»Wo treibst du dich denn herum in den Nächten? Warum denn das? Du kannst es doch hier näher haben ... mein Geliebter ... mein schöner ... starker Junge!...«
Ilja suchte wie im Traume ihre herben Küsse und wankte unter den stürmischen Bewegungen ihres schlanken Leibes. Sie aber hing an seiner Brust wie eine Katze und küßte ihn in einem fort. Er umfaßte sie mit seinen starken Armen und trug sie in sein Zimmer – leicht, wie wenn er durch die Luft schwebte, schritt er mit seiner Last daher...
Am Morgen erwachte Ilja mit Angst in der Seele.
»Wie soll ich jetzt Kirik in die Augen schauen?« dachte er. Und zu der Angst vor dem Revieraufseher gesellte sich auch die Scham.
»Wenn ich wenigstens auf ihn erzürnt wäre, oder er mir nicht gefiele... Aber so ohne weiteres ... ihn zu kränken, um nichts und wieder nichts...« dachte er mit bangem Herzen, und in seiner Seele regte sich ein Gefühl der Abneigung gegen Tatjana Wlaßjewna. Es schien ihm, daß Kirik unbedingt die Untreue seiner Gattin erraten würde.
»Wie sie sich auf mich gestürzt hat – gleich einer Hungrigen!« dachte er in beunruhigendem, peinigendem Zweifel und fühlte zugleich in seinem Herzen den angenehmen Kitzel der Eigenliebe. Eine Frau, die von aller Welt respektiert wurde – eine saubere, gebildete, verheiratete Frau hatte ihr Auge auf ihn geworfen!
»Es muß doch etwas Besonderes an dir sein«, flüsterte seine Eitelkeit ihm zu. »Es ist schändlich, schändlich ... aber ich bin doch nicht von Stein ... ich konnte sie doch nicht fortjagen...«
Er war schließlich jung, und seine Phantasie beschäftigte sich unwillkürlich mit den Liebkosungen dieses Weibes – ganz besonderen, ihm bisher unbekannten Liebkosungen. Andererseits sagte ihm auch sein praktischer Sinn, daß diese neue Beziehung ihm verschiedene Vorteile bieten könne. Aber diesen Vorstellungen folgten auf dem Fuße – gleich einer dunklen Wolke – andere, düstre Gedanken.
»Da bin ich nun wieder in die Sackgasse geraten... Wollte ich das? Ich habe dieses Weibchen geachtet... Nie hatte ich auch nur einen bösen Gedanken mit Bezug auf sie ... und nun ist es so gekommen...«
Und dann verdeckte wieder den Aufruhr seiner Seele und all die Widersprüche darin die angenehme Vorstellung, daß nun bald für ihn das saubere, behagliche Leben beginnen werde. Zuletzt aber blieb doch der peinliche, stechende Gedanke:
»Es wäre schließlich ohne das besser gewesen...«
Er blieb absichtlich so lange im Bett, bis Awtonomow in den Dienst gegangen wäre, und er hörte, wie der Revieraufseher, mit den Lippen schmatzend, zu seiner Frau sagte:
»Also zum Mittagessen machst du mir Fleischpasteten, Tanja. Nimm etwas mehr Schweinefleisch, und dann mach' sie ganz klein wenig braun – daß sie mich vom Teller wie rosige junge Ferkelchen angucken... Du weißt doch, Mamachen! Und tu hübsch ordentlich Pfeffer dazu, mein Täubchen – du weißt, wie ich's gern habe!«
»Na, geh schon, geh! Als ob ich deinen Geschmack nicht wüßte...« sprach seine Frau zärtlich zu ihm.
»Und jetzt, mein Täubchen, mein Tatjanchen ... erlaub' mir noch ein Küßchen!...«
Als Lunew das Schmatzen des Kusses vernahm, fuhr er zusammen. Peinlich und lächerlich zugleich erschien ihm die Sache.
»Tschik! tschik! tschik!« rief Awtonomow, während er seine Frau küßte, und sie lachte dazu. Als sie die Tür hinter ihm verriegelt hatte, kam sie sogleich in Iljas Zimmer gehüpft, sprang auf sein Bett und rief munter:
»Küss' mich, rasch – ich hab' keine Zeit.«
»Sie haben doch eben erst Ihren Mann geküßt«, meinte Ilja finster.
»Wa–as? ›Sie‹?... Ach, er ist eifersüchtig!« rief sie mit Genugtuung, sprang lachend vom Bett und zog den Fenstervorhang zu.
»Eifersüchtig!« sagte sie, »das ist nett! Eifersüchtige Männer lieben mit Leidenschaft...«
»Nicht aus Eifersucht sagte ich das...«
»Mund gehalten!« kommandierte sie schelmisch, während sie ihm den Mund mit der Hand zuhielt...
Als sie genug gekost hatten, sah Ilja sie lächelnd an und konnte es sich nicht versagen, zu bemerken:
»Das heißt – dreist bist du doch ... ein richtiger Tollkopf! Dicht unter der Nase des Mannes solche Streiche zu machen ...«
Ihre grünlich schillernden Augen funkelten gereizt, und sie entgegnete:
»Das ist doch etwas ganz Gewöhnliches! Gar nichts Besonderes ist dabei! Meinst wohl, es gibt viele Frauen, die ihren Männern treu sind? Nur die Häßlichen und Kranken sind's... Einer hübschen Frau wird es immer Vergnügen machen, einen kleinen Roman zu haben...«
Den ganzen Morgen gab sie Ilja Belehrungen über diesen Punkt, erzählte ihm vergnüglich allerhand Geschichten von Weibern, die ihre Männer betrogen. In ihrem roten Jäckchen, die Schürze vorgebunden und die Ärmel aufgestreift, geschmeidig und leicht, hüpfte sie in der Küche umher, bereitete für ihren Gatten die Fleischpasteten und ließ in einem fort ihre helle Stimme erklingen:
»Der Herr Gemahl ... meinst du, der müsse einer Frau genügen? Der Gemahl kann ihr doch zuweilen sehr mißfallen, selbst wenn sie ihn liebt! Und dann macht er ja auch nicht viel Umstände, wenn er mal seine Frau bei günstiger Gelegenheit betrügen kann ... So ist's auch für die Frau langweilig, ihr ganzes Leben lang immer nur zu denken: Mein Mann, mein Mann, mein Mann! Es macht Spaß, mal mit einem andern Manne eine Kurzweil zu haben – es ist unterhaltend. Man lernt die andern kennen und weiß, welcher Unterschied zwischen den Männern besteht. Es gibt doch auch verschiedene Biersorten: einfaches Bier, bayrisches Bier, Wacholderbier, Moosbeerbier ... Es ist dumm, immer nur einfaches Bier zu trinken ...«
Während Ilja ihr zuhörte, trank er seinen Tee, und es schien ihm, daß dieser einen bittren Beigeschmack hatte. In den Reden dieses Weibes war etwas unangenehm Kreischendes, das für ihn neu war. Unwillkürlich erinnerte er sich Olympiadas, ihrer tiefen Stimme, ihrer ruhigen Bewegungen und glühenden Worte, in denen eine Kraft lag, die das Herz packte. Allerdings war Olympiada ein Frauenzimmer ohne höhere Bildung, darum war sie auch in ihrer Schamlosigkeit einfacher, schlichter ... Auf Tatjanas Scherze antwortete Ilja mit einem gezwungenen Lächeln. Es war ihm nicht wohl ums Herz, und er lachte nur darum, weil er nicht wußte, wovon und wie er mit dieser Frau reden sollte. Andererseits hörte er jedoch mit Interesse auf ihr Geplauder und sagte schließlich nachdenklich:
»Ich hätte nicht geglaubt, daß in eurem reinen Leben solche Zustände herrschen ...«
»Die Zustände, mein Lieber, sind überall die gleichen, die Zustände werden von den Menschen geschaffen, und die Menschen haben überall dasselbe Zieclass="underline" angenehm, das heißt ruhig, satt und behaglich zu leben, und um das zu können, brauchen sie Geld. Das erste Ziel des Menschen ist also: Geld. Geld erlangt man entweder durch eine Erbschaft oder durch einen Glücksfall. Wer ein Lotterielos besitzt, der darf auch auf Glück hoffen. Eine hübsche Frau besitzt schon von Haus aus ein Gewinnlos – ihre Schönheit. Mit Schönheit kann man viel gewinnen – oh! Und wer keine reichen Verwandten, keine Schönheit oder sonstige Lose besitzt, der muß eben arbeiten. Das ganze Leben arbeiten, ist eine dumme Sache ... Und ich, siehst du, arbeite, obgleich ich sogar zwei Lose besitze! Nun – die will ich eben beide an dich verpfänden. Nur Pasteten zu backen und einen finnigen Revieraufseher zu küssen – das genügt mir nicht als Gewinn ... Ich möcht' eben auch dich küssen ...«
Sie sah Ilja an und fragte scherzend:
»Es ist dir doch nicht unangenehm? ... Warum schaust du denn so böse drein?«