»Erinnerst du dich noch der Maschutka? Wie? Hast wohl ein schwaches Gedächtnis ... seit du reich geworden bist?«
»Was macht sie denn? Wie geht's ihr?« fragte Ilja hastig.
Matiza schüttelte langsam den Kopf und sagte kurz:
»Aufgehängt hat sie sich noch nicht ...«
»So rede doch vernünftig!« rief Ilja ärgerlich. »Was nörgelst du an mir herum? Hast sie doch selbst für 'nen Dreirubelschein verkauft! ...«
»Ich schimpfe auch nicht über dich – über mich schimpf ich ...« versetzte Matiza ruhig und begann ächzend von Mascha zu erzählen.
Ihr Gatte sei eifersüchtig und quäle Mascha auf jede Weise. Nirgends lasse der alte Kerl sie hingehen, auch nicht in den Laden: sie sitze im Zimmer und dürfe nicht einmal auf den Hof hinaus, ohne ihn zu fragen. Seine Kinder habe er irgendwo untergebracht und lebe nun allein mit Mascha. Er quäle sie und räche sich an ihr dafür, daß sein erstes Weib ihn betrogen hätte – beide Kinder nämlich seien nicht von ihm. Schon zweimal sei Mascha von ihm weggelaufen, aber die Polizei habe sie jedesmal wieder eingefangen und zu ihm zurückgebracht, und er habe sie dafür gepeinigt und sie hungern lassen.
»Ja – eine saubere Geschichte habt ihr da mit Perfischka eingefädelt!« sprach Ilja finster.
»Ich dachte doch, sie würde es bei ihm gut haben«, fuhr Matiza mit ihrer knarrenden Stimme fort. »Nun ist sie schlimmer dran als vorher. Besser wär's gewesen, wie ich's erst wollte, sie einem Reichen zu verkaufen... Er hätte ihr Quartier und Kleider gegeben, und alles andere ...Und dann hätte sie ihn laufen lassen und hätte so gelebt ... Wie viele machen es nicht so!«
»Na – und warum bist du jetzt gekommen?« fragte Ilja.
»Du wohnst doch bei einem Polizeimann ... Die sind's, die sie immer fangen ... Sag' ihm, man solle sie nicht fangen ... Mag sie doch fortlaufen! Vielleicht findet sie irgendwo ein Unterkommen ... Soll denn ein Mensch nicht mal mehr weglaufen dürfen?«
Ilja sann nach, was er wohl für Mascha tun könnte, doch fiel ihm nicht gleich etwas ein.
Matiza stand vom Stuhl auf und schob sich vorsichtig auf ihren Beinen vorwärts.
»Leb' wohl! ... Ich werde nun bald krepieren«, murmelte sie. »Dank' dir auch schön, feines Bürschchen, reicher Junge! ...«
Als sie zur Tür hinaus war, kam Tatjana Wlaßjewna sogleich in Iljas Zimmer gestürzt, hing sich ihm an den Hals und fragte lachend:
»Das war sie also – deine erste Flamme, nicht wahr?«
Ilja befreite seinen Hals von den Armen seiner Geliebten, die ihn fest umschlungen hielten, und sprach unwillig:
»Siehst doch, daß sie kaum die Beine bewegt – und redest von solchen Dingen!«
Die Wirtin blickte neugierig in sein besorgtes Gesicht und ließ nicht nach, bis er ihr Maschas Geschichte erzählt hatte.
»Was ist da zu tun?« fragte er sie.
»Nichts weiter«, antwortete Tatjana Wlaßjewna achselzuckend. »Nach dem Gesetz gehört die Frau an die Seite des Mannes, und niemand hat das Recht, sie ihm wegzunehmen ...« Und mit der wichtigen Miene eines Menschen, der mit den Gesetzen gut Bescheid weiß und von ihrer Unerschütterlichkeit überzeugt ist, bewies sie Ilja haarklein, daß Mascha nichts weiter übrigbleibe, als sich den Anforderungen ihres Gatten zu fügen.
»Geduld muß sie haben«, sagte sie. »Er ist alt – sobald er stirbt, ist sie frei, und sein Vermögen gehört ihr ... Und dann heiratet mein Ilja eine junge Witwe mit Geld – nicht wahr?«
Sie lachte hell auf und begann von neuem, Ilja Belehrungen zu geben:
»Am besten ist's, wenn du die Beziehungen zu deinen alten Bekannten ganz und gar abbrichst. Jetzt passen die nicht mehr zu dir ... und könnten dich sogar in Verlegenheit bringen. Sie sind alle so schmutzig und gewöhnlich ... Der zum Beispiel, dem du neulich Geld geborgt hast ... so ein Magerer, weißt du, mit finsteren Augen ...«
»Gratschew? ...«
»Na ja – meinetwegen Gratschew ... Was für lächerliche Vogelnamen die Leute aus dem Volke doch haben – Gratschew, Lunew, Pjetuchow, Skworzow. In unseren Kreisen sind schon die Namen vornehmer und schöner – Awtonomow, Korßakow, oder, wie mein Vater, Florianow! Und wie ich noch ein junges Mädchen war, machte mir ein Rechtskandidat Gloriantow den Hof ... Einmal, auf der Eisbahn, raubte er mir das Strumpfband vom Bein und drohte mir mit einem Skandal, wenn ich es mir nicht selbst bei ihm holen würde ...«
Ilja hörte ihre Erzählungen an und dachte dabei an seine Vergangenheit. Er fühlte sich durch unsichtbare Fäden mit ihr verknüpft, insbesondere mit Petrucha Filimonows Hause, das, wie es ihm schien, ihn stets an einem behaglichen, ruhigen Leben behindern würde ...
