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Dann begann Ilja, sich mit Gawrik zu unterhalten.

»Sag' mal, Gawrik,« fragte er, »was ist eigentlich dein Vater?«

»Briefträger ist er ...«

»Und eure Familie – ist die groß?«

»Sehr groß! Wir sind 'ne Menge Menschen. Einige sind groß, und manche sind noch klein.«

»Wie viele sind noch klein?«

»Fünf Stück. Und drei sind groß ... Die Großen sind schon alle in Stellung: ich bei Ihnen, Wassilij in Sibirien, als Telegraphist, und Ssonja – die gibt Stunden. Das ist ein tüchtiges Mädel! Zwölf Rubel monatlich bringt sie nach Hause. Und dann ist noch Mischka da ... der ist älter als ich ... er geht ins Gymnasium ...«

»Dann seid ihr doch vier Große, und nicht drei? ...«

»Wieso denn?« rief Gawrik und fuhr in belehrendem Tone fort: »Mischka lernt doch noch ... Groß sind doch nur die, die schon arbeiten!«

»Lebt ihr in Not?«

»Natürlich!« antwortete Gawrik mit Gleichmut und zog mit lautem Geräusch die Luft in seine Nase ein. Dann begann er Ilja von seinen Zukunftsplänen zu erzählen:

»Wenn ich ganz groß bin, werde ich Soldat. Dann wird Krieg sein ... und ich geh' mit in den Krieg. Ich bin mutig ... Allen voran werde ich mich auf den Feind stürzen und ihm die Fahne abnehmen ... Mein Onkel hat auch eine Fahne erobert ... er hat dafür vom General Gurko ein Kreuz bekommen und fünf Rubel ...«

Ilja blickte lächelnd auf Gawriks pockennarbiges Gesicht und seine breite, beständig zuckende Nase. Des Abends, nach Geschäftsschluß, begab er sich in sein kleines Zimmer neben dem Laden. Dort stand auf dem Tische schon der Samowar bereit, den Gawrik besorgt hatte, und daneben lagen Brot und Wurst. Gawrik trank ein Glas Tee, aß ein Stück Brot dazu und legte sich dann im Laden zum Schlaf nieder, während Ilja noch lange, oft bis nach Mitternacht, beim Samowar sitzen blieb.

Zwei Stühle, ein Tisch, ein Bett und ein Spind für das Geschirr bildeten die Einrichtung von Iljas neuer Wohnung. Das Zimmer war niedrig und schmal und hatte ein quadratförmiges Fenster, durch das man die Beine der Menschen, die an ihm vorübergingen, das Dach des gegenüberliegenden Hauses und den Himmel über diesem Hause sehen konnte. Das Fenster hatte Ilja mit einem weißen Musselinvorhang versehen. Auf der Straßenseite war ein eisernes Gitter angebracht, was Ilja sehr mißfiel. Über seinem Bett hatte er ein Bild aufgehängt, mit der Unterschrift: »Die menschlichen Altersstufen«. Dieses Bild gefiel Ilja sehr, und er hatte es sich schon längst kaufen wollen, war aber vor Eröffnung des Ladens aus irgendeinem Grunde nicht dazu gekommen, obschon es nur zehn Kopeken kostete. Die »menschlichen Altersstufen« waren auf einen kühn gewölbten Bogen verteilt, unter dem das Paradies abgebildet war. Hier sprach Zebaoth, von Lichtglanz und Blumen umgeben, mit Adam und Eva. Es waren im ganzen siebzehn Stufen da. Auf der ersten Stufe stand ein kleines Kind, das die Mutter am Gängelband hielt, und mit roten Buchstaben stand darunter geschrieben: »Die ersten Schritte«. Auf der zweiten Stufe war ein Kind, das umherhüpfte und die Trommel schlug, die Unterschrift lautete: »Fünf Jahre – es spielt«. Mit sieben Jahren begann man es zu belehren, mit zehn Jahren kam es in die Schule, mit einundzwanzig stand das erwachsene Menschenkind auf seiner Stufe mit dem Gewehr im Arm und lächelte, und darunter stand: »Dient seine Militärpflicht ab«. Auf der folgenden Stufe ist der Mensch fünfundzwanzig Jahre alt – er trägt einen Frack und hat einen Chapeau claque in der einen, einen Blumenstrauß in der anderen Hand, während darunter steht: »Bräutigam«. Dann ist ihm ein Bart gewachsen, er trägt einen langen Rock mit einem rosa Halstuch, steht neben einer dicken Frau im gelben Kleide und drückt ihr kräftig die Hand. Weiterhin ist er dann fünfunddreißig Jahre alt geworden: mit aufgestreiften Hemdärmeln steht er vor dem Amboß und schmiedet ein Stück Eisen. Auf der Höhe der Stufenleiter sitzt er in einem roten Sessel und liest aus einer Zeitung vor, während seine Frau und vier Kinder ihm zuhören. Er selbst wie seine Familie sind anständig und sauber gekleidet, und die Gesichter aller sind gesund und zufrieden. Auf dieser Stufe ist er fünfzig Jahre alt. Aber nun senken sich die Stufen abwärts. Der Bart des Menschen ist schon grau, er trägt einen langen, gelben Kaftan, und in den Händen hält er ein Netz mit Fischen und ein Tongefäß. Unter dieser Stufe steht die Bezeichnung: »Häusliche Beschäftigung«; auf der folgenden schaukelt er seinen Enkel, auf der nächsten wird er »geführt«, da er bereits ein Achtziger ist, und auf der letzten Stufe, in seinem fünfundneunzigsten Jahre, sitzt er in einem Sessel, mit den Füßen im Sarge, und hinter seinem Sessel steht der Tod, die Sense im Arm ...

So beim Samowar sitzend, schaute Ilja auf das Bild, und es war ihm angenehm, das Leben des Menschen in dieser genauen, einfachen Art dargestellt zu sehen. Eine gewisse Ruhe ging von diesem Bilde aus, seine grellen Farben lachten den Beschauer an, als wollten sie versichern, daß das menschliche Leben, wie sie es darstellten, das echte, rechte Leben sei, wie jedermann es sich zum Muster nehmen solle. Während IIja diese Darstellung des menschlichen Lebens betrachtete, dachte er darüber nach, daß er das Ziel, nach dem er immer gestrebt, jetzt erreicht habe, und daß nun sein Leben ebenso glatt und akkurat verlaufen werde wie dort auf dem Bilde. Er wird zum Gipfel emporsteigen, und oben auf dem Gipfel, wenn er genug Geld gespart hat, wird er sich mit einem bescheidenen, gebildeten Mädchen verheiraten ...

Der Samowar brodelte und summte melancholisch. Durch die Fensterscheiben und den Musselinvorhang schaute der Himmel trüb auf Iljas Gesicht herab, die Sterne waren noch kaum sichtbar. Im Blinken der Himmelsgestirne liegt stets etwas so Beunruhigendes ...

Der Samowar tönte immer leiser, doch hatte der feine Ton etwas Aufdringliches, er klang wie das Summen einer Mücke und verwirrte Iljas Gedanken. Er hatte indes keine Lust, aufzustehen und die Zugröhre des Samowars zuzudecken: wenn dieses Summen aufhörte, wird es im Zimmer doch gar zu still sein.

In seinem neuen Quartier ward Lunew von mancher neuen, bisher ihm unbekannten Empfindung heimgesucht. Früher hatte er stets neben andern Leuten hergelebt – nur dünne Bretterwände hatten ihn von ihnen getrennt; jetzt war er von aller Welt durch steinerne Mauern abgeschieden und merkte nichts von der Anwesenheit von Menschen jenseits derselben.

»Warum muß man nur sterben?« fragte sich Lunew plötzlich, während er auf dem Bilde den Menschen betrachtete, der vom Gipfel des Glücks herab dem Grabe zuschreitet ... Und er erinnerte sich Jakow Filimonows, der stets über den Tod nachdachte, und an Jakows Worte: »Es muß interessant sein zu sterben ...«

Ilja suchte diese Erinnerung ärgerlich von sich abzuschütteln und seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken.

»Was mögen jetzt Pawel und Wjera treiben?« ging ihm eine neue, überflüssige Frage durch den Kopf.

Eine Droschke fuhr die Straße entlang. Die Fensterscheiben wurden von dem Rasseln der Räder auf dem Straßenpflaster erschüttert, und die Lampe an der Wand zitterte. Dann ließen sich aus dem Laden seltsame Laute vernehmen – es war Gawrik, der im Traume sprach ... Die dichte Finsternis in der einen Zimmerecke scheint auf und ab zu wogen. Ilja sitzt da; mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Hände gegen die Schläfen haltend, und betrachtet das Bild. Neben dem Herrgott steht ein wohlgestalteter Löwe, auf dem Boden kriecht eine Schildkröte, schreitet ein Dachs daher, springt ein Frosch herum, und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist mit mächtigen, blutroten Blumen geschmückt ... Der alte Mann mit den Füßen im Sarge hat Ähnlichkeit mit dem Kaufmann Poluektow – er ist ebenso kahlköpfig und mager wie dieser, und sein Hals ist ebenso dünn ... Das dumpfe Geräusch von Schritten hallt von der Straße herein: irgend jemand geht langsam auf dem Bürgersteige an dem Laden vorüber. Der Samowar ist erloschen, und in dem Zimmer ist es jetzt so still, daß auch die Luft zu der gleichen Dichtigkeit wie die Wände erstarrt scheint.