam spät nach Hause, stand nachdenklich vor der Tür und zögerte, die Klingel zu ziehen. Die Fenster waren bereits dunkel – seine Wirtsleute schliefen also schon. Es war ihm peinlich, Tatjana Wlaßjewna, die stets selbst die Tür zu öffnen pflegte, noch so spät zu beunruhigen, aber er mußte doch schließlich ins Haus hinein. Leise zog Lunew an dem Griff der Klingel. Fast in demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und vor Ilja stand, in Weiß gehüllt, die schlanke Gestalt seiner Wirtin.

»Schließen Sie rasch zu!« sprach sie zu Ilja mit seltsam veränderter Stimme. »Es ist kühl ... ich bin entkleidet... Mein Mann ist nicht zu Hause.«

»Ich bitte um Entschuldigung«, murmelte Lunew.

»Wie spät Sie kommen! Woher denn? Wie?«

Ilja schloß die Tür zu, wandte sich um, um ihr zu antworten und – streifte plötzlich ihre Brust; sie wich vor ihm nicht zurück, sondern schmiegte sich vielmehr noch dichter an ihn an. Auch er konnte nicht zurückweichen, die Tür war in seinem Rücken. Sie ließ ein Lachen hören – ein leises, zitterndes Lachen. Lunew hob seine Arme auf und legte behutsam die Hände auf ihre Schultern. Er bebte vor Aufregung und Verlangen, sie zu umarmen. Da reckte sie selbst sich in die Höhe, umfing seinen Hals fest mit ihren schlanken, heißen Armen und sagte mit wohlklingender Stimme: