Sie legte ihre Arme um Iljas Schultern und sah ihm neugierig ins Gesicht.
»Ich bin nicht böse«, sagte Ilja.
»Wirklich nicht? Ach, wie gut von dir!« rief sie und lachte hell auf.
»Ich dachte eben darüber nach,« versetzte Ilja, die Worte langsam aussprechend, »daß alles richtig ist, was du sagst ... aber es liegt etwas Böses darin ...«
»Oho–o, was bist du für ein stachliger Igel! Etwas Böses – was heißt denn das? Erklär's mir mal!«
Doch er vermochte nichts zu erklären. Er selbst begriff nicht, was ihm eigentlich an ihren Worten mißfiel. Olympiada hatte weit plumper gesprochen, doch hatten ihre Worte sein Herz nie so peinlich verletzt wie das Gezwitscher dieses kleinen, sauberen Vögelchens. Den ganzen Tag dachte er hartnäckig über das seltsame Gefühl der Unzufriedenheit nach, das in seinem Herzen durch diese für ihn so schmeichelhafte Verbindung erregt worden war, und er konnte den Ursprung dieses Gefühls nicht begreifen ...
Als er am Abend nach Hause kam, begegnete ihm Kirik in der Küche und sagte vergnügt:
»Na, heute hat aber Tanjuscha was Gutes gekocht! Fleischpastetchen, sag' ich dir – leid tut's einem, sie zu essen! Sünde ist's beinahe, wie wenn man lebendige Nachtigallen äße. Ich habe dir einen Teller voll übriggelassen, Bruderherz! Häng' dein Magazin ab, setz' dich hin und laß dir sie gut schmecken ...«
Ilja sah ihn schuldbewußt an und sagte still lächelnd:
»Ich danke recht sehr!« Und mit einem Seufzer fügte er hinzu: »Sie sind ein guter Mensch ... weiß Gott!«
»Ach was!« wehrte Kirik ab. »Ein Teller voll Pasteten – 'ne Bagatelle! Nein, Bruder, wenn ich Polizeimeister wäre, hm – da könntest du vielleicht in die Lage kommen, mir mal Dankeschön zu sagen, o ja! Aber Polizeimeister werde ich nicht. Ich gebe den Dienst bei der Polizei auf und trete wahrscheinlich als Prokurist bei einem Kaufmann ein. Ein Prokurist – das ist schon etwas!«
Seine Frau machte sich am Ofen zu schaffen und sang dabei leise vor sich hin. Ilja schaute sie an und fühlte wiederum ein peinliches Mißbehagen. Allmählich jedoch verschwand dieses Gefühl unter der Einwirkung neuer Eindrücke und Sorgen. Er hatte während dieser Tage keine Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen: die Einrichtung des Ladens und der Einkauf der Waren beschäftigte ihn ganz und gar. Unmerklich gewöhnte er sich dabei mit jedem Tage mehr an dieses Weib. Als Geliebte gefiel sie ihm immer mehr, wenn auch ihre Liebkosungen oft in ihm Scham, ja selbst Furcht vor ihr erweckten. Diese Liebkosungen, im Verein mit ihren Gesprächen, bewirkten, daß er sie als Weib verachten lernte. Jeden Morgen, wenn Kirik in den Dienst gegangen war, oder am Abend, wenn er sich in den Klub begab, rief sie Ilja zu sich herein oder kam in sein Zimmer und erzählte ihm allerhand Geschichten aus dem »Leben«. Alle diese Geschichten waren auf denselben lüsternen Ton gestimmt – wie wenn sie in einem Lande vorgefallen wären, das von lauter Betrügern und Betrügerinnen bewohnt wurde, welche nackt umhergingen und kein größeres Vergnügen als den Ehebruch kannten.
»Ist das wirklich alles wahr?« fragte Ilja finster. Er wollte ihren Worten nicht glauben, doch war er ebensowenig imstande, sie zu widerlegen. Sie aber lachte nur, während sie ihn küßte, und suchte ihre Behauptungen mit Tatsachen zu belegen:
»Fangen wir von oben an: der Gouverneur lebt mit der Frau des Kameralhof-Direktors, und dieser hat erst kürzlich einem seiner Beamten die Frau entführt, hat ihr eine Wohnung in der Hundegasse eingerichtet und fährt zweimal in der Woche ganz offen bei ihr vor. Ich kenne sie: ein ganz junges Ding ist's, noch kein Jahr verheiratet. Und ihren Gatten hat man als Steuerinspektor in die Provinz geschickt. Ich kenne auch ihn – was ist das für ein Inspektor? Ein ganz oberflächlicher Mensch, ein Dummkopf, ein Lakai ...«
Sie erzählte Ilja von Kaufleuten, die unreife Mädchen kauften und zum Laster verführten, von Kaufmannsfrauen, die sich Liebhaber hielten, von Damen aus der Gesellschaft, die, wenn sie schwanger wurden, sich die Leibesfrucht abtrieben.