XX
Endlich hatte Ilja Lunews Traum sich verwirklicht.
Von stiller Freude erfüllt, stand er vom Morgen bis zum Abend hinter dem Verkaufstisch seines Ladens und schwelgte im Anblick all der Herrlichkeiten, die ihn rings umgaben. In den Regalen an den Wänden prangten, in strenger Ordnung aufgestellt, die Schachteln und Kartons; das Schaufenster hatte er nett ausgeputzt – glänzende Schnallen, Portemonnaies, Seife, Knöpfe waren darin ausgelegt, und farbige Bänder und Spitzen hingen umher. Alles das sah hübsch bunt und sauber aus. Der solide, stattliche Inhaber des Ladens empfing seine Kunden mit einer höflichen Verbeugung und breitete mit Geschick die Waren vor ihnen auf dem Ladentische aus. Das Rauschen der Spitzen und Bänder war für seine Ohren eine angenehme Musik, und die Näherinnen der Umgegend, die bei ihm für ein paar Kopeken irgend etwas kauften, fand er alle gar schön und lieblich. Das Leben erschien ihm mit einemmal so leicht und angenehm, es hatte einen so einfachen, klaren Sinn, und die Vergangenheit war wie in Nebel eingehüllt. Und er hatte nichts andres im Kopfe als seine Waren, seine Kunden, sein Geschäft...
Ilja hatte einen kleinen Laufburschen angenommen, er ließ ihm eine hübsche graue Jacke machen und achtete sorgfältig darauf, daß der Junge sich sauber wusch und überhaupt so rein wie möglich hielt.
»Wir handeln beide mit so niedlichen Sachen, Gawrik,« sprach er zu dem Burschen, »da müssen wir uns auch selbst sauber halten.«
Gawrik war ein Junge von zwölf Jahren mit runden Backen, etwas pockennarbig, mit einem Stutznäschen, kleinen grauen Augen und einem beweglichen Gesichtchen. Er hatte eben die städtische Schule beendet und hielt sich für einen erwachsenen, ernsthaften Menschen. Auch ihm bereitete es Vergnügen, in dem sauberen kleinen Laden beschäftigt zu sein; es machte ihm Spaß, mit den Schachteln und Kartons herumzuhantieren, und er bemühte sich, der Kundschaft gegenüber im Punkte der Höflichkeit nicht hinter seinem Prinzipal zurückzubleiben.
Ilja beobachtete den Jungen und erinnerte sich der Zeit, da er selbst in dem Fischladen des Kaufmanns Strogany tätig gewesen war. Er fühlte eine ganz besondere Zuneigung zu dem Bürschchen, scherzte mit ihm freundlich und unterhielt sich mit ihm, wenn im Laden keine Käufer waren.
»Damit du dich nicht langweilst, Gawrik, mußt du in deiner freien Zeit Bücher lesen«, riet er seinem kleinen Mitarbeiter. »Beim Buche vergeht dir die Zeit unbemerkt, und es bereitet dir Vergnügen ...«
Lunew war überhaupt gegen alle Welt sehr rücksichtsvoll und mild und lachte jeden so gutmütig an, als wenn er sagen wollte:
»Seht, ich hab' Glück gehabt ... Aber haltet nur aus – auch euch wird das Glück bald lächeln ...«
Er öffnete sein Magazin um sieben Uhr morgens und schloß es um neun Uhr abends. Es gab nicht viele Kunden, und Lunew saß, wenn er Zeit hatte, auf einem Stuhl vor der Tür, wärmte sich in den Strahlen der Frühlingssonne und dachte an gar nichts weiter. Gawrik saß gleichfalls vor der Tür, beobachtete die Vorübergehenden, neckte sie, lockte die Hunde an sich, warf mit Steinen nach den Tauben und Spatzen oder las, in der Erregung die Luft hörbar durch die Nase ziehend, in irgendeinem Buche. Zuweilen ließ sein Prinzipal sich etwas von ihm vorlesen, aber der Inhalt des Buches interessierte ihn nicht weiter: er horchte, während der Knabe las, vielmehr auf die Stille, den Frieden in seiner Seele. Diese Stille in seinem Innern belauschte er mit wahrem Entzücken, er berauschte sich an ihr, sie war so neu für ihn und so unsagbar angenehm. Zuweilen jedoch ward dieser Zustand wohligen Behagens durch ein kaum definierbares Gefühl, eine Vorahnung schwerer Sorge gestört, die wie ein Schatten über den Frieden seiner Seele huschte.