Ilja hörte zu, und das Leben der Menschen erschien ihm wie eine Senkgrube, in der die Menschen gleich Würmern wimmelten.
»Pfui Teufel!« sprach er, von ihren Schilderungen ermüdet. »Und ist denn das Reine und Wahre nirgends zu finden? Sprich!«
»Was nennst du das ›Wahre‹?« fragte sie verwundert. »Was ich erzähle, sind doch alles wahre Geschichten! ... Bist du sonderbar! Ich hab' mir das alles doch nicht selbst ausgedacht!«
»Ich rede nicht davon! Gibt's irgendwo etwas Wahres, Reines – oder nicht? Das möcht' ich wissen ...«
Sie verstand ihn nicht und lachte über ihn. Zuweilen nahm ihre Unterhaltung auch einen andern Charakter an. Sie sah ihn mit ihren grünlichen, in sinnlichem Feuer glühenden Augen an und fragte ihn:
»Wie hast du eigentlich zum erstenmal kennengelernt, was ein Weib ist? Erzähl' einmal!«
Ilja schämte sich dieser Erinnerung, die ihm peinlich war. Er suchte dem zudringlichen Blicke seiner Geliebten auszuweichen und sprach düster, in vorwurfsvollem Tone:
»Was für widerliche Fragen du stellst! ... Schämen solltest du dich! ...«
Doch sie lachte ganz vergnügt und begann immer wieder in solcher Art zu reden, daß es Lunew zuweilen vorkam, als sei er von ihren schmutzigen Worten wie mit Pech besudelt. Und wenn sie dann in seinem Gesichte den Ausdruck der Unzufriedenheit und den Abscheu vor ihr bemerkte, weckte sie dreist in ihm die Begierde des Mannes und wußte durch ihre Liebkosungen die ihr feindlichen Regungen aus seinem Gemüte zu verscheuchen.
Eines Tages, als Ilja aus dem Laden heimkam, in dem die Tischler gerade mit der Einrichtung der Regale beschäftigt waren, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen in der Küche Matiza sitzen. Sie saß am Tische, hatte ihre großen Hände darauf gelegt und sprach mit der Wirtin, die am Ofen stand.
»Da,« sprach Tatjana Wlaßjewna lächelnd, mit einer Kopfbewegung nach Matiza – »diese Dame erwartet Sie ... schon lange ...«
»Schönen guten Abend«, sprach die »Dame« und erhob sich schwerfällig von der Bank.
»Bah!« rief Ilja. »Lebst du auch noch?«
»Einen fauligen Klotz mögen nicht mal die Schweine fressen ...« versetzte Matiza mit ihrer tiefen Stimme.
Ilja hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und betrachtete sie mit aufrichtigem Mitleid. Sie trug einen zerrissenen Barchentrock, ihren Kopf bedeckte ein vom Alter verschossenes Tuch, und ihre Füße waren bloß. Sie schleppte sich kaum über den Boden hin, mußte sich mit den Händen gegen die Wand stützen und kam so langsam in Iljas Zimmer, wo sie schwer auf den Stuhl niederfiel und mit heiserer Stimme zu reden begann:
»Nu werd' ich wohl bald krepieren ... Die Beine sind schon stark gelähmt ... und wenn sie ganz hin sind, kann ich mir kein Brot mehr suchen ... Dann heißt es: stirb! ...«
Ihr Gesicht war schrecklich aufgedunsen und ganz mit dunklen Flecken bedeckt, und die großen Augen waren zwischen den angeschwollenen Lidern nur als schmale Streifen sichtbar.
»Was guckst du dir meine Larve so an?« sprach sie zu Ilja. »Denkst wohl, ich hab' Prügel bekommen? Nein, das ist meine Krankheit ...«
»Was treibst du denn eigentlich?« fragte Ilja.
»Auf den Kirchentreppen bettle ich mir ein paar Groschen zusammen«, ließ Matiza gleichmütig ihre Trompetenstimme erklingen. »Ich habe ein Anliegen an dich ... hab' von Perfischka gehört, daß du hier bei einem Beamten wohnst – und da bin ich gekommen ...«
»Möchtest du Tee trinken?« schlug ihr Lunew vor. Es war ihm peinlich, Matizas Stimme zu hören und ihren schon bei Lebzeiten verwesenden, großen, morschen Körper zu sehen.
»Mögen die Teufel mit deinem Tee sich die Schwänze waschen ... Gib mir lieber 'nen Fünfer ... Und warum ich zu dir gekommen bin? Rate mal!«
Das Sprechen wurde ihr schwer. Sie war kurzatmig, und ein beklemmender Dunst ging von ihr aus.
»Na – warum denn?« fragte Ilja; er wandte sich von ihr ab und dachte an die Kränkung, die er ihr einstmals angetan hatte